Christus opferte sich am Kreuze, opfere auch du dich!
1Der Geliebte spricht. 2Wie ich am Kreuze mit ausgestreckten Armen und mit entblößtem Leibe für deine Sünden Gott dem Vater freiwillig mich geopfert / wie ich ganz mich geopfert habe / so daß an mir und in mir nichts übrig blieb / was nicht ein Sühnopfer der Gerechtigkeit ward / so sollst auch du dich selbst und dich ganz mit allen deinen Kräften und Neigungen / sollst freiwillig und mit innigster Andacht täglich in der Messe dich mir opfern. Was sollte ich denn anders von dir fordern / als daß du ganz dich mir ergebest! Alles / was du mir sonst geben magst / dich ausgenommen / das ist in meinen Augen nichts; denn ich will nicht deine Gabe haben / sondern dich. 3So wie du im Hinblick auf deine volle Seligkeit kein Genüge finden könntest / wenn du alle übrigen Dinge hättest und mich allein nicht hättest / so kann ich kein Wohlgefallen daran haben / wenn du mir alle übrigen Dinge gäbest und dich allein nicht mir gäbest. Opfere dich mir und gib dich ganz für Gott allein dahin / und dein Opfer wird angenehm sein. Sieh / ich habe mich ganz für dich dem Vater geopfert / ich habe meinen Leib und mein Blut zum Trank und zur Speise dahingegeben / damit wir ganz eins / ich dein und du mein werden und bleiben könnten. Willst du aber immer nur an dir hängen bleiben und nie dich selbst nach meinem Wohlgefallen opfern / so wird dein Opfer nicht vollständig / und unsere Vereinigung kann nicht innig und ganz werden. Wenn du also Gnade und Freiheit erlangen willst / so mußt du bei allem / was du äußerlich tust / eine inwendige Aufopferung deiner selbst / eine Hingabe deines ganzen Willens in die Hände Gottes vorangehen lassen. Denn deshalb findet man so wenige Menschen / welche die wahre Freiheit und das rechte Licht haben / weil es so wenige Menschen gibt / die sich ganz verleugnen und opfern. Mein Wort / das ich einst ausgesprochen habe / bleibt noch immer in seiner ganzen Kraft bestehen: Wer nicht allen Dingen absagt / der kann mein Jünger nicht sein! Wenn du also mein Jünger sein willst / so gib dich ganz mit allen deinen Neigungen mir zum Opfer hin.
Text: Thomas von Kempen, „Die Nachfolge Christi", übers. Johann Michael Sailer († 1832), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.