umstritten

Roanoke — die „Lost Colony“

Kein spurloses Verschwinden, sondern eine Adresse, der niemand folgte

Wann
1587
Wo
Roanoke Island und Hatteras Island, North Carolina, USA
Feld
Ungelöst
Geprüft
2026-08-04

1587 setzte eine englische Siedlergruppe auf Roanoke Island an Land. Als Gouverneur John White 1590 mit Nachschub zurückkam, war die Siedlung leer — ohne Leichen, ohne Kampfspuren, mit dem Wort CROATOAN in einem Pfosten. White las das als Ortsangabe, nicht als Rätsel. Grabungen auf Hatteras und am Albemarle Sound haben seit 2009 Funde erbracht, die zu einer Aufteilung der Gruppe und einem Aufgehen bei den Croatoan passen. Bewiesen ist das nicht: Die Datierungen sind unscharf, die Stichproben klein, und die beteiligten Archäologen formulieren deutlich vorsichtiger als die Schlagzeilen von 2025.

Was gesichert ist

A dokumentiert Im Sommer 1587 landete eine Gruppe englischer Siedler unter Gouverneur John White auf Roanoke Island im heutigen North Carolina. Whites eigener Reisebericht, überliefert in Richard Hakluyts Sammlung der englischen Seefahrten, ist die Hauptquelle für alles Weitere.

A dokumentiert White segelte noch im selben Jahr nach England zurück, um Nachschub zu holen. Der Seekrieg mit Spanien hielt ihn dort fest. Erst im August 1590 erreichte er Roanoke wieder.

A dokumentiert Die Siedlung war leer. White fand keine Leichen, keine Gräber, keine Kampfspuren. In einen Pfosten der Befestigung war das Wort CROATOAN geschnitten, in einen Baum die Buchstaben CRO.

A dokumentiert White selbst deutete die Inschrift nicht als Rätsel. Nach seiner Darstellung hatte er mit den Siedlern vor der Abreise vereinbart, im Fall eines Umzugs den Zielort zu hinterlassen — und ein Kreuz darüber, falls der Aufbruch unter Zwang geschehe. Ein Kreuz fehlte.

A dokumentiert Croatoan war der Name der Insel, die heute Hatteras heißt, und der dort lebenden Gemeinschaft. Über den Dolmetscher Manteo bestand zu ihr seit Jahren eine Verbindung.

A dokumentiert White erreichte Hatteras nicht. Ein Sturm und der Zustand seiner Schiffe erzwangen die Umkehr. Er sah die Kolonie nie wieder.

Chronologie

  • Juli/August 1587 — Landung auf Roanoke Island; White segelt nach England. A
  • August 1590 — Rückkehr. Die Siedlung ist leer, CROATOAN steht im Pfosten. Der Sturm verhindert die Fahrt nach Hatteras. A
  • seit 2009 — Die Croatoan Archaeological Society gräbt auf Hatteras, wissenschaftlich begleitet von Mark Horton und Scott Dawson. A
  • 2012 — Die First Colony Foundation beginnt unter Nicholas Luccketti Grabungen an einer Stelle am Albemarle Sound, die sie „Site X“ nennt; 2014 wird die Fläche ausgeweitet. A
  • 2025 — Bericht über große Mengen Hammerschlag unter einer historischen Abfallschicht auf Hatteras; Tierzähne aus derselben Schicht werden an der University of California, Irvine, auf das späte 16. Jahrhundert datiert. A

Die Quellenlage

Zwischen 1587 und 1590 gibt es nichts. Kein Brief, kein Logbuch, keine Aussage eines Siedlers. Der gesamte Fall hängt an einem einzigen Dokument — Whites Bericht über seine Rückkehr — und an dem, was seither aus dem Boden kommt.

Whites Bericht ist eine Primärquelle, aber keine neutrale. Er war Gouverneur der Kolonie, Großvater eines dort geborenen Kindes und musste in England erklären, warum er drei Jahre lang nicht zurückgekehrt war. Dass er die Inschrift beruhigend deutete, ist nachvollziehbar und macht seine Deutung nicht falsch — es macht sie zu einer Deutung.

Alles, was danach kommt, ist zweiter Hand. Erzählungen aus der Jamestown-Zeit ab 1607, die von Überlebenden im Landesinneren und von deren späterer Tötung sprechen, tauchen zwei Jahrzehnte nach dem Befund auf und beruhen auf Hörensagen. Die Quellenkette bricht dort ab, wo sie beginnen müsste.

Was behauptet wird

C behauptet Die Kolonie sei spurlos verschwunden. Das war nie der Befund. Es fehlten Leichen und Kampfspuren, aber nicht Hinweise: Ein Wort stand im Pfosten, und der Mann, der es fand, wusste, was es bedeutete.

C behauptet Der sogenannte Dare Stone, ein 1937 aufgetauchter beschrifteter Stein, der von Eleanor Dare stammen soll, belege das Schicksal der Gruppe. Für seine Echtheit gibt es keinen tragfähigen Beleg; die Serie weiterer Steine, die in den Jahren danach auftauchte, gilt als Fälschung.

C behauptet Die Siedler seien von benachbarten Gruppen massakriert worden. Für die verbreiteten Massaker-Erzählungen fehlen zeitgenössische Belege; sie stützen sich auf spätere Nacherzählungen.

