Ketubbot — Blatt 63a
1willst du lebendige Witwenschaft führen? Sie aber erwiderte ihm: Wenn er auf mich hören würde, könnte er da noch zwölf Jahre bleiben. Hierauf sprach er: Es geschieht also mit ihrer Einwilligung. Da kehrte er zurück und verweilte wiederum zwölf Jahre im Lehrhaus, und als er zurückkam, brachte er vierundzwanzigtausend Schüler mit. Als seine Frau dies erfuhr und ihm entgegenging, sprachen die Nachbarinnen zu ihr: Borge doch Gewänder und kleide dich ein. Diese aber erwiderte ihnen:Der Fromme kennt die Seele seines Viehs. Als sie zu ihm herankam, fiel sie aufs Gesicht und küßte ihm die Füße. Da stießen seine Diener sie fort; er aber sprach zu ihnen: Lasset sie, meines und eures ist ihres.
2Als nun ihr Vater hörte, daß ein bedeutender Mann nach der Stadt gekommen sei, sprach er: Ich will zu ihm gehen, vielleicht löst er mein Gelübde auf. Hierauf kam er zu ihm, und er fragte ihn: Würdest du gelobt haben, wenn er ein bedeutender Mann wäre? Dieser erwiderte: [Nicht einmal,] wenn er einen Abschnitt oder eine Halakha [gelernt hätte]. Hierauf sprach er: Ich bin es. Da fiel er aufs Gesicht und küßte ihm die Füße; auch gab er ihm die Hälfte seines Vermögens. Und ebenso verfuhr die Tochter R. A͑qibas mit Ben A͑zaj. Das ist es, was die Leute sagen: Ein Schaf folgt dem Schafe; wie das Betragen der Mutter, so das Betragen der Tochter.
3Den R. Joseph, den Sohn Rabas, sandte sein Vater zu R. Joseph ins Lehrhaus. Es waren sechs Jahrevereinbart worden, aber als nach drei Jahren der Rüsttag des Versöhnungstages heranreichte, sprach er: Ich will gehen und meine Angehörigen sehen. Als sein Vater dies hörte, nahm er einen Knüttel und ging ihm entgegen, indem er zu ihm sprach: Du hast dich wohl deines Gesponsenerinnert. Manche sagen, er sprach zu ihm: Du hast dich wohl deines Täubchens erinnert. In ihrer Verwirrung nahm weder der eine noch der andere die Fastenmahlzeitein.
4WENN [EINE FRAU] GEGEN IHREN MANN WIDERSPENSTIG IST, SO ZIEHE ER IHR SIEBEN DENAREWÖCHENTLICH VON IHRER MORGENGABE AB; R. JEHUDA SAGT, SIEBEN TROPAÏK. WIE LANGE ZIEHE ER SIE IHR AB? BIS ZUM BETRAGE IHRER MORGENGABE. R. JOSE SAGT, ER DÜRFE FORTWÄHREND WEITER ABZIEHEN UND ES, WENN IHR EINE ERBSCHAFT VON ANDERER SEITE ZUFÄLLT, VON DIESER EINFORDERN. EBENSO FÜGE MAN IHR, WENN ER GEGEN SEINE FRAU WIDERSPENSTIG IST, DREIDENARE WÖCHENTLICH ZU IHRER MORGENGABE HINZU; R. JEHUDA SAGT, DREI TROPAÏK.
5GEMARA. In welcher Hinsicht widerspenstig? R. Hona erwiderte: Hinsichtlich der Beiwohnung. R. Jose b. R. Ḥanina erwiderte: Hinsichtlich der Arbeitsleistung. – Wir haben gelernt: Ebenso füge man ihr zu, wenn er gegen seine Frau widerspenstig ist. Allerdings nach demjenigen, der hinsichtlich der Beiwohnung sagt, wieso aber nach demjenigen, der hinsichtlich der Arbeitsleistung sagt, ist er ihr denn arbeitspflichtig!? – Freilich, wenn er zu ihr sagt, er wolle sie nicht ernähren und nicht versorgen. –
6Rabh sagte ja, daß, wenn jemand sagt, er wolle [seine Frau] nicht ernähren und nicht versorgen, er sie entlassen und ihr die Morgengabe zahlen müsse!? – Läßt man ihn denn nicht sichüberlegen!?
7Man wandte ein: Einerlei ob verlobt oder verheiratet, sogar eine Menstruierende oder eine Kranke, sogar eine Anwärterin der Schwagerehe.
8Allerdings nach demjenigen, der hinsichtlich der Arbeitsleistung sagt, wieso aber nach demjenigen, der hinsichtlich der Beiwohnung sagt, ist denn eine Menstruierende zur Beiwohnung geeignet!? – Er kann dir erwidern: Wer Brot im Korbe hat, ist nicht mit dem zu vergleichen, der kein Brot im Korbehat.
9Manche lesen: Allerdings gilt dies von einer Kranken nach demjenigen, der hinsichtlich der Beiwohnung sagt, wieso aber nach demjenigen, der hinsichtlich der Arbeitsleistung sagt, ist denn eine Kranke zur Arbeit fähig!? –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.