Erstes Buch
1. Was fein ist das besteht.
Rein wie das feinste Gold / steiff wie ein Felsenstein /
Gantz lauter wie Cristall / sol dein Gemüthe seyn.
2. Die Ewige Ruhestadt.
Es mag ein andrer sich umb sein Begräbniß kränken /
Und seinen Madensak mit stoltzem Bau bedänken.
Jch Sorge nicht dafür: Mein Grab / mein Felß und schrein
Jn dem ich ewig Ruh / sol's Hertze JEsu seyn.
3. GOtt kan allein vergnügen.
Weg weg ihr Seraphim ihr könt mich nicht erquikken:
Weg weg ihr Engel all; und was an euch thut blikken:
Jch wil nun eurer nicht; ich werffe mich allein /
Jns ungeschaffne Meer der blossen GOttheit ein.
4. Man muß gantz Göttlich seyn.
HErr es genügt mir nicht / daß ich dir Englisch diene /
Und in Vollkommenheit der Götter für dir Grüne:
Es ist mir vil zu schlecht / und meinem Geist zu klein:
Wer Dir recht dienen wil muß mehr als Göttlich seyn.
5. Man weiß nicht was man ist.
Jch weiß nicht was ich bin / Jch bin nicht was ich weiß:
Ein ding und nit ein ding: Ein stüpffchin und ein kreiß.
6. Du must was GOtt ist seyn.
Sol ich mein letztes End / und ersten Anfang finden /
So muß ich mich in GOtt / und GOtt in mir ergründen.
Und werden das was Er: Jch muß ein Schein im Schein /
Jch muß ein Wort im Wort /Thaul. instit. spir. c. 39. ein GOtt in GOtte seyn.
7. Man muß noch über GOtt.
Wo ist mein Auffenthalt? Wo ich und du nicht stehen:
Wo ist mein letztes End in welches ich sol gehen?
Da wo man keines findt. Wo sol ich dann nun hin?
Jch muß nochüber alles das man an GOTT erkennt oder von jhm gedänken kan / nach der verneinnenden beschawung / von welcher suche bey den Mijsticis. über GOtt in eine wüste ziehn.
8. GOtt lebt nicht ohne mich.
Jch weiß daß ohne mich GOtt nicht ein Nun kan leben /
Schawe in der Vorrede. Werd' ich zu nicht Er muß von Noth den Geist auffgeben.
9. Jch habs von Gott / und Gott von mir.
Daß GOtt so seelig ist und Lebet ohn Verlangen /
Hat Er so wol von mir / als ich von jhm empfangen.
10. Jch bin wie Gott / und Gott wie ich.
Jch bin so groß als GOtt / Er ist als ich so klein:
Er kan nicht über mich / ich unter Jhm nicht seyn.
11. Gott ist in mir / und ich in jhm.
GOtt ist in mir das Feur / und ich in Jhm der schein:
Sind wir einander nicht gantz jnniglich gemein?
12. Man muß sich überschwenken.
Mensch wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit /
So kanstu jeden blik seyn in der Ewigkeit.
13. Der Mensch ist Ewigkeit.
Jch selbst bin Ewigkeit / wann ich die Zeit Verlasse /
Und mich in GOtt / und GOtt in mich zusammen fasse.
14. Ein Christ so Reich als Gott.
Jch bin so Reich als GOtt / es kan kein stäublein seyn /
Das ich (Mensch glaube mir) mit Jhm nicht hab gemein.
15. Die über-GOttheit.
Was man von GOtt gesagt / das gnüget mir noch nicht:
Die über-GOttheit ist mein Leben und mein Liecht.
16. Die Liebe zwinget GOtt.
Vid. no. 7. Wo GOtt mich über GOtt nicht solte wollen bringen /
So will ich Jhn dazu mit blosser Liebe zwingen.
17. Ein Christ ist GOttes Sohn.
Jch auch bin GOttes Sohn / ich sitz an seiner Hand:
Sein Geist / sein Fleisch und Blut / ist Jhm an mir bekandt.
18. Jch thue es GOtte gleich.
GOtt liebt mich über sich. Lieb ich Jhn über mich;
So geb ich Jhm sovil / als Er mir gibt auß sich.
19. Das seelige Stilleschweigen.
Wie seelig ist der Mensch / der weder wil noch weiß!
Denotatur hic Oratio silentij, de qua vide Maximil. Sandae. Theol. mystic. lib. 2. comment. 3. Der GOtt (versteh mich recht) nicht gibet Lob noch Preiß.
20. Die Seeligkeit steht bey dir.
Mensch deine Seeligkeit kanstu dir selber nemen:
So du dich nur dazu wilt schiken und bequemen.
21. GOtt last sich wie man wil.
GOtt gibet niemand nichts / Er stehet allen frey;
Daß Er / wo du nur Jhn so wilt / gantz deine sey.
22. Die Gelassenheit.
So vil du GOtt geläst / so vil mag Er dir werden /
Nicht minder und nicht mehr hilfft Er dir auß beschwerden.
23. Die Geistliche Maria.
Jch muß MARIA seyn / und GOtt auß mir gebähren /
Sol Er mich Ewiglich der Seeligkeit gewehren.
24. Du must nichts seyn / nichts wollen.
Mensch / wo du noch was bist / was weist / was liebst und hast;
So bistu / glaube mir / nicht ledig deiner Last.
