Die Tanzwut von Straßburg
Ein aktenkundiges Ereignis, umstrittene Zahlen, eine populäre Erklärung, die nicht trägt
- Wann
- 1518
- Wo
- Straßburg, Elsass
- Feld
- Kollektiv
- Geprüft
- 2026-08-04
Im Juli 1518 begann in Straßburg eine Frau zu tanzen und hörte tagelang nicht auf; binnen Wochen tanzten Dutzende, später mehrere hundert Menschen mit. Der Rat verordnete zunächst mehr Tanz, räumte Zunfthäuser und stellte Musiker ab — und verschlimmerte die Lage. Dass die Obrigkeit 1518 mit einem Tanzphänomen befasst war, ist aktenkundig. Die berühmten Zahlen stammen aus einer einzigen späteren Chronik, und die verbreitete Mutterkorn-Erklärung hält der Prüfung nicht stand.
Was gesichert ist
A dokumentiert Ratsverfügungen und Verwaltungsvorgänge im Straßburger Stadtarchiv belegen, dass sich die städtische Obrigkeit im Jahr 1518 mit einem Tanzphänomen befasste und Maßnahmen beschloss. Das ist der harte Kern des Falls: Das Ereignis ist aktenkundig.
B berichtet Überliefert ist, dass im Juli 1518 eine Frau — in den Quellen als „Frau Troffea“ genannt — in einer Straßburger Gasse zu tanzen begann und tagelang nicht aufhörte, und dass sich binnen einer Woche etwa drei Dutzend Menschen anschlossen.
A dokumentiert Der Rat reagierte zunächst mit der Diagnose, es handle sich um natürliche Hitze im Blut, die man austanzen müsse. Zunfthäuser wurden geräumt, Musiker abgestellt. Als sich die Lage verschlimmerte, wurde Musik verboten und die Tanzenden wurden zur Vitus-Kapelle bei Zabern gebracht.
B berichtet Sebastian Brant, der Verfasser des „Narrenschiffs“, war zu dieser Zeit Stadtschreiber und Syndikus in Straßburg.
A dokumentiert Paracelsus besuchte Straßburg 1526 und behandelte den Fall in seiner Schrift Von den Krankheiten, so die Vernunft berauben. Er prägte dafür den Begriff chorea lasciva und lehnte die Deutung als Strafe eines Heiligen ausdrücklich ab.
Chronologie
- Juli 1518 — Beginn: eine Frau tanzt in einer Gasse und hört nicht auf. B
- Innerhalb einer Woche — Rund drei Dutzend Menschen tanzen mit. B
- Sommer 1518 — Der Rat verordnet mehr Tanz, räumt Zunfthäuser, stellt Musiker ab. A
- Danach — Kehrtwende: Musikverbot, Verbringung der Tanzenden zur Vitus-Kapelle bei Zabern. A
- September 1518 — Das Phänomen klingt ab. B
- 1526 — Paracelsus behandelt den Fall und prägt den Begriff chorea lasciva. A
- Spätes 16. Jahrhundert — Daniel Specklins „Collectanea“ liefern die bis heute zitierten Zahlen. B
- 1870 — Specklins Original verbrennt bei der Beschießung Straßburgs; überliefert ist eine Abschrift. A
- 2008 — John Waller legt A Time to Dance, a Time to Die vor. A
- 2018 — Kélina Gotman widerspricht in Choreomania der psychiatrischen Rückdiagnose. A
Die Quellenlage
Der Fall zerfällt sauber in zwei Schichten, und fast alle Missverständnisse entstehen daraus, dass sie vermischt werden.
Die erste Schicht ist die Verwaltung. Ratsprotokolle und Verfügungen belegen, dass etwas geschah, dass es die Stadt beschäftigte, und dass sie darauf mit konkreten Maßnahmen reagierte. Diese Schicht ist zeitgenössisch und amtlich.
Die zweite Schicht sind die Zahlen — und sie ruhen auf einer einzigen Quelle. Daniel Specklins „Collectanea“ aus dem späten 16. Jahrhundert, also mehrere Jahrzehnte nach den Ereignissen, nennen über 400 Tanzende und die Angabe, es seien zeitweise bis zu fünfzehn Menschen am Tag gestorben. Diese Zahlen stammen nicht aus zeitgenössischen Sterberegistern. Sie stehen in keiner Ratsakte. Und Specklins Original ist 1870 bei der Beschießung Straßburgs verbrannt; überliefert ist eine Abschrift.
Wer also „über 400 Tanzende“ oder „fünfzehn Tote pro Tag“ schreibt, sollte dazusagen, woher die Zahl kommt. Sie ist nicht erfunden, aber sie ist eine späte, einzelne, nicht mehr im Original prüfbare Angabe.
Was behauptet wird
C behauptet Über 400 Menschen hätten getanzt und bis zu fünfzehn seien täglich gestorben. Beides steht allein in Specklins „Collectanea“, einer Chronik des späten 16. Jahrhunderts, deren Original nicht mehr existiert.
C behauptet Die Tanzenden seien reihenweise an Erschöpfung, Herzversagen oder Schlaganfall gestorben. Für Todesfälle gibt es keine zeitgenössische Registerangabe. Dass alle oder auch nur die meisten Tanzenden starben, behauptet keine Quelle.
C behauptet Mutterkorn im Roggen habe die Vergiftung ausgelöst. Diese Erklärung ist die mit Abstand verbreitetste — und sie trägt nicht (siehe unten).
C behauptet Es habe sich um einen Kult oder eine verbotene religiöse Sekte gehandelt. Für diese in der älteren Literatur vertretene Deutung gibt es in den Straßburger Akten keinen Anhalt.
