Berachot — Blatt 40b

1wenn aber, nachdem man die Frucht gepflückt, das Gezweige nicht zurückbleibt und wieder [Früchte] trägt, so spricht man nicht den Segen ‘Der die Baumfrucht erschafft’, sondern ‘Der die Bodenfrucht erschafft’.

2BEI ALLEN ABER &C. WENN MAN ‘ALLES &C’. Es wurde gelehrt: R. Hona sagt, außer Brot und Wein; R. Joḥanan sagt, auch Brot und Wein.

3Es wäre anzunehmen, daß sie [denselben Streit führen] wie die folgenden Tannaím. Wenn jemand Brot gesehen und gesprochen hat: wie schön ist dieses Brot, gepriesen sei Gott, der es erschaffen hat, so hat er seiner Pflicht genügt. Wenn er eine Feige gesehen und gesprochen hat: wie schön ist diese Feige, gepriesen sei Gott, der sie erschaffen hat, so hat er seiner Pflicht genügt – so R. Meír. R. Jose sagt, wer das von den Weisen bei den Segenssprüchen festgesetzte Gepräge ändert, genüge seiner Pflicht nicht. Es wäre anzunehmen, daß R. Hona der Ansicht R. Joses, und R. Joḥanan der Ansicht R. Meírs ist. –

4R. Hona kann dir erwidern: meine Ansicht gilt auch nach R. Meír, denn R. Meír vertritt seine Ansicht nur da, wo er den Namen des Brotes genannt hat, wenn man aber den Namen des Brotes nicht nennt, pflichtet auch R. Meír bei;

5und auch R. Joḥanan kann dir erwidern: meine Ansicht gilt auch nach R. Jose, denn R. Jose vertritt seine Ansicht nur da, wo er einen Segen gesprochen hat, den die Rabbanan nicht angeordnet haben, wenn man aber ‘Alles entsteht durch sein Wort’ spricht, das die Rabbanan angeordnet haben, pflichtet auch R. Jose bei.

6Binjamin der Hirt aß sein Brot und sprach: Gepriesen sei der Herr dieses Brotes. Da sagte Rabh: Er hat seiner Pflicht genügt. – Rabh sagte ja aber, ein Segensspruch, in dem der Gottesname nicht erwähnt wird, sei kein Segensspruch!? – Er hatte gesprochen: Gepriesen sei der Allbarmherzige, der Herr dieses Brotes. –

7Es sind ja aber drei Segenssprüche erforderlich!? – Mit ‘genügt’ meinte Rabh auch nur, er habe der Pflicht des ersten Segensspruches genügt. –

8Er lehrt uns damit, [es genüge,] wenn man es in profaner Sprache gesprochen hat, und dies wurde ja bereits gelehrt!?

9Folgendes kann in jeder Sprache gelesen werden: der Abschnitt der Ehebruchverdächtigten, das Bekenntnis beim Zehnten, das Šema͑, das Gebet und der Tischsegen. – Dies ist nötig; man könnte glauben, nur in dem Falle, wenn man ihn in profaner Sprache genau so spricht, wie ihn die Rabbanan in der Heiligensprache angeordnet haben, nicht aber, wenn man ihn in der profanen Sprache nicht so spricht, wie ihn die Rabbanan in der Heiligensprache angeordnet haben, so lehrt er uns.

10Der Text. Rabh sagte: Ein Segensspruch, in dem der Gottesname nicht erwähnt wird, ist kein Segensspruch. R. Joḥanan sagte: Ein Segensspruch, in dem das Königtum [Gottes] nicht erwähnt wird, ist kein Segensspruch. Abajje sagte: Die Ansicht Rabhs ist einleuchtender, denn es wird gelehrt: Deine Gebote habe ich nicht übertreten, noch vergessen: nicht übertreten, dich zu preisen, noch vergessen, darüber deinen Namen zu erwähnen. Er lehrt aber nicht: darüber dein Königtum [zu nennen]. –

11Und R. Joḥanan!?– Lies: nicht vergessen, darüber deinen Namen und dein Königtum zu erwähnen.

12ÜBER DAS, WAS NICHT AUS DER ERDE WÄCHST, SPRECHE MAN ‘ALLES ENTSTEHT DURCH SEIN WORT’. ÜBER DEN ESSIG, ÜBER ABGEFALLENES UND ÜBER HEUSCHRECKEN SPRECHE MAN ‘ALLES ENTSTEHT DURCH SEIN WORT’. R. JEHUDA SAGT, ÜBER ALLES, WAS EINE ART FLUCH IST, SPRECHE MAN KEINEN SEGEN.

