umstritten

Stradivari: das Rätsel, das vielleicht keines ist

Widerlegt ist nicht das Geheimnis, sondern die Annahme, dass Fachleute es hören

Wann
Instrumente ca. 1666–1737 · Blindtests 2010–2017
Wo
Cremona; Tests in Indianapolis, Paris und New York
Feld
Können
Geprüft
2026-08-04

Seit über zweihundert Jahren wird das Geheimnis der Cremoneser Geigen gesucht: im Lack, im Holz aus der Kleinen Eiszeit, in chemischer Behandlung, in der Wölbung. Die naheliegende Vorfrage wurde erstaunlich lange nicht gestellt — hört man den Unterschied überhaupt? Die Gruppe um Claudia Fritz und Joseph Curtin hat das dreimal doppelblind geprüft, mit Spielern und mit Zuhörern. Ergebnis: kein verlässlicher Unterschied und eine leichte Präferenz für neue Instrumente. Die Studien sind in der Musikwelt umstritten, ihre Kritikpunkte sind real.

Was gesichert ist

A dokumentiert Die Arbeitsgruppe um die Akustikerin Claudia Fritz (CNRS/Sorbonne) und den Geigenbauer Joseph Curtin führte drei Doppelblindstudien durch. Die Spielerinnen und Spieler trugen abgedunkelte Schweißerbrillen; die Kinnhalter wurden parfümiert, um Geruchshinweise auszuschließen.

A dokumentiert 2012 (PNAS 109/3, S. 760–763): 21 erfahrene Geigerinnen und Geiger, sechs Instrumente — drei neue, drei alt-italienische, darunter zwei Stradivari von etwa 1700 und 1715 sowie eine Guarneri del Gesù von etwa 1740. Die beliebteste Geige war eine neue, die unbeliebteste eine Stradivari. Von 17 Testpersonen, die das Alter ihrer Lieblingsgeige errieten, lagen 3 richtig und 7 falsch; 7 hatten keine Vermutung.

A dokumentiert 2014 (PNAS 111/20): 10 international konzertierende Solistinnen und Solisten, 12 Instrumente — sechs neue und sechs alt-italienische, davon fünf Stradivari. Zwei Sitzungen zu je 75 Minuten, erst im Probenraum, dann in einem Konzertsaal mit 300 Plätzen. Sechs von zehn wählten eine neue Geige als Favoritin; die ersten beiden Plätze belegten neue Instrumente.

A dokumentiert 2017 (PNAS 114/21): Ausweitung auf Zuhörer in Konzertsälen in Paris und New York, mehrere hundert Personen, darunter Fachpublikum. Neue Geigen wurden im Mittel als besser projizierend wahrgenommen und bevorzugt. Auch die Zuhörer konnten alt und neu nicht zuverlässig unterscheiden.

A dokumentiert Antonio Stradivari arbeitete in Cremona etwa von 1666 bis zu seinem Tod 1737. Instrumente aus seiner Werkstatt erzielen Preise im zweistelligen Millionenbereich.

Chronologie

  • ca. 1666–1737 — Stradivaris Werkstattzeit in Cremona. A
  • 19. Jahrhundert — Der Ruf der Cremoneser Instrumente verfestigt sich; die Suche nach dem Geheimnis beginnt. B
  • 2010, Indianapolis — Erster Blindtest der Fritz-Curtin-Gruppe. A
  • 2012 — Veröffentlichung der Spielerstudie in PNAS 109/3. A
  • 2013, New York — Solistenstudie in der Great Hall der Cooper Union, Vorstudie in Paris. A
  • 2014 — Veröffentlichung der Solistenstudie in PNAS 111/20. A
  • 2017 — Veröffentlichung der Zuhörerstudie in PNAS 114/21. A

Die Quellenlage

Hier liegt der seltene Fall vor, dass die Belege nicht historisch, sondern experimentell sind — und dass sie in einer der angesehensten naturwissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind, dreimal, mit unterschiedlichen Versuchsanordnungen und wachsender Stichprobe.

