erklärt seit 2008

Das Archimedes-Palimpsest

Ein Gebetbuch von 1229 — und der Text darunter

Wann
um 950 kopiert, 1229 überschrieben · Projektabschluss 2008
Wo
Konstantinopel/Istanbul; heute Walters Art Museum, Baltimore
Feld
Schriften
Geprüft
2026-08-04

Unter einem griechischen Gebetbuch von 1229 liegt abgeschabt der Text dreier Werke des Archimedes, darunter „Die Methode“ — die einzige bekannte Abschrift weltweit. Johan Ludvig Heiberg identifizierte die Handschrift 1906 mit Lupe und bloßem Auge. Danach verschwand sie für Jahrzehnte, lagerte feucht, wurde von einem Fälscher übermalt und 1998 versteigert. Von 1999 bis 2008 machte ein Team sie mit Multispektralbildgebung und Röntgenfluoreszenz lesbar und stellte alle Daten frei ins Netz. Einige Seiten sind unwiederbringlich zerstört.

Was gesichert ist

A dokumentiert Das Buch ist ein Palimpsest: ein Pergament, dessen ursprünglicher Text abgeschabt und das anschließend neu beschrieben wurde. Der obere Text ist ein griechisches Gebetbuch, geschrieben 1229.

A dokumentiert Der untere Text enthält Werke des Archimedes, die in einer um 950 in Konstantinopel angefertigten Abschrift vorliegen. Darunter sind drei Texte von besonderem Rang: „Die Methode“ (auch „Über mechanische Theoreme“) als weltweit einzige bekannte Abschrift, „Stomachion“, das zuvor als verloren galt, und „Über schwimmende Körper“ als einzige erhaltene griechische Originalfassung.

A dokumentiert Im Palimpsest stecken zusätzlich bis dahin unbekannte Reden des attischen Redners Hypereides („Gegen Diondas“, „Gegen Timandros“) sowie ein Kommentar zu Aristoteles' „Kategorien“.

A dokumentiert Johan Ludvig Heiberg identifizierte den Archimedes-Text 1906 im Metochion des Heiligen Grabes in Konstantinopel, fotografierte ihn und publizierte seine Lesungen zwischen 1910 und 1915 — mit bloßem Auge und Lupe.

A dokumentiert Am 29. Oktober 1998 versteigerte Christie's die Handschrift für zwei Millionen Dollar an einen anonymen Käufer. Dieser stellte sie umgehend dem Walters Art Museum in Baltimore für ein Forschungsprojekt zur Verfügung.

A dokumentiert Von 1999 bis 2008 arbeitete ein internationales Team mit UV-, Infrarot- und Multispektralbildgebung sowie mit Röntgenfluoreszenz am Stanford Linear Accelerator an der Handschrift. Am 29. Oktober 2008 — exakt zehn Jahre nach der Auktion — wurden alle Daten unter einer Creative-Commons-Lizenz frei veröffentlicht.

Chronologie

  • um 950 — Der Archimedes-Text wird in Konstantinopel kopiert. A
  • 1229 — Das Pergament wird abgeschabt und mit einem griechischen Gebetbuch überschrieben. A
  • 1906 — Heiberg identifiziert den Text in Konstantinopel. A
  • 1910–1915 — Heibergs Editionen erscheinen. A
  • 1922 — Die Handschrift verschwindet aus dem Metochion. A
  • Jahrzehnte danach — Lagerung in Frankreich, unter anderem in einem feuchten Keller; Schimmel- und Wasserschäden. B
  • um 1938 — Ein Fälscher fügt vier goldgrundierte Evangelistenbilder hinzu, ausgerechnet über Textstellen. A
  • 29. Oktober 1998 — Auktion bei Christie's für zwei Millionen Dollar. A
  • 1999–2008 — Bildgebungs- und Editionsprojekt am Walters Art Museum. A
  • 29. Oktober 2008 — Freigabe aller Daten unter freier Lizenz. A

Die Quellenlage

Selten liegt eine Quellenlage so buchstäblich vor: Das Objekt selbst ist die Quelle, und es trägt seine gesamte Geschichte in sich — die Schrift von 950, die Rasur von 1229, den Gebetstext darüber, den Schimmel des 20. Jahrhunderts, die Farbe des Fälschers.

Was fehlt, ist die Zeit zwischen 1922 und 1998. Wie das Buch nach Frankreich kam, wer es besaß, unter welchen Bedingungen es lagerte — das ist nur in Umrissen bekannt. Aus dieser Lücke stammen die schwersten Schäden.

Die Person des Käufers von 1998 ist bis heute nicht offiziell bekannt. In der populären Berichterstattung wird gelegentlich Jeff Bezos genannt. Diese Zuschreibung ist unbestätigt; das Archiv hält sich an „ein anonymer Sammler“.

Was behauptet wird

C behauptet Der Käufer von 1998 sei Jeff Bezos gewesen. Für diese Zuschreibung gibt es keine Bestätigung; der Käufer ist bis heute nicht offiziell identifiziert.