13WER MEHRERE ARTEN VOR SICH HAT, SPRECHE, WIE R. JEHUDA SAGT, WENN DARUNTER EINE VON DEN SIEBEN ARTEN IST, DEN SEGEN ÜBER DIESE; DIE WEISEN SAGEN, ER SPRECHE DEN SEGEN, ÜBER WELCHE ER WILL.

14GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Über das, was nicht aus der Erde wächst, beispielsweise Fleisch vom Vieh, Wild, Geflügel oder Fische, spreche man ‘Alles entsteht durch sein Wort’; über Milch, Eier und Käse spreche man ‘Alles’; über verschimmeltes Brot, kahmigen Wein und verdorbene Kochspeise spreche man ‘Alles’; über Salz, Salztunke, Schwämme und Pilze spreche man ‘Alles’. Demnach sind Schwämme und Pilze keine Erdgewächse, dagegen aber wird gelehrt, daß, wenn jemand sich Früchte der Erde abgelobt, ihm Früchte der Erde verboten, Schwämme und Pilze aber erlaubt seien; und wenn er gesagt hat: alle Erdgewächse sollen mir verboten sein, ihm auch Schwämme und Pilze verboten seien!?

15Abajje erwiderte: Sie wachsen zwar aus der Erde, ihre Nahrung aber ziehen sie nicht aus der Erde. –

16Er lehrt ja aber: über das, was nicht aus der Erde wächst!? – Lies: über das, was nicht aus der Erde seine Nahrung zieht.

17ÜBER ABGEFALLENES. Was heißt Abgefallenes? – R. Zera und R. Ilea͑ [erklärten es]; einer erklärt, durch die Hitze überreift, und einer erklärt, Datteln, die der Wind [abgeschüttelt]. –

18Wir haben gelernt: R. Jehuda sagt, über alles, was eine Art Fluch ist, spreche man keinen Segen. Erklärlich ist es nach demjenigen, der ‘durch die Hitze überreift’ erklärt, daß er es einen Fluch nennt; was für ein Fluch ist es aber nach demjenigen, der ‘Datteln, die der Wind abgeschüttelt’ erklärt!? –

19Dies bezieht sich auf die übrigen.

20Manche lesen: Erklärlich ist es nach demjenigen, der ‘durch die Hitze überreift’ erklärt, daß man darüber ‘Alles’ spricht; wieso aber spricht man darüber ‘Alles’ nach demjenigen, der ‘Datteln, die der Wind abgeschüttelt’ erklärt, man sollte ja den Segen ‘Der die Baumfrucht erschafft’ sprechen!? –

21Vielmehr über ‘Abgefallenes’ schlechthin stimmen alle überein, daß es durch die Hitze überreifte [Früchte] sind, sie streiten nur über ‘Abgefallenes der Dattelpalme’. Wir haben nämlich gelernt: Die bezüglich des Demaj leichter zu nehmenden sind: Šitin, Rimin, O͑zardin, Benoth šuaḥ, Benoth šiqma, Guphnin, Niçpa, Nobloth temara [Abgefallenes der Dattelpalme].

22Šitin, wie Rabba b. Bar Ḥana im Namen R. Joḥanans erklärte: eine Art Feigen; Rimin: Pistazien; O͑zardin: Speierlinge; Benoth šuaḥ, wie Rabba b. Bar Ḥana im Namen R. Joḥanans erklärte: weiße Feigen; Benoth šiqma, wie Rabba b. Bar Ḥana im Namen R. Joḥanans erklärte: gepfropfte Feigen; Guphnin: späte Weintrauben; Niçpa: Kapern. Über Nobloth temara [Abgefallenes der Dattelpalme streiten] R. Ilea͑ und R. Zera; einer erklärt: durch die Hitze überreift, und einer erklärt: Datteln, die der Wind abgeschüttelt. –

23Erklärlich ist es nach demjenigen, der ‘durch Hitze überreift’ erklärt, daß er von ‘hinsichtlich des Demaj leichter zu nehmenden’ spricht, denn nur im Zweifel sind sie [zehnt]frei, die sicher [unverzehnteten] hingegen sind pflichtig; wieso aber sollten nach demjenigen, der ‘Datteln, die der Wind abgeschüttelt’ erklärt, die sicher [unverzehnteten] pflichtig sein, sie sind ja Freigut!? –

24Hier wird von dem Falle gesprochen, wenn man sie in die Tenne gesammelt hat. R. Jiçḥaq sagte nämlich im Namen R. Joḥanans im Namen des R. Elie͑zer b. Ja͑qob: Nachlese, Vergessenes und Eckenlaß in die Tenne gesammelt, sind zehntpflichtig geworden.

25Manche sagen:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.