25. GOtt ergreifft man nicht.
GOtt ist ein lauter nichts / Jhn rührt kein Nun noch Hier:i.e. Zeit und Ort.
Je mehr du nach Jhm greiffst / je mehr entwird Er dir.
26. Der geheime Tod.
Tod ist ein seelig ding: je kräfftiger er ist:
Je herrlicher darauß das Leben wird erkist.
27. Das Sterben machet Leben.
Jn dem der weise Mann zu tausendmalen stirbt /
Er durch die Warheit selbst umb tausend Leben wirbt.
28. Der allerseeligste Tod.
Kein Tod ist seeliger / als in dem Herren sterben /
Und umb das Ewge Gutt mit Leib und Seel verderben.i.e. Umb GOttes willen auch Leib und Seel ins äuserste verderben hingeben: Wie Moses und Paulus sich erbotten / und vil andere Heiligen.
29. Der Ewige Tod.
Der Tod / auß welchem nicht ein Neues Leben blühet /
Der ists den meine Seel auß allen Töden fliehet.
30. Es ist kein Tod.
Jch glaube keinen Tod: Sterb ich gleich alle Stunden /
So hab ich jedesmahl ein besser Leben funden.
31. D as jmmerwehrende Sterben.
Jch sterb' und lebe GOtt: wil ich jhm ewig Leben /
So muß ich ewig auch für Jhm den Geist aufgeben.mystice i.e. resignare.
32. GOtt stirbt und lebt in uns.
Jch sterb' und leb' auch nicht:Quia originaliter ab ipso profluit virtus mortificationis. Item secundum Paul: 2. cor. 3. 10. mortificationem IESU. GOTT selber stirbt in mir:
Und was ich leben sol /vivo, jam non ego, sed Christus in me. lebt Er auch für und für.
33. Nichts lebet ohne Sterben.
GOtt selber / wenn Er dir wil leben / muß er sterben:
Wie dänckstu ohne Tod sein Leben zuererben?
34. Der Tod vergöttet dich.
Wenn du gestorben bist / und GOtt dein Leben worden /
So trittstu erst recht in der Hohen Götter Orden.
35. Der Tod ists beste Ding.
Jch sage / weil der Tod allein mich machet frey;
Daß er das beste Ding auß allen Dingen sey.
36. Kein Tod ist ohn ein Leben.
Jch sag es stirbet nichts; nur daß ein ander Leben /
Auch selbst das Peinliche / wird durch den Tod gegeben.
37. Die Unruh kombt von dir.
Nichts ist das dich bewegt / du selber bist das Rad /
Das auß sich selbsten laufft / und keine Ruhe hat.
38. Gleichschätzung machet Ruh.
Wenn du die Dinge nimbst ohn allen unterscheid;
So bleibstu still und gleich in Lieb und auch in Leyd.
39. Die Unvollkommne Gelassenheit.
Wer in der Hölle nicht kan ohne Hölle leben /
Der hat sich noch nicht gantz dem Höchsten übergeben.
40. GOtt ist das was Er wil.
GOtt ist ein Wunderding; Er ist das was Er wil /
Und wil das was Er ist ohn alle maß und Ziehl.
41. GOtt weiß jhm selbst kein Ende.
GOTT ist unendlich Hoch / (Mensch glaube diß behände /
Er selbst findt Ewiglich nicht seiner GOttheit Ende.
42. Wie gründt sich GOtt?
GOtt gründt sich ohne grund / und mist sich ohne maß:
Bistu ein Geist mit ihm / Mensch so verstehstu das.
43. Man liebt auch ohn erkennen.
Jch Lieb ein eintzig Ding / und weiß nicht was es ist:
Und weil ich es nicht weiß / drumb hab ich es erkist.
44. Das etwas muß man lassen.
Mensch so du etwas liebst / so liebstu nichts fürwahr:
GOtt ist nicht diß und das / drumb laß das Etwas gar.
45. Das Vermögende Unvermögen.
Wer nichts begehrt / nichts hat / nichts weiß / nichts liebt / nichts wil;
Der hat / der weiß / begehrt / und liebt noch immer vil.
46. Das seelige Unding.
Jch bin ein seeligs Ding / mag ich ein Unding seyn /
Das allem was da ist / nicht kundt wird / noch gemein.
47. Die Zeit ist Ewigkeit.
Zeit ist wie Ewigkeit / und Ewigkeit wie Zeit /
So du nur selber nicht machst einen unterscheid.
48. GOttes Tempel und Altar.
GOtt opffert sich jhm selbst; Jch bin in jedem nu:
Sein Tempel / sein Altar / sein Bethstul so ich ruh.
49. Die Ruh ists höchste Gutt.
Ruh ist das höchste Gutt: und wäre GOtt nicht ruh /
Jch schliesse für Jhm selbst mein' Augen beide zu.
50. Der Thron GOttes.
Fragstu mein Christ wo GOtt gesetzt hat seinen Thron?
Da / wo Er dich in dir gebiehret seinen Sohn.
51. Die Gleichheit GOttes.
Wer unbeweglich bleibt in Freud / in Leid / in Pein;
Der kan nunmehr nit weit von GOttes Gleichheit seyn.
52. Das Geistliche Senffkorn.
Ein Senffkorn ist mein Geist / durch scheint jhn seine Sonne /
So wächst er GOtte gleich mit freudenreicher Wonne.
53. Die Tugend sitzt in Ruh.
Mensch wo du Tugend wilst mit Arbeit und mit Müh /
So hastu sie noch nicht / du kriegest noch umb sie.