Die Gegenseite argumentiert überwiegend nicht mit eigenen Daten, sondern mit Einwänden gegen die Anordnung. Das ist kein Vorwurf: Die Einwände sind teilweise berechtigt, und ein Gegenexperiment wäre aufwendig, weil man Spitzeninstrumente und Spitzenspieler zugleich braucht. Der Stand ist deshalb asymmetrisch — es gibt Daten auf einer Seite und begründeten Zweifel an ihrer Reichweite auf der anderen.

Was behauptet wird

C behauptet Der Lack sei das Geheimnis. Analysen an Originalinstrumenten zeigen gewöhnliche Materialien der Zeit, Öl-Harz-Lacke, teils mit mineralischen Zusätzen. Ein Alleinstellungsmerkmal ist nicht gefunden worden.

C behauptet Das Holz aus der Kleinen Eiszeit mit besonders engen Jahrringen mache den Klang. Die Dendrochronologie bestätigt die engen Ringe. Dass sie akustisch entscheidend seien, ist nicht gezeigt.

C behauptet Eine chemische Behandlung mit Borax oder Mineralsalzen sei der Schlüssel. Für einzelne Instrumente sind Salzspuren nachgewiesen, für eine systematische Praxis nicht.

C behauptet Fachleute erkennen eine Stradivari am Klang. In allen drei Studien gelang das weder Spielern noch Zuhörern zuverlässig.

C behauptet Neue Geigen klängen besser als alte. Auch das sagen die Studien nicht. Sie zeigen keinen verlässlichen Unterschied und eine leichte, nicht überwältigende Präferenz für neue Instrumente.

Erklärungsansätze

Was die Studien tatsächlich zeigen. Nicht, dass Stradivaris schlecht klingen. Sondern, dass der behauptete Unterschied unter Bedingungen, in denen niemand weiß, was er in der Hand hat, nicht verlässlich auftritt. Die Beweislast hat sich damit umgekehrt: Wer eine akustische Überlegenheit behauptet, muss sie zeigen, und drei Versuche, sie zu zeigen, sind gescheitert.

Die Kritik, in ihrer stärksten Form. Sie ist ernstzunehmen. Die Stichproben sind klein. Die Kennenlernzeit ist kurz: Ein Solist spielt sein eigenes Instrument über Jahre ein, lernt seine Eigenheiten, passt Bogenführung und Vibrato an — das lässt sich in 75 Minuten nicht nachbilden. Nicht alle Instrumente waren in gleichem Zustand; ein historisches Instrument, das jahrzehntelang wenig gespielt wurde, klingt anders als eines im täglichen Gebrauch. Und die Auswahl der Vergleichsgeigen entscheidet über das Ergebnis mit. Diese Einwände widerlegen die Studien nicht, aber sie begrenzen, was aus ihnen folgt.

Die naheliegende Erklärung für die Verehrung. Was gehört wird, ist zu einem erheblichen Teil das Wissen: dreihundert Jahre Hände, ein Name, ein Preis, die Vorstellung von Cremona. Der Klang wird durch das Wissen mitproduziert. Das ist kein Vorwurf an die Hörenden — es ist die Funktionsweise von Wahrnehmung. Erwartung ist kein Störfaktor, den man abziehen könnte; sie ist Teil dessen, was ankommt.

Was Fritz und Curtin selbst sagen. Sie argumentieren nicht gegen alte Geigen. Ihr erklärtes Ziel ist, den Mythos der Unerreichbarkeit zu schwächen und damit den zeitgenössischen Geigenbau zu stärken — der andernfalls gegen eine Behauptung anspielt, die niemand prüfen darf. Diese Absicht gehört zur fairen Wiedergabe.

Was widerlegt ist

D widerlegt Die Annahme, erfahrene Spielerinnen und Spieler könnten alt-italienische Instrumente am Klang zuverlässig erkennen. In drei Anordnungen ist das misslungen.

