Daryl Bem, „Feeling the Future“
Ein Nullergebnis, das die Psychologie umgebaut hat
- Wann
- 2011–2023
- Wo
- Cornell University, Amsterdam und internationale Multi-Labor-Replikation
- Feld
- Bewusstsein
- Geprüft
- 2026-08-04
2011 veröffentlichte Daryl Bem im führenden Journal der Sozialpsychologie neun Experimente, die Präkognition zeigen sollten: Probanden reagierten angeblich auf Reize, bevor der Computer sie auswählte. Acht von neun Experimenten waren signifikant. Methodisch entsprach die Arbeit den damals üblichen Standards — genau das war der Skandal. Replikationen fielen null aus, zuletzt 2023 in einem Multi-Labor-Test, dessen Protokoll Befürworter und Gegner gemeinsam entworfen hatten. Bems Paper gilt heute als einer der Auslöser der Replikationskrise.
Was gesichert ist
A dokumentiert Daryl Bem von der Cornell University publizierte 2011 im Journal of Personality and Social Psychology neun Experimente zur Präkognition. In acht von neun Fällen war das Ergebnis signifikant, die mittlere Effektstärke lag bei d = 0,22.
A dokumentiert Die Versuchsanordnung kehrte etablierte Paradigmen der Sozialpsychologie zeitlich um: Der Reiz, auf den die Probanden reagierten, wurde vom Computer erst nach ihrer Reaktion zufällig ausgewählt.
A dokumentiert Die Arbeit war nach den damals üblichen Standards der Psychologie durchgeführt und regulär begutachtet.
A dokumentiert Eric-Jan Wagenmakers und Kollegen legten 2011 im selben Jahrgang eine bayesianische Reanalyse vor, die die Psi-Hypothese nicht stützt.
A dokumentiert Stuart Ritchie, Richard Wiseman und Chris French publizierten 2012 in PLoS ONE 7(3):e33423 drei unabhängige Replikationen von Bems Experimenten 8 und 9 mit je 50 Probanden. Alle drei fielen null aus.
A dokumentiert Das Transparent Psi Project unter Zoltán Kekecs erschien 2023 in Royal Society Open Science 10(2):191375. Ergebnis: 49,89 Prozent Treffer. Bem hatte 53,07 Prozent berichtet, Zufall liegt bei 50 Prozent.
Chronologie
- 2011 — Bems neun Experimente erscheinen im Journal of Personality and Social Psychology. A
- 2011 — Wagenmakers und Kollegen legen im selben Jahrgang die bayesianische Reanalyse vor. A
- 2011 — Jeffrey Rouder und Richard Morey veröffentlichen eine Bayes-Faktor-Metaanalyse in Psychonomic Bulletin & Review. A
- 2012 — Ritchie, Wiseman und French publizieren drei Nullreplikationen in PLoS ONE; das JPSP hatte die Arbeit zuvor abgelehnt. A
- 2015/2016 — Bem, Patrizio Tressoldi, Thomas Rabeyron und Michael Duggan legen in F1000Research 4:1188 eine Metaanalyse über 90 Experimente vor. A
- 2023 — Das Transparent Psi Project erscheint in Royal Society Open Science. A
Die Quellenlage
Dieser Fall hat keine Quellenlücke. Alles ist publiziert: die Originalarbeit, die Reanalysen, die Replikationen, die Gegen-Metaanalyse der Befürworter und der abschließende Multi-Labor-Test.
Bemerkenswert ist eine einzelne Fußnote der Geschichte, die eigene Sprengkraft hat. Das Journal of Personality and Social Psychology, das Bems Experimente publiziert hatte, lehnte die Replikationsstudie von Ritchie, Wiseman und French ab — mit der Begründung, es publiziere grundsätzlich keine Replikationen. Damit war die Struktur des Problems offengelegt: Ein Fach, das Erstbefunde druckt und Überprüfungen nicht, kann Fehler nicht korrigieren.
Zur Fairness gehört die Gegenposition. Bem und Kollegen legten 2015/2016 eine Metaanalyse über 90 Experimente vor, die weiterhin einen positiven Gesamteffekt findet. Sie erschien auf F1000Research, einer Plattform mit Post-Publication-Begutachtung, und enthält großenteils Studien derselben kleinen Autorengruppe.
Was behauptet wird
C behauptet Präkognition sei in einem Top-Journal bewiesen worden. Publiziert wurde die Arbeit, bewiesen wurde nichts; sie gilt heute als Lehrbuchbeispiel für den Zusammenbruch der alten Methodik.
C behauptet Eine Metaanalyse über 90 Experimente bestätige den Effekt. Diese Metaanalyse stammt von Bem und drei Mitautoren, erschien nicht in einem klassisch begutachteten Journal und stützt sich großenteils auf Arbeiten desselben Kreises.
C behauptet Die Ablehnung der Ergebnisse sei Ausdruck fachlicher Voreingenommenheit gegenüber dem Thema. Das Protokoll des entscheidenden Replikationsversuchs wurde von einem Konsensgremium aus Befürwortern und Gegnern gemeinsam entworfen.
Erklärungsansätze
Forschungspraktiken statt Präkognition. Der zentrale Einwand von Wagenmakers und Kollegen lautet, Bem habe explorative Analysen als konfirmatorisch dargestellt — also nach dem Betrachten der Daten getroffene Entscheidungen so präsentiert, als seien sie vorher festgelegt gewesen. In einem Feld ohne Präregistrierung ist das nicht Betrug, sondern die damals übliche Praxis. Genau darin liegt die Sprengkraft: Wenn übliche Praxis zu diesem Ergebnis führt, ist die Praxis das Problem.