54. Die wesentliche Tugend.
Jch selbst muß Tugend seyn / und keinen Zufall wissen:
Wo Tugenden auß mir in Warheit sollen fliessen.
55. Der Brunquell ist in uns.
Du darffst zu GOtt nicht schreyn / der Brunnquell ist in dir:
Stopffstu den Außgang nicht / er flüsse für und für.
56. Das mißtraun schmähet GOtt.
So du auß Mißvertraun zu deinem GOtte flehest /
Und jhn nicht sorgen läst: schau daß du Jhn nicht schmähest.
57. Jn Schwachheit wird Gott funden.
Wer an den Füssen lahm / und am Gesicht ist blind /
Der thue sich dann umb / ob er GOtt jrgends find.
58. Der Eigen gesuch.
Mensch suchstu Gott umb Ruh / so ist dir noch nicht recht /
Du suchest dich / nicht Jhn? bist noch nicht Kind / nur Knecht.
59. Wie Gott wil sol man wollen.
Wär' ich ein Seraphin / so wolt ich lieber seyn /
Dem Höchsten zugefalln / das schnödste Würmelein.
60. Leib / Seele / und Gottheit.
Die Seel ist ein Kristall / die GOttheit ist ihr schein:
Der Leib / in dem du Lebst / ist ihrer beider schreyn.
61. Jn dir muß GOtt gebohren werden.
Wird Christus tausendmahl zu Bethlehem gebohrn /
Und nicht in dir; du bleibst noch Ewiglich verlohrn.
62. Das äussre hilfft dich nicht.
Das Kreutz zu Golgatha kan dich nicht von dem bösen /
Wo es nicht auch in dir wird auffgericht / erlösen.
63. Steh selbst von Todten auff.
Jch sag / es hilfft dich nicht / daß Christus aufferstanden /
Wo du noch ligen bleibst in Sünd und todesbanden.
64. Die geistliche Säung.
GOtt ist ein Ackersmann / das Korn sein ewges Wort /
Die Pflugschar ist sein Geist / mein Hertz der säungsort.
65. Armut ist Göttlich.
GOtt ist das ärmste ding / Er steht gantz bloß und frey:
Drumb sag ich recht und wol / daß armut Göttlich sey.
66. Das Hertz ist GOttes Herd.
Wo GOtt ein Fewer ist / so ist mein Hertz der Herd /
Auf welchem Er das Holtz der Eittelkeit verzehrt.
67. Das Kind schreyt nach der Mutter.
Wie ein entmilchtes Kind nach seiner Mutter weint:
So schreyt die Seel nach GOtt / die Jhn alleine meint.
68. Ein Abgrund rufft dem andern.
Der Abgrund meines Geists rufft immer mit Geschrey
Den Abgrund GOttes an: Sag welcher tieffer sey?
69. Milch mit Wein stärcket fein.
Die Menschheit ist die Milch / die GOttheit ist der Wein:
Trink Milch mit Wein vermischt / wiltu gestärket seyn.
70. Die Liebe.
Die Lieb' ist unser GOtt / es lebet alls durch Liebe:
Wie seelig wär' ein Mensch der stäts in jhr verbliebe!
71. Man muß das Wesen seyn.
Lieb' üben hat viel Müh: wir sollen nicht allein
Nur Lieben; sondern selbst / wie GOtt die Liebe seyn.
72. Wie sieht man GOtt?
GOtt wohnt in einem Licht / zu dem die bahn gebricht:
Wer es nicht selber wird / der siht jhn Ewig nicht.
73. Der Mensch war GOttes Leben.
Eh ich noch etwas ward / da war ich GOttes Leben:Joh. I. Quod factum est in ipso vita erat.
Drumb hat er auch für mich sich gantz und gar gegeben.
74. Man sol zum anfang kommen.
Der Geist den GOtt mir hat im Schöpffen eingehaucht /
Sol widerWarhafftig / gäntzlich / jnniglich / also Wesentliche einkehrung beym Blosio instit. c. 3. num. 8. Wesentlich in Jhm stehn eingetaucht.
75. Dein Abgott / dein begehren.
Begehrstu was mit GOtt / ich sage klar und frey /
(Wie Heylig du auch bist) daß es dein Abgott sey.
76. Nichts wollen macht GOtte gleich.
GOtt ist die Ewge Ruh / weil Er nichts sucht noch wil:
Wiltu ingleichem nichts / so bistu eben vil.
77. Die dinge sind geringe.
Wie klein ist doch der Mensch / der etwas groß thut schätzen/
Und sich nicht über sich in GOttes Thron einsetzen!
78. Das Geschöpff ist nur ein stüpffchin.
Schau alles was GOtt schuf / ist meinem Geist so klein /
Daß es jhm scheint in jhm ein eintzig Stüpfchen seyn.
79. GOtt trägt volkommne Früchte
Wer mir Vollkommenheit wie Gott hat ab-wil-sprechen /
Der müste mich zuvor von seinem Weinstok brechen.
80. Ein jedes in dem seinigen.
Der Vogel in der Lufft / der Stein ruht auff dem Land /
Jm Wasser lebt der Fisch / mein Geist in GOttes Hand.
81. Gott blüht auß seinen Zweigen
Bistu auß GOtt gebohrn / so blühet GOtt in dir:
Und seine GOttheit ist dein Safft und deine Zier.
