Joma — Blatt 32b

1In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt, dies sei [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn die goldenen Kleider, in denen der Priester in das Allerheiligste nicht eintreten darf, des Untertauchens benötigen, um wieviel mehr benötigen die weißen Kleider des Untertauchens, in denen er in das Allerheiligste eintritt. – Dies ist ja zu widerlegen: wohl die goldenen Kleider, weil in diesen mehr Sühne verschafft wird!? – Vielmehr ist es aus [der Schlußfolgerung] Rabbis zu entnehmen.

2«Rabbi sagte: Woher, daß der Hochpriester an diesem Tage fünf Tauchbäder nehmen und zehn Waschungen machen muß? Es heißt: einen heiligen linnenen Leibrock soll er anziehen. Du lernst also daß der Wechsel einer jeden Dienstverrichtung des Untertauchens benötigt.» Wir wissen dies [vom Wechsel] der goldenen Kleider auf die weißen Kleider, woher dies [vom Wechsel] der weißen Kleider auf die goldenen Kleider?

3In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt, dies sei [durch einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn die weißen Kleider, in denen nicht viel Sühne verschafft wird, des Untertauchens benötigen, um wieviel mehr benötigen die goldenen Kleider des Untertauchens, in denen viel Sühne verschafft wird. –

4Dies ist ja zu widerlegen: wohl die weißen Kleider, weil er in diesen in das Allerheiligste eintritt!? – Deshalb sagte er auch: ferner heißt es: heilige Kleider sind es, er bade seinen Leib im Wasser und ziehe sie an.

5«Fünf Dienstverrichtungen sind es: das beständige Morgenopfer in goldenen Kleidern; der Dienst des Tages, in weißen Kleidern; sein Widder und der Widder des Volkes, in goldenen Kleidern; Kelle und Kohlenpfanne, in weißen Kleidern; das beständige Abendopfer, in goldenen Kleidern.

6Und woher, daß zu jedem Untertauchen zwei Waschungen erforderlich sind: Es heißt: ausziehen und baden, baden und anziehen.» – Dieser Schriftvers spricht ja vom Untertauchen!? – Da dies auf das Untertauchen nicht zu beziehen ist, da dies schon aus [den Worten:] heilige Kleider sind es, zu entnehmen ist, so beziehe man es auf die Waschung. –

7Sollte der Allbarmherzige dabei den Ausdruck ‘waschen’ gebrauchen!? – Er lehrt uns folgendes: das Untertauchen gleicht der Waschung, wie die Waschung an einem heiligen Orte, ebenso das Untertauchen an einem heiligen Orte. –

8Woher entnimmt R. Jehuda die Waschung!? – Er entnimmt dies aus [der Schlußfolgerung] des R. Elea͑zar b.R. Šimon.

9R. Ḥisda sagte: Die Ansicht Rabbis ist nicht die des R. Meír und nicht die der Rabbanan. Sie ist nicht die der Rabbanan, denn die Rabbanan sagen, die Waschung erfolge angezogen, während er aber sagt, die Waschung erfolge ausgezogen; auch nicht die des R. Meír, denn R. Meír sagt, die letzte Waschung erfolge angezogen, während er aber sagt, die Waschung erfolge ausgezogen.

10R. Aḥa b. Ja͑qob sagte: Alle stimmen hinsichtlich der zweiten Waschung überein, daß er sich vorher anziehe und nachher [Hände und Füße] wasche, denn die Schrift sagt: oder wenn sie an den Altar herantreten, der nur heranzutreten hat, ausgenommen derjenige, der sich anzuziehen und heranzutreten hat.

11R. Aḥa, der Sohn Rabas, sprach zu R. A͑si: R. Ḥisda hält nichts von dem, was R. Aḥa gesagt hat, und R. Aḥa hält nichts von dem, was R. Ḥisda gesagt hat, denn sonst wären es ja nach Rabbi fünfzehn Waschungen.

12HIERAUF BRACHTE MAN IHM DAS BESTÄNDIGE OPFER UND ER SCHNITT [DEN HALS] EIN &C. Was heißt qaraç [einschneiden]? U͑la erwiderte: Dies bedeutet töten. R. Naḥman b. Jiçḥaq sprach: Hierauf deutet folgender Schriftvers: wie eine schöne junge Kuh ist Miçrajim, aber die Vernichtung [qereç] kommt vom Norden her. – Wieso geht dies hieraus hervor? – Nach der Auslegung R. Josephs: ein schönes Königreich ist Miçrajim, aber die mordenden Völker kommen über es aus dem Norden her. – Wie weit schnitt er hinein? U͑la erwiderte: Den größeren Teil beider [Halsorgane].

13Ebenso sagte auch R. Joḥanan, den größeren Teil beider [Halsorgane]. Auch Reš Laqiš ist der Ansicht, den größeren Teil beider [Halsorgane], denn Reš Laqiš sagte: Wozu lehrt er, nachdem wir gelernt haben, der größere Teil gleiche dem ganzen, daß [das Durchschneiden] des größeren Teiles des einen beim Geflügel und des größeren Teiles beider beim Vieh erforderlich sei? Da wir gelernt haben, daß man ihm das beständige Opfer brachte und er den Hals einschnitt, während ein anderer an seiner Seite das Schlachten vollendete, das Blut aufnahm und es sprengte, so könnte man glauben, es sei untauglich, wenn jener das Schlachten nicht beendet. –

14Wenn man glauben könnte, es sei untauglich, wenn jener das Schlachten nicht beendet, so erfolgt ja der Dienst durch andere, und wir haben ja gelernt, daß alle Dienstverrichtungen am Versöhnungstage nur durch ihn giltig seien!? – Er meint es vielmehr wie folgt: man könnte glauben, es sei rabbanitisch ungültig,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.