erklärt seit 2026

Die Papyri von Herculaneum und die Vesuvius Challenge

Eine verkohlte Bibliothek, die seit 2023 wieder gelesen wird

Wann
79 n. Chr. verschüttet · erste vollständig gelesene Rolle 25. Juni 2026
Wo
Villa dei Papiri, Herculaneum
Feld
Schriften
Geprüft
2026-08-04

Rund 1.100 beim Vesuvausbruch verkohlte Papyrusrollen — die einzige aus der Antike physisch erhaltene Bibliothek. Zweieinhalb Jahrhunderte lang zerstörte jeder Öffnungsversuch die Rollen. Seit 2023 werden sie mit Röntgenmikrotomografie virtuell entrollt und mit maschineller Tintenerkennung gelesen. Am 25. Juni 2026 wurde erstmals eine vollständige Rolle entziffert: eine stoische Ethik-Abhandlung des 2. Jahrhunderts v. Chr. Das Verfahren ist gelöst, die Bibliothek ist es nicht — hunderte Rollen sind ungelesen, der größere Teil der Villa ist nicht ausgegraben.

Was gesichert ist

A dokumentiert Beim Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. wurde Herculaneum verschüttet. In der später sogenannten Villa dei Papiri lagerte eine Bibliothek von rund 1.100 Papyrusrollen. Die Hitze verkohlte sie zu schwarzen, brüchigen Zylindern und konservierte sie damit zugleich.

A dokumentiert Die Rollen wurden zwischen 1752 und 1754 ausgegraben. Es ist die einzige aus der Antike physisch erhaltene Bibliothek — nicht Abschriften von Abschriften, sondern die Rollen selbst.

A dokumentiert Alle mechanischen und chemischen Öffnungsversuche der folgenden zweieinhalb Jahrhunderte zerstörten Material. Hunderte Rollen wurden dabei vernichtet oder schwer beschädigt.

A dokumentiert Brent Seales (University of Kentucky) entwickelte das Verfahren des virtuellen Entrollens: Röntgenmikrotomografie plus computergestützte Rekonstruktion der aufgewickelten Oberfläche. Der erste Erfolg gelang 2016 an der En-Gedi-Rolle, einem verkohlten Leviticus-Text.

A dokumentiert Im März 2023 startete die Vesuvius Challenge, ein offener, mit Preisgeldern dotierter Wettbewerb, initiiert von Nat Friedman, Daniel Gross und Brent Seales. Sämtliche Scandaten wurden öffentlich zugänglich gemacht.

A dokumentiert Am 25. Juni 2026 wurde erstmals eine vollständige Rolle gelesen: PHerc. 1667, rund 1,4 Meter Papyrus, etwa 22 Kolumnen griechischer Text.

Chronologie

  • 79 n. Chr. — Vesuvausbruch, Verschüttung von Herculaneum. A
  • 1752–1754 — Ausgrabung der Villa dei Papiri, Bergung der Rollen. A
  • 2016 — Erstes virtuelles Entrollen: die En-Gedi-Rolle. A
  • März 2023 — Start der Vesuvius Challenge, alle Scandaten öffentlich. A
  • Oktober 2023 — Luke Farritor liest das erste Wort einer ungeöffneten Rolle: ΠΟΡΦΥΡΑC — porphyras, „Purpur“. Youssef Nader gelingt dies unabhängig kurz darauf. A
  • Februar 2024 — Grand Prize an Luke Farritor, Youssef Nader und Julian Schilliger: über 2.000 griechische Zeichen aus PHerc. Paris 4, ein Text über Lust und Genuss, mutmaßlich von Philodemos von Gadara. A
  • 2025 — Erstmals wird der Titel einer ungeöffneten Rolle gelesen: PHerc. 172 (Bodleian Library, Oxford) trägt Peri Kakion, „Über die Laster“, Buch 1, von Philodemos. A
  • 25. Juni 2026 — PHerc. 1667 vollständig gelesen. A

Die Quellenlage

Dieser Fall hat eine Quellenlage, die für ein Archiv wie dieses ungewöhnlich ist: Sie ist offen. Die Röntgendaten der Rollen liegen öffentlich vor, die Verfahren sind dokumentiert, die eingereichten Lösungen der Wettbewerbsteilnehmer sind einsehbar und wurden von einem Gutachtergremium geprüft, bevor Preise vergeben wurden.

Das ist keine Nebensächlichkeit. Bei einem Verfahren, das aus Rauschen Buchstaben gewinnt, ist die naheliegendste Sorge, dass das Verfahren die Buchstaben erzeugt, die es sucht. Genau deshalb ist der offene Datensatz das entscheidende Sicherungsmittel: Mehrere Gruppen arbeiten unabhängig an denselben Scans, und ihre Ergebnisse lassen sich gegeneinander halten. Als Farritor das Wort „Purpur“ fand, fand Nader es kurz darauf ebenfalls, ohne von ihm zu wissen.

