Der „Hum“ (Taos, Bristol, Windsor)
Ein Brummen, das die meisten nicht hören — und das trotzdem nicht eingebildet ist
- Wann
- 1970er–2026
- Wo
- Bristol (England), Taos (New Mexico), Windsor (Ontario)
- Feld
- Ungelöst
- Geprüft
- 2026-08-04
Seit den 1970er Jahren berichten an einzelnen Orten Menschen von einem dauerhaften tieffrequenten Brummen, das ihre Nachbarn nicht wahrnehmen. Eine Untersuchung im Taos-Tal ergab, dass die Betroffenen jeweils andere Frequenzen hörten — ein Argument gegen eine gemeinsame äußere Quelle. In Windsor dagegen endete das Brummen, als in Detroit die Hochöfen stillgelegt wurden. Eine Studie in PLOS ONE vom März 2026 ordnet viele, aber ausdrücklich nicht alle Fälle einem tieffrequenten Tinnitus zu und widerlegt zugleich die populäre Erklärung über otoakustische Emissionen.
Was gesichert ist
A dokumentiert Es gibt an mehreren Orten dokumentierte Häufungen von Beschwerden über ein dauerhaftes, tieffrequentes Brummen: in Bristol ab Mitte der 1970er Jahre, im Taos-Tal in New Mexico ab 1993, in Windsor in der kanadischen Provinz Ontario ab Ende 2011.
A dokumentiert Betroffen ist jeweils nur ein Teil der Bevölkerung am selben Ort. Die Mehrheit der Nachbarn hört nichts.
B berichtet Die Untersuchung im Taos-Tal in den frühen 1990er Jahren ergab, dass mindestens zwei Prozent der Befragten etwas hörten — und dass jeder von ihnen eine andere Frequenz angab, verteilt zwischen 32 und 80 Hertz.
B berichtet Das Brummen in Windsor wurde industriellen Anlagen auf Zug Island im benachbarten Detroit zugeordnet. Es endete, als dort im April 2020 die Hochöfen stillgelegt wurden.
A dokumentiert Am 27. März 2026 veröffentlichten Baumann, Voss, Jurado und Drexl in PLOS ONE eine Untersuchung an 28 Betroffenen gegenüber zwei Kontrollgruppen, mit hochauflösender Bestimmung der Tieffrequenz-Hörschwellen und Messung spontaner otoakustischer Emissionen.
A dokumentiert Das Ergebnis dieser Studie: Die Betroffenen hören im tiefen Frequenzbereich nicht besonders empfindlich — bis auf zwei Ausnahmen lagen ihre Schwellen im Bereich der Kontrollgruppen. Spontane otoakustische Emissionen im tieffrequenten Bereich fanden sich nicht; Emissionen traten erst oberhalb von etwa 900 Hertz auf.
Chronologie
- Mitte der 1970er Jahre — Häufung von Beschwerden in Bristol. B
- 1993 — Beschwerden im Taos-Tal; die daraufhin durchgeführte Befragung ergibt individuell verschiedene Frequenzen zwischen 32 und 80 Hertz. B
- Ende 2011 — Beginn der Beschwerden in Windsor, Ontario. B
- April 2020 — Stilllegung der Hochöfen auf Zug Island; das Windsor-Brummen endet. B
- 27. März 2026 — Baumann, Voss, Jurado und Drexl veröffentlichen ihre Untersuchung in PLOS ONE. A
Die Quellenlage
Der Fall hat ein Quellenproblem, das für seine Rezeption entscheidend ist: Die beiden meistzitierten Untersuchungen — die Taos-Befragung von 1993 und die Zuordnung des Windsor-Brummens — konnten für dieses Dossier nicht primär belegt werden. Sie werden in der Literatur konsistent wiedergegeben, sind aber hier nicht mit einem einsehbaren Originalbericht hinterlegt und deshalb als [B] geführt.
Das ist mehr als eine Formalie. Beide Fälle tragen jeweils eine Seite der Debatte: Taos das Argument gegen eine äußere Quelle, Windsor das Argument dafür. Wer nur einen von beiden zitiert, kann den Fall in jede beliebige Richtung erzählen.
Belastbar dokumentiert ist die Studie von 2026. Sie hat eine kleine Stichprobe — 28 Betroffene —, aber ein sauberes Design mit zwei Kontrollgruppen und zwei unabhängigen Messverfahren, und sie ist begutachtet publiziert.
Was behauptet wird
C behauptet Das Brummen stamme von einer geheimen Militäranlage, von HAARP oder von Vorgängen im Erdinneren. Diese Deutungen scheitern an einem einfachen Befund: Betroffene am selben Ort hören verschiedene Frequenzen. Eine gemeinsame äußere Schallquelle erzeugt keine individuellen Tonhöhen.
C behauptet Das Brummen sei „alles nur Tinnitus“ und damit eingebildet. Diese Zusammenfassung unterschlägt Windsor — den bislang stärksten Beleg dafür, dass mindestens ein Ortsbrummen eine reale externe Quelle hatte, die abgeschaltet werden konnte.
C behauptet Die Ursache seien spontane otoakustische Emissionen — vom Innenohr selbst erzeugte Töne, die der Betroffene als Außengeräusch wahrnimmt. Diese Erklärung war lange populär und ist durch die Messungen von 2026 gerade nicht gedeckt.