82. Der Himmel ist in dir.
Halt an wo lauffstu hin / der Himmel ist in dir:
Suchstu GOtt anders wo / du fehlst Jhn für und für.
83. Wie kan man GOttes genissen.
GOtt ist ein Einges Ein / wer seiner wil geniessen /
Muß sich nicht weniger als Er / in Jhn einschlissen.
84. Wie wird man GOtte gleich?
Wer GOtt wil gleiche seyn / muß allem ungleich werden.
Muß ledig seiner selbst / und loß seyn von beschwerden.
85. Wie hört man GOttes Wort?
So du das Ewge Wort in dir wilt hören sprechen:
So mustu dich zuvor vom hören gantz entbrechen.
86. Jch bin so breit als GOtt.
Jch bin so breit alß GOtt / nichts ist in aller Welt /
Das mich (O Wunder ding!) in sich umbschlossenhält.
87. Jm Ekstein liegt der Schatz.
Was marterstu das ärtzt: der Ekstein ists allein /
Jn dem Gesundheit / Gold / und / alle Künste seyn.
88. Es ligt alls im Menschen.
Wie mag dich doch O Mensch nach etwas thun Verlangen /
Weil du in dir hälst GOtt und alle Ding' umbfangen?
89. Die Seel ist GOtte gleich.
Weil meine Seel in GOtt steht ausser Zeit und Ort /
So muß sie gleiche seyn dem Ort und Ewgen Wort.
90. Die Gottheit ist das grüne.
Die GOttheit ist mein Safft: was auß mir grünt und blüht /
Das ist sein Heilger Geist / durch den der trib geschiht.
91. Man sol für alles danken.
Mensch so du GOtt noch pflegst umb diß und das zudanken /
Bistu noch nicht versetzt auß deiner schwachheit schranken.
92. Wer gantz Vergöttet ist.
Wer ist als wär' er nicht / und wär' er nie geworden:
Der ist (O seeligkeit!) zu lauter GOtte worden.
93. Jn sich hört man daß Wort.
Wer in sich selber sitzt / der höret GOttes Wort /
(Vernein es wie du wilt) auch ohne Zeit und Ort.
94. Die Demut.
Die Demut ist der Grund / der Dekkel / und der schreyn /
Jn dem die Tugenden stehn und beschlossen seyn.
95. Die Lauterkeit.
Wann ich die Lauterkeit durch GOtt geworden bin /
So wend' ich mich umb GOtt zufinden nirgends hin.
96. GOtt mag nichts ohne mich.
GOtt mag nicht ohne mich ein eintzigs Würmlein machen:
Erhalt' ichs nicht mit Jhm / so muß es straks zukrachen.
97. Mit GOtt vereinigt seyn / ist gut für Ewge Pein.
Wer GOtt vereinigt ist / den kan Er nicht verdammen:
Er stürtze sich dann selbst mit jhm in Tod und Flammen.
98. Der todte Wille herscht.
Dafern mein Will' ist todt / so muß GOtt waß ich wil:
Jch schreib Jhm selber für das Muster und das Zil.
99. Der Gelassenheit gilts gleiche.
Jch lasse mich GOtt gantz / wil Er mir Leyden machen /
So wil ich Jhm so wol / als ob den Freuden lachen.
100. Eins halt das ander.
GOtt ist so vil an mir / als mir an Jhm gelegen /
Sein wesen helff ich Jhm / wie Er das meine hegen.
101. Christus.
Hört wunder! Christus ist das Lamb und auch der Hirt /
Wenn Gott in meiner Seel ein Mensch gebohren wird.
102. Die geistliche Goldmachung.
Dann wird das Bley zu Gold / dann fällt der Zufall hin /
Wann ich mit GOtt durch GOtt in GOtt verwandelt bin.
103. Auch von derselben.
Jch selbst bin das Metall / der Geist ist Feur und Herd /
Messias die Tinctur, die Leib und Seel verklärt.
104. Noch von jhr.
So bald durch Gottes Feur ich mag geschmeltzet seyn /
So drukt mir GOtt alßbald sein eigen Wesen ein.
105. Das Bildnuß Gottes.
Jch trage GOttesbild: wenn Er sich wil besehn /
So kan es nur in mir / und wer mir gleicht / geschehn.
106. Das ein' ist in dem Andern.
Jch bin nicht ausser GOtt / und GOtt nicht ausser mir /
Jch bin sein Glantz und Liecht / und Er ist meine Zihr.
107. Es ist noch alls in GOtt.
Jsts / daß die Creatur auß GOtt ist außgeflossen:
wie hält Er sie dannoch in seiner Schoß beschlossen?
108. Die Rose.
Die Rose / welche hier dein äußres Auge siht /
Die hat von Ewigkeit in GOtt also geblüht.idealiter.
109. Die Geschöpffe.
Weil die Geschöpffe gar in GOttes Wort bestehn:
Wie können sie dann je zerwerden und vergehn?
110. Das Gesuche deß Geschöpffes.
Vom Ersten Anbegin / und noch biß heute zu /
Sucht das Geschöpffe nichts als seines Schöpffers Ruh.
111. Die GOttheit ist ein nichts.
Die zarte GOttheit ist ein nichts und übernichts:
Wer nichts in allem sicht / Mensch glaube / dieser sichts.
112. Jn der Sonnen ists gut seyn.
Wer in der Sonnen ist / dem mangelt nicht das Licht /
Das dem / der ausser jhr verirret geht / gebricht.
