umstritten

Padre Pio: Stigmata und Bilokation

Fünfzig Jahre Wundmale, drei ärztliche Gutachten und ein Kassenbeleg

Wann
1918–1968
Wo
San Giovanni Rotondo, Italien
Feld
Religion
Geprüft
2026-08-04

Ab dem 20. September 1918 trug der Kapuziner Francesco Forgione, genannt Padre Pio, fünfzig Jahre lang blutende Wundmale an Händen, Füßen und Seite. Drei Ärzte untersuchten ihn 1919 und kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen; einer hielt die Läsionen für autosuggestiv erzeugt und chemisch offengehalten. Ein Historiker fand 2007 im vatikanischen Archiv die Aussage einer Apothekerin über eine Karbolsäurebestellung. Rom hatte diesen Vorwurf schon damals geprüft und verworfen. Heiliggesprochen 2002.

Was gesichert ist

A dokumentiert Am 20. September 1918 traten bei Francesco Forgione, seit seiner Ordensprofess Padre Pio genannt, Wundmale an Händen, Füßen und Seite auf. Sie blieben bis kurz vor seinem Tod 1968 bestehen.

A dokumentiert Dr. Luigi Romanelli, Chefarzt in Barletta, untersuchte ihn am 15. und 16. Mai 1919. Sein Befund: rotbraune Membranen über den Läsionen, keine Entzündung, keine Schwellung im Umfeld.

A dokumentiert Prof. Amico Bignami, Pathologe an der Universität Rom, untersuchte ihn im Juli 1919 im Auftrag des Heiligen Offiziums. Sein Schluss: Die Läsionen ließen sich erklären als unbewusst autosuggestiv erzeugt und künstlich durch wiederholte Anwendung von Jodtinktur offengehalten.

A dokumentiert Prof. Giorgio Festa untersuchte ihn ab dem 28. Oktober 1919 und kam zu wohlwollenderen Befunden als Bignami.

A dokumentiert Der Historiker Sergio Luzzatto fand für sein 2007 erschienenes Buch Padre Pio. Miracoli e politica nell'Italia del Novecento im vatikanischen Archiv die Aussage der Apothekerin Maria De Vito: Padre Pio habe 1919 vier Gramm Karbolsäure bestellt, unter Bitte um Verschwiegenheit und mit der Angabe, er benötige sie zur Sterilisation von Nadeln.

A dokumentiert Diese Aussage wurde bereits damals von Erzbischof Pasquale Gagliardi von Manfredonia als Belastungsmaterial nach Rom gemeldet. Rom prüfte sie und verwarf sie.

A dokumentiert Padre Pio wurde 2002 heiliggesprochen.

Chronologie

  • 20. September 1918 — Auftreten der Wundmale. A
  • 15./16. Mai 1919 — Untersuchung durch Luigi Romanelli. A
  • Juli 1919 — Untersuchung durch Amico Bignami im Auftrag des Heiligen Offiziums. A
  • 1919 — Bestellung von vier Gramm Karbolsäure laut der Aussage der Apothekerin Maria De Vito. A
  • 28. Oktober 1919 — Beginn der Untersuchungen durch Giorgio Festa. A
  • 1920er bis 1930er Jahre — Der Vatikan schränkt Padre Pios öffentliche Tätigkeit mehrfach ein. B
  • 1968 — Tod in San Giovanni Rotondo. A
  • 2002 — Heiligsprechung. A
  • 2007 — Luzzattos Buch erscheint und macht die De-Vito-Aussage öffentlich. A

Die Quellenlage

Sie ist ungewöhnlich reich und ungewöhnlich unbequem zugleich. Es gibt drei zeitgenössische ärztliche Untersuchungen mit schriftlichem Niederschlag, es gibt Akten des Heiligen Offiziums, und es gibt ein Archivdokument über einen Chemikalienkauf. Für einen Fall dieser Art ist das viel.

Ganz anders liegt es bei der zweiten Behauptung, die zu Padre Pio gehört. Die Berichte über Bilokation — sein gleichzeitiges Erscheinen an zwei Orten — stammen ausschließlich aus Verehrerkreisen und wurden überwiegend Jahrzehnte nach den behaupteten Ereignissen gesammelt, vielfach im Rahmen des Selig- und Heiligsprechungsverfahrens. Ein Verfahren, dessen erklärter Zweck die Sammlung erbaulicher Zeugnisse ist, ist als Quelle für die Zeugnisse selbst die schwächste Kategorie, die es gibt. Dasselbe gilt für den klassischen Vergleichsfall Alfons von Liguori.