D widerlegt Die Annahme, geübte Zuhörer könnten es. Die Studie von 2017 prüft genau das, mit mehreren hundert Personen.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Drei Studien mit wachsender Stichprobe, unterschiedlichen Räumen und unterschiedlichen Rollen — Spieler, Solisten, Publikum — kamen zu vereinbaren Ergebnissen.

A dokumentiert Die Anordnung wurde zwischen den Durchgängen auf Kritik hin verändert: vom Hotelzimmer zum Konzertsaal, von erfahrenen Amateuren zu internationalen Solisten, vom Spieler zum Zuhörer.

A dokumentiert Die Fachzeitschrift The Strad und Teile der Musikwelt haben die Studien ausführlich kritisiert; die Kritik ist dokumentiert und nachlesbar, nicht unterdrückt.

Was offen bleibt

Ob es einen messbaren akustischen Unterschied gibt, der unter anderen Bedingungen hörbar würde, ist nicht entschieden. Ein Test mit monatelanger Eingewöhnungszeit hat nie stattgefunden und wäre praktisch schwer durchführbar — aber er wäre die eigentlich interessante Anordnung.

Offen ist auch, was ein Instrument über Jahrzehnte mit einem Spieler macht und umgekehrt. Dass sich Instrument und Musiker aneinander anpassen, ist unter Musikern Konsens und experimentell kaum erfasst.

Und offen bleibt die Bewertungsfrage, die keine Messung beantwortet: Ein Kulturgut ist mehr als seine Messwerte. Handwerksgeschichte, Materialbestand und die Möglichkeit, an einem erhaltenen Objekt zu forschen, hängen nicht daran, ob es im Blindtest gewinnt.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Alle anderen Fälle in dieser Abteilung fragen, ob wir wiederfinden können, was verloren ging. Dieser fragt etwas anderes: War da überhaupt etwas.

Die Antwort ist unbequem und tröstlich zugleich. Die Verehrung der Stradivari ist nicht falsch — sie ist nur nicht akustisch begründet. Wer eine Stradivari hört und ergriffen ist, wird nicht getäuscht. Die Ergriffenheit ist echt. Sie kommt bloß nicht allein aus dem Holz.

Das ist ein Gedanke, der sich in jede Richtung wenden lässt, in die eine Praxis gehen kann. Ein Ort ist heilig, weil dort gebetet wurde. Ein Text trägt, weil Generationen ihn getragen haben. Ein Ritual wirkt, weil Menschen es wiederholt haben, bis es die Form hatte, die es hat. Die Bedeutung sitzt nicht im Gegenstand, sie sitzt in der Beziehung zu ihm — und das entwertet nichts, es verschiebt nur, wo man suchen muss.

Es erklärt nebenbei, warum ein neues Instrument, ein neuer Text, eine neu begonnene Praxis sich zuerst immer leer anfühlt. Ihnen fehlt nichts außer der Zeit. Wer das weiß, hört auf, das Leere für einen Mangel an Qualität zu halten, und fängt an, es für einen Mangel an Geschichte zu halten. Der eine Mangel lässt sich nicht beheben. Der andere behebt sich von selbst, wenn man bleibt.

Quellen

  • Claudia Fritz, Joseph Curtin, Jacques Poitevineau, Palmer Morrel-Samuels, Fan-Chia Tao: Player preferences among new and old violins. PNAS 109(3), 2012, S. 760–763. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  • Claudia Fritz et al.: Soloist evaluations of six Old Italian and six new violins. PNAS 111(20), 2014. pnas.org
  • Claudia Fritz et al.: Listener evaluations of new and Old Italian violins. PNAS 114(21), 2017. pnas.org
  • Players favour new violins over old in largest ever blind testing experiment. The Strad — Fachperspektive und Kritik. thestrad.com
  • Strings Magazine zur Diskrepanz zwischen Marktwert und Testergebnis. stringsmagazine.com

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.