Erklärungsansätze
Warum Mutterkorn nicht trägt. Die Ergotismus-These klingt gut und ist in Reiseführern und Videos allgegenwärtig. Gegen sie sprechen vier Punkte, jeder für sich schwerwiegend. Erstens verengen Ergotalkaloide die Blutgefäße; wer damit vergiftet ist, tanzt nicht tagelang koordiniert, sondern bekommt Krämpfe und im schweren Fall Gangrän. Zweitens fehlen sämtliche Berichte über geschwärzte Gliedmaßen — bei einer Massenvergiftung dieses Ausmaßes das auffälligste Merkmal überhaupt. Drittens trifft Mutterkorn ganze Haushalte, die dasselbe Brot essen; die Ausbreitung in Straßburg folgte aber sozialen Wegen, nicht denen des Getreides. Viertens sind Tanzereignisse dieser Art auch aus Regionen berichtet, in denen Roggen nicht Grundnahrungsmittel war.
Massenpsychogenes Ereignis. Der Historiker John Waller deutet den Vorgang in A Time to Dance, a Time to Die (2008) als dissoziativen Trancezustand. Seine Rekonstruktion ist zweistufig: Die Not war extrem — Missernten 1517, Syphilis, Pest, der sogenannte englische Schweiß —, aber Not allein erzeugt kein Tanzen. Die Form lieferte eine konkrete lokale Angst: der Glaube, der heilige Vitus könne Menschen mit Tanzzwang strafen. Wer in dieser Vorstellungswelt lebt und unter dauerhaftem Druck steht, hat eine fertige Ausdrucksform für den Zusammenbruch bereitliegen. Die Erwartung erzeugt die Gestalt des Symptoms.
Der Einwand gegen die Rückdiagnose. Ein Teil der Geschichtswissenschaft hält jede psychiatrische Deutung eines Ereignisses von 1518 für anachronistisch. Kélina Gotman argumentiert in Choreomania (2018), „Choreomanie“ sei überhaupt erst eine Ordnungskategorie des 19. Jahrhunderts, die heterogene Ereignisse verschiedener Jahrhunderte nachträglich zu einem einzigen Phänomen bündelt. Dieser Einwand richtet sich nicht gegen die Akten, sondern gegen die Bündelung — und er ist ernst zu nehmen: Wir wissen nicht, ob 1518 in Straßburg dasselbe geschah wie bei den anderen Ereignissen, die heute unter demselben Etikett laufen.
Die Reaktion der Obrigkeit. Der Rat handelte nach seiner besten verfügbaren Theorie. Wenn zu viel Hitze im Blut die Ursache ist, muss man sie austanzen lassen — also Musiker, Räume, Gelegenheit. Das machte die Sache schlimmer. Als das erkennbar wurde, kehrte der Rat um und verbot Musik. Beides war rational im Rahmen des damaligen Wissens.
Was widerlegt ist
D widerlegt Die Mutterkorn-Erklärung. Sie ist mit dem berichteten Krankheitsbild, dem Fehlen von Gangrän-Berichten und dem Ausbreitungsmuster nicht vereinbar.
Was offen bleibt
Das Ausmaß. Zwischen den drei Dutzend der ersten Woche und den über 400 der Specklin-Chronik liegt eine Größenordnung, die sich nicht mehr klären lässt.
Die Todesfälle. Ob überhaupt Menschen starben, und wenn ja wie viele, ist aus den erhaltenen Quellen nicht zu beantworten.
Und die Deutung. Ob Wallers Modell zutrifft oder ob Gotman recht hat und wir eine moderne Kategorie über ein fremdes Ereignis legen, ist eine offene Debatte in der Fachliteratur — keine, die dieses Archiv entscheiden könnte.
Warum uns das beschäftigt
Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.
Zwei Dinge an diesem Fall sind wichtiger als die Frage, wie viele es waren.
Das erste: Leiden sucht sich die Form, die die eigene Kultur bereitstellt. Menschen unter unerträglichem Druck brechen nicht formlos zusammen. Sie brechen in einer Gestalt zusammen, die ihre Umgebung kennt und lesen kann. In Straßburg 1518 war das der Tanz, weil der Vitusfluch als Vorstellung verfügbar war. In anderen Zeiten und an anderen Orten ist es etwas anderes. Der Mechanismus bleibt, das Bild wechselt.
Das zweite: Die Obrigkeit machte es schlimmer, indem sie richtig handelte. Sie hatte eine Theorie, sie folgte ihr konsequent, und die Theorie war falsch. Das ist keine Dummheit früherer Jahrhunderte — das ist die Normallage jeder Institution, die unter Zeitdruck mit unvollständigem Wissen entscheiden muss. Wer sich darüber erhebt, hat noch nicht darüber nachgedacht, welche unserer heutigen Selbstverständlichkeiten in fünfhundert Jahren so aussehen wird.
Quellen
- Ratsverfügungen und Verwaltungsvorgänge, Straßburger Stadtarchiv (1518).
- Daniel Specklin: Collectanea (spätes 16. Jahrhundert), überliefert in Abschrift; Original 1870 verbrannt.
- Paracelsus: Von den Krankheiten, so die Vernunft berauben (1526).
- John Waller: A Time to Dance, a Time to Die. Icon Books 2008. Rezension in German History 27/2
- Kélina Gotman: Choreomania: Dance and the Shaping of Human Nature. Oxford University Press 2018.
- Essay mit Quellenüberblick: publicdomainreview.org · britannica.com
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