C behauptet Im April 2025 sei das Rätsel gelöst worden. Die Schlagzeilen dieser Wochen gehen deutlich über das hinaus, was die beteiligten Wissenschaftler selbst sagen.

Erklärungsansätze

Aufteilung und Aufgehen bei den Croatoan. Die Grabungen der Croatoan Archaeological Society auf Hatteras haben seit 2009 europäisches Material in Schichten erbracht, die vor die dauerhafte englische Besiedlung zu datieren scheinen. 2025 kamen große Mengen Hammerschlag hinzu — die Zunderflocken, die beim Schmieden abspringen. Sie lagen unter einer historischen Abfallschicht; Tierzähne aus derselben Schicht wurden an der University of California, Irvine, auf das späte 16. Jahrhundert datiert. Dazu kommt eine elisabethanische Musketenkugel, gefunden in einem Hirschkiefer. Mark Horton spricht von einer friedlichen Assimilation — die Siedler seien nicht umgekommen, sondern Teil der Gemeinschaft geworden, die ihren Namen in den Pfosten geschrieben bekam. A Binnenwanderung nach Site X. Parallel dazu hat die First Colony Foundation unter Nicholas Luccketti seit 2012 am Albemarle Sound gegraben. Die Funde — Border-Ware-Keramik, ein Vorratskrug, Zündpfannen von Steinschlossgewehren, Fellhaken — stammen aus dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert. Das passt zu der Annahme, dass sich die Gruppe teilte: ein Teil zu den Croatoan an die Küste, ein Teil landeinwärts. A Was gegen beides spricht. Die Zeitfenster überschneiden sich mit dem frühen englischen Handel. Beth Scaffidi von der University of California, Merced, die Isotopenanalysen und Radiokarbondatierungen an Faunenmüll durchgeführt hat, sagt es selbst: Es könnten Artefakte des späten 16. Jahrhunderts sein, es könnte aber auch Handel des 17. Jahrhunderts sein. Die Stichproben sind klein, die Datierungen unscharf, und die Fundstellen erodieren.

Was widerlegt ist

D widerlegt Das Bild vom spurlosen Verschwinden ist durch die Primärquelle selbst widerlegt. White beschrieb einen geordneten Aufbruch: Die Häuser waren abgebaut, schwere Gegenstände vergraben, das vereinbarte Notzeichen fehlte. Wer von einem Verschwinden ohne Hinweis spricht, hat den Bericht nicht gelesen, auf den er sich beruft.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Die Datierung der Hatteras-Funde wurde nicht der Grabung überlassen: Radiokarbondatierung und Isotopenanalysen an Tierresten liefen extern, an der University of California, Irvine, und unter Beteiligung von Beth Scaffidi.

B berichtet Die Stratigrafie — Hammerschlag unterhalb einer datierbaren Abfallschicht — ist das eigentliche Argument, weil sie eine relative Abfolge liefert und nicht nur ein Alter. Ob die Schicht überall ungestört ist, lässt sich an einer erodierenden Küstenfundstelle nur begrenzt sichern.

Was offen bleibt

Kein einziger Siedler ist identifiziert. Es gibt keine europäischen Skelettreste, keine Bestattung, keinen Gegenstand mit Namen. Was es gibt, sind Werkstattreste, Keramikscherben und Waffenteile an zwei Orten, an denen sie im späten 16. Jahrhundert nur von Engländern stammen könnten — falls sie aus dem späten 16. Jahrhundert stammen.

Genau daran hängt der Fall. Die archäologische Erzählung ist plausibel, sie wird belastbarer, und sie ist nicht bewiesen. Ein Handelsposten des 17. Jahrhunderts hinterlässt denselben Müll wie eine assimilierte Siedlergruppe des 16. Jahrhunderts. Solange die Datierungen so breit sind, wie sie sind, bleibt beides möglich.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Roanoke ist der Fall, in dem die Antwort von Anfang an dastand — in Großbuchstaben, in Holz geschnitten. Sie wurde nicht überlesen, sondern nicht verfolgt: Ein Sturm drehte die Schiffe, und danach fuhr niemand mehr hin. Aus einer unerledigten Reise wurde über vier Jahrhunderte ein Mysterium.

Das Muster wiederholt sich in dieser Sektion immer wieder. Eine Lücke in der Überlieferung wird nicht als Lücke behandelt, sondern als Aussage. Je länger niemand nachschaut, desto rätselhafter erscheint, was niemand nachgeschaut hat.

Bemerkenswert ist deshalb weniger, was auf Hatteras gefunden wurde, als wie darüber gesprochen wird. Die Presse schrieb im Frühjahr 2025 vom gelösten Rätsel. Die Forscherin, deren Datierungen den Kern der Sache bilden, schrieb, es könne auch anders sein. Beide Sätze beziehen sich auf denselben Befund. Nur einer davon ist überprüfbar.

Quellen

  • First Colony Foundation: Lost Colony Is Found. firstcolonyfoundation.org
  • John White: Bericht über die Fahrt von 1590, in Richard Hakluyt: The Principal Navigations, Voyages, Traffiques and Discoveries of the English Nation (1600)
  • First Colony Foundation, Grabungsberichte zu „Site X“ (Leitung Nicholas Luccketti), ab 2012
  • Croatoan Archaeological Society, Grabungen auf Hatteras Island (Mark Horton, Scott Dawson), ab 2009
  • Radiokarbondatierungen und Isotopenanalysen: University of California, Irvine, und Beth Scaffidi, University of California, Merced

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.