umstritten

Derinkuyu und die kappadokischen Untergrundstädte

Achtzig Meter tief in den Tuff — und keine Schicht, die man datieren könnte

Wann
Kern vermutlich 8./7. Jh. v. Chr., Hauptausbau 7.–12. Jh. n. Chr.
Wo
Kappadokien, Nevşehir, Türkei
Feld
Archäologie
Geprüft
2026-08-04

Ein mehrstöckiges System aus Gängen, Ställen, Vorratsräumen, Weinpressen und Kapellen, vollständig in den vulkanischen Tuff geschlagen, rund 85 Meter tief, mit Rollsteintüren, die sich nur von innen schließen lassen. Wozu es diente, ist im Grundsatz klar: Schutzraum. Wann die ersten Galerien entstanden, ist es nicht — in den Fels geschlagene Räume haben keine Stratigraphie. Datierbar ist nur, was jemand hineingetragen hat. Genau in diese Lücke wachsen die spektakulären Zahlen.

Was gesichert ist

A dokumentiert Derinkuyu ist ein mehrstöckiges, vollständig in den vulkanischen Tuff geschlagenes Untergrundsystem von rund 85 Metern Tiefe. Es enthält Belüftungsschächte, Brunnen, Ställe, Weinpressen, Vorratsräume, Refektorien, Kapellen und auf der untersten erschlossenen Ebene eine kreuzförmige Kirche.

A dokumentiert Charakteristisch sind die Rollsteintüren: runde Steinscheiben, die von innen vor die Gänge geschoben werden. Sie lassen sich von außen nicht bedienen. Damit konnte jede Ebene einzeln abgeriegelt werden.

A dokumentiert Die Anlage wurde 1963 wiederentdeckt, als ein Anwohner beim Umbau seines Hauses eine Wand durchbrach. Über 600 Zugänge aus Wohnhäusern der heutigen Stadt sind inzwischen bekannt.

A dokumentiert In Kappadokien insgesamt sind über 200 unterirdische Siedlungen erfasst. Derinkuyu ist die größte erschlossene, aber kein Einzelfall.

A dokumentiert Die letzten Bewohner waren kappadokische Griechen und Armenier. Sie verließen die Anlagen 1923/24 im Zuge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs.

B berichtet Das türkische Kulturministerium vertritt: erste Galerien durch die Phryger im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr., massiver Ausbau in byzantinischer Zeit während der arabisch-byzantinischen Kriege, etwa zwischen 780 und 1180, weitere Nutzung bei Seldschuken- und Mongoleneinfällen.

Chronologie

  • 8./7. Jh. v. Chr. — Vermutete erste Galerien, phrygisch. Nicht direkt datierbar. C
  • ca. 780–1180 n. Chr. — Hauptausbauphase in byzantinischer Zeit, gestützt auf Inschriften, Keramik und Malereistil. B
  • 11.–14. Jh. — Weitere Nutzung bei Seldschuken- und Mongoleneinfällen. B
  • 1923/24 — Bevölkerungsaustausch; die letzten Bewohner verlassen die Anlagen. A
  • 1963 — Wiederentdeckung beim Hausumbau. A
  • 1985 — Aufnahme des Nationalparks Göreme und der Felsstätten Kappadokiens in die UNESCO-Welterbeliste. A
  • 2022Ancient Apocalypse (Netflix) präsentiert Derinkuyu als möglichen eiszeitlichen Zufluchtsort. C

Die Quellenlage

Hier liegt das eigentliche Problem des Falls, und es ist ein methodisches. In den Fels geschlagene Räume lassen sich nicht direkt datieren. Es gibt keine Baufugen, keine Mörtelproben, keine aufgehende Stratigraphie, keine Fundamentgräbchen mit Verfüllung. Ein Gang, der 700 v. Chr. geschlagen wurde, und einer aus dem Jahr 900 n. Chr. sehen im Querschnitt gleich aus.

Datierbar ist nur, was jemand hineingebracht hat: Keramik, Inschriften, Malereien, Werkzeugspuren, Bestattungen. Und das datiert immer nur die Nutzung, nie die Entstehung. Ein byzantinischer Krug in einem Raum beweist, dass der Raum im 9. Jahrhundert existierte — nicht, dass er im 9. Jahrhundert entstand.

