widerlegt seit 2024

Die Nazca-„Mumien“

Puppen aus echten Knochen — und was das über Reliquien lehrt

Wann
2017 / 2023–2026
Wo
Peru und Mexiko-Stadt
Feld
UFO
Geprüft
2026-08-04

Am 12. September 2023 präsentierte der mexikanische Fernsehjournalist Jaime Maussan dem Kongress seines Landes zwei kleine, dreifingrige, mumifizierte Körper, angeblich aus der Nazca-Region und rund tausend Jahre alt. Im Januar 2024 legte das peruanische Institut für Rechtsmedizin sein Gutachten vor: zusammengesetzte Puppen aus Knochen irdischer Tiere, mit modernen synthetischen Klebstoffen. Die Finger bestehen aus menschlichen Knochen. Die Herkunftsbehauptung nannte das Institut völlig falsch. Für die in Mexiko gezeigten Exemplare liegt bis heute keine unabhängige, begutachtete Untersuchung vor.

Was gesichert ist

A dokumentiert Am 12. September 2023 präsentierte der mexikanische Fernsehjournalist Jaime Maussan dem mexikanischen Kongress zwei kleine, dreifingrige, mumifizierte Körper und bezeichnete sie als nicht-menschlich, aus der Nazca-Region stammend und rund tausend Jahre alt. Bereits 2017 hatte er ähnliche Exemplare vorgeführt, darunter eines mit dem Namen „Maria“.

A dokumentiert Im Januar 2024 legte das peruanische Instituto de Medicina Legal y Ciencias Forenses sein Gutachten vor. Der forensische Archäologe Flavio Estrada fasste es zusammen: Es handele sich um Puppen, zusammengesetzt aus Knochen von Tieren dieses Planeten, verbunden mit modernen synthetischen Klebstoffen; sie seien nicht in vorspanischer Zeit zusammengesetzt worden.

A dokumentiert Materialbefund laut peruanischer Staatsanwaltschaft: Papier, Kleber, Metall sowie menschliche und tierische Knochen. Die Knochen stammen von Vögeln, Hunden und anderen Tieren. Die Finger bestehen aus menschlichen Knochen.

A dokumentiert Die Aussage, die Objekte stammten aus einem außerirdischen Zentrum oder von einem anderen Planeten, nannte das Institut völlig falsch.

A dokumentiert Der peruanische Anthropologe Guido Lombardi bezeichnete Maussans Präsentation als Teil eines aufwendigen Desinformationsprojekts.

A dokumentiert Maussan präsentierte 2015 auch die sogenannten Roswell Slides. Sie erwiesen sich als Fotos eines mumifizierten indigenen Kindes, das seit Jahrzehnten in einem Museum in Colorado ausgestellt war.

Chronologie

  • 2017 — Erste Präsentation ähnlicher Exemplare, darunter „Maria“, in Peru. B
  • 12. September 2023 — Vorführung zweier Körper vor dem mexikanischen Kongress; weltweite Berichterstattung. A
  • Januar 2024 — Gutachten des peruanischen Instituts für Rechtsmedizin und Forensische Wissenschaften. A
  • April 2024 — Vorführung eines weiteren Exemplars unter dem Namen „Montserrat“. B
  • 2024 — Bei einer Pressekonferenz zu einem angeblich schwangeren Exemplar erscheinen Beamte des peruanischen Kulturministeriums. B
  • Februar 2024 — Maussan soll den peruanischen Staat auf 300 Millionen Dollar verklagt haben. Angabe aus Befürworterquellen; in der Recherchevorlage ausdrücklich als nicht unabhängig verifiziert gekennzeichnet. C

Die Quellenlage

Auf der einen Seite steht ein Gutachten einer staatlichen forensischen Einrichtung mit benanntem Sachverständigen, benannten Materialien und einem eindeutigen Ergebnis. Auf der anderen Seite stehen Pressekonferenzen, Videos und Untersuchungsberichte aus dem Umfeld derer, die die Objekte präsentieren.

Der sogenannte Zalce-Bericht zu „Maria“ stammt aus dem Befürworterkreis und ist keine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung. Eine begutachtete Publikation zu den in Mexiko gezeigten Exemplaren existiert nicht.

Ein ehrlicher Streitpunkt gehört dazu: Befürworter wenden ein, das peruanische Gutachten habe beschlagnahmte Objekte untersucht, die nicht identisch seien mit den in Mexiko präsentierten. Dieser Einwand besteht und soll genannt werden. Er ändert nichts an der Lage — er verschiebt sie: Für die präsentierten Exemplare liegt dann eben gar keine unabhängige, begutachtete Untersuchung vor. Die Beweislast bleibt bei dem, der behauptet.

Was behauptet wird

C behauptet Über 30 Prozent der DNA seien unbekannt. Dies ist die meistverbreitete Falschangabe des gesamten Feldes. Eine begutachtete Publikation dafür existiert nicht; die Zahl kursiert ausschließlich in Advocacy-Quellen. Ein „unbekannter“ Anteil entspricht bei degradiertem oder kontaminiertem Material typischerweise schlicht nicht zuordenbaren Sequenzfragmenten — ein Standardbefund der Alt-DNA-Analytik, kein Hinweis auf eine unbekannte Spezies.

C behauptet Die Objekte hätten nicht-menschliche Fingerabdrücke. Auch das steht in keiner begutachteten Literatur.

C behauptet Röntgen- und Computertomographieaufnahmen zeigten unversehrte innere Strukturen, die eine Zusammensetzung ausschlössen. Solche Aufnahmen werden vorgeführt; eine unabhängige Begutachtung durch Fachleute außerhalb des Präsentatorenkreises liegt nicht vor.

