14. Da Yu / Der Besitz Von Grossem
1oben Li das Haftende die Flamme
2unten Kien, das Schöpferische der Himmel
3Das Feuer am Himmel oben strahlt weit, so daß alle Dinge ins Licht und in die Erscheinung treten. Die schwache fünfte Linie befindet sich auf geehrtem Platz, und alle die starken Striche entsprechen ihr. Wer auf hohem Platz bescheiden und mild ist, dem fällt alles zu. (Der Sinn des Zeichens stimmt mit dem Worte Jesu überein: Selig sind die Sanftmütigen denn sie werden das Erdreich besitzen.).
4Der Besitz von Großem: Erhabenes Gelingen.
5Die beiden Urzeichen zeigen an, daß Kraft und Klarheit sich vereinigen. Der Besitz von Großem ist vom Schicksal bestimmt und entspricht der Zeit. Wie ist es möglich, daß die schwache Linie die Kraft hat, die Starken festzuhalten und zu besitzen? Durch ihre uneigennützige Bescheidenheit. Es ist eine günstige Zeit. Stärke im Innern und Klarheit und Bildung im Äußern. Die Kraft äußert sich fein und beherrscht. Das gibt erhabenes Gelingen und Reichtum. (Man könnte denken das Zeichen »Zusammenhalten« Nr. 8 sei noch günstiger da dort ein Starker die fünf Schwachen um sich versammelt. Dennoch ist das hier beigefügte Urteil »Erhabenes Gelingen« viel günstiger. Das kommt daher daß die von dem starken Herrscher Zusammengehaltenen dort nur einfache Untertanen sind während hier dem sanftmütigen Herrn lauter starke Gehilfen zur Seite stehen.)
6DAS BILD
7Das Feuer am Himmel oben:
8das Bild des Besitzes von Großem.
9So hemmt der Edle das Böse und fördert das Gute
10und gehorcht so des Himmels gutem Willen.
11Die Sonne droben am Himmel, die alles Irdische bescheint, ist das Bild des Besitzes im Großen. Aber ein solcher Besitz muß recht verwaltet werden. Die Sonne bringt das Böse und das Gute an den Tag. Vom Menschen muß das Böse bekämpft und gehemmt, das Gute gefördert und begünstigt werden. Nur auf diese Weise entspricht man dem guten Willen Gottes, der nur das Gute will und nicht das Böse.
12Die einzelnen Linien
13Anfangs eine Neun bedeutet:
14Keine Beziehung zu Schädlichem, das ist nicht ein Makel.
Bleibt man der Schwierigkeit bewußt,
so bleibt man ohne Makel
15Großer Besitz, der noch im Anfangsstadium ist und noch keine Anfechtung erfahren hat, ist ohne Makel; denn es ist noch gar keine Gelegenheit vorhanden, Fehler zu machen. Aber es sind noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Nur wenn man sich dieser Schwierigkeiten bewußt bleibt, wird man wirklich innerlich frei von der Möglichkeit des Hochmuts und der Verschwendung und hat jeden Makel im Prinzip überwunden.
16Neun auf zweitem Platz bedeutet:
17Ein großer Wagen zum Beladen.
Man mag etwas unternehmen. Kein Makel.
18Großer Besitz besteht nicht allein in der Menge der Güter, die einem zur Verfügung stehen, sondern vor allem in ihrer Beweglichkeit und Verwendbarkeit. Dann mag man sie zu Unternehmungen gebrauchen und bleibt frei von Verlegenheit und Fehlern. Unter dem großen Wagen, dem man viel aufladen kann und mit dem man weit fahren kann, sind tüchtige Gehilfen verstanden, die einem zur Seite stehen, die ihrer Aufgabe gewachsen sind. Solchen Leuten kann man eine große Verantwortung aufladen, was bei wichtigen Unternehmungen nötig ist.
19Neun auf drittem Platz bedeutet:
20Ein Fürst bringt ihn dem Sohn des Himmels dar.
Ein kleiner Mensch kann das nicht.
21Es ist die Sache eines hochherzigen, freisinnigen Menschen, daß er seinen Besitz nicht als sein ausschließliches persönliches Eigentum betrachtet, sondern dem Herrscher bzw. der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Dadurch stellt er sich auf den richtigen Standpunkt dem Besitz gegenüber, der niemals als Privatbesitz von Dauer sein kann. Ein engherziger Mensch ist freilich dazu nicht imstande. Für ihn schlägt großer Besitz zum Schaden aus, da er, statt zu opfern, behalten will. (Es ist hier vom Besitz derselbe Grundsatz ausgesprochen der in dem Worte ausgedrückt ist: "Wer sein Leben behalten will der wird es verlieren, Wer aber sein Leben verliert, der wird es behalten")
22Neun auf viertem Platz bedeutet:
23Er macht einen Unterschied
zwischen sich und seinem Nächsten.
Kein Makel.
24Es ist eine Stellung gekennzeichnet, die zwischen reichen und mächtigen Nachbarn steht. Das bringt Gefahr. Da gilt es, nicht rechts und nicht links zu sehen, frei zu bleiben von Neid und dem Versuch, es andern gleichzutun. So bleibt man frei von Fehlern.
25(Eine andere Übersetzung, die allgemein akzeptiert ist. würde lauten: Er verläßt sich nicht auf seine Fülle. Kein Makel.
26Das würde bedeuten, daß man sich von Fehlern freihält dadurch, daß man hat, als habe man nicht.)
27Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
28Wessen Wahrheit umgänglich ist und
doch würdig, der hat Heil.
29Die Lage ist sehr günstig. Ohne äußeren Zwang, nur infolge der ungesuchten Aufrichtigkeit, gewinnt man die Menschen, daß sie auch in aufrichtiger Wahrheit einem zugetan sind. Doch genügt zur Zeit des Besitzes von Großem die Milde allein nicht. Sonst könnte leicht Frechheit allmählich aufkommen. Dieses Aufkommen von Frechheit muß durch Würde in Schranken gehalten werden, dann ist das Heil gewiß.
30Oben eine Neun bedeutet:
31Vom Himmel her wird er gesegnet, Heil !
Nichts, das nicht fördernd ist.
32In der Fülle des Besitzes und der Macht bleibt man bescheiden und ehrt den Weisen, der außerhalb des Weltgetriebes steht. Dadurch stellt man sich unter den segensreichen Einfluß vom Himmel her, und alles geht gut.
33Konfuzius sagt über diesen Strich:
34"Segnen bedeutet helfen. Der Himmel hilft dem Hingebenden, die Menschen helfen dem Wahrhaftigen. Wer in Wahrhaftigkeit wandelt und hingebend ist in seinem Denken und dann noch die Würdigen hochhält, der wird vom Himmel her gesegnet. Er findet Heil und nichts ist, das nicht förderlich wäre."
Text: „I Ging — Das Buch der Wandlungen", übers. Richard Wilhelm (1924), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.