Daraus folgt zweierlei. Erstens: Die byzantinische Ausbauphase ist gut belegt, die früheste Phase nicht. Zweitens: Wer eine Zahl für die Gründung nennt, nennt eine Annahme. Das gilt für 700 v. Chr. genauso wie für 1200 v. Chr. und für 9.000 Jahre.

Was behauptet wird

C behauptet Xenophon habe Derinkuyu in der Anabasis beschrieben. Das Fehlzitat ist außerordentlich verbreitet. Die berühmte Passage über unterirdische Häuser mit Brunnenmündung und Leiterzugang steht in Anabasis 4.5.25 und beschreibt Armenien — nicht Kappadokien und nicht Derinkuyu. Sie wird trotzdem in fast jedem populären Artikel als früheste Erwähnung der Anlage geführt.

C behauptet In Derinkuyu hätten 20.000 Menschen gelebt. Das ist eine Kapazitätsschätzung aus Raumvolumen, kein Befund. Es gibt keine Bestattungszahlen, keine Herdstellenzählung und keine Verbrauchsrechnung, die das stützen würde.

C behauptet Die Anlage sei von den Hethitern um 1200 v. Chr. gegründet worden. Dafür ist keine Evidenz publiziert. Was existiert, ist die Plausibilitätsannahme, dass die Region damals besiedelt war — das ist kein Beleg für diese Anlage.

C behauptet Derinkuyu sei 9.000 Jahre alt. Diese Zahl kursiert in Foren und sozialen Medien ohne jede Grundlage.

C behauptet Die Anlage habe achtzehn Ebenen. Die Angaben schwanken in der Literatur zwischen fünf, acht und achtzehn. Erschlossen und öffentlich zugänglich ist nur ein Bruchteil des Systems.

C behauptet In Ancient Apocalypse wird Derinkuyu als möglicher Zufluchtsort vor einer eiszeitlichen Katastrophe präsentiert. Dafür fehlt jede Fundgrundlage: keine paläolithischen oder frühneolithischen Funde, keine entsprechenden Datierungen, keine Werkzeugspuren aus dieser Zeit.

Erklärungsansätze

Refugialarchitektur. Das ist die tragende Erklärung, und sie ist stark, weil sie nicht auf Vermutungen beruht, sondern auf der Bauform selbst. Die Anlage war nicht als dauerhafte Wohnstadt gedacht, sondern als Schutzraum für Wochen bis Monate. Bei Überfällen zog sich die Dorfbevölkerung mit Vieh und Vorräten zurück und riegelte ab.

Jedes Merkmal passt zu diesem Zweck. Die Rollsteintüren funktionieren nur von innen — eine Wohnstadt braucht Türen, die man von beiden Seiten bedienen kann; ein Bunker braucht das Gegenteil. Die Brunnen liegen innerhalb des Systems und sind von außen nicht vergiftbar; das ist die klassische Schwachstelle jeder Belagerung, und sie ist hier konstruktiv beseitigt. Die Belüftungsschächte reichen bis in die Tiefe, der Hauptschacht misst etwa drei mal zwei Meter achtzig. Ställe, Weinpressen und Vorratsräume sind Ausstattung für Autarkie auf Zeit, nicht für Alltag.

Warum der Tuff die Sache erst möglich macht. Vulkanischer Tuff ist frisch aus dem Fels weich genug, um ihn mit Handwerkzeug zu bearbeiten, und härtet an der Luft nach. Es braucht also keine besondere Technik, sondern Zeit und Arbeitskraft. Genau das ist der Grund, warum es über 200 dieser Anlagen gibt: Was möglich ist, wird wiederholt. Eine Einzelleistung, die eine Erklärung von außen bräuchte, sieht anders aus.

Warum die Datierung trotzdem strittig bleibt. Kein Ausgräber bestreitet die byzantinische Hauptphase. Strittig ist, ob darunter ältere Galerien liegen und wie alt sie sind. Die phrygische Frühdatierung ist plausibel, weil die Region im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. besiedelt war und weil vergleichbare Felsarbeiten aus phrygischem Kontext bekannt sind. Belegt ist sie damit nicht.