Was behauptet wird

C behauptet Padre Pio habe sich gleichzeitig an zwei Orten aufgehalten. Die Berichte genügen keinem historischen Standard: keine zeitnahe Dokumentation, keine unabhängigen Zeugen, Aufzeichnung Jahrzehnte später durch Menschen, die ihn verehrten.

C behauptet Von den Wundmalen sei ein Wohlgeruch ausgegangen. Auch diese Angaben stammen aus Verehrerberichten. Olfaktorische Suggestion ist ein bekanntes und gut untersuchtes Phänomen.

C behauptet Die Wundmale seien ärztlich geprüft worden, und keine der Untersuchungen habe eine Erklärung gefunden. Von den drei Ärzten des Jahres 1919 nannte Bignami eine: Autosuggestion und chemische Offenhaltung.

D widerlegt Die Kirche habe den Fall nie kritisch untersucht. Das Gegenteil trifft zu: Das Heilige Offizium bestellte Bignami, prüfte die Anzeige Gagliardis und beschränkte Padre Pios Wirken über Jahre.

Erklärungsansätze

Chemische Reizung. Die stärkste konventionelle Erklärung stützt sich nicht auf eine Vermutung, sondern auf ein Dokument. Bignami nahm 1919 an, die Läsionen würden durch wiederholte Jodanwendung offengehalten; die Aussage der Apothekerin nennt für dasselbe Jahr eine Bestellung von Karbolsäure unter Bitte um Verschwiegenheit. Phenol ätzt Haut. Zwei unabhängige Stränge weisen in dieselbe Richtung.

Psychogene Entstehung ohne Täuschungsabsicht. Die zweite Erklärung ist medizinisch die anspruchsvollere und moralisch die mildere: dissoziative Selbstverletzung und Somatisierung bei sehr hoher Suggestibilität. Wer so etwas tut, tut es nicht, um zu betrügen; er weiß es unter Umständen nicht einmal. Bignamis Formulierung, die Läsionen seien „unbewusst autosuggestiv“ erzeugt, meint genau das und ist kein Betrugsvorwurf.

Was für die andere Seite spricht. Romanelli und Festa beschrieben Befunde, die sie für ungewöhnlich hielten: das Fehlen von Entzündung und Randschwellung über Jahre, während offene Wunden normalerweise infizieren oder heilen. Rom hat die Anzeige Gagliardis geprüft und für nicht tragfähig befunden — und Rom hatte in diesem Fall kein Interesse an einem freundlichen Ergebnis, denn es hat Padre Pio jahrzehntelang eingeschränkt.

Für die Bilokation. Erinnerungsverzerrung, Verwechslung und nachträgliche Erzählformung reichen aus, um die Berichte zu erklären. Eine über diese Erklärungen hinausgehende Annahme wird durch die Quellenlage nicht gestützt.

Was offen bleibt

Die Entstehung der Wundmale ist nicht bestätigt geklärt. Es existiert ein archivalisches Dokument über einen Karbolsäurekauf, es existiert eine zeitgenössische ärztliche Hypothese, es existieren zwei ärztliche Gegenbefunde, und der Vatikan hat den Vorwurf geprüft und verworfen. Alle vier Sätze stehen nebeneinander, und keiner hebt die anderen auf.

Nicht offen ist die Bilokation. Sie ist nicht widerlegt — sie ist unüberprüfbar, und das ist ein Unterschied, auf den es ankommt.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Padre Pio ist der Fall, an dem sich das Verhältnis von Volksglaube und Institution am klarsten zeigt, und er zeigt es umgekehrt zur Erwartung. Nicht die Kirche hat den Wundertäter aufgebaut. Sie hat ihn überwacht, sein Wirken beschnitten, ihm zeitweise öffentliche Messen und die Beichte untersagt, einen Pathologen auf ihn angesetzt und eine Belastungsanzeige geprüft. Der Druck kam von unten, und am Ende hat die Institution nachgegeben.

Der zweite Punkt ist historisch. Stigmata haben ein Geburtsdatum. Vor Franz von Assisi im Jahr 1224 gibt es sie nicht — sie erscheinen erst, nachdem die westliche Passionsfrömmigkeit die körperliche Nachfolge Christi als Ideal etabliert hatte. Ein Phänomen, das an einem bestimmten Punkt der Frömmigkeitsgeschichte beginnt und sich danach in derselben Konfession häuft, verhält sich wie eine kulturelle Form und nicht wie eine Naturerscheinung.

Bleibt der Ton. Ein Text im Ton „der Heilige mit der Säureflasche“ wäre grausam und quellenkritisch unsauber, weil er ein Dokument zu einem Urteil macht. Was dasteht, ist ein Beleg, eine Hypothese, ein Gegengutachten und eine verworfene Anzeige. Mehr steht nicht da, und weniger auch nicht.

Quellen

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.