D widerlegt Die Körper stammten aus einem außerirdischen Zentrum oder von einem anderen Planeten. Das peruanische Institut bezeichnete diese Behauptung als völlig falsch.

Erklärungsansätze

Zusammengesetzte Objekte. Die einzige unabhängige, staatliche forensische Untersuchung kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Puppen. Knochen verschiedener irdischer Tiere, dazu menschliche Knochen für die Finger, verbunden mit modernem synthetischem Kleber, ergänzt durch Papier und Metall. Die dreifingrige Hand — das auffälligste Merkmal der Objekte — entsteht dabei durch Weglassen und Neuanordnen von Fingerknochen. A Der Präsentator. Für die Einordnung ist Maussans Vorgeschichte nicht nebensächlich, sondern zentral. 2015 präsentierte er die Roswell Slides als Aufnahmen eines außerirdischen Körpers. Es waren Fotos eines mumifizierten indigenen Kindes aus einem Museumsbestand in Colorado. Dieselbe Struktur, dasselbe Muster, acht Jahre früher: menschliche Überreste, umgedeutet zu einem außerirdischen Beleg. A Was für die Gegenseite spricht. Es wäre unredlich, den Einwand zu unterschlagen, dass die untersuchten und die präsentierten Objekte womöglich nicht dieselben sind. Wer diesen Einwand ernst nimmt, kommt allerdings nicht zu „also echt“, sondern zu „also ungeprüft“ — und ungeprüfte Objekte, die von einer Person vorgeführt werden, die schon einmal menschliche Überreste als außerirdisch präsentiert hat, tragen keine Beweislast.

Was widerlegt ist

D widerlegt Der außerirdische Ursprung. Ergebnis der einzigen unabhängigen staatlichen forensischen Untersuchung.

D widerlegt Die Datierung auf rund tausend Jahre und die Herkunft aus präkolumbischem Zusammenhang für die untersuchten Exemplare. Moderne synthetische Klebstoffe schließen eine vorspanische Zusammensetzung aus.

D widerlegt Die Roswell Slides von 2015 als Beleg für einen außerirdischen Körper. Identifiziert als Fotos eines mumifizierten indigenen Kindes aus einem Museum in Colorado.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Das peruanische Institut für Rechtsmedizin untersuchte die beschlagnahmten Objekte und veröffentlichte das Ergebnis im Januar 2024 öffentlich, mit namentlich benanntem Sachverständigen.

A dokumentiert Die peruanische Staatsanwaltschaft benannte die verwendeten Materialien.

B berichtet Peruanische Fachleute — unter ihnen Guido Lombardi — haben die Präsentationen öffentlich eingeordnet. Aus dem Befürworterkreis liegt bis heute keine begutachtete Gegenpublikation vor.

Was offen bleibt

Die Herkunft der menschlichen Knochen. Dass sie aus präkolumbischen Bestattungen stammen, ist die naheliegende Annahme und wird von peruanischer Seite geäußert. Welche Gräber betroffen sind und wer die Überreste entnommen hat, ist nicht geklärt.

Offen bleiben außerdem die juristischen Verfahren und die Frage, ob die in Mexiko gezeigten Exemplare jemals unabhängig untersucht werden.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Der Fall zeigt, was geschieht, wenn ein Kontaktnarrativ einen Körper braucht.

Lichter am Himmel genügen auf Dauer nicht. Radarechos genügen nicht. Irgendwann muss etwas Anfassbares her — ein Leib, ein Gebein, etwas, das man in einen Glaskasten legen und vor einem Parlament aufstellen kann. Und dann entsteht es. Das ist die Geschichte des mittelalterlichen Reliquienhandels im Zeitraffer, nur mit Pressekonferenz und Livestream: dieselbe Nachfrage, dieselbe Angebotsseite, dieselbe Beglaubigung durch Autoritätskulisse. Der Kongresssaal ersetzt die Bischofskirche.

Und dann ist da der Teil, an dem dieses Dossier nicht vorbeigehen darf. Für diese Objekte wurden echte menschliche Überreste verwendet. Die Finger bestehen aus Menschenknochen, mutmaßlich aus präkolumbischen Gräbern. Das heißt: Um ein Wunder vorzuführen, wurden Tote zerlegt. Es sind die Ahnen einer indigenen Kultur, deren Bestattungen ohnehin seit Jahrhunderten Ziel von Grabraub sind, und ihre Knochen wurden zu einer Attraktion umgebaut.

Das ist der Punkt, an dem dieser Fall aufhört, eine kuriose Geschichte über Ufologie zu sein. Wer die Bilder dieser Objekte weiterverbreitet, verbreitet Bilder menschlicher Überreste. Das ist nicht neutral, und es hat nichts damit zu tun, ob man an Außerirdische glaubt oder nicht.

Bleibt eine dritte Beobachtung, unangenehm für alle Seiten: Die Widerlegung war schnell, staatlich, öffentlich und eindeutig — und sie hat den Fall nicht beendet. Die Objekte werden weiter vorgeführt. Das ist in diesem Archiv kein Einzelfall, sondern die Regel. Eine Untersuchung beendet einen Streit nur dort, wo die Beteiligten sie beenden lassen wollen.

Quellen

  • CBS News zur forensischen Untersuchung des peruanischen Instituts: cbsnews.com
  • Global News zum Materialbefund der Staatsanwaltschaft: globalnews.ca
  • Rappler zur Bewertung durch die Fachleute: rappler.com
  • Gutachten des Instituto de Medicina Legal y Ciencias Forenses, Januar 2024 (Sachverständiger: Flavio Estrada).
  • Für die Gegenposition, ausdrücklich als Partei zu lesen: the-alien-project.com

Dazu im Archiv

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.