113. Die Seelen Sonne.
Nimb hin der Sonnen Liecht: mein Jesus ist die Sonne /
Die meine Seel erleucht / und macht sie voller Wonne.
114. Die Sonn ist schon genug.
Wem seine Sonne scheint / derselbe darf nicht güken /
Ob irgent wo der Mon / und andre Sterne bliken.
115. Du selbst must Sonne seyn.
Jch selbst muß Sonne seyn / ich muß mit meinen Strahlen
Das farbenlose Meer der gantzen GOttheit mahlen.
116. Der Thau.
Der Thau erquikt das Feld: Sol er mein Hertze laben /
So muß er seinen fall vom Hertzen JEsu haben.
117. Nichts süsses in der Welt.
Wer etwas in der Welt mag süß' und Lieblich nennen:
Der muß die Süssigkeit / die GOtt ist / noch nicht kennen.
118. Der Geist bleibt allzeit frey.
Schleuß mich so streng du wilt in tausend Eisen ein /
Jch werde doch gantz frey / und ungefässelt seyn.
119. Zum Ursprung mustu gehn.
Mensch in dem Ursprung ist das Wasser rein und klar /
Trinkstu nicht auß dem Quäl / so stehstu in Gefahr.
120. Die Perle wird vom Thau.
Die Schneke lekt den Thau / und ich HERR CHrist dein Blut:
Jn beiden wird gebohrn ein kostbarliches Gut.
121. Durch die Menschheit zu der GOttheit.
Wiltu den Perlethau der edlen GOttheit fangen /
So mustu unverrukt an seiner Menschheit hangen.
122. Die Sinligkeit bringt Leyd.
Ein Auge das sich nie der Lust deß sehns entbricht:
Wird endlich gar Verblendt / und siht sich selbsten nicht.
123. GOtt klagt umb seine Braut.
Die Turtel Daube klagt / daß sie den Mann verlohren /
Und GOtt / daß du den Tod / für Jhn dir hast erkohren.
124. Du musts hinwider seyn.
Gott ist dir worden Mensch / wirstu nicht wieder Gott /
So schmähstu die Geburt / und hönest seinen Tod.
125. Die Gleichheit hat nicht Pein.
Wem alles Gleiche gilt / den rühret keine Pein /
Und solt' er auch im Pful der tieffsten Höllen seyn.
126. Begehrn erwartt gewehrn.
Mensch wann du noch nach GOtt begihr hast und verlangen /
So bistu noch von Jhm nicht gantz und gar umfangen.
127. Es gilt GOtt alles gleich.
Gott hat nicht Unterscheid / es ist Jhm alles ein:
Er machet sich so viel der Flieg' als dir gemein.
128. Alles liegt an der Empfänglichkeit.
Vermöcht' ich GOtts so viel als Christus zu empfangen /
Er liesse mich darzu im Augenblik gelangen.
129. Das böß' entsteht auß dir.
Gott ist ja nichts als gut: Verdamnüß / Tod / und Pein /
Und was man böse nennt / muß Mensch in dir nur seyn.
130. Die bloßheit ruht in Gott.
Wie seelig ruht der Geist in deß Geliebten schoß!
Der Gotts / und aller ding' / und seiner selbst steht bloß.
131. Das Paradeyß in Pein.
Mensch bistu Gott getreu / und meinest Jhn allein:
So wird die gröste Noth ein Paradeiß dir seyn.
132. Bewehret muß man seyn.
Mensch in das Paradeyß komt man nicht unbewehrt /
Wiltu hinein / du must durch Feuer und durch Schwerdt.
133. Gott ist ein Ewges Nun.
Jst GOtt ein Ewges Nun / was fället dann darein /
Daß Er nicht schon in mir kan alls in allem seyn?
134. Unvollkomne gestorbenheit.
Wo dich noch diß und das bekümmert und bewegt /
So bistu noch nicht gantz mit GOtt ins Grab gelegt.
135. Bey Gott ist nur sein Sohn.
Mensch werd' auß Gott gebohrn: bey seiner GOttheit Thron /
Steht niemand anders als der eingebohrne Sohn.
136. Wie ruhet GOtt in mir?
Du must gantz lauter seyn / und stehn in einem Nun /
Sol GOtt in dir sich schaun / und sänfftiglichen ruhn.
137. GOtt verdammt niemand.
Was klagstu über GOtt? Du selbst verdammst dich:
Er möcht' es ja nicht thun / das glaube sicherlich.
138. Je mehr du auß / je mehr GOtt ein.
Je mehr du dich auß dir kanst außthun und entgiessen:
Je mehr muß GOtt in dich mit seiner GOttheit fliessen.
139. Es trägt und wirt getragen.
Das Wort / das dich und mich / und alle dinge trägt /
Wird widerumb von mir getragen und gehagt.
140. Der Mensch ist alle Dinge.
Der Mensch ist alle ding': Jsts daß ihm eins gebricht /
So kennet er fürwar sein Reichthumb selber nicht.
141. Es sind viel tausend Sonnen.
Du sprichst im Firmament sey eine Sonn' allein.
Jch aber sage / daß vil tausend Sonnen seyn.
142. Je mehr man sich ergiebt / je mehr wird man geliebt.
Warumb wird Seraphin von GOtte mehr geliebt
Als eine Mük? Es ist / daß er sich mehr ergiebt.
