umstritten

Çatalhöyük

Eine Siedlung ohne Straßen — und die Toten wohnten mit

Wann
ca. 7100–5600 v. Chr.
Wo
Konya-Ebene, Zentralanatolien, Türkei
Feld
Archäologie
Geprüft
2026-08-04

Lehmziegelhäuser Wand an Wand, ohne Straßen und ohne Türen auf Bodenniveau; man stieg über Leitern durch die Dächer ein. Achtzehn Bauschichten übereinander, die Toten unter den Schlafplattformen bestattet, Wildrinderschädel in den Wänden. Datierung, Architektur und Bestattungspraxis sind gesichert. Umstritten bleibt die Sozialstruktur, und die berühmte Muttergöttin ist nicht offen, sondern widerlegt: Unter rund 2.000 Figurinen zeigen weniger als fünf Prozent Frauen.

Was gesichert ist

A dokumentiert Çatalhöyük ist eine der frühesten dicht bebauten Großsiedlungen der Welt. Die Häuser aus Lehmziegeln standen Wand an Wand, ohne Straßen zwischen ihnen und ohne Türen auf Bodenniveau. Der Zugang erfolgte über Leitern durch Öffnungen im Dach; die Dachflächen waren der Verkehrsraum.

A dokumentiert Der Hügel enthält achtzehn aufeinanderfolgende Bauschichten. Häuser wurden abgebrochen, verfüllt und an derselben Stelle neu errichtet.

A dokumentiert Die Toten wurden unter den Hausböden bestattet, häufig unter den Schlafplattformen. Einzelne Schädel wurden später wieder ausgegraben, mit Gips zu Gesichtern modelliert, mit Ocker bemalt und weitergegeben.

A dokumentiert Wände tragen Malereien, Reliefs und eingelassene Wildrinderschädel, sogenannte Bukranien.

A dokumentiert James Mellaart entdeckte den Platz 1958 und grub von 1961 bis 1965. Ian Hodder (Cambridge, später Stanford) leitete die Grabung von 1993 bis 2018; sie gilt als eines der methodisch am besten dokumentierten Projekte des Fachs. Die aktuelle Leitung liegt bei Ali Umut Türkcan (Anadolu Üniversitesi). Seit 2012 ist der Platz UNESCO-Welterbe.

A dokumentiert Hodders Team barg rund 2.000 Figurinen. Weniger als fünf Prozent stellen Frauen dar; die große Mehrheit sind Tiere.

A dokumentiert Die alte Bevölkerungsschätzung von 5.000 bis 8.000 gleichzeitigen Bewohnern ist revidiert. Rechnungen auf Basis der Wohnbaudichte kommen für die mittlere Phase, etwa 6700 bis 6500 v. Chr., auf 600 bis 800 Menschen in Çatalhöyük Ost.

Chronologie

  • ca. 7100 v. Chr. — Beginn der Besiedlung. A
  • ca. 6700–6500 v. Chr. — Mittlere Phase, dichteste Bebauung. A
  • ca. 5600 v. Chr. — Ende der Besiedlung des Osthügels. A
  • 1958 — James Mellaart entdeckt den Platz. A
  • 1961–1965 — Mellaarts Grabungen; später wird ihm im Zusammenhang mit der Dorak-Affäre die Grabungserlaubnis in der Türkei entzogen. B
  • 1993–2018 — Grabung unter Ian Hodder. A
  • 2012 — Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste. A
  • 2025 — Presseberichte über genomische Hinweise auf matrilineare Muster; die Primärpublikation wurde für dieses Dossier nicht eingesehen. C

Die Quellenlage

Sie ist außergewöhnlich. Hodders Projekt hat über fünfundzwanzig Jahre nicht nur gegraben, sondern die eigene Methodik mitdokumentiert, einschließlich der Zweifel. Wer heute über Çatalhöyük schreibt, arbeitet nicht mit Reiseberichten, sondern mit Befundprotokollen.