C behauptet Archimedes habe den Infinitesimalkalkül erfunden. Das überzeichnet den Befund. Er arbeitete heuristisch mit unendlich kleinen Größen und mit einem Konzept aktual unendlicher Mengen — das ist bemerkenswert, aber nicht dasselbe wie ein ausgearbeiteter Kalkül.

C behauptet Der Mönch von 1229 habe den Text absichtlich vernichten wollen. Dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. Pergament war teuer, das Abschaben nicht mehr benutzter Bücher war ein gewöhnlicher Vorgang.

Erklärungsansätze

Warum unter dem Gebetbuch Archimedes liegt. Pergament ist Tierhaut, es ist aufwendig herzustellen und war entsprechend wertvoll. Wer ein neues Buch brauchte und ein altes besaß, das niemand mehr las, schabte es ab. Ein mathematischer Text auf Griechisch war im 13. Jahrhundert für die meisten Leser sinnlos; ein Gebetbuch war es nicht. Die Entscheidung war ökonomisch, nicht ideologisch.

Warum die Zerstörung die Rettung war. Genau diese Umnutzung hat den Text erhalten. Hätte niemand das Pergament weiterverwendet, wäre die Handschrift mit hoher Wahrscheinlichkeit vergangen — Bücher, die niemand benutzt, überstehen keine acht Jahrhunderte. Der Gebetstext hielt das Material im liturgischen Gebrauch und damit in einer Bibliothek. Der Mönch, der Archimedes für unwichtiger hielt als ein Gebet, ist der Grund, warum wir Archimedes haben.

Warum die Bildgebung funktioniert. Die Rasur entfernte die Tinte nicht restlos; Reste blieben in den Fasern und veränderten das Pergament dort chemisch. Unterschiedliche Wellenlängen bringen diese Reste unterschiedlich stark zum Vorschein. Wo das nicht reichte, half die Röntgenfluoreszenz: Sie weist das Eisen der Eisengallustinte nach — auch unter der Farbe der gefälschten Miniaturen.

Was die Bildgebung nicht leisten konnte. Wo Schimmel das Pergament zerstört hat, ist nichts mehr da, was sichtbar gemacht werden könnte. Einige Seiten sind endgültig verloren.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Heibergs Lesungen von 1910–1915 konnten anhand der neuen Aufnahmen überprüft werden. Sie erwiesen sich als in weiten Teilen zutreffend — und die neue Bildgebung erschloss zusätzlich Passagen, die Heiberg nicht hatte lesen können.

A dokumentiert Die Reden des Hypereides wurden erst im Zuge des Projekts entdeckt; sie waren Heiberg entgangen.

A dokumentiert Die Freigabe aller Daten 2008 macht die Ergebnisse unabhängig überprüfbar. Jeder kann die Aufnahmen ansehen und die Lesungen selbst kontrollieren.

Was offen bleibt

Die verlorenen Seiten bleiben verloren. Wie viel des ursprünglichen Archimedes-Textes durch Schimmel und Übermalung ausgefallen ist, lässt sich nur schätzen.

Offen bleibt auch die Provenienz zwischen 1922 und 1998 und damit die Frage, wie die Handschrift nach Frankreich gelangte. Und offen bleibt, ob weitere Palimpseste mit vergleichbarem Inhalt in Bibliotheken liegen, die nie mit Multispektralverfahren untersucht wurden — die meisten sind es nicht.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Zwei Schichten Schrift auf derselben Tierhaut, zweihundert Jahre auseinander, beide auf der Suche nach etwas Wahrem: der eine mit Kreis und Hebel, der andere mit Gebet. Der zweite löschte den ersten und bewahrte ihn dabei.

Das ist keine Ironie der Geschichte, sondern ihre gewöhnliche Arbeitsweise. Was überlebt, überlebt selten, weil jemand es für wichtig hielt. Es überlebt, weil es zufällig noch gebraucht wurde — als Material, als Umschlag, als Füllung, als Untergrund.

Und es ist eine Mahnung an jede Gegenwart, die glaubt, sie könne entscheiden, was aufbewahrt zu werden verdient. Der Mönch von 1229 hat diese Entscheidung getroffen, und er hat sie falsch getroffen. Dass sie trotzdem gut ausging, war Glück.

Quellen

  • The Archimedes Palimpsest Project — Projektdokumentation und freie Daten (seit 2008), Walters Art Museum, Baltimore.
  • Archimedes Palimpsest — Faktenübersicht mit Literaturverzeichnis. en.wikipedia.org
  • Reviel Netz, William Noel: Der Kodex des Archimedes. Das berühmteste Palimpsest der Welt wird entschlüsselt. (deutsche Ausgabe)
  • Johan Ludvig Heiberg: Archimedis opera omnia cum commentariis Eutocii. Leipzig 1910–1915.

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.