143. Die Selbheit die verdambt.
Dafern der Teufel könt' auß seiner seinheit gehn /
So sehestu jhn straks in GOttes Throne stehn.
144. Der Schöpffer kans alleine.
Was bildestu dir ein zu zehln der Sternenschaar?
Der schöpffer ists allein / der sie kan zehlen gar.
145. Jn dir ist was du wilt.
Der Himmel ist in dir / und auch der Höllen Qual:
Was du erkiest und wilst / das hastu überall.
146. GOtt liebt nichts ausser Christo.
So lieb GOtt eine Seel in Christi glantz und Licht.
So unlieb ist sie Jhm / im fall' er jhr gebricht.
147. Die Jungfern Erde.
Das feinest' auff der Welt ist reine Jungfern Erde:
Man saget daß auß jhr das Kind der weisen werde.
148. Das gleichnüß der Dreyeinigkeit.
Der Sinn / der Geist / das Wort / die lehren klar und frey
(So du es fassen kanst) wie GOtt Drey Einig sey.
149. Es läst sich nicht bezirken.
So wenig als dir ist die Weite GOttes kund:
So wenig ist die Welt / wie du sprichst Zirkelrund.
150. Eins in dem Andern.
Jst meine Seel im Leib / und gleich durch alle Glieder:
So sag ich recht und wol / der Leib ist in jhr wieder.
151. Der Mensch ist GOttes kindbett.
Da GOtt das erstemahl hat seinen Sohn gebohrn /
Da hat er mich und dich zum Kindbett außerkohrn.
152. Du selbst must GOttes Lämlein seyn.
Daß GOtt ein Lämmlein ist / das hilfft dich nicht mein Christ:
Wo du nicht selber auch ein Lämmlein GOttes bist.
153. Du must zum Kinde werden.
Mensch wirstu nicht ein kind / so gehstu nimmer ein /
Wo GOttes Kinder seynd: die Thür ist gar zu klein.
154. Die geheime Jungfrauschafft.
Wer lauter wie das Licht / Rein wie der Ursprung ist /
Derselbe wird von GOtt für Jungfrau außerkist.
155. Hier muß der Anfang seyn.
Mensch wiltu ewiglich beym Lämlein GOttes stehn /
So mustu schon allhier in seinen tritten gehn.
156. GOtt selbst ist unßre Weide.
Schaut doch das Wunder an! Gott macht sich so gemein /
Daß Er auch selber wil der Lämmer Weide seyn.
157. Die Wunderliche verwandnuß Gottes.
Sag an O grosser GOtt / wie bin ich dir verwandt?
Daß du mich Mutter / Braut / Gemahl / und Kind genandt.
158. Wer trinkt den Lebensbrunn?
Wer dorte bey dem Brunn deß Lebens denkt zusitzen:
Der muß zuvor allhier den eignen Durst außschwitzen.
159. Die ledigkeit ist wie GOtt.
Mensch wo du ledig bist / das Wasser quillt auß dir /
So wol als auß dem Brunn der Ewigkeit herfür.
160. Gott dürstet / tränk Jhn doch.
GOtt selber klaget durst: Ach daß du Jhn so Kränkest!
Und nicht wie jenes Weib die Samaritin Tränkest.
161. Das Ewge Licht.
Jch bin ein Ewig Licht / Jch brenn ohn unterlaß:
Mein tocht und öl ist Gott / Mein Geist der ist das Faß.
162. Du must die Kindschafft haben.
So du den höchsten Gott wilt deinen Vatter nennen /
So mustu dich zuvor sein Kind zu seyn / bekennen.
163. Die Menschheit sol man lieben.
Daß du nicht Menschen liebst / das thustu recht und wol /
Die Menschheit ists die man im Menschen lieben sol.
164. GOtt schaut man mit Gelassenheit.
Der Engel schauet GOtt mit heitern Augen an:
Jch aber noch vil mehr / so ich GOtt lassen kan.
165. Wo die Weißheit gerne ist.
Die Weißheit findt sich gern wo jhre Kinder sind /
Warumb? (O wunder ding!) sie selber ist ein Kind.
166. Der Spiegel der Weißheit.
Die Weißheit schauet sich in jhrem Spiegel an.
Wer ists? sie selber / und wer Weißheit werden kan.
167. So viel du in GOtt / so viel Er in dir.
So viel die Seel in GOtt / so viel ruht GOtt in ihr:
Nichts minder oder mehr / Mensch glaub es / wird er dir.
168. Christus ist alles.
O Wunder! Christus ist die Warheit und das Wort /
Licht / Leben / Speiß / und Tranck / Pfad / Pilgram / Thür und Ort.
169. Nichts verlangen ist Seeligkeit.
Die Heilgen sind darumb mit GOttes ruh umbfangen /
Und haben Seeligkeit / weil sie nach nichts verlangen.
170. GOtt ist nicht hoch noch tieff.
GOtt ist nicht hoch / nicht tieff: wer endlich anderst spricht /
Der hat der Wahrheit noch gar schlechten Unterricht.
171. GOtt findet man mit nicht-suchen.
GOtt ist nicht hier noch da: wer jhn begehrt zufinden
Der laß' jhm Händ' und Füß' / und Leib und Seele binden.
172. GOtt siehet ehe du gedenkst.
Wo GOtt von Ewigkeit nicht sihet die Gedanken /
So bistu eh' als Er: Er stüpffchen / und du schranken.