Der Bruch liegt weiter vorn, bei Mellaart. Seine Deutungen aus den sechziger Jahren — die Große Göttin, die matriarchale Religion — sind über die populäre Literatur in die Allgemeinbildung eingesickert, bevor die Nachgrabung sie prüfen konnte. Hinzu kommt, dass Mellaart als Gewährsmann belastet ist: Im Zusammenhang mit der sogenannten Dorak-Affäre um Zeichnungen nie vorgelegter Funde wurde ihm die Grabungserlaubnis in der Türkei entzogen. Das entwertet seine Grabungsbefunde nicht automatisch, aber es begründet, warum seine Deutungen nicht als Quelle taugen, wenn die Nachgrabung anderes zeigt.

Was bis heute fehlt, ist Schrift. Alles über Religion, Verwandtschaft und Herrschaft ist Schluss aus Bauform, Fundverteilung und Knochen — nicht Auskunft der Bewohner.

Was behauptet wird

C behauptet Çatalhöyük sei die älteste Stadt der Welt. Jericho ist älter. Çatalhöyük ist die größte Siedlung ihrer Art in Anatolien, was etwas anderes ist.

C behauptet Das Wandbild mit dem Doppelgipfel des Hasan Dağı sei die älteste Landkarte der Welt. Stephanie Meece hat dagegen argumentiert, es handle sich um ein Leopardenfell über einem geometrischen Muster. Die Deutung als Karte ist bestenfalls umstritten.

C behauptet Die 2025 gemeldeten genomischen Befunde belegten eine von Frauen geführte Gesellschaft. Matrilinearität ist eine Verwandtschaftsregel, keine Herrschaftsform. Die Primärpublikation ist für dieses Dossier nicht geprüft worden; bis dahin gilt der Befund als Meldung, nicht als Beleg.

D widerlegt Çatalhöyük belege eine matriarchale Religion mit einer Großen Muttergöttin. James Mellaart deutete die weiblichen Figurinen so, Marija Gimbutas baute daraus eine europaweite Alteuropa-These. Der Figurinenbefund der Nachgrabung trägt das nicht: Unter rund 2.000 Stücken sind weniger als fünf Prozent weibliche Darstellungen.

Erklärungsansätze

Die hausbasierte Gesellschaft. Der Befund zeigt keine Tempel, keine Paläste, keine Speicherbauten für eine Elite und keine Gräber, die einzelne Personen herausheben. Was er zeigt, sind Häuser, die einander gleichen, mit eigenen Vorräten, eigenen Herden, eigenen Toten. Die Forschung beschreibt Çatalhöyük deshalb als egalitär strukturiert und hausbasiert: Die soziale Grundeinheit ist nicht der Clan und nicht der Staat, sondern das Haus.

Hodders „History Houses“. Bestimmte Häuser wurden über Jahrhunderte hinweg rituell abgebrochen, teilweise verbrannt, und unter Übernahme einzelner Elemente an derselben Stelle neu errichtet — bis zu sechsmal, in Abständen von etwa 70 bis 100 Jahren. Übernommen wurden auch Knochen früherer Bestattungen. Das Haus ist in dieser Lesart Wohnstatt, Grab und Heiligtum zugleich, und es hat eine Biographie, die länger ist als ein Menschenleben.

Warum die Göttin-These entstand und warum sie nicht trägt. Mellaart grub in einer Zeit, in der die Idee einer ursprünglichen Muttergöttin-Religion breite Zustimmung fand, und er fand weibliche Figurinen. Der Schluss lag nahe. Er scheitert an der Grundgesamtheit: Erst die systematische Erfassung aller Figurinen zeigte, dass die weiblichen Stücke eine kleine Minderheit sind. Die These wurde nicht von außen widerlegt, sondern von der Nachgrabung am selben Ort.

Zur Nutzungsdauer der Häuser. Die Bauschichten sind kein Beleg für ununterbrochene Bewohnung. Häuser standen offenbar Jahrzehnte, wurden dann aufgegeben, verfüllt und überbaut. Die Siedlung wuchs damit nicht in die Fläche, sondern in die Höhe — der Hügel ist das Produkt dieses Verfahrens.

Was widerlegt ist

D widerlegt Die Große Muttergöttin als Religion von Çatalhöyük. Der Figurinenbefund widerspricht ihr.

D widerlegt Die Bevölkerungszahlen von 5.000 bis 10.000 gleichzeitigen Bewohnern. Sie stammen aus älterer Literatur und sind durch Dichterechnungen ersetzt.

