Taanit — Blatt 20a

1und jetzt sollte es regnen? Und er ging wohlgemut ins Badehaus. Während aber der Hegemon wohlgemut ins Badehaus trat, trat Nikodemon traurig in den Tempel, hüllte sich ein und betete:

2Herr der Welt, offenbar und bekannt ist es dir, daß ich dies nicht mir zu Ehren, auch nicht zu Ehren meines väterlichen Hauses getan habe, sondern nur dir zu Ehren, damit die Wallfahrer stets Wasser haben! Sofort wurde der Himmel von Wolken überzogen und Regen fiel hernieder, bis die zwölf Quellen voll Wasser waren, und noch darüber.

3Als darauf der Hegemon das Badehaus verließ, verließ Nikodemon b.Gorjon den Tempel, und als sie einander begegneten, sprach dieser: Bezahle mir das Wasser, das ich zuviel bei dir habe. Jener erwiderte: Ich weiß zwar, daß der Heilige, gepriesen sei er, nur deinetwegen seine Welt erschüttern machte, trotzdem habe ich noch eine Einrede gegen dich, mein Geld von dir zu erhalten: bereits ist die Sonne untergegangen, und in meinem Besitze fiel der Regen nieder.

4Da begab er sich abermals in den Tempel, hüllte sich ein und betete: Herr der Welt, tue kund, daß du Lieblinge auf deiner Welt hast! Hierauf verzogen sich die Wolken, und die Sonne kam zum Vorschein. Da sprach der Hegemon zu ihm: Schiene die Sonne nicht, so hätte ich eine Einrede gegen dich, mein Geld von dir zu erhalten. Es wird gelehrt: Sein Name war nicht Nikodemon, sondern Buni, und nur deshalb heißt er Nikodemon, weil seinetwegen die Sonne glänzte.

5Die Rabbanan lehrten: Dreien glänzte die Sonne: Moše, Jehošua͑ und Nikodemon b. Gorjon. – Allerdings [wissen wir dies von] Nikodemon b. Gorjon aus der Lehre, von Jehošua͑ aus der Schrift, denn es heißt: da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen; woher von Moše?

6R. Elea͑zar erwiderte: Dies ist durch [das Wort] anfangen zu folgern: hier heißt es: ich fange an, Furcht zu geben, und dort heißt es: ich fange an, dich groß zu machen.

7R. Šemuél b. Naḥmani erwiderte: Dies ist durch [das Wort] geben zu folgern; hier heißt es: ich fange an, Furcht zu geben und dort heißt es: am Tage, an dem der Herr den Emori gab.

8R.Joḥanan erwiderte: Dies ist aus der Schrift selbst zu entnehmen, sobald sie nun von dir hören, werden sie vor dir zittern und beben; wann zitterten und bebten sie? Als die Sonne für Moše glänzte.

9DESGLEICHEN AUCH, WENN ÜBER EINE EINZELNE STADT KEIN REGEN GEKOMMEN &C. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Beides zum Fluche.

10Jerušalem ist unter ihnen zur Menstruierenden geworden. Hierüber sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Als Segen: wie die Menstruierende erlaubt wird, ebenso hat Jerušalem eine Zukunft.

11Sie ist wie eine Witwe geworden. Hierüber sagte R. Jehuda [im Namen Rabhs]: Als Segen: wie eine Witwe, nicht zur wirklichen Witwe, sondern wie eine Frau, deren Mann nach überseeischen Ländern verreist ist, jedoch zu ihr zurückzukehren denkt.

12Und auch ich habe euch verächtlich und niedrig gemacht. Hierüber sagte R. Jehuda [im Namen Rabhs]. Als Segen: sie stellen niemand von uns als Zöllner oder Schergen an.

13Und der Herr wird Jisraél schlagen, gleichwie das Rohr im Wasser schwankt. Hierüber sagte R. Jehuda im Namen Rabhs : Als Segen. R. Šemuél b. Naḥmani sagte nämlich im Namen R.Jonathans: Es heißt: treugemeint sind die Wunden von einem Liebenden, lästig aber die Küsse von einem Feinde; besser ist der Fluch, den Aḥija der Šilonite über Jisraél sprach, als der Segen, den der Frevler Bilea͑m über sie sprach.

14Aḥija der Šilonite fluchte ihnen [durch Vergleich] mit einem Rohre; er sprach nämlich zu Jisraél: Und der Herr wird Jisraél schlagen, gleichwie das Rohr im Wasser schwankt. Wie nämlich das Rohr am Wasser wächst, sein Stamm sich fortpflanzt und seine Wurzeln viel sind, sodaß alle Winde der Welt, wenn sie kommen und gegen ihn wehen, ihn nicht von seiner Stelle reißen, vielmehr bewegt er sich mit ihnen, und sobald die Winde aufhören, bleibt das Rohr auf seinem Platze stehen.

15Der Frevler Bilea͑m aber segnete sie [durch Vergleich] mit einer Zeder, wie es heißt:wie Zedern (am Wasser); wie die Zeder nicht am Wasser wächst, ihr Stamm sich nicht fortpflanzt und ihre Wurzeln nicht viel sind. Obgleich alle Winde der Welt, wenn sie kommen und gegen sie wehen, sie nicht fortzureißen vermögen, so kann dennoch der Südwind, wenn er gegen sie weht, sie entwurzeln und umwerfen. Und nicht nur das, dem Rohre ist es auch beschieden, daß aus ihm ein Kalam gefertigt wird, damit die Tora, die Propheten und die Hagiographen zu schreiben.

16Die Rabbanan lehrten: Stets sei der Mensch biegsam wie das Rohr und nicht hart wie der Zeder. Einst kam R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n aus Migdal Gedor aus dem Hause seines Lehrers. Er ritt spazieren auf einem Esel am Ufer des Flusses und war sehr lustig und übermütig, weil er viel Tora gelernt hatte.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.