173. Der Mensch lebt nicht vom Brodt allein.
Das Brodt ernährt dich nicht: was dich im Brodte speist /
Jst GOttes Ewigs Wort / ist Leben / und ist Geist.
174. Die gaben sind nicht GOtt.
Wer GOtt umb gaben Bitt / der ist gar übel dran:
Er bettet das Geschöpff / und nicht den Schöpffer an.
175. Sohn seyn ist schon genung.
Sohn ist das liebste Wort / das Gott zu mir mag sprechen.
Spricht Ers: so mag mir Welt und GOtt auch selbst gebrechen.
176. Eins wie das ander.
Die Höll wird Himmelreich / noch hier auf diser Erden /
(Und diß scheint wunderlich) wann Himmel Höll kan werden.
177. Jm Grund ist alles eins.
Man redt von Zeit und Ort / von Nun und Ewigkeit:
Was ist dann Zeit und Ort / und Nun und Ewigkeit?
178. Die Schuld ist deine.
Daß dir im Sonne sehn vergehet das Gesicht /
Sind deine Augen schuld / und nicht das grosse Licht.
179. Der Brunquell GOttes.
Dieweil der Gottheit Ström' auß mir sich solln ergiessen;
Muß ich ein Brunquell seyn: sonst würden sie verfliessen.
180. Ein Christ ist Kirch' und alles.
Was bin ich endlich doch? Jch sol die Kirch' und Stein /
Jch sol der Prister GOtts und auch das Opffer seyn.
181. Man muß Gewalt anthun.
Wer sich nicht drängt zu seyn deß höchsten liebes Kind /
Der bleibet in dem Stall wo Vieh und Knechte sind.
182. Der Löhner ist nicht Sohn.
Mensch dienstu Gott umb gutt / umb seeligkeit / umb Lohn;
So dienstu jhm noch nicht auß liebe wie ein Sohn.
183. Die geheimbe Vermählung.
Was Freude muß doch seyn! wenn GOtt Jhm seine Braut /
Jn seinem Ewgen Wort durch seinen Geist vertraut.
184. GOtt ist mir was ich wil.
GOtt ist mein Stab / mein Licht / mein Pfad / mein Zil / mein Spiel /
Mein Vatter / Bruder / Kind / und alles was ich wil.
185. Der Orth ist selbst in dir.
Nicht du bist in dem Orth / der Orth der ist in dir!
Wirfstu jhn auß / so steht die Ewigkeit schon hier.
186. Der ewigen Weißheit Hauß.
Die Ewge Weißheit baut: Jch werde der Pallast:
Wann sie in mir / und ich in jhr gefunden rast.
187. Die weite der Seelen.
Die Welt ist mir zu äng / der Himmel ist zu klein:
Wo wird doch noch ein Raum für meine Seele seyn?
188. Die Zeit und Ewigkeit.
Du sprichst: Versetze dich auß Zeit in Ewigkeit.
Jst dann an Ewigkeit und Zeit ein unterscheid?
189. Der Mensch der macht die Zeit.
Du selber machst die Zeit: das Uhrwerk sind die sinnen:
Hemstu die Unruh nur / so ist die Zeit von hinnen.
190. Die Gleichheit.
Jch weiß nicht was ich sol! Es ist mir alles Ein /
Orth / Unorth / Ewigkeit / Zeit / Nacht / Tag / Freud / und Pein.
191. Wer GOtt sol schaun / muß alles seyn.
Wer selbst nicht alles ist / der ist noch zugeringe /
Daß er dich sehen sol Mein GOtt und alle Dinge.
192. Wer recht Vergöttet ist.
Mensch allererst wenn du bist alle Dinge worden /
So stehstu in dem Wort / und in der Götter Orden.
193. Die Creatur ist recht in GOtt.
Die Creatur ist mehr in GOtte dann in Jhr.
Zerwird sie / bleibt sie doch in Jhme für und für.
194. Was bistu gegen GOtt.
Mensch dünke dich nur nicht für GOtt mit werken viel /
Denn Aller Heilgen thun ist gegen GOtt ein spil.
195. Das Licht besteht im Feuer.
Das Licht gibt allem krafft: GOtt selber lebt im Lichte:
Doch / wär' Er nicht das Feur / so würd es bald zu nichte.
196. Die geistliche Arch und's Manna-Krüglein
Mensch ist dein Hertze Gold / und deine Seele rein /
So kanst auch du die Arch / und's Mannakrüglein seyn.
197. GOtt macht Vollkommen seyn.
Daß GOtt Allmächtig sey / das glaubet jener nicht /
Der mir Vollkommenheit / wie GOtt begehrt / abspricht.
198. Das Wort ist wie das Feuer.
Das Feur rügt alle Ding' und wird doch nicht bewegt:
So ist das ewge Wort das alles hebt und regt.
199. GOtt ausser Creatur.
Geh hin / wo du nicht kanst: sih / wo du sihest nicht:
Hör wo nichts schallt und klingt / so bistu wo Gott spricht.
200. GOtt ist nichts (Creatürlichs).
GOtt ist warhafftig nichts: und so er etwas ist:
So ist Ers nur in mir / wie er mich Jhm erkist.
201. Warumb wird GOtt gebohrn?
O Unbegreifflichkeit! GOtt hat sich selbst verlohrn /
Drumb wil er widerumb in mir seyn Neugebohrn.
