widerlegt seit 1995/1996

Wünschelrute und Radiästhesie: die zwei großen deutschen Tests

400.000 DM, 843 Einzeltests, eine Neuauswertung — und vier Millimeter

Wann
1987–1990 München · 1990 Kassel · 1995/96 Neuauswertung
Wo
Kassel und eine Scheune bei München
Feld
Esoterik
Geprüft
2026-08-04

In Deutschland wurde das Rutengehen zweimal groß geprüft: 1990 in Kassel doppelblind durch die GWUP mit James Randi und dem Hessischen Rundfunk, und zwischen 1987 und 1989 in einer Scheune bei München mit 400.000 DM Bundesmitteln, 43 ausgewählten Rutengängern und 843 Einzeltests. Der Münchner Schlussbericht meldete 1990 einzelne außerordentliche Trefferraten. Jim T. Enright wies 1995/96 anhand der Rohdaten nach, dass dieser Befund durch nachträgliche Auswahl entstanden war. Der Ausschlag der Rute ist real — er wird ideomotorisch erzeugt.

Was gesichert ist

A dokumentiert Georgius Agricola beschreibt in „De re metallica“ (1556, Buch II) die virgula divinatoria der Bergleute — und hält sie für unbegründet. Die Skepsis ist so alt wie die dokumentierte Praxis.

A dokumentiert Im November 1990 testeten die GWUP, James Randi und der Hessische Rundfunk in Kassel rund zwanzig Rutengängerinnen und Rutengänger an drei Testtagen mit zwei Aufgabentypen: fließendes Wasser in verdeckten Rohren und Objekte in verschlossenen Behältern. Der Versuchsaufbau war doppelblind. Kein Teilnehmer erreichte eine Trefferquote über Zufallsniveau.

A dokumentiert Für die Münchner Untersuchung wurden 1986 rund 400.000 DM aus Bundesmitteln bewilligt. Anlass war der Einsatz von Rutengängern bei Brunnenbohrungen in der Entwicklungszusammenarbeit.

A dokumentiert Die Durchführung lag bei der Universität München und der TU München unter Leitung von Hans-Dieter Betz, mit Herbert L. König und Hans-Dieter Wagner. Etwa 500 Rutengänger wurden vorgetestet, 43 ausgewählt. In zwei Jahren entstanden 843 Einzeltests in 104 Serien in einer Scheune, unter deren Boden ein Rohr zufällig verschoben wurde.

A dokumentiert Der Schlussbericht von 1990 formulierte, einige wenige Rutengänger hätten bei bestimmten Aufgaben eine außerordentlich hohe Trefferrate gezeigt, die kaum oder gar nicht durch Zufall erklärbar sei.

A dokumentiert Jim T. Enright, Verhaltensphysiologe an der University of California San Diego, analysierte die Rohdaten neu. Über alle 843 Tests hinweg fand er keine Korrelation zwischen Rutenangabe und tatsächlicher Rohrposition.

A dokumentiert Der Wortwechsel ist publiziert: Enrights Kritik in Naturwissenschaften 82 (1995), die Antwort von Betz und Kollegen sowie Enrights Replik in Band 83 (1996).

Chronologie

  • 1556 — Agricola beschreibt die Rute im Bergbau und bezweifelt ihre Wirkung. A
  • 1986 — Bewilligung von 400.000 DM Bundesmitteln für die Münchner Untersuchung. A
  • 1987–1989 — 843 Einzeltests in 104 Serien in der Scheune. A
  • 1990 — Schlussbericht Wagner, Betz, König mit dem positiven Teilbefund. A
  • November 1990 — Kasseler Test durch GWUP, Randi und Hessischen Rundfunk: kein Effekt. A
  • 1995 — Enrights Neuauswertung der Rohdaten in Naturwissenschaften 82. A
  • 1996 — Antwort von Betz et al. und Enrights Replik in Naturwissenschaften 83. A
  • 1999 — Zusammenfassende Darstellung im Skeptical Inquirer. A

Die Quellenlage

Diese Akte ist ungewöhnlich, weil die entscheidenden Daten öffentlich sind. Die Münchner Gruppe hat ihre Rohdaten dokumentiert, und deshalb konnte ein Außenstehender sie nachrechnen. Der Streit lief nicht zwischen Gläubigen und Skeptikern, sondern zwischen zwei Auswertungen desselben Materials, beide in einer Fachzeitschrift, beide mit Replik und Gegenreplik.

