Ghasel 16

1Das spröde Erz ist weich geworden,
Weich unter deinem Streich geworden.
Du hast es ihm nicht fehlen lassen
An Streichen, bis es weich geworden.
Das starre Herz war arm voll Hochmut,
Und ist in Demut reich geworden.
Du gossest Ström' auf dürre Wüsten,
Sie sind ein Gartenteich geworden.
Das Reich der Welt ging in dir unter,
Und ist zum Himmelreich geworden.
Der Liebende ward zum Geliebten,
Der Jünger ist zum Scheich geworden.
Wir waren ungleich an Begierden
Und sind in Liebe gleich geworden.

Text: „Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi", übertragen von Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.