Was fehlt, ist die Kontrolle am Original: Die Rollen können nicht geöffnet werden, um nachzusehen. Die Prüfung bleibt eine Prüfung von Daten gegen Daten.

Was behauptet wird

C behauptet Die Bibliothek von Herculaneum sei entziffert. Gelesen sind bislang eine vollständige Rolle und Teile weiterer. Hunderte bleiben ungelesen.

C behauptet In den Rollen lägen verschollene Werke des Aristoteles, verlorene Evangelien oder unbekannte Schriften großer Autoren. Das ist Spekulation. Der bislang identifizierte Bestand ist ganz überwiegend epikureische Philosophie, ergänzt nun um einen stoischen Text.

C behauptet Es handele sich um die Bibliothek von Alexandria oder um Bestände aus ihr. Beide Bibliotheken haben nichts miteinander zu tun.

Erklärungsansätze

Wie das Verfahren arbeitet. Die Rolle wird mit Phasenkontrast-Röntgenmikrotomografie durchleuchtet — für PHerc. 1667 am Europäischen Synchrotron ESRF in Grenoble. Aus den Schnittbildern wird die aufgewickelte Papyrusoberfläche geometrisch rekonstruiert und rechnerisch flachgelegt. Auf dieser virtuellen Fläche sucht dann ein trainiertes maschinelles Verfahren nach Tinte. Die verwendete Kohlenstofftinte hebt sich im Röntgenbild kaum vom verkohlten Papyrus ab; erkennbar sind minimale Struktur- und Dichteunterschiede, die das Auge nicht sieht.

Warum es erst jetzt funktioniert. Drei Entwicklungen mussten zusammenkommen: Synchrotronquellen mit ausreichender Auflösung, Rechenleistung für die geometrische Entrollung großer Datenmengen und maschinelles Lernen für die Tintenerkennung. Keine dieser Voraussetzungen existierte vor wenigen Jahrzehnten.

Warum die offene Form entscheidend war. Seales' Gruppe hatte das Verfahren, aber nicht die Kapazität, es auf alle Rollen anzuwenden. Der Wettbewerb verlagerte die Arbeit auf hunderte Teilnehmer, darunter Studenten und Amateure. Der erste Leser des Wortes „Purpur“ war ein Informatikstudent.

Was der gelesene Text enthält. PHerc. 1667 ist eine stoische Ethik-Abhandlung aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. über menschliche Natur, Antrieb und sittlichen Fortschritt. Erwähnt wird Aristokreon, ein Verwandter und Schüler des Stoikers Chrysipp. Beteiligt an der Lesung waren die Vesuvius-Challenge-Gemeinschaft, Seales' EduceLab und die Biblioteca Nazionale di Napoli, in der die Rollen liegen.

Was offen bleibt

Der Umfang. Hunderte Rollen sind gescannt, aber nicht gelesen; weitere sind nicht einmal gescannt. Die Verfahren müssen für jede Rolle neu angepasst werden, weil Wickelform, Beschädigung und Tintenerhaltung stark variieren.

Und der Bestand selbst. Erst rund zwanzig Prozent von Herculaneum sind ausgegraben. Die Hauptbibliothek der Villa dei Papiri liegt nach dem derzeitigen Kenntnisstand vermutlich noch unter der Erde. Erstmals gibt es einen Grund weiterzugraben, der nicht mit Zerstörung endet — was gefunden wird, muss nicht mehr geöffnet werden.

Offen ist schließlich die Zuschreibung mancher Texte. Autor und Datierung von PHerc. 1667 ergeben sich aus inhaltlichen und stilistischen Merkmalen, nicht aus einer erhaltenen Titelzeile.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Fast alle Fälle in dieser Sektion des Archivs handeln davon, wie Wissen verschwindet. Dieser handelt davon, wie es zurückkommt.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Ergebnis, sondern die Form. Es war kein einsamer Gelehrter, der die Rollen las. Es waren offene Daten, ein offener Wettbewerb und viele Menschen, die unabhängig voneinander an derselben Sache arbeiteten und einander prüften. Die Institution, die das Verfahren entwickelt hatte, gab die Daten weg, statt sie zu halten — und genau das machte den Durchbruch möglich.

Und der Inhalt fügt eine Pointe hinzu, die man nicht erfinden könnte: Der erste Text, der nach zweitausend Jahren vollständig aus dem Schweigen zurückkehrt, ist eine Abhandlung über sittlichen Fortschritt. Eine Anleitung zum guten Leben, die die Verschüttung überstand, weil sie verbrannte.

Quellen

  • Vesuvius Challenge: An entire Herculaneum scroll has been read for the first time (25. Juni 2026). scrollprize.org
  • Vesuvius Challenge — offizielle Seite und Dokumentation der Preisvergaben. scrollprize.org
  • Vesuvius Challenge: Open Problems — Why Reading Every Herculaneum Scroll Is Still a Challenge (2026). scrollprize.org
  • University of Kentucky: The day the Herculaneum scrolls began speaking again. uknow.uky.edu

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.