Joma — Blatt 86a
1ausgenommen [das Verbot]: du sollst nicht aussprechen!? – Du sollst nicht aussprechen, und alles, was dem gleicht. –
2Komm und höre: R. Jehuda sagte: Alles nach [dem Verbote:] du sollst nicht aussprechen, sühnt die Buße, vor [dem Verbote:] du sollst nicht aussprechen, läßt die Buße in der Schwebe und der Versöhnungstag sühnt es!? – Du sollst nicht aussprechen, und alles, was dem gleicht. –
3Komm und höre: Beim [Berge] Ḥoreb wird von der Vergebung durch Buße gesprochen, somit könnte man glauben, dies beziehe sich auch auf [das Verbot:] du sollst nicht aussprechen, so heißt es: wird er nicht vergeben. Man könnte glauben, dies beziehe sich auch auf andere Verbote, so heißt es: seinen Namen, das [Aussprechen] seines Namens vergibt er nicht, wohl aber vergibt er andere Verbote!? –
4Hierüber [streiten] Tannaím, denn es wird gelehrt: Was sühnt die Buße? [die Übertretung von] Geboten und Verboten, die in Gebote übergehen. Welche [Sünden] bleiben durch die Buße in der Schwebe und sühnt der Versöhnungstag? Die mit der Ausrottungsstrafe oder der Hinrichtung durch das Gericht belegt sind und richtige Verbote.
5Der Meister sagte: Beim [Berge] Ḥoreb wird von der Vergebung [durch Buße] gesprochen. Woher dies? Es wird gelehrt: R. Elea͑zar sagte: Man kann nicht sagen, er vergebe, wo es ja heißt, er vergebe nicht, und man kann nicht sagen, er vergebe nicht, wo es ja heißt, er vergebe; wie ist dies zu erklären? Er vergibt denen, die Buße tun, und vergibt nicht denen, die keine Buße tun.
6R. Mathja b. Ḥereš fragte R. Elea͑zar b. A͑zarja in Rom: Hast du von den vier Verschiedenheiten der Sühne gehört, über die R. Jišma͑él vorgetragen hat? Dieser erwiderte: Es sind drei, und mit jeder ist die Buße verbunden. Hat jemand ein Gebot übertreten und Buße getan, so rührt er sich nicht von der Stelle, bis man ihm vergeben hat, denn es heißt: tut Buße, ihr abtrünnigen Kinder.
7Hat jemand ein Verbot übertreten, und Buße getan, so läßt die Buße es in der Schwebe und der Versöhnungstag sühnt es, denn es heißt: denn an diesem Tage wird er euch Sühne schaffen &c. von allen euren Sünden. Hat jemand eine mit der Ausrottungsstrafe oder der Hinrichtung durch das Gericht [belegte Sünde] begangen, und Buße getan, so lassen Buße und Versöhnungstag sie in der Schwebe und Züchtigungen scheuren sie weg, denn es heißt: ich werde mit dem Stocke ihr Vergehen ahnden und ihre Verschuldung mit Schlägen.
8Wenn jemand sich aber die Entweihung des göttlichen Namens zu Schulden kommen ließ, so ist es nicht in der Macht der Buße, es in der Schwebe zu lassen, des Versöhnungstages, es zu sühnen und der Züchtigungen, es wegzuscheuren; sie alle lassen es vielmehr in der Schwebe, und nur der Tod scheucht dies weg, wie es heißt: der Herr der Heerscharen hat sich in meinen Ohren vernehmen lassen: Wahrlich, diese Sünde soll euch nicht vergeben werden, bis ihr sterbt.
9Was gilt als Entweihung des göttlichen Namens? Rabh erwiderte: Bei mir, wenn ich Fleisch vom Schlächter kaufe und ihm nicht sofort das Geld gebe. Abajje sagte: Dies gilt nur von einer Ortschaft, wo man [die Schuld] nicht einfordert, in einer Ortschaft aber, wo man [die Schuld] einfordert, ist nichts dabei.
10Rabina sprach: Matha Meḥasja ist eine Ortschaft, wo man [die Schuld] einfordert. Wenn Abajje Fleisch von zwei Gesellschaftern kaufte, zahlte er Geld an den einen und Geld an den anderen, und nachher führte er sie zusammen und rechnete mit ihnen ab.
11R. Joḥanan erwiderte: Bei mir, wenn ich vier Ellen ohne Tora und ohne Tephillin gehe. Jiçḥaq aus der Schule R. Jannajs sagte: Wenn seine Kollegen sich seines Leumundes schämen, so ist dies eine Entweihung des göttlichen Namens. R. Naḥman b. Jiçḥaq erklärte: Wenn zum Beispiel die Menschen sagen: Der Herr verzeihe ihm!
12Abajje erklärte: Wie gelehrt wird: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben; der Name des Himmels soll durch dich beliebt werden. Wenn jemand [die Schrift] liest, [das Gesetz] studiert und Umgang mit Gelehrten pflegt, und im Verkehr mit Menschen höflich ist, was sprechen die Leute über ihn? Heil [ihm, der die Tora gelernt hat, heil] seinem Vater, der ihn die Tora lehrte, heil seinem Lehrer, der ihn die Tora lehrte; wehe den Leuten, die die Tora nicht gelernt haben. Dieser hat die Tora gelernt: seht doch, wie schön sein Wandel, wie rechtschaffen sein Betragen! Über ihn spricht die Schrift: Und er sprach zu mir: Mein Diener bist du, Jisraél, auf den ich stolz bin.
13Wenn jemand aber [die Schrift] liest, [das Gesetz] studiert und Umgang mit Gelehrten pflegt, und im Handel nicht gewissenhaft und in der Unterhaltung mit Menschen nicht höflich ist, was sprechen die Leute über ihn? Wehe diesem, der die Tora gelernt hat, wehe seinem Vater, der ihn die Tora lehrte, wehe seinem Lehrer, der ihn die Tora lehrte; dieser hat die Tora gelernt: seht doch, wie entartet ist sein Betragen, wie häßlich sein Wandel! Über ihn spricht die Schrift: Indem man von ihnen sagte: diese sind das Volk des Herrn, und doch mußten sie aus seinem Lande fort.
14R. Ḥama b. Ḥanina sagte: Bedeutend ist die Buße, denn sie bringt Heilung über die Welt, wie es heißt: Ich will ihre Verwilderung heilen, sie freiwillig lieben.
15R. Ḥama b.Ḥanina wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt: kehret um, ihr ausgelassenen Kinder, vorher nur ausgelassen, und es heißt: ich will eure Verwilderung heilen!? Das ist kein Widerspruch; das eine, wenn [die Buße] aus Liebe erfolgt, und das andere, wenn aus Furcht.
16R. Jehuda wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt: kehret um, ihr ausgelassenen Kinder, ich will eure Verwilderung heilen, und es heißt: denn ich bin euer Herr, ich will euch einen aus einer Stadt und zwei aus einer Familie holen!? Das ist kein Widerspruch; das eine, wenn [die Buße] aus Liebe erfolgt, und das andere, wenn durch Züchtigungen. R. Levi sagte: Bedeutend ist die Buße, denn sie reicht bis zum Thron der Herrlichkeit, wie es heißt: kehre zurück, Jisraél, zum Herrn, deinem Gott.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.