umstritten

TikTok-Tics: „mass social media-induced illness“ (MSMI)

Derselbe Mechanismus wie 1962 — nur ist der Blickkontakt heute algorithmisch

Wann
ab 2019/2021
Wo
Deutschland, Kanada, Großbritannien, USA, Australien
Feld
Kollektiv
Geprüft
2026-08-04

Ab 2019, verstärkt 2020 und 2021, sahen Bewegungsstörungs-Ambulanzen in mehreren Ländern eine Welle junger Menschen mit abrupt einsetzenden, Tourette-ähnlichen Tics. Auffällig war, dass viele dieselben komplexen Bewegungen und Lautäußerungen zeigten. Eine Hannoveraner Arbeitsgruppe beschrieb das 2021/22 als Massenerkrankung mit virtuellem Indexfall. Das klinische Bild ist gut belegt und vom Tourette-Syndrom klar unterscheidbar; umstritten bleibt, wie stark soziale Medien im Vergleich zur Pandemie-Isolation gewogen werden müssen.

Was gesichert ist

A dokumentiert Ab dem Frühjahr 2019, deutlich verstärkt 2020 und 2021, verzeichneten spezialisierte Ambulanzen für Bewegungsstörungen in Deutschland, Kanada, Großbritannien, den USA und Australien einen sprunghaften Anstieg junger Patientinnen und Patienten mit abrupt einsetzenden, Tourette-ähnlichen Tics.

A dokumentiert Ungewöhnlich war die Gleichförmigkeit: Viele zeigten dieselben komplexen Bewegungen und Lautäußerungen — teils wortwörtlich dieselben deutschen Ausrufe wie ein reichweitenstarker deutscher YouTuber mit diagnostiziertem Tourette-Syndrom.

A dokumentiert Kirsten Müller-Vahl, Anna Pisarenko, Ewgeni Jakubovski und Carolin Fremer beschrieben das Bild in Stop that! It's not Tourette's but a new type of mass sociogenic illness, erschienen online im August 2021 und gedruckt in Brain 145 (2022), S. 476–480. Dort wird der Begriff „mass social media-induced illness“ (MSMI) geprägt.

A dokumentiert Eine prospektive Kohortenstudie mit klinischem Vergleich zwischen MSMI und Tourette-Syndrom erschien 2023 in den European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience.

A dokumentiert Unabhängige Bestätigungen liegen aus mehreren Zentren vor, unter anderem aus Toronto und Calgary sowie aus britischen Kliniken.

A dokumentiert Die klinischen Unterscheidungsmerkmale zum Tourette-Syndrom sind mehrfach repliziert: Ersterkrankungsalter um 20 statt 6 bis 7 Jahre; schlagartiger statt schleichender Beginn; klare weibliche Mehrheit; komplexe Wörter und Sätze von Anfang an statt einfacher Tics; kein typisches Wandern der Symptome über Körperregionen; Verschlimmerung in Gesellschaft statt beim Alleinsein; schlechtes Ansprechen auf Tourette-Medikamente, gutes Ansprechen auf Psychotherapie.

Chronologie

  • Frühjahr 2019 — Erste Häufung in spezialisierten Ambulanzen. A
  • 2020/2021 — Deutlicher Anstieg während der Pandemie. A
  • 2021 — Müller-Vahl et al., Mind the Difference Between Primary Tics and Functional Tic-like Behaviors, in Movement Disorders. A
  • August 2021 — Online-Veröffentlichung der MSMI-Arbeit; gedruckt in Brain 145 (2022). A
  • 2022 — Weitere Fallserien und Übersichtsarbeiten, unter anderem in Frontiers in Psychiatry. A
  • 2023 — Prospektive Kohortenstudie in den European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience. A

Die Quellenlage

Sie ist für einen Fall dieser Art außergewöhnlich gut, und das aus einem einfachen Grund: Die Betroffenen kamen in Kliniken, wurden untersucht, dokumentiert und über Zeit nachverfolgt. Es gibt keine Rekonstruktion aus Zeitungsberichten und keine späte Chronik. Es gibt Krankenakten, standardisierte Erhebungen und eine prospektive Kohorte mit Vergleichsgruppe.

Was fehlt, ist etwas anderes: belastbare Zahlen zur Verbreitung außerhalb der spezialisierten Zentren. Die Studien beschreiben, wer in eine Ambulanz kam. Wie viele junge Menschen ähnliche Symptome hatten, ohne je einen Arzt aufzusuchen, weiß niemand.

Was behauptet wird

C behauptet Junge Menschen hätten sich Tourette bei TikTok abgeschaut oder es nachgeahmt. Diese Darstellung ist medizinisch falsch und persönlich verletzend. Funktionelle Tics sind keine Nachahmung und keine Willkürhandlung; die Betroffenen können sie nicht abstellen.

C behauptet Es handle sich um Aufmerksamkeitssuche. Weder die Fallserien noch die Kohortenstudie stützen diese Deutung. Ein Teil der Betroffenen litt erheblich, zog sich zurück und suchte gerade nicht die Öffentlichkeit.

C behauptet Ein einzelner Kanal habe die Welle ausgelöst. Der Fachbegriff „Indexfall“ bezeichnet den Ausgangspunkt einer Ausbreitungskette, nicht eine Schuld. Der betreffende YouTuber hat eine reale Erkrankung öffentlich gemacht — etwas, das für viele Menschen mit Tourette-Syndrom entlastend war.

Erklärungsansätze

Funktionelle Tic-artige Verhaltensweisen. Der fachliche Konsens ordnet das Bild als funktionelle Tic-artige Verhaltensweisen im Rahmen einer funktionellen neurologischen Störung ein. Das ist eine positive Diagnose, keine Ausschlussdiagnose: Sie stützt sich auf ein charakteristisches Profil, das sich in mehreren Ländern unabhängig gleich darstellte. Das Ersterkrankungsalter, der schlagartige Beginn, die komplexen Äußerungen von Anfang an, die Verschlimmerung in Gesellschaft und das Ansprechen auf Psychotherapie — jedes einzelne Merkmal weicht vom Tourette-Syndrom ab, und zusammen ergeben sie ein anderes Krankheitsbild.

Entscheidend ist, was das nicht heißt. Die Symptome sind echt. Sie sind nicht willentlich erzeugt und nicht willentlich abstellbar. Funktionelle Störungen sind keine Einbildung, sondern eine Fehlfunktion in der Steuerung von Bewegung und Wahrnehmung — mit dem einen Unterschied zum Tourette-Syndrom, dass sie auf andere Behandlungen anspricht. Diese Unterscheidung ist für die Betroffenen nicht akademisch, sondern der Unterschied zwischen wirksamer und unwirksamer Therapie.

Was umstritten ist. Die Kausalgewichtung. Die Hannoveraner Gruppe stellt mit dem Begriff MSMI die sozialen Medien in den Mittelpunkt. Ein Teil der Fachwelt hält das für zu kausal formuliert und verweist auf die gleichzeitigen Belastungen der Jahre 2020 und 2021: Isolation, unterbrochene Schulbildung, ein starker Anstieg von Angststörungen und Depressionen bei Jugendlichen. Diese Kritiker bevorzugen den neutraleren Begriff „funktionelle Tic-artige Verhaltensweisen“ und behandeln die Videoplattformen als einen Faktor unter mehreren. Der Streit ist nicht entschieden, und er ist kein Nebenstreit: Von der Antwort hängt ab, wo Prävention ansetzen müsste.

Was für die Medienerklärung spricht. Die Gleichförmigkeit der Symptome über Ländergrenzen hinweg, teils in wörtlichen Übernahmen bestimmter Ausrufe, ist mit allgemeiner Pandemiebelastung allein schwer zu erklären. Sie verlangt ein konkretes Vorbild.

Was dagegen spricht. Der zeitliche Verlauf beginnt vor der Pandemie, verstärkt sich mit ihr und flacht mit ihrem Ende ab. Das passt auch zu einem Belastungsmodell, in dem die Plattformen nur die Form liefern.

Was offen bleibt

Die Gewichtung der Ursachen. Ob soziale Medien der Auslöser waren oder der Kanal, durch den eine bereits vorhandene Belastung ihre Gestalt fand, ist nicht entschieden.

Der Begriff selbst. „Mass social media-induced illness“ ist eine Setzung, die die Frage in der Bezeichnung schon beantwortet. Ob er sich durchsetzt, ist offen.

Und der Langzeitverlauf. Die Kohorte von 2023 deckt einige Jahre ab. Wie es den Betroffenen zehn Jahre später geht, weiß derzeit niemand.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Wer die Akte zu Kashasha 1962 gelesen hat, erkennt hier alles wieder: eine Gruppe unter Druck, ein erster Fall, eine Form, die verfügbar ist, und eine Ausbreitung entlang der Linien, an denen Menschen einander sehen.

Der einzige Unterschied ist die Reichweite. In Kashasha reichte der Blickkontakt bis ans Ende des Schulhofs. Heute reicht er, kuratiert von einem Empfehlungssystem, um die Welt. Der Mechanismus hat sich nicht verändert, seine Geografie schon.

Zwei Dinge sind beim Aufschreiben dieses Falls wichtiger als alles andere. Erstens: Die Betroffenen leben, sie sind jung, und sie lesen mit. Sie haben sich nichts ausgedacht und niemanden getäuscht. Zweitens: Der YouTuber, dessen Ausrufe wiederkehrten, hat nichts falsch gemacht. Er hat eine echte Erkrankung sichtbar gemacht, und Sichtbarkeit ist für Menschen mit Tourette-Syndrom über Jahrzehnte das Fehlende gewesen. Dass ausgerechnet daraus eine Ausbreitungskette entstand, ist eine Eigenschaft des Mediums, nicht ein Vorwurf an eine Person.

Was bleibt, ist eine unbequeme Einsicht: Ansteckung braucht kein Virus. Sie braucht nur, dass genug Menschen unter Druck stehen und einander lange genug zusehen.

Quellen

  • Kirsten Müller-Vahl, Anna Pisarenko, Ewgeni Jakubovski, Carolin Fremer: Stop that! It's not Tourette's but a new type of mass sociogenic illness. Brain 145 (2022), S. 476–480 (online August 2021).
  • Prospektive Kohortenstudie: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience (2023). link.springer.com
  • Müller-Vahl et al.: Mind the Difference Between Primary Tics and Functional Tic-like Behaviors. Movement Disorders (2021). movementdisorders.onlinelibrary.wiley.com
  • Übersichtsarbeit mit Volltext: Frontiers in Psychiatry (2022). frontiersin.org
  • Deutsches Ärzteblatt: Funktionelle neurologische Störungen — vom Stigma der Hysterie lösen. aerzteblatt.de

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.