Die flache p-Kurve. Ulrich Schimmack analysierte die Verteilung der p-Werte über Bems neun Studien. Eine flache p-Kurve ist das Signaturmuster für fehlenden evidentiellen Wert: Echte Effekte erzeugen einen Überhang sehr kleiner p-Werte, fragwürdige Forschungspraktiken erzeugen eine gleichmäßige Verteilung knapp unter der Signifikanzgrenze. Schimmacks Schluss lautet, dass Letzteres das Muster besser erklärt.
Die Psi-Hypothese in ihrer stärksten Form. Bems Verteidigung lautet, der Effekt sei klein, aber real, und kleine Effekte verlangten große Stichproben und geeignete Bedingungen; Nullreplikationen zeigten dann nur mangelnde Teststärke oder ungeeignete Umstände. Dieses Argument ist grundsätzlich zulässig — es verlangt allerdings einen Test, der groß genug ist und dessen Bedingungen beide Seiten vorher akzeptieren. Genau dieser Test wurde durchgeführt.
Das Transparent Psi Project. Kekecs und Kollegen replizierten Bems Experiment 1 in mehreren Laboren. Das Protokoll entwarf ein Konsensgremium aus Befürwortern und Gegnern gemeinsam; hinzu kamen Präregistrierung, Echtzeit-Datenüberwachung und ein externes Audit. Es gibt in der Psychologie kaum eine sauberer angelegte Nullreplikation. Das Ergebnis lag bei 49,89 Prozent — praktisch exakt auf Zufallsniveau.
Was widerlegt ist
D widerlegt Der von Bem berichtete Effekt ist unter den bestmöglichen Bedingungen nicht replizierbar. Das Transparent Psi Project ergab 2023 mit gemeinsam vereinbartem Protokoll, Präregistrierung und externem Audit 49,89 Prozent Treffer gegenüber 53,07 Prozent bei Bem.
D widerlegt Drei unabhängige Replikationen von Ritchie, Wiseman und French fielen 2012 sämtlich null aus.
D widerlegt Die bayesianischen Reanalysen von Wagenmakers und Kollegen sowie von Rouder und Morey finden in Bems eigenen Daten keinen nennenswerten Beleg für Präkognition.
Was nachgeprüft wurde
A dokumentiert Wagenmakers und Kollegen prüften 2011 Bems Originaldaten bayesianisch.
A dokumentiert Rouder und Morey legten 2011 eine Bayes-Faktor-Metaanalyse vor, DOI 10.3758/s13423-011-0088-7.
A dokumentiert Ritchie, Wiseman und French führten 2012 drei direkte Replikationen durch, DOI 10.1371/journal.pone.0033423.
B berichtet Ulrich Schimmack analysierte die p-Wert-Verteilung der neun Originalstudien.
A dokumentiert Kekecs und Kollegen führten 2023 die Multi-Labor-Replikation mit externem Audit durch.
Was offen bleibt
Streng genommen bleibt offen, was für alle Nullbefunde gilt: Ein nicht gefundener Effekt ist kein bewiesen nicht existierender Effekt. Wer an einem sehr kleinen Effekt unter sehr speziellen Bedingungen festhalten will, kann das logisch tun.
Praktisch ist die Lage jedoch eindeutig. Der Test, den beide Seiten vorab als fair akzeptiert hatten, ist durchgeführt und negativ ausgefallen. Ein weiterer Testlauf mit denselben Regeln hätte keinen anderen Erkenntniswert; wer nach dem Ergebnis neue Bedingungen einführt, verschiebt das Ziel.
Offen bleibt dagegen etwas anderes und Interessanteres: Wie viele Befunde in der Psychologie, die nie so ungewöhnlich waren, dass jemand sie überprüft hat, würden denselben Test überstehen.
Warum uns das beschäftigt
Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.
Der ehrlichste Anknüpfungspunkt ist hier ein negativer — und gerade darum ein starker.
Traditionen, die Vorauswissen kennen, haben es nie als statistisch nachweisbare Alltagsfähigkeit beschrieben. Der prophetische Traum, das kashf der Sufis, die biblische Vision: In jeder dieser Beschreibungen ist das Wissen selten, ungefragt, nicht abrufbar und nicht wiederholbar. Es wird gegeben, nicht gekonnt. Die Texte betonen das ausdrücklich, oft verbunden mit der Warnung, wer es herbeiführen wolle, täusche sich.
Das Labor testet die Verfügbarkeit. Ein Experiment misst per Konstruktion, ob eine Fähigkeit auf Kommando in einer Stichprobe von Studierenden reproduzierbar ist. Dass es dabei nichts findet, widerspricht der Tradition weniger, als es scheint — es widerspricht der modernen Behauptung, Prophetie sei eine trainierbare Alltagsfunktion.
Und dann ist da die eigentliche Pointe dieser Akte. Bems Arbeit hat kein Psi entdeckt, aber sie hat etwas anderes bewirkt: Sie zwang ein ganzes Fach, seine Methoden zu überprüfen. Präregistrierung, offene Daten, Registered Reports — vieles davon setzte sich durch, weil Standardmethoden ein unmögliches Ergebnis geliefert hatten. Ein Experiment, das nichts fand, hat dadurch mehr verändert als die meisten, die etwas fanden.
Quellen
- Transparent Psi Project, Royal Society Open Science 10(2):191375 (2023): royalsocietypublishing.org
- Ritchie, Wiseman und French, PLoS ONE 7(3):e33423 (2012): journals.plos.org
- Kommentar von Wagenmakers und Kollegen (PDF): web.stanford.edu
- Einordnung des Transparent Psi Project: skeptic.org.uk
- Bems Gegenposition, F1000Research 4:1188: f1000research.com
Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.