Berachot — Blatt 29a
1und dachte zwei, drei Stunden über ihn nach; man hieß ihn aber nicht abtreten. —
2Wieso hieß man ihn nicht abtreten, R. Jehuda sagte ja im Namen Rabhs, daß, wenn er bei einem aller anderen Segenssprüche sich geirrt hat, man ihn nicht wiederholen lasse, wenn aber beim Minäersegen, man ihn wiederholen lasse, weil wir befürchten, er sei Minäer!? —
3Anders war es bei Šemuél dem Kleinen, denn er selbst hat ihn ja abgefaßt. —
4Man sollte ja aber befürchten, er sei übergetreten!? Abajje erwiderte: Es ist überliefert, der Gute werde nicht schlecht. —
5Etwa nicht, es heißt ja: wenn der Gerechte von seiner Gerechtigkeit zurücktritt und Unrecht tut!? — Dies bezieht sich auf einen, der früher Frevler war, nicht aber auf einen, der früher Gerechter war. —
6Etwa nicht, es wird ja gelehrt: Traue dir selbst nicht bis an deinen Sterbetag, denn Joḥanan der Hochpriester war achtzig Jahre Hochpriester und zuletzt wurde er Saduzäer!?
7Hierzu sagte Abajje, Jannaj sei identisch mit Joḥanan, und Raba sagte, Jannaj und Joḥanan seien verschiedene [Personen], Jannaj war früher ein Frevler, und Joḥanan war früher ein Gerechter. Richtig ist dies nach Abajje, nach Raba aber ist dies ja ein Einwand!? —
8Raba kann dir erwidern: auch bei einem Gerechten von früher her befürchte man, er könnte zurückgetreten sein. — Wieso ließ man ihn demnach nicht abtreten!? —
9Anders war es bei Šemuél dem Kleinen, er hätte [den Segen] begonnen. R. Jehuda sagte nämlich im Namen Rabhs, manche sagen, des R. Jehošua͑ b. Levi: Dies lehrten sie nur [von dem Falle], wenn er ihn nicht begonnen, hat er ihn aber begonnen, beende er ihn.
10Wem entsprechen die sieben [Segenssprüche] am Šabbath? R. Ḥalaphta b. Šaúl erwiderte: Entsprechend den sieben ‘Stimmen’, welche David über das Wasser gesprochen hat. —
11Wem entsprechen die neun am Neujahr? R. Jiçḥaq aus Karthagene erwiderte: Entsprechend den neun Nennungen [des Gottesnamens], die Ḥanna in ihrem Gebete erwähnte. Der Meister sagte nämlich: Am Neujahrsfeste wurden Sara, Raḥel und Ḥanna bedacht. —
12Wem entsprechen die vierundzwanzig am Fasttage? R. Helbo erwiderte: Entsprechend den vierundzwanzig Lobgesängen, die Selomo sagte, als er die Bundeslade in das Allerheiligenhaus brachte. — Demnach sollte man sie täglich sprechen!? (Man erwiderte:) Šelomo sagte sie an einem Tage des Flehens, daher lesen auch wir sie nur an einem Tage des Flehens.
13R. GAMLIÉL SAGT, MAN BETE JEDEN TAG DAS ACHTZEHNGEBET &C. Was heißt ‘Auszug des Achtzehngebetes’? — Rabh sagt, etwas aus jedem Segensspruche, und Šemuél sagt folgendes: Mache uns verständig, o Herr, unser Gott, deine Wege zu erkennen. Beschneide unser Herz, dich zu, fürchten. Vergib uns, daß wir erlöst werden. Halte uns von (unseren) Schmerzen fern. Sättige uns auf den Auen deines Landes. Unsere Zerstreuung sammle aus den vier [Weltenden]. Irrende lasse nach deinem Sinne richten. Über die Frevler erhebe deine Hand. Die Gerechten mögen sich erfreuen an dem Aufbau deiner Stadt, an der Herstellung deines Tempels, an dem Erblühen des Glanzes deines Knechtes David und an der Aufrichtung einer Leuchte für den Sohn Jišajs, deines Gesalbten. Ehe wir noch rufen, antworte du. Gepriesen seist du, o Herr, der das Gebet erhört.