Erklärungsansätze
Tieffrequenter Tinnitus. Die Untersuchung von Baumann, Voss, Jurado und Drexl prüfte zwei naheliegende Hypothesen und verwarf beide. Wären die Betroffenen einfach empfindlicher, müssten ihre Hörschwellen im tiefen Bereich deutlich unter denen der Kontrollgruppen liegen — sie tun es bis auf zwei Ausnahmen nicht. Wären die Töne im Innenohr erzeugt, müssten sich tieffrequente spontane otoakustische Emissionen nachweisen lassen — sie ließen sich nicht nachweisen, die Emissionen begannen erst oberhalb von rund 900 Hertz. Was bleibt, ist ein Tinnitus im tiefen Frequenzbereich: ein Signal, das im Hörsystem selbst entsteht, ohne dass ihm eine Schwingung in der Luft entspricht. Die Autoren halten fest, dass diese Erklärung viele Fälle deckt — und schließen echte externe Quellen ausdrücklich nicht aus. A Echte Quellen. Windsor ist der Gegenpol. Dort gab es ein Brummen, dort gab es eine industrielle Anlage in Sichtweite, und dort verschwand das Brummen mit der Anlage. Tieffrequenter Schall breitet sich weit aus, wird von Gebäuden schlecht gedämmt und kann in Innenräumen durch Resonanzen verstärkt werden — was erklärt, warum ein Anwohner ihn hört und der Nachbar nicht. Ähnliche Kandidaten werden für Küstenlagen diskutiert. B Warum beides gleichzeitig stimmen kann. Der Fehler in fast allen populären Darstellungen ist die Annahme, es müsse eine Ursache geben. „Der Hum“ ist kein einzelnes Phänomen, sondern ein Sammelbegriff für Beschwerden, die sich ähneln. Ein Teil davon hat eine Quelle in der Welt, ein Teil eine im Hörsystem. Die Symptombeschreibung unterscheidet die beiden nicht — die Messung schon.
Was widerlegt ist
D widerlegt Die Erklärung über spontane otoakustische Emissionen ist durch die Messungen von 2026 widerlegt: Im relevanten tiefen Frequenzbereich existieren solche Emissionen nicht.
D widerlegt Die Annahme einer einzigen globalen Quelle ist mit den individuell verschiedenen Frequenzen im Taos-Befund nicht vereinbar.
Was nachgeprüft wurde
A dokumentiert Die Studie von 2026 arbeitete nicht mit Selbstauskünften allein, sondern maß: Hörschwellen im tiefen Frequenzbereich mit hoher Auflösung und otoakustische Emissionen als objektives Verfahren. Beide Messungen widersprachen der jeweils naheliegenden Hypothese.
A dokumentiert Der Vergleich lief gegen zwei Kontrollgruppen, nicht gegen eine — eine Konstruktion, die Auswahleffekte in der Vergleichsgruppe abfedert.
B berichtet Der Windsor-Fall enthält den seltenen Fall eines natürlichen Experiments: Eine mutmaßliche Quelle wurde abgeschaltet, und die Beschwerden endeten. Das ist stärker als jede Korrelationsrechnung — und beruht hier auf einer Zuordnung, die nicht primär belegt werden konnte.
Was offen bleibt
Wie viele Fälle welcher Klasse angehören, ist unbekannt. Die Studie von 2026 sagt, tieffrequenter Tinnitus erkläre viele Fälle. Sie sagt nicht, er erkläre alle, und sie hat 28 Menschen untersucht.
Unklar bleibt auch, warum der Tinnitus in einzelnen Regionen gehäuft auftritt. Wenn das Signal im Kopf entsteht, sollte es keine Landkarte haben. Die Häufungen können ein Melde- und Aufmerksamkeitseffekt sein — wo über den Hum berichtet wird, ordnen mehr Menschen ihr Ohrgeräusch ihm zu. Belegt ist das nicht.
Und offen bleibt der Einzelfall. Für einen konkreten Betroffenen ist die Frage nicht statistisch: Er will wissen, ob er sein Fenster abdichten oder einen Hörtest machen soll. Diese Frage entscheidet keine Studie, sondern eine Messung vor Ort.
Warum uns das beschäftigt
Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.
An diesem Fall ist die Redlichkeit der Untersuchung bemerkenswerter als ihr Ergebnis. Die Autoren von 2026 sagen Betroffenen etwas, das schwer zu hören ist — dass das Geräusch in ihnen entsteht. Und sie weigern sich im selben Text, das für alle zu behaupten. Beides gehört zusammen: Der erste Satz wäre eine Zumutung ohne den zweiten, der zweite eine Ausflucht ohne den ersten.
Der Hum ist außerdem ein Fall, in dem beide populären Lager falsch liegen. Wer eine geheime Anlage vermutet, ignoriert, dass jeder Betroffene eine andere Frequenz hört. Wer alles für Einbildung hält, ignoriert Windsor, wo ein Hochofen ausging und ein Brummen aufhörte.
Was übrig bleibt, ist unspektakulär und schwer: Ein Sammelbegriff ist keine Diagnose. „Der Hum“ beschreibt eine Erfahrung, nicht eine Ursache — und die Erfahrung ist in jedem dieser Fälle echt, unabhängig davon, wo der Ton entsteht.
Quellen
- Baumann, Voss, Jurado, Drexl: Untersuchung zu tieffrequenten Hörschwellen und spontanen otoakustischen Emissionen bei Hum-Betroffenen. PLOS ONE, 27.03.2026. journals.plos.org
- Befragung im Taos-Tal, New Mexico, frühe 1990er Jahre (Sekundärüberlieferung)
- Zuordnung des Windsor-Brummens zu Anlagen auf Zug Island, Detroit; Ende des Brummens nach Stilllegung der Hochöfen im April 2020 (Sekundärüberlieferung)
Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.