Der Regenbogenkörper
Khenpo A Chö, 1998 — und der Tulpa, den Tibet nie kannte
- Wann
- 1998
- Wo
- Kham, Osttibet
- Feld
- Religion
- Geprüft
- 2026-08-04
Nach Berichten seiner Schüler legte sich der etwa achtzigjährige Khenpo A Chö 1998 nieder, rezitierte eine Formel und starb. Der zugedeckte Leichnam sei in den folgenden Tagen kleiner geworden, nach etwa einer Woche seien nur Haare und Nägel geblieben. Im Dzogchen heißt das Regenbogenkörper. Der katholische Priester und Tibetologe Francis Tiso hat die Zeugen Jahre später befragt und die Aussagen veröffentlicht. Physisch nachprüfbar ist nichts: kein Leichnam, keine Aufnahmen, keine Untersuchung. Der Fall bleibt ungeklärt, weil es nichts zu klären gibt.
Was gesichert ist
A dokumentiert Khenpo A Chö (auch A-chos, etwa 1918–1998) war ein Lehrer der Nyingma-Tradition im osttibetischen Kham. Sein Tod im Jahr 1998 ist als Datum unstrittig; er war zu diesem Zeitpunkt rund achtzig Jahre alt.
A dokumentiert Der katholische Priester P. Francis V. Tiso, promovierter Tibetologe, reiste nach dem Tod nach Kham, befragte Angehörige, Schüler und Nachbarn und interviewte auch Lama Achuk, den Lehrer des Verstorbenen. Seine Aufzeichnungen und Übersetzungen erschienen 2016 unter dem Titel Rainbow Body and Resurrection. Damit existiert eine einsehbare, benennbare Quelle — nicht für das Geschehen, aber dafür, wer was gesagt hat.
A dokumentiert Es gibt keinen Leichnam, keine Fotografien oder Filmaufnahmen des Vorgangs, keine ärztliche Untersuchung, keine Obduktion und keine Beobachtung durch Unbeteiligte. Das ist kein Vorwurf an irgendjemanden — es ist die vollständige Beschreibung der Beleglage.
B berichtet Das Konzept selbst ist alt und gut dokumentiert. Der Regenbogenkörper (tibetisch ʼja lus) gehört zur Dzogchen-Überlieferung und ist in deren Textkorpus über Jahrhunderte belegt. Der Religionswissenschaftler David Germano hat diese Textgeschichte philologisch aufgearbeitet.
Chronologie
- 1918 (etwa) — Geburt Khenpo A Chös in Kham. B
- Sommer 1998 — Nach Darstellung der Anwesenden legt er sich nieder, rezitiert und stirbt. Der Körper wird mit einem dünnen Mönchsumhang bedeckt. C
- Die folgenden Tage — Schüler und Besucher berichten von Regenbögen über dem Haus, von Lichtern und Musik sowie davon, dass der Körper kleiner werde. C
- Nach etwa einer Woche — Nach denselben Berichten sind nur noch Haare und Nägel übrig. C
- Ab 2000 — Tiso reist mehrfach nach Kham und befragt Zeugen, darunter Lama Achuk. A
- 2016 — Erscheinen von Rainbow Body and Resurrection. A
Die Quellenlage
Hier liegt der ganze Fall. Was Tiso vorlegt, sind Interviews — sorgfältig geführt, sprachlich kompetent, mit Ortskenntnis, und ausdrücklich als Interviews gekennzeichnet. Was er nicht vorlegt und nicht vorlegen kann, ist irgendein Gegenstand, an dem sich etwas prüfen ließe.
Drei Einschränkungen sind zu benennen, und Tiso benennt sie selbst. Erstens: Die Befragungen fanden Jahre nach dem Ereignis statt. Erinnerungen verändern sich in dieser Zeit nachweislich, auch bei ehrlichen Menschen. Zweitens: Sie fanden innerhalb einer Gemeinschaft statt, für die der Regenbogenkörper das höchste denkbare Zeugnis von Verwirklichung ist. Wer in einer solchen Gemeinschaft berichtet, berichtet nicht in einem neutralen Raum. Drittens: Die Region stand und steht unter politischem Druck; Gespräche über religiöse Autoritäten sind dort nie unbelastet.
Bemerkenswert ist, dass die Aussagen untereinander konsistent sind. Das lässt zwei Lesarten zu, die sich nicht auseinanderhalten lassen: Die Zeugen haben dasselbe gesehen — oder sie erzählen entlang derselben normativen Vorlage. Beides erklärt Übereinstimmung gleich gut.
Was behauptet wird
C behauptet Der Leichnam sei über Tage geschrumpft und schließlich bis auf Haare und Nägel verschwunden. Diese Aussage stammt von Personen aus dem Umfeld des Verstorbenen, erhoben Jahre später. Ein physischer Beleg existiert nicht.
C behauptet Über dem Haus seien Regenbögen erschienen, Lichter und Musik seien wahrgenommen worden. Regenbögen über osttibetischen Tälern sind meteorologisch unauffällig; ihre Deutung als Zeichen ist die eigentliche Aussage.
C behauptet Der Vorgang sei ein Beleg für die Auflösung der Materie durch Geistesschulung. Das ist keine Beobachtungsaussage, sondern eine theologische. Sie kann aus dem Berichteten nicht gefolgert werden, auch wenn das Berichtete zuträfe.
