Sechzehnter Gesang
Der Erhabene Sprach
1Furchtlosigkeit, Wesensreinheit, in Wissensandacht Festigkeit,
Spenden, Selbstbezähmung, Opfer, Studium, Buße und Redlichkeit;
2Nichtschäd'gen, Wahrheit, Nichtzürnen, Nichtverleumden, Friede, Verzicht,
Milde, Mitleid mit den Wesen, Scham, Nichtbegier, Nicht-Unstätsein;
3Kraft, Reinheit, Festigkeit, Geduld, Nichtkränken, nicht hochmüt'ger Sinn,
Die finden sich bei Einem, der zum Götterlos geboren ist.
4Heuchelei und Stolz und Hochmut, ein rauhes Wesen, Zornigkeit,
Nichtwissen auch – bei dem, der zu Dämonenlos geboren ist.
5Götterlos führt zur Erlösung, Dämonenlos zur Fesselung!
Nicht traure, denn zum Götterlos bist du geboren, Pându-Sohn!
6Zwiefach ist hier der Wesen Art: teils göttlich, teils dämonisch auch;
Die göttliche ist schon erklärt, nun hör' von der dämonischen.
7Weder Handeln noch Nichthandeln verstehn dämonische Menschen recht;
Guter Wandel, Reinheit, Wahrheit – die finden sich bei ihnen nicht.
8Die Welt ist unwahr, ohne Halt und ohne Herrn, – so sagen sie;
Nicht folgerecht entstand die Welt, Begierde nur rief sie hervor.
9In diese Ansicht ganz verbohrt, törichten Sinnes und verderbt,
Richten durch Freveltaten sie die Welt zugrund, – unsel'ges Volk!
10Von unstillbarer Gier erfüllt, voll Trug und Stolz und Übermut,
Töricht, böse Dinge wählend, führen ein schmutz'ges Leben sie. 71
11Ihr Denken schweift ganz unbeschränkt, meint: mit dem Tod ist alles aus!
Genießen ist ihr höchstes Gut! „Es gibt nichts weiter“, denken sie.
12In hundert Hoffnungen verstrickt, der Gier verfallen und dem Zorn,
Häufen sie, ihrer Lust zu lieb, sich unrechtmäßig Schätze auf.
13Nun hab' ich dieses schon erlangt und jenen Wunsch erreich' ich noch,
Dies hab' ich schon, und jener Schatz, der wird in Zukunft mir zuteil;
14Dieser Feind ist schon getötet, die andern werd' ich töten noch,
Ich bin Herr, ich bin Genießer, bin erfolgreich, glücklich und stark!
15Ich bin reich, ich bin von Adel! welcher Andre ist mir wohl gleich?
Opfern, schenken, froh sein will ich! so denken sie, verblendet ganz.
16Wirr durch allerhand Gedanken, gefangen in des Irrtums Netz,
Ergeben völlig dem Genuß, in schmutz'ge Hölle stürzen sie.
17Selbst sich ehrend, aufgeblasen, voll Stolz, voll Hochmut auf ihr Geld,
Bringen sie heuchelnd Opfer dar, die dieses Namens gar nicht wert.
18Ichsucht, Gewalt, Begierde, Stolz und Zorn – dem sind ergeben sie;
Mich hassen sie im eignen Leib wie auch in Andern, grimmerfüllt.
19Diese Hasser, die greulichen, die schlechtsten Menschen in der Welt,
Die argen, schleudr' ich fort und fort in dämonischen Mutterschoß. 72
20Durch dämonischen Mutterschoß betört in jeglicher Geburt,
Erreichen sie mich nimmermehr und wandeln so die tiefste Bahn.
21Dreifältig ist das Höllentor, wodurch die Seele geht zugrund:
Begierde, Zorn und Habsucht sind's – darum laß fahren diese drei!
22Befreit von diesen, Kuntî-Sohn, den drei Pforten der Finsternis,
Wirket der Mensch sein Seelenheil und wandelt so die höchste Bahn.
23Doch wer nach seiner Willkür lebt, nicht achtend heiliges Gesetz,
Nicht erreicht die Vollendung der, nicht Glück und nicht die höchste Bahn.
24Drum sei dir Richtschnur das Gesetz, bei der Feststellung deines Tuns.
Weißt du, was das Gesetz bestimmt, dann kannst du deine Taten tun.
Text: „Bhagavadgita — Des Erhabenen Sang", übers. Leopold von Schroeder (1912), gemeinfrei. Digitale Quelle: Project Gutenberg.