Was nachgeprüft wurde

A dokumentiert Der gesamte Figurinenbestand wurde unter Hodder systematisch erfasst und nach Motiven aufgeschlüsselt. Erst diese Vollerhebung machte die Widerlegung der Göttin-These möglich.

A dokumentiert Die Bestattungspraxis unter den Hausböden ist über Hunderte Befunde dokumentiert und in der Fachliteratur, zuletzt 2025 in Journal of Archaeological Science: Reports, ausgewertet.

A dokumentiert Die Chronologie beruht auf Radiokarbondaten aus stratifizierten Kontexten, nicht auf Stilvergleich.

Was offen bleibt

Offen bleibt die Sozialstruktur im Detail. Dass es keine erkennbaren Eliten gibt, heißt nicht, dass es keine Ungleichheit gab — es heißt, dass sie sich nicht in Bauten und Gräbern niederschlug. Wie Entscheidungen getroffen wurden, wer wem etwas zu sagen hatte, ob es Streit gab und wie er beigelegt wurde: dafür gibt es keine Quelle.

Offen bleibt die Bedeutung der Ikonographie. Die Motive sind bestimmbar — Leoparden, Geier, Wildrinder, kopflose Menschen —, ihr Sinn ist es nicht. Und offen bleibt, warum die Siedlung um 5600 v. Chr. aufgegeben wurde.

Offen ist schließlich, was die genomischen Arbeiten der letzten Jahre wirklich zeigen. Sie könnten das Bild der Verwandtschaftsorganisation deutlich schärfen. Bis zur Prüfung an der Primärpublikation gehören sie in die Rubrik „gemeldet“.

Warum uns das beschäftigt

Ab hier deuten wir — der Faktenteil endet oben.

Die Toten wohnten mit. Nicht als Bild, sondern als Bauzustand: Menschen schliefen auf Plattformen, unter denen ihre Vorfahren lagen. Und es blieb nicht beim Liegenlassen. Schädel wurden Jahre später wieder ausgegraben, mit Gips zu Gesichtern modelliert, bemalt und weitergereicht — an die nächste Generation, an ein anderes Haus.

Das ist eine der ältesten fassbaren Antworten auf eine Frage, die keine Kultur hat auslassen können: Was macht man mit denen, die gestorben sind? Die moderne Antwort lautet, sie an einen eigenen Ort zu bringen, außerhalb der Wohnung, außerhalb des Alltags. Çatalhöyük antwortet umgekehrt. Der Tote bleibt im Haus, und das Haus wird über Jahrhunderte an derselben Stelle erneuert, mit den Knochen der Früheren im Fundament.

Damit verschiebt sich, was „Haus“ heißt. Es ist hier kein Gebäude, sondern ein Verwandtschaftskörper, der weiterlebt, während die Einzelnen wechseln. Wer in ein solches Haus einzieht, tritt in eine Reihe ein. Wer es abbricht und neu baut, führt sie fort.

Und noch ein Zweites, das über den Fall hinausreicht. Die berühmteste Deutung dieses Ortes — die Muttergöttin, das Matriarchat, die friedliche Frauenreligion vor der Geschichte — war nicht die Erfindung von Außenseitern. Sie stammte vom Ausgräber. Sie hielt Jahrzehnte, sie speiste ganze Bibliotheken, und sie wurde von der Nachgrabung an genau demselben Hügel kassiert, mit einem denkbar unspektakulären Mittel: indem jemand alle Figurinen zählte statt nur die schönen. Die geordnete Erhebung des Ganzen schlägt die eindrucksvolle Auswahl. Das ist keine Anekdote über Archäologie, sondern der Kern jeder ehrlichen Prüfung.

Quellen

  • Ian Hodder: History houses, in: Religion in the Emergence of Civilization, Cambridge University Press. cambridge.org
  • Ian Hodder: Çatalhöyük — a summary of recent work concerning architecture (PDF). static1.squarespace.com
  • Bodies in buildings, Journal of Archaeological Science: Reports (2025). sciencedirect.com
  • Interview mit Ian Hodder, Cabinet Magazine. cabinetmagazine.org
  • Stephanie Meece zur Deutung des Hasan-Dağı-Wandbildes als Landkarte (kritisch).

Dazu im Archiv

Stand der Prüfung: 2026-08-04. Die Belegstufen bezeichnen, worauf eine Aussage sich stützt — nicht, wie wahrscheinlich sie ist.