Was widerlegt ist

D widerlegt Die Xenophon-Stelle als Beleg für Derinkuyu. Der Text nennt Armenien; das ist am Original nachprüfbar.

D widerlegt Die eiszeitliche Deutung. Sie erfordert Funde, die nicht existieren, und widerspricht dem gesamten belegten Nutzungsprofil.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Die byzantinische Nutzung ist über Inschriften, Malereien und Keramik in mehreren Anlagen unabhängig bestätigt.

A dokumentiert Die Xenophon-Passage ist im griechischen Original zugänglich und lässt sich in einer Minute prüfen; die Ortsangabe ist eindeutig.

B berichtet Die Funktionsdeutung als Refugium wird durch die vergleichende Untersuchung anderer kappadokischer Anlagen gestützt, die dieselben Bauelemente in kleinerem Maßstab zeigen.

Was offen bleibt

Offen bleibt die absolute Chronologie der frühesten Phasen — und sie könnte offen bleiben, weil das Material selbst keine Antwort hergibt. Es sei denn, jemand findet einen verschlossenen Kontext mit datierbarem Inhalt, der nachweislich zur Bauzeit angelegt wurde. Werkzeugspurenanalysen kommen als Weg in Frage, sind aber für Derinkuyu nicht in einem Umfang publiziert, der die Frage entscheiden würde.

Offen bleibt die tatsächliche Ausdehnung. Über 600 bekannte Hauszugänge und ein nur teilweise erschlossenes System bedeuten: Niemand kennt den Grundriss vollständig. Auch die Zahl der Ebenen ist deshalb keine Angabe über die Anlage, sondern über den Erschließungsstand.

Und offen bleibt, wie viele Menschen tatsächlich Zuflucht suchten. Kapazität ist nicht Belegung.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Unter der Erde entstand kein bloßer Bunker. Es entstand eine funktionierende Glaubensgemeinschaft: Kapellen, Taufbecken, ein tonnengewölbter Raum auf der zweiten Ebene, der als Missions- oder Religionsschule gedeutet wird, griechische Inschriften an den Wänden, eine kreuzförmige Kirche ganz unten.

Kappadokien ist die Landschaft der Kirchenväter — Basileios von Caesarea, Gregor von Nyssa, Gregor von Nazianz haben hier gelebt und geschrieben. Der Rückzug in den Fels hat in dieser Region also nicht nur eine militärische, sondern auch eine asketische Tradition. Wer sich hier eingräbt, tut etwas, wofür es in derselben Landschaft schon ein geistliches Vokabular gab: Rückzug, Enge, Dunkelheit, Ausharren.

Bemerkenswert ist, was die Menschen mit hinuntergenommen haben. Vorräte und Vieh, ja. Aber auch den Raum, in dem getauft wird, und den Raum, in dem gelehrt wird. Sie hätten sich auf das Überleben beschränken können. Sie haben stattdessen einen Ort gebaut, an dem sich das Leben, das sie retten wollten, unterirdisch fortsetzen ließ — mit Kirche, mit Schule, mit Wein.

Und dann ist da die Sache mit der Datierung, die über diesen Fall hinausreicht. Ein Ort, der sich prinzipiell nicht datieren lässt, zieht Zahlen an. 9.000 Jahre, 20.000 Bewohner, hethitische Gründung — keine davon steht in einem Grabungsbericht, alle stehen in Reiseführern. Die Lücke im Wissen wird nicht als Lücke ertragen, sondern gefüllt, und zwar bevorzugt mit großen Zahlen. Das ist kein Fehler von Laien allein. Es ist die Grundbewegung, gegen die jede Prüfung arbeitet: Wo nichts steht, schreibt jemand etwas hin.

Quellen

  • Übersicht zu Derinkuyu mit Quellenapparat. en.wikipedia.org
  • Xenophon, Anabasis IV.5 im griechischen Original mit Übersetzung (Perseus). perseus.tufts.edu
  • Kritische Besprechung der Ancient Apocalypse-Folge zu Derinkuyu. ahotcupofjoe.net
  • UNESCO-Welterbe Göreme-Nationalpark und Felsstätten Kappadokiens (seit 1985).

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.