Berachot — Blatt 2b

1vielleicht ist hier das Schwinden des Sonnenlichtes und (was heißt: er ist rein?) das Reinwerden der Person zu verstehen?

2Rabba b. R. Šila erwiderte: Demnach hätte die Schrift sagen sollen: er soll rein werden; unter: er ist rein [verstehe man] das Reinsein des Tages. So spricht auch das Volk: die Sonne ist untergegangen, der Tag ist gesäubert.

3Im Westen hatten sie von der Erklärung des Rabba b. R. Šila nicht gehört und stellten folgende Frage: Wenn die Sonne untergegangen; ist hier der [völlige] Untergang der Sonne und (was heißt: er ist rein?) das Reinsein des Tages, oder aber das Schwinden des Sonnenlichtes und (was heißt: er ist rein?) das Reinwerden der Person zu verstehen?

4Sie entschieden dies nachher aus einer Barajtha. Eine Barajtha lehrt: Ein Zeichen dafür ist das Hervortreten der Sterne. Schließe daraus, daß hier der [völlige] Untergang der Sonne und (was heißt: er ist rein?) das Reinsein des Tages zu verstehen ist.

5Der Meister sagte: Von der Stunde an, da die Priester eintreten, von ihrer Hebe zu essen. Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Von wann an liest man das Šema͑ am Abend? – von der Stunde an, da der Arme eintritt, sein Brot mit Salz zu essen, bis zur Stunde, da er aufsteht, sich von seiner Mahlzeit zu entfernen.

6Der Schlußsatz widerspricht entschieden unserer Mišna; ist aber anzunehmen, daß auch der Anfangssatz unserer Mišna widerspricht? –

7Nein, der Arme und der Priester haben eine Zeit.

8Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Von wann an beginnt man das Šema͑ am Abend zu lesen? – von der Stunde an, da die Leute an den Vorabenden der Šabbathe eintreten, ihr Brot zu essen – so R. Meír. Die Weisen sagen, von der Stunde an, da die Priester berechtigt sind, von ihrer Hebe zu essen. Ein Zeichen dafür ist das Hervortreten der Sterne. Und obgleich es hierfür keinen Beweis gibt, so gibt es doch eine Andeutung, denn es heißt: wir arbeiteten bei dem Werke, und ihre Hälfte hielten die Lanzen vom Anfang der Morgenröte bis zum Hervortreten der Sterne. Ferner heißt es: es war uns die Nacht zur Wache und der Tag zur Arbeit. –

9Wozu das ‘ferner’? –

10Man könnte sagen, die Nacht beginne tatsächlich mit dem Sonnenuntergang, nur hätten sie früh und spät gearbeitet, so heißt es: es war uns die Nacht zur Wache und der Tag zur Arbeit.

11Er glaubte, der Arme und die [gewöhnlichen] Menschen haben eine Zeit, und wenn man sagen wollte, auch der Arme und der Priester haben eine Zeit, so wären ja die Weisen [derselben Ansicht wie] R. Meír!?

12Vielmehr schließe man hieraus, daß die Zeitangabe des Armen eine andere ist, als die der Priester. – Nein, der Arme und der Priester haben eine Zeit, nicht aber haben der Arme und die [gewöhnlichen] Menschen eine Zeit. –

13Haben etwa der Arme und der Priester eine Zeit, ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Von wann an beginnt man das Šema͑ am Abend zu lesen? – von der Stunde an, da der Tag an den Vorabenden der Šabbathe heilig wird – so R. Elie͑zer. R. Jehošua͑ sagt, von der Stunde an, da die Priester rein sind, von ihrer Hebe zu essen. R. Meír sagt, von der Stunde an, da die Priester untertauchen, um von ihrer Hebe zu essen. R. Jehuda sprach zu ihm: Die Priester tauchen ja noch am Tage unter!? R. Ḥanina sagt, von der Stunde an, da der Arme eintritt, sein Brot und Salz zu essen. R. Aḥaj, nach anderen R. Aḥa, sagt, von der Stunde an, da die meisten Menschen zur Mahlzeit eintreten.

14Wenn du sagen wolltest, der Arme und der Priester haben eine Zeit, so wäre ja R. Ḥanina [derselben Ansicht wie] R. Jehošua͑!?

15Vielmehr ist hieraus zu schließen, daß die Zeitangabe des Armen eine andere ist, als die der Priester. Schließe hieraus. –

16Welche von ihnen ist später? – Es ist anzunehmen, daß die des Armen später ist; wollte man sagen, die des Armen sei früher, so wäre ja R. Ḥanina [derselben Ansicht wie] R. Elie͑zer!? Vielmehr ist hieraus zu schließen, daß die des Armen später ist. Schließe hieraus.

17Der Meister sagte: R. Jehuda sprach zu ihm: Die Priester tauchen ja noch am Tage unter!?

18Zutreffend entgegnete ja R. Jehuda dem R. Meír!? –

19R. Meír erwiderte ihm folgendes: Du glaubst wohl, ich meine deine Dämmerung, ich meine die Dämmerung R. Joses, denn R. Jose sagt, die Dämmerung währe einen Augenblick: diese kommt und jener geht, es ist nicht möglich, es auseinander zu halten. –

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.