Ein Vorbehalt gehört dazu: Fast alle Quellen in diesem Feld stehen erkennbar in einem Lager — die GWUP ist eine Skeptikerorganisation, radiästhetische Verbände sind Interessenvertretungen. Beide können sachlich richtig liegen und haben doch eine Perspektive. Kassel und München sind gerade deshalb wichtig: Sie haben Zahlen hinterlassen statt Meinungen.

Was behauptet wird

C behauptet Ausschläge einer Rute zeigten unterirdisches Wasser an. Unter kontrollierten Bedingungen ist das nie reproduzierbar nachgewiesen worden.

C behauptet Sie zeigten außerdem Erzlagerstätten und Hohlräume an. Der Kasseler Test deckte auch die Objektortung ab, ohne Ergebnis über Zufallsniveau.

C behauptet Die Münchner Studie habe die Fähigkeit staatlich bestätigt. Staatlich war der Auftrag, nicht das Ergebnis.

C behauptet Rutengänger hätten in der Praxis hohe Trefferquoten. Das stimmt oft — es belegt die behauptete Ursache aber nicht, solange unkontrolliert bleibt, wie viele Bohrungen an beliebiger Stelle ebenfalls Wasser gefunden hätten.

D widerlegt Es gebe einen belegten Zusammenhang zwischen Rutenausschlag und Rohrposition in den Münchner Daten. Über alle 843 Tests hinweg gibt es ihn nicht.

Erklärungsansätze

Was Enright konkret fand. Der positive Befund entstand nicht aus den Daten, sondern aus ihrer Behandlung: einzelne Serien wurden nachträglich ausgewählt, die statistischen Verfahren waren auf das vorliegende Material zugeschnitten. Enrights anschaulichste Zahl betrifft den besten Teilnehmer. Er hätte besser abgeschnitten, wenn er bei jedem Durchgang schlicht die Mittellinie geraten hätte; seine tatsächliche Genauigkeit übertraf das Mittellinien-Raten über zehn Meter um rund vier Millimeter.

Der Mechanismus des Ausschlags. Dass sich die Rute bewegt, bestreitet niemand. Die Bewegung wird ideomotorisch erzeugt: unwillkürliche Mikrobewegungen der Hände, gesteuert von Erwartung und Aufmerksamkeit. Michel-Eugène Chevreul zeigte den Mechanismus 1833 am Pendel, William Benjamin Carpenter benannte ihn 1852. Der Rutengänger täuscht niemanden.

Warum die Praxiserfahrung trotzdem stimmt. In vielen Regionen findet man fast überall Wasser, wenn man tief genug bohrt. Und erfahrene Rutengänger lesen unbewusst Geländemerkmale: Vegetation, Senken, Bodenfarbe, Gesteinsformationen. Das ist echtes Landschaftswissen. Es kommt über einen ideomotorischen Kanal ins Bewusstsein und fühlt sich deshalb an, als käme es von außen. Es ist keine Strahlung. Es ist auch nicht nichts.

Die Gegenposition, fair gesagt. Suitbert Ertel von der Universität Göttingen legte eine eigene Re-Analyse vor, die für Betz günstiger ausfiel; der Streit ist also nicht einseitig. Was das nicht ändert: Es existiert keine unabhängige Replikation eines positiven Effekts. Bei Randis Million-Dollar-Challenge stellten Rutengänger über Jahre die größte Bewerbergruppe — bestanden hat sie niemand.

Was widerlegt ist

D widerlegt Die Aussage des Münchner Schlussberichts, einzelne Teilnehmer hätten nicht zufallserklärbare Trefferraten erzielt. Enright hat gezeigt, dass dieser Befund durch nachträgliche Serienauswahl entsteht.