202. Die hohe Würdigkeit.
O hohe Würdigung! GOtt springt von seinem Thron /
Und setzet mich darauf in seinem lieben Sohn.
203. Jmmer dasselbige.
Jch ward das was ich war / und bin was ich gewesen /
Und werd' es ewig seyn / wenn Leib und Seel genesen.
204. Der Mensch ists höchste Ding.
Nichts dünkt mich hoch zu seyn: Jch bin das höchste Ding /
Weil auch GOtt ohne mich Jhm selber ist gering.
205. Der Ort ist das Wort.
Der ort und's Wort ist Eins / und wäre nicht der ort /
(Bey Ewger Ewigkeit!) es wäre nicht das Wort.
206. Wie heist der Neue Mensch?
Wiltu den Neuen Mensch und seinen Namen kennen /
So frage GOtt zuvor wie er pflegt sich zunennen.
207. Die schönste Gasterey.
O süsse Gasterey! GOtt selber wird der Wein /
Die Speise / Tisch / Musik / und der bediener seyn!
208. Die seelige Völlerey.
Zu viel ist niemals gutt / ich hasse Völlerey!
Doch wünsch' ich daß ich GOtts so Voll als Jesus sey!
209. Wie der Mund so der Trank.
Die Hure Babylon trinkt Blutt / und trinkt den Tod:
O grosser unterscheid! Jch trinke Blutt und GOtt.
210. Je auffgegebner je Göttlicher.
Die Heilgen sind so viel von Gottes Gottheit trunken /
So viel sie sind in jhm verlohren und versunken.
211. Das Himmelreich ist der Gewaltsamen.
Nicht GOtt gibts Himmelreich: du selbst musts zu dir ziehn /
Und dich mit gantzer macht und Eyfer drumb bemühn.
212. Jch wie GOtt / GOtt wie ich.
GOtt ist das was Er ist: Jch was ich durch ihn bin:
Doch kennstu einen wol / so kenstu mich und Jhn.
213. Die Sünde.
Der durst ist nicht ein Ding / und doch kan er dich plagen:
Wie sol dann nicht die Sünd den bösen Ewig Nagen?
214. Die Sanfftmuth.
Die Sanfftmut ist ein sammt auf dem GOtt ruht und liegt:
Er dankt dir / bistu sie / daß er sein Polster kriegt.
215. Die Gerechtigkeit.
Was ist Gerechtigkeit? das / welches allen gleich
Sich gibt / entbeutht / geläst / hier und im Himmelreich.
216. Die Vergöttung.
GOtt ist mein Geist / mein Blutt / mein Fleisch / und mein Gebein:
Wie sol ich dann mit jhm nicht gantz durchgöttet seyn?
217. Würken und Ruhn ist recht Göttlich.
Fragstu was Gott mehr liebt / jhm würken oder ruhn?
Jch sage daß der Mensch / wie GOtt / sol beides thun.
218. Das Göttliche Sehen.
Wer in dem Nächsten nichts als Gott und Christum siht:
Der sihet mit dem Licht das auß der Gottheit blüht.
219. Die Einfalt.
Die Einfalt ist so wehrt / daß wann sie GOtt gebricht /
So ist er weder GOtt noch Weißheit / noch ein Licht.
220. Jch auch zur rechten GOttes.
Weil mein Erlöser hat die Menschheit aufgenommen /
So bin auch Jch in Jhm zur rechten GOttes kommen.
221. Der Glaube.
Der Glaube Senffkorns groß versetzt den Berg ins Meer:
Dänkt was Er könte thun / wann er ein kürbis wär!
222. Die Hoffnung.
Die Hoffnung ist ein Seil: könt' ein Verdambter hoffen:
GOtt züg jhn auß dem Pful in dem er ist ersoffen.
223. Die Zuversicht.
Die Zuversicht ist gut / und das Vertrauen fein:
Doch / bistu nicht gerecht / so bringt es dich in Pein.
224. Was GOtt mir / bin ich Jhm.
GOtt ist mir GOtt und Mensch: ich bin Jhm Mensch und GOtt.
Jch lösche seinen Durst / und er hilfft mir auß Noth.
225. Der Anti-Christ.
Was gaffstu vil mein Mensch? der Anti-Christ unds Thier
(Jm Fall du nicht in GOtt) sind alle zwey in dir.
226. Die Babel.
Du bist die Babel selbst: gehst du nicht auß dir auß /
So bleibstu ewiglich deß Teuffels Polter-Hauß.
227. Die Rachgiehr.
Die Rachgiehr ist ein Rad das nimmer stille steht:
Je mehr es aber laufft / je mehr es sich vergeht.
228. Die Abscheuligkeit der Boßheit.
Mensch soltestu in dir das Ungeziefer schauen /
Es würde dir für dir als für dem Teufel grauen.
229. Der Zorn.
Der Zorn ist höllisch Feur / wann er in dir entbrennt /
So wird dem heilgen Geist sein Ruhbettlein geschändt.
230. Die seeligkeit ist leichter zuerlangen als die Verdamnüß.
Es dunkt mich leichter seyn in Himmel sich zuschwingen;
Als mit der Sünden müh in Abgrund ein zu dringen.
231. Der Weltliebende Reiche.
Christ wenn ein Schiffseil wird durchs Nadelöhr gezogen /
So sprich / der Reiche sey ins Himmelreich geflogen.
232. HErr dein Wille geschehe.
Das Wort das GOtt von dir am allerliebsten hört /
Jst wann du hertzