Die Zahlen der Hexenverfolgung
Woher die neun Millionen kommen — eine Hochrechnung aus dem Jahr 1784
- Wann
- 1784 (Ursprung der Zahl) · Verfolgungen etwa 1400–1780
- Wo
- Europa, Schwerpunkt Heiliges Römisches Reich
- Feld
- Kollektiv
- Geprüft
- 2026-08-04
Die Behauptung, in Europa seien neun Millionen Menschen als Hexen hingerichtet worden, lässt sich auf eine einzige Rechnung zurückführen: Der Quedlinburger Stadtsyndikus Gottfried Christian Voigt übertrug 1783/84 die 135 dokumentierten Hinrichtungen seiner Heimatstadt auf ganz Europa und elf Jahrhunderte. Der archivalisch gestützte Forschungsstand nennt europaweit rund 40.000 bis 60.000 Hinrichtungen zwischen etwa 1400 und 1780, etwa die Hälfte davon im Heiligen Römischen Reich. Die Verfolgung selbst ist durch Prozessakten außergewöhnlich gut belegt — die Zahl ist es nicht.
Was gesichert ist
A dokumentiert Die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit sind durch Prozessakten, Urteile, Hinrichtungslisten und Ratsprotokolle in großem Umfang dokumentiert. Es geht in diesem Dossier nicht um die Frage, ob sie stattfanden, sondern allein um die Zahl.
A dokumentiert Gottfried Christian Voigt, Stadtsyndikus in Quedlinburg, veröffentlichte 1783/84 eine Hochrechnung: Er nahm 135 für Quedlinburg dokumentierte Hinrichtungen aus einem Jahrhundert, setzte sie ins Verhältnis zur Einwohnerzahl der Stadt und übertrug diesen Faktor auf ganz Europa und auf elf Jahrhunderte. Ergebnis: über neun Millionen.
A dokumentiert Der heutige Forschungsstand, gestützt auf archivalische Zählungen von Wolfgang Behringer, Brian Levack, Rita Voltmer und anderen, nennt für ganz Europa im Zeitraum etwa 1400 bis 1780 rund 40.000 bis 60.000 Hinrichtungen. Behringer kommt auf etwa 50.000, Levack auf etwa 45.000.
A dokumentiert Etwa die Hälfte dieser Hinrichtungen entfällt auf das Heilige Römische Reich. Der Verfolgungsschwerpunkt lag im deutschsprachigen Raum.
A dokumentiert Der Höhepunkt der Verfolgungen lag etwa zwischen 1560 und 1630 — also nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit, zeitgleich mit Kepler und Galilei.
A dokumentiert Das Geschlechterverhältnis lag europaweit bei etwa 75 bis 80 Prozent Frauen, regional aber stark unterschiedlich: In Island, Estland und der Normandie waren die Hingerichteten mehrheitlich Männer.
Chronologie
- etwa 1400–1780 — Zeitraum der dokumentierten Verfolgungen in Europa. A
- etwa 1560–1630 — Höhepunkt der Prozesswellen. A
- 1783/84 — Voigt publiziert seine Hochrechnung auf über neun Millionen. A
- 19. Jahrhundert — Die Zahl wird in antiklerikalen Auseinandersetzungen weitergereicht. B
- 1893 — Matilda Joslyn Gage übernimmt sie in „Woman, Church and State“ und trägt sie in die Frauenbewegung. A
- 1930er Jahre — Das „H-Sonderkommando“ Heinrich Himmlers legt eine umfangreiche Kartei zu Hexenprozessen an und nutzt das Thema für antikirchliche Propaganda. A
- 1990 — Der Dokumentarfilm „The Burning Times“ verbreitet die Zahl erneut, prägend für Teile der neuheidnischen Szene. A
- 1998 — Wolfgang Behringer rekonstruiert in „Neun Millionen Hexen“ die Fehlerkette vollständig. A
Die Quellenlage
Die Quellenlage ist bei diesem Fall ungewöhnlich günstig, und genau das macht ihn so klar entscheidbar. Hexenprozesse waren Gerichtsverfahren, und Gerichtsverfahren erzeugen Akten. In vielen Territorien lassen sich die Verfahren einzeln zählen: wer angeklagt wurde, wer gefoltert wurde, wer freikam, wer starb. Es gibt Lücken — verlorene Bestände, Kriegsverluste, Regionen mit schlechter Überlieferung —, aber es gibt keine Lücke in der Größenordnung von Millionen.
Die Gegenprobe ist einfach: Neun Millionen Hinrichtungen hätten Bevölkerungsspuren hinterlassen, die in den Kirchenbüchern, Steuerlisten und Musterungsregistern sichtbar wären. Sie sind es nicht.
Die Kette der Zahl selbst ist dagegen lückenlos nachvollziehbar. Sie beginnt bei Voigt und lässt sich von dort über das 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart Station für Station verfolgen. Das ist selten: Meistens verliert sich der Ursprung eines Mythos im Ungefähren. Hier kennt man den Rechenweg.
Was behauptet wird
C behauptet In Europa seien neun Millionen Menschen als Hexen hingerichtet worden. Die Zahl geht auf Voigts Hochrechnung zurück.
C behauptet Es habe sich um einen gezielten „Frauenholocaust“ oder „Gynozid“ gehandelt. Die Deutung setzt die neun Millionen voraus und übergeht die regionale Streuung des Geschlechterverhältnisses.
C behauptet In manchen Varianten kursieren elf, dreizehn oder zwanzig Millionen. Für keine dieser Zahlen existiert eine eigene Erhebung; sie sind Aufrundungen der Aufrundung.
C behauptet Die Verfolgung sei ein mittelalterliches Phänomen gewesen. Der Höhepunkt liegt gut zweihundert Jahre nach dem Ende des Mittelalters.
Erklärungsansätze
Warum Voigts Rechnung scheitert. Sie scheitert an zwei Stellen zugleich. Erstens war Quedlinburg ein extremer Ausreißer: Die Verfolgungsdichte dort lag weit über dem europäischen Durchschnitt. Zweitens gab es in weiten Teilen Europas über Jahrhunderte hinweg gar keine Verfolgung — in Regionen, die Voigts Faktor gleichwohl mitrechnet. Wer den Spitzenwert einer Region auf einen ganzen Kontinent und auf einen Zeitraum überträgt, in dem das Phänomen über weite Strecken nicht existierte, erzeugt eine Zahl ohne Bezug zur Wirklichkeit.
Warum die Zahl trotzdem überlebte. Sie war brauchbar. Im 19. Jahrhundert diente sie im Streit gegen die Kirchen, ab 1893 als Beleg für die Unterdrückung von Frauen, in den 1930er Jahren der nationalsozialistischen Propaganda gegen die Kirchen, ab den 1970er Jahren in Teilen der zweiten Frauenbewegung und der neuheidnischen Szene als Gründungserzählung. Eine Zahl, die so vielen so verschiedenen Zwecken dient, wird selten überprüft.
Was Behringer zusätzlich zeigt. Die Verfolgung war vielerorts keine Anordnung von oben. Behringer weist Fälle nach, in denen der Druck aus der Dorfbevölkerung kam und die Obrigkeit zögerte oder bremste. Das ist unbequemer als das Bild einer Verfolgung, die von Institutionen befohlen wird, und es ist einer der Gründe, warum der Forschungsstand sich schwer durchsetzt.
Was die Korrektur nicht leistet. Sie entlastet niemanden. 40.000 bis 60.000 Menschen, die nach Folter hingerichtet wurden, sind kein „nur“. Die Korrektur verkleinert das Geschehen nicht — sie verschiebt es von einer erfundenen Größenordnung in eine belegte.
Was widerlegt ist
D widerlegt Die Zahl von neun Millionen. Wolfgang Behringer hat 1998 die Entstehung, Tradierung und Fehlerstruktur dieser Zahl vollständig rekonstruiert; die archivalischen Zählungen ergeben ein bis zweihundertfach niedrigeres Ergebnis.
D widerlegt Die Annahme, es gebe eine unabhängige Quelle für die neun Millionen. Alle bekannten Varianten führen auf Voigt zurück.
Was nachgeprüft wurde
A dokumentiert Wolfgang Behringer: „Neun Millionen Hexen. Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos“, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49 (1998), S. 664–685.
A dokumentiert Brian Levack und Rita Voltmer haben unabhängig regionale Zählungen vorgelegt, die sich im selben Korridor bewegen.
A dokumentiert Die Kartei des „H-Sonderkommandos“ ist erhalten und ausgewertet. Sie ist heute eine Forschungsquelle — und zugleich ein Beleg dafür, wie früh und wie gezielt das Thema politisch genutzt wurde.
Was offen bleibt
Die Spanne von 40.000 bis 60.000 ist eine Schätzung, keine Zählung. Für einzelne Regionen fehlen Bestände, und die Dunkelziffer der Lynchjustiz außerhalb geregelter Verfahren ist nicht bezifferbar. Der Korridor wird sich verschieben, wenn weitere Archivbestände erschlossen werden — die Größenordnung wird sich nicht ändern.
Offen ist auch, wie viele Verfahren mit Freispruch, Landesverweis oder Kirchenbuße endeten. Die Zahl der Hingerichteten ist nicht die Zahl der Betroffenen.
Warum uns das beschäftigt
Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.
Eine Zahl kann eine moralische Funktion haben, die von ihrer Richtigkeit unabhängig ist. Neun Millionen war nie eine Messung. Es war ein Argument — und weil es ein gutes Argument war, hat es zweihundertvierzig Jahre überlebt, während die Grundlage längst geprüft und verworfen war.
Was daran beunruhigt, ist nicht der Fehler von 1784. Voigt rechnete mit den Mitteln seiner Zeit, und er rechnete falsch. Beunruhigend ist, wie leicht eine Zahl unangreifbar wird, sobald sie einer guten Sache dient. Wer sie korrigiert, gerät in den Verdacht, das Geschehen kleinreden zu wollen — und genau dieser Verdacht hält die falsche Zahl am Leben.
Der Fall gehört deshalb ins Archiv: weil er zeigt, dass Genauigkeit und Anteilnahme keine Gegensätze sind. Die belegten Menschen haben ein Anrecht darauf, gezählt zu werden, wie sie waren.
Quellen
- Wolfgang Behringer: Neun Millionen Hexen. Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49 (1998), S. 664–685. PDF
- fowid — Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland: Hexenverfolgungen, mit Zahlenübersicht. fowid.de
- taz-Interview mit Wolfgang Behringer: „Es war eine Graswurzel-Bewegung“. taz.de
- WiReLex / Deutsche Bibelgesellschaft: Hexenverfolgungen. die-bibel.de
- Brian P. Levack: The Witch-Hunt in Early Modern Europe. (mehrere Auflagen)
Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.