erklärt seit 1952

Verbrannte Bücher I: Die Maya-Codices und Diego de Landa

Der Mann, der die Bücher verbrannte, hinterließ den Schlüssel zu ihrer Lesung

Wann
12. Juli 1562 · Entzifferungsdurchbruch 1952
Wo
Autodafé von Maní, Yucatán
Feld
Schriften
Geprüft
2026-08-04

Der Franziskaner Diego de Landa ließ 1562 in Maní Maya-Bücher, Kultbilder und Gebeine öffentlich verbrennen; in seinem eigenen Bericht nennt er 27 Bücher. Vier Maya-Codices haben überlebt. Derselbe Landa notierte ein fehlerhaftes „Maya-Alphabet“, das er sich diktieren ließ — und genau dieser Fehler wurde 1952 in Moskau zum Ausgangspunkt der Entzifferung durch Juri Knorosow. Heute sind rund 85 bis 90 Prozent der Maya-Inschriften lesbar. Der Untergang der Maya-Buchkultur war dabei kein Nachmittag, sondern ein Prozess über Jahrhunderte.

Was gesichert ist

A dokumentiert Am 12. Juli 1562 fand in Maní auf der Halbinsel Yucatán ein Autodafé statt, bei dem der Franziskaner Diego de Landa Maya-Bücher, Kultbilder und Gebeine öffentlich verbrennen ließ.

A dokumentiert In seiner „Relación de las cosas de Yucatán“ (um 1566) nennt Landa selbst 27 Bücher und schreibt sinngemäß, sie hätten nichts als Aberglauben und Teufelslügen enthalten, weshalb man sie alle verbrannt habe.

A dokumentiert Vier Maya-Codices sind erhalten: der Codex Dresdensis (Sächsische Landesbibliothek Dresden), der Codex Madrid (Tro-Cortesianus), der Codex Paris (Peresianus) und der Codex Grolier, heute Códice Maya de México.

A dokumentiert Der Codex Dresdensis ist der besterhaltene. Er enthält Venustafeln, Eklipsentafeln und Ritualkalender und ist astronomisch der wichtigste der vier.

A dokumentiert Der Codex Grolier war jahrzehntelang als Fälschung verdächtigt. Eine umfassende Neuuntersuchung, an der unter anderem die Brown University beteiligt war, bestätigte 2016 seine Echtheit; 2018 erkannte ihn die mexikanische Denkmalbehörde INAH offiziell an. Er ist radiokarbondatiert ins 11. bis 12. Jahrhundert und damit das älteste erhaltene Buch Amerikas.

A dokumentiert Landa notierte in der „Relación“ ein „Maya-Alphabet“, das er sich von seinem Informanten Gaspar Antonio Chi diktieren ließ.

A dokumentiert Juri Knorosow erkannte 1952 in Moskau, dass dieses vermeintliche Alphabet in Wahrheit Silbenzeichen dokumentiert. Das wurde zum Grundstein der Entzifferung. Heute sind rund 85 bis 90 Prozent der Maya-Inschriften lesbar.

Chronologie

  • 11.–12. Jahrhundert — Entstehungszeit des Codex Grolier / Códice Maya de México nach Radiokarbondatierung. A
  • 12. Juli 1562 — Autodafé von Maní. A
  • um 1566 — Landa verfasst die „Relación de las cosas de Yucatán“, darin das sogenannte Maya-Alphabet. A
  • 1572 — Landa wird Bischof von Yucatán. Zum Zeitpunkt des Autodafés war er es noch nicht. A
  • 1952 — Knorosow veröffentlicht seine Deutung des Landa-Alphabets als Silbenschrift. A
  • 2016 — Neuuntersuchung bestätigt die Echtheit des Codex Grolier. A
  • 2018 — Offizielle Anerkennung durch die INAH. A

Die Quellenlage

Der zentrale Beleg für die Zerstörung stammt vom Täter. Landas „Relación“ ist zugleich das wichtigste Zeugnis über die Maya-Kultur des 16. Jahrhunderts und der Bericht dessen, der einen Teil dieser Kultur vernichtete. Diese Doppelrolle macht die Quelle schwierig: Sie ist detailliert, sie ist zeitnah, und sie hat ein Interesse.

Andere koloniale Quellen nennen höhere Zahlen verbrannter Bücher als Landa selbst. Diese Angaben sind nicht unabhängig prüfbar. Die Gesamtbilanz der Kolonialzeit ist nicht bezifferbar — es existiert keine Liste dessen, was es gab.

Die erhaltenen Codices selbst sind dagegen erstklassig dokumentiert: konserviert, digitalisiert, im Fall des Grolier naturwissenschaftlich untersucht. Der Codex Dresdensis ist als Digitalisat frei zugänglich.

Was behauptet wird

C behauptet Landa habe an einem Tag tausende Bücher verbrennen lassen. Seine eigene Angabe lautet 27; alle höheren Zahlen sind Schätzung oder Ausschmückung.

C behauptet Landa sei als Bischof für das Autodafé verantwortlich gewesen. Er wurde erst 1572 Bischof, zehn Jahre nach Maní.

D widerlegt Der Codex Grolier sei eine moderne Fälschung. Diese Einschätzung, unter anderem von J. Eric S. Thompson vertreten, wurde durch die Untersuchung von 2016 widerlegt; die INAH erkannte die Echtheit 2018 offiziell an.

C behauptet Die Maya-Schrift sei durch die spanische Eroberung vollständig ausgelöscht worden. Sie war nach dem Abbruch der Weitergabe unlesbar, blieb aber in Inschriften auf Stein erhalten — und wurde wieder lesbar gemacht.

Erklärungsansätze

Was in Maní geschah und was es bedeutete. Das Autodafé von 1562 war ein Ereignis der Missionsgeschichte, kein einmaliger Kulturuntergang. Landa reagierte auf die Entdeckung fortgesetzter vorchristlicher Praxis unter bereits getauften Maya; das Verfahren, das er führte, umfasste Folter und war selbst in der spanischen Kolonialverwaltung umstritten — Landa musste sich dafür verantworten und wurde nach Spanien zurückbeordert.

Warum die Buchkultur trotzdem verschwand. Der eigentliche Verlust vollzog sich über Jahrhunderte. Die Bücher waren aus Feigenbastpapier; im tropischen Klima zerfallen sie ohne ständige Erneuerung. Das Verbot der alten Riten entzog dem Kopieren Anlass und Anleitung. Und die Menschen, die schreiben konnten, gehörten einer Priester- und Adelsschicht an, die durch Eroberung, Seuchen und Missionierung zerfiel. Verbrennung, Klima und abbrechende Weitergabe wirkten zusammen.

Warum Landas Fehler brauchbar war. Landa fragte seinen Informanten nach den Buchstaben der Maya — nach dem, was für ihn ein Alphabet war. Gaspar Antonio Chi antwortete, indem er die Zeichen nannte, die den spanischen Buchstabennamen entsprachen. Weil das Maya-System logosyllabisch ist, notierte Landa damit keine Buchstaben, sondern Silbenzeichen. Als Alphabet war seine Liste unbrauchbar; als Silbentabelle war sie ein Schlüssel.

Warum es 400 Jahre dauerte. Die Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hielt die Maya-Schrift überwiegend für rein ideografisch — für ein System, das Begriffe abbildet, nicht Laute. Diese Annahme wurde besonders von J. Eric S. Thompson vertreten, der das Fach jahrzehntelang prägte. Knorosows Arbeit, in Moskau während des Kalten Krieges entstanden, wurde im Westen zunächst abgelehnt, teils mit politischen Argumenten. Erst über die Jahrzehnte setzte sich sein Ansatz durch.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Die Echtheit des Codex Grolier wurde 2016 in einer umfassenden Untersuchung geprüft — Material, Pigmente, Radiokarbondatierung, ikonografischer Vergleich — und bestätigt.

A dokumentiert Knorosows Ansatz ist seit den 1950er Jahren vielfach unabhängig überprüft und erweitert worden. Der kumulative Fortschritt bis heute erlaubt die Lesung von rund 85 bis 90 Prozent der Inschriften.

Was offen bleibt

Wie viele Maya-Bücher es gab, wird niemand sagen können. Landas 27 sind eine Zahl für einen Nachmittag, nicht für eine Buchkultur, die über tausend Jahre schrieb.

Offen bleibt auch ein Rest der Schrift selbst: Zehn bis fünfzehn Prozent der Zeichen sind nicht gesichert lesbar, und einzelne Textgattungen bleiben inhaltlich unklar. Und offen bleibt, ob weitere Codices existieren — im Boden, in Privatsammlungen, in Beständen, die nie untersucht wurden.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Vier Bücher aus einer Schriftkultur, die über tausend Jahre lang geschrieben hat. Das ist die Bilanz.

Und daneben steht ein Vorgang, den man sich nicht ausdenken könnte: Der Mann, der die Bücher verbrennen ließ, hat den Schlüssel hinterlassen, mit dem man sie hätte lesen können. Nicht aus Reue und nicht aus Weitsicht — er hielt seine Liste für ein Alphabet und lag falsch. Sein Irrtum war präziser als sein Wissen.

Die Entzifferung gelang dann vierhundert Jahre später in Moskau, gegen den Widerstand des westlichen Fachestablishments, durch einen Linguisten, der die Inschriften nie im Original gesehen hatte. Wissen findet manchmal die absurdesten Wege zurück — aber es findet sie nur, wenn irgendwo noch etwas liegt, an dem es sich festhalten kann.

Quellen

  • Diego de Landa: Relación de las cosas de Yucatán (um 1566), zahlreiche Editionen.
  • Brown University: 13th century Maya codex, long shrouded in controversy, proves genuine (2016). brown.edu
  • The Conversation: Grolier Codex ruled genuine — what the oldest manuscript to survive Spanish conquest reveals. theconversation.com
  • Popular Archaeology: Burning the Maya Books — The 1562 Tragedy at Maní. popular-archaeology.com
  • SLUB Dresden: Digitalisat des Codex Dresdensis. digital.slub-dresden.de

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.