Erklärungsansätze
Austrocknung. Ein extrem abgemagerter, sehr alter Körper verliert in großer Höhe bei niedriger Luftfeuchte und kühlen Temperaturen sehr schnell Wasser. Mumifizierung statt Verwesung ist in solchen Klimazonen der Normalfall, und ein mumifizierender Körper wird sichtbar kleiner. Was diese Erklärung nicht leistet: das vollständige Verschwinden innerhalb einer Woche. Sie erklärt einen Teil der Beobachtung, nicht den Kern der Behauptung.
Bestattung oder Entfernung durch Schüler. Der naheliegendste Ablauf ist zugleich der unhöflichste: Der Leichnam wurde nach den üblichen Riten fortgeschafft, und die Deutung entstand um diese Handlung herum. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es so war — es gibt aber auch keinen, der es ausschlösse.
Erinnerungsangleichung. Die psychologische Forschung zu Zeugenaussagen ist hier eindeutig: Erinnerungen an emotional dichte Ereignisse gleichen sich über Jahre an das an, was in der Gruppe erzählt wird. Wenn eine Gemeinschaft über ein Ereignis eine vorgeprägte Erzählform besitzt, wandert die Erinnerung in diese Form hinein. Das ist keine Lüge und kein Betrug, sondern die normale Arbeitsweise des Gedächtnisses.
Keiner dieser Ansätze ist überprüft, und keiner kann überprüft werden. Es gibt kein Objekt, keine Messung, keine Aufzeichnung. Wer hier von einer Erklärung spricht, meint eine Möglichkeit.
Was widerlegt ist
D widerlegt Die im Westen verbreitete Vorstellung, tibetische Meister erschüfen willentlich eigenständige Gedankenwesen, sogenannte Tulpas, die sich verselbständigen und bösartig werden könnten, hat in tibetischen Quellen praktisch keine Grundlage. Die Religionswissenschaftler Natasha Mikles und Joseph Laycock haben die Herkunft des Begriffs nachgezeichnet: Er entstand als Mischbildung aus theosophischen Ideen des späten 19. Jahrhunderts und dem tibetischen Wort sprul pa, das im Buddhismus eine Emanationsform bezeichnet und keine private Schöpfung.
D widerlegt Die populäre Quelle dafür ist Alexandra David-Néel, die 1929 schilderte, sie habe durch monatelange Übung die Gestalt eines Lama hervorgebracht, der zunehmend eigenständig geworden sei. Ihre Schilderung ist als Selbstbericht überliefert und in keiner Weise bestätigt; als Beleg für eine tibetische Lehre trägt sie nicht.
Was offen bleibt
Alles. Und zwar in einem Sinn, der ausgesprochen werden sollte: Ungeklärt heißt hier nicht, dass eine schwierige Frage noch nicht beantwortet wurde. Es heißt, dass die Frage in dieser Form gar nicht gestellt werden kann. Zwischen dem, was berichtet wird, und dem, was prüfbar wäre, liegt kein Erkenntnisproblem, sondern schlicht ein fehlender Gegenstand.
Bestätigt erklärt ist der Fall nicht. Beleg für etwas Außergewöhnliches ist er ebenso wenig. Wer ihn in die eine oder die andere Richtung entscheidet, entscheidet ihn aus Vorannahmen.
Warum uns das beschäftigt
Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.
Der Regenbogenkörper ist im Dzogchen keine Aussage über Leichenchemie. Er ist eine Aussage über die Natur des Geistes: dass das, was wir für feste Wirklichkeit halten, in der vollendeten Erkenntnis nicht mehr trägt. Wer den Fall als Behauptung über Zerfallsprozesse liest, hat die Tradition missverstanden, aus der er stammt — und zwar in genau der Richtung, in der der Westen tibetische Religion seit hundert Jahren missversteht.
Der Umweg über den Tulpa zeigt das Muster im Kleinen. Eine westliche Autorin schreibt eine Anekdote, die Theosophie liefert das Gerüst, das Internet macht daraus eine tibetische Lehre — und am Ende steht ein Wort, das in Tibet niemand in diesem Sinne benutzt hat. Dieselbe Maschine, die aus sprul pa den Tulpa gemacht hat, macht aus ʼja lus ein physikalisches Wunder.
Was bleibt, ist eine unbequeme Doppelheit. Man kann die Berichte nicht bestätigen, und man kann die Menschen, die sie geben, nicht als Betrüger behandeln — nichts spricht dafür. Man kann nur genau aufschreiben, wer was gesagt hat, wann er es gesagt hat und was fehlt. Das ist wenig. Es ist in diesem Fall aber alles, was ehrlich zu haben ist.
Quellen
- Francis V. Tiso: Rainbow Body and Resurrection. Spiritual Attainment, the Dissolution of the Material Body, and the Case of Khenpo A Chö. North Atlantic Books, Berkeley 2016.
- David Germano: Arbeiten zur Textgeschichte des rDzogs chen, u. a. Architecture and Absence in the Secret Tantric History of the Great Perfection, Journal of the International Association of Buddhist Studies 17 (1994).
- Natasha L. Mikles, Joseph P. Laycock: Tracking the Tulpa. Exploring the „Tibetan“ Origins of a Contemporary Paranormal Idea. Nova Religio 19,1 (2015).
- Alexandra David-Néel: Mystiques et magiciens du Tibet (1929), deutsch als Heilige und Hexer.
- Psi Encyclopedia der Society for Psychical Research, Artikel Thoughtforms: psi-encyclopedia.spr.ac.uk
Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.