D widerlegt Die Behauptung, „Erdstrahlen“ oder geopathische Zonen seien kartierbar. Bittet man mehrere Radiästheten unabhängig voneinander, dasselbe Zimmer zu kartieren, stimmen die Netze nicht überein. Ohne reproduzierbare Karte gibt es kein zu erklärendes Phänomen.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Enright hat die Rohdaten vollständig neu ausgewertet; der Austausch mit der Münchner Gruppe ist publiziert und nachlesbar.

A dokumentiert Der Kasseler Test von 1990 prüfte unabhängig und mit anderem Aufbau — mit demselben Ergebnis.

A dokumentiert Ein GWUP-Doppelblindtest zu „strahlenden Pflanzen“ (Skeptiker 4/1998) fiel ebenfalls negativ aus.

A dokumentiert Evon Vogt und Ray Hyman haben in „Water Witching U.S.A.“ die Trefferquoten mit den geologischen Wahrscheinlichkeiten verglichen.

Was offen bleibt

Offen ist nicht, ob die Rute Wasser findet — das ist geprüft. Offen ist, wie viel implizites Geländewissen im Spiel ist. Dass erfahrene Rutengänger Landschaften lesen können, ist plausibel und wird von ihnen selbst beschrieben; quantifiziert ist es nicht. Ein Test im Gelände statt in der Scheune, Rutengänger gegen Hydrogeologen, wäre die interessantere Anordnung.

Offen bleibt auch, warum dieses Verfahren so stabil ist. Es überlebt seit fast fünfhundert Jahren dokumentierte Zweifel — auch in Berufsgruppen, die sonst sehr genau rechnen.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Es gibt in dieser Sache zwei Sätze, die beide falsch sind: Die Rute funktioniere — und Rutengänger seien Betrüger. Die Daten stützen keinen von beiden.

Was die Prüfung ergeben hat, ist präziser: Der Ausschlag ist echt, der Rutengänger ist ehrlich, und die Information kommt von innen. Das ist keine Kränkung, sondern die Beschreibung eines Vorgangs, den man benutzen kann, sobald man ihn richtig benennt.

Es gibt allerdings eine scharfe Grenze. Der Schritt von „die Rute findet Wasser“ zu „die Rute findet Krankheitszonen“ wechselt die Anspruchskategorie: von einer Aussage über den Boden zu einer über einen Menschen und seine Gesundheit. Dort steht realer Schaden im Raum — teure Entstörgeräte, verstärkte Angst bei Kranken, im schlimmsten Fall eine verzögerte ärztliche Abklärung.

Und dort liegt zugleich die ehrlichste Antwort auf die zugrundeliegende Sorge. Die Intuition, dass der Ort, an dem man schläft, auf die Gesundheit wirkt, ist völlig richtig. Nur sind die realen Faktoren andere und messbar: Radon, für das das Bundesamt für Strahlenschutz Karten veröffentlicht, Feuchte und Schimmel, nächtlicher Lärm, Licht am Schlafplatz. Wer sein Bett verstellt und danach besser schläft, hat oft wirklich etwas verbessert. Die Erfahrung ist echt, die Erklärung nicht — und die richtige Erklärung führt zu Maßnahmen, die man überprüfen kann.

Quellen

  • Jim T. Enright: Water dowsing: the Scheunen experiments. Naturwissenschaften 82 (1995); Replik in Naturwissenschaften 83 (1996).
  • Hans-Dieter Betz et al.: Antwort auf Enright, Naturwissenschaften 83 (1996).
  • Jim T. Enright: Testing Dowsing: The Failure of the Munich Experiments. Skeptical Inquirer, Januar/Februar 1999. skepticalinquirer.org
  • H.-D. Wagner, H.-D. Betz, H. L. König: Schlussbericht 01 KB8402 (Münchner Rutengänger-Experimente), 1990.
  • Georgius Agricola: De re metallica libri XII. Basel 1556, Buch II.
  • Evon Z. Vogt, Ray Hyman: Water Witching U.S.A. 2. Aufl., University of Chicago Press 1979.
  • Wünschelrute — Forschungs- und Testübersicht. de.wikipedia.org
  • GWUP: Im Doppelblind-Test strahlten die Pflanzen nicht. Skeptiker 4/1998. gwup.org

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.