14Abajje fluchte über den, der ‘Mache uns verständig’ betete.
15R. Naḥman sagte im Namen Šemuéls: Das ganze Jahr hindurch darf man ‘Mache uns verständig’ beten, ausgenommen am Šabbathausgang und am Ausgang der Festtage, weil man in [den Segensspruch] ‘Der Erkenntnis verleiht’ den Unterscheidungssegen einschalten muß.
16Rabba b. Šemuél wandte ein: So lese man den vierten Segensspruch besonders!? Wir haben ja gelernt: R. A͑qiba sagt, man lese ihn als vierten Segensspruch besonders, R. Elie͑zer sagt, im Danksegen. —
17Verfahren wir denn das ganze Jahr nach R. A͑qiba, daß wir es jetzt tun sollten!? Das ganze Jahr verfahren wir nicht nach R. A͑qiba, weil sie achtzehn (angeordnet) und nicht neunzehn angeordnet haben, ebenso haben sie auch hier sieben (angeordnet) und nicht acht angeordnet.
18Mar Zuṭra wandte ein: Schalte man ihn folgendermaßen ein: Mache uns verständig, o Herr, unser Gott, der zwischen Heilig und Gemein unterscheidet!? — Ein Einwand.
19R. Bebaj b. Abajje sagte: Das ganze Jahr hindurch darf man ‘Mache uns verständig’ beten, ausgenommen die Regenzeit, weil man die Bitte in den Segensspruch über das Jahr einschalten muß. Mar Zuṭra wandte ein: Schalte man sie doch folgendermaßen ein: Sättige uns auf den Auen deines Landes, und gib Tau und Regen!? —
20Es könnte entfallen. — Demnach könnte ja auch [die Einschaltung des] Unterscheidungssegens in ‘Der Erkenntnis verleiht’ entfallen!? —
21Ich will dir sagen: dort, wo beim Beginn des Gebetes eingeschaltet wird, entfällt es nicht, hier aber, wo in der Mitte des Gebetes eingeschaltet wird, entfällt es.
22R. Aši wandte ein: Schalte man sie in ‘Der das Gebet erhört’ ein!? R. Tanḥum sagte ja im Namen R. Asis: Wer sich geirrt und nicht des Regens im Auferstehungssegen erwähnt hat, den läßt man wiederholen; wenn die Bitte im Segen über das Jahr, so läßt man ihn nicht wiederholen, weil er sie in ‘Der das Gebet erhört’ einschalten kann; wenn den Unterscheidungssegen in ‘Der Erkenntnis verleiht’, so läßt man ihn nicht wiederholen, weil er ihn über den Becher sprechen kann. — Anders ist es, wenn man sich geirrt hat.
23Der Text. R. Tanḥum sagte im Namen R. Asis: Wer sich geirrt und nicht des Regens im Auferstehungssegen erwähnt hat, den läßt man wiederholen; wenn die Bitte im Segen über das Jahr, so läßt man ihn nicht wiederholen, weil er sie in ‘Der das Gebet erhört’ einschalten kann; wenn den Unterscheidungssegen in ‘Der Erkenntnis verleiht’, so läßt man ihn nicht wiederholen, weil er ihn über den Becher sprechen kann.
24Man wandte ein: Wer sich geirrt und nicht des Regens im Auferstehungssegen erwähnt hat, den läßt man wiederholen; wenn die Bitte im Segensspruche über das Jahr, so läßt man ihn wiederholen; wenn den Unterscheidungssegen in ‘Der Erkenntnis verleiht’, so läßt man ihn nicht wiederholen, weil er ihn über den Becher sprechen kann. —
25Das ist kein Einwand; das eine bei einem Einzelnen, das andere bei der Gemeinde. —
26Bei der Gemeinde wohl deshalb nicht, weil man sie vom Vorbeter hört; weshalb begründet er: weil er sie in ‘Der das Gebet erhört’ einschalten kann, er sollte ja begründen, weil er sie vom Vorbeter hört!? —
27Vielmehr, beide handeln von einem Einzelnen, dennoch besteht hier kein Widerspruch; das eine, wenn er sich vor ‘Der das Gebet erhört’ erinnert,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.