Berachot — Blatt 17b

1Kein Riß: es sei unsere Gesellschaft nicht wie die Gesellschaft Šaúls, aus der der Edomite Doég hervorging. Kein Durchlaß: es sei unsere Gesellschaft nicht wie die Gesellschaft Davids, aus der der Aḥitophel hervorging. Kein Jammergeschrei: es sei unsere Gesellschaft nicht wie die Gesellschaft Eliša͑s, aus der der Geḥazi hervorging. In unseren Straßen: daß wir keinen Sohn oder Schüler haben mögen, der seine Speise öffentlich anbrennen läßt, wie beispielsweise Jesus der Nazarener.

2Höret auf mich, ihr Hartherzigen, die ihr fern seid von Freigebigkeit. Rabh und Šemuél, manche sagen, R. Joḥanan und R. Elea͑zar [streiten hierüber]; Einer erklärte: die ganze Welt wird durch Freigebigkeit, jene aber durch Gewalt ernährt; der andere erklärte: die ganze Welt wird durch das Verdienst jener ernährt, sie selbst aber werden nicht einmal durch ihr eigenes Verdienst ernährt. Dies nach R. Jehuda im Namen Rabhs,

3denn R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: An jedem Tage ertönt eine Hallstimme vom Berge Ḥoreb und spricht: Die ganze Welt wird nur wegen meines Sohnes Ḥanina ernährt, mein Sohn Ḥanina aber begnügt sich mit einem Kab Johannisbrot von Šabbathvorabend zu Šabbathvorabend.

4Er streitet gegen R. Jehuda, denn R. Jehuda sagte, mit ‘Hartherzigen’ seien die verstockten Gobäer gemeint. R. Joseph sprach: Das siehst du, noch nie ist von ihnen ein Proselyt hervorgegangen.

5R. Aši sagte: Die ‘Hartherzigen’ sind die Einwohner von Matha-Meḥasja, denn, obgleich sie zweimal jährlich die Verherrlichung der Tora sehen, so ist dennoch von ihnen nie ein Proselyt hervorgegangen.

6DER BRÄUTIGAM DARF, FALLS ER WILL &C. LESEN.

7Man müßte also sagen, R. Šimo͑n b. Gamliél berücksichtige die Großtuerei, während die Rabbanan die Großtuerei nicht berücksichtigen, und wir wissen ja von ihnen das Entgegengesetzte!? Wir haben nämlich gelernt: Wo es üblich ist, am Neunten Ab Arbeit zu verrichten, verrichte man, wo es üblich ist, nicht zu verrichten, verrichte man nicht; überall aber müssen die Gelehrten feiern. R. Šimo͑n b. Gamliél sagt, jedermann betrachte sich stets als einen Gelehrten.

8Die Rabbanan befinden sich hier in einem Widerspruch, und ebenso befindet sich R. Šimo͑n b. Gamliél in einem Widerspruch.

9R. Joḥanan erwiderte: Die Ansichten sind zu vertauschen. R. Šiša, Sohn des R. Idi, sagte: Tatsächlich brauchst du nicht zu vertauschen. Die Rabbanan befinden sich in keinem Widerspruch, denn da alle Welt das Šema͑ liest und er es ebenfalls liest, so erscheint dies nicht als Großtuerei; dort aber, wo alle Welt Arbeit verrichtet, er aber nicht, erscheint dies als Großtuerei.

10R. Šimo͑n b. Gamliél befindet sich ebenfalls in keinem Widerspruch, denn hier kommt es auf die Intensität an, und wir sind Zeugen, daß er seinen Sinn nicht andächtig stimmen kann; dort aber glaubt, wer dies sieht, er habe keine Beschäftigung. Geh und sieh, wie viele Müßiggänger es doch auf der Straße gibt.

11WER SEINEN TOTEN VOR SICH LIEGEN HAT, IST VOM ŠEMA͑LESEN, VOM GEBETE UND VON ALLEN IN DER TORA GENANNTEN GEBOTEN BEFREIT.

12VON DEN TRÄGERN DER BAHRE, IHREN ABLÖSERN UND DEN ABLÖSERN IHRER ABLÖSER, DIE VOR DER BAHRE UND DIE HINTER DER BAHRE, SIND, DIE VOR DER BAHRE SICH BEFINDEN, FALLS MAN SIE BRAUCHT, BEFREIT, UND DIE HINTER DER BAHRE SICH BEFINDEN, AUCH FALLS MAN SIE BRAUCHT, VERPFLICHTET. DIESE UND JENE SIND VOM GEBETE BEFREIT.

13SOBALD SIE DEN TOTEN BESTATTET HABEN UND ZURÜCKGEKEHRT SIND, MÜSSEN SIE, FALLS SIE ANFANGEN UND BEENDEN KÖNNEN, BEVOR SIE NOCH IN DIE REIHE KOMMEN, ANFANGEN, WENN ABER NICHT, SO FANGEN SIE NICHT AN.

14VON DEN IN DER REIHE STEHENDEN SIND DIE INNEREN BEFREIT UND DIE ÄUSSEREN VERPFLICHTET. (FRAUEN, SKLAVEN UND MINDERJÄHRIGE SIND VOM ŠEMA͑LESEN UND VON DEN TEPHILLIN BEFREIT, ZUM GEBETE, ZUR MEZUZA UND ZUM TISCHSEGEN VERPFLICHTET.)

15GEMARA. Nur wenn er ihn vor sich liegen hat, nicht aber, wenn er ihn nicht vor sich liegen hat;

16ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Wer seinen Toten vor sich liegen hat, esse in einem anderen Räume; hat er keinen anderen Raum, so esse er im Hause seines Nächsten; hat er keinen Raum bei seinem Nächsten [zur Verfügung], so mache er eine Scheidewand und esse; hat er nichts, woraus eine Scheidewand zu machen, so wende er das Gesicht ab und esse. Er darf nicht angelehnt speisen, auch darf er kein Fleisch essen und keinen Wein trinken; ferner spreche er nicht den Segensspruch, spreche nicht den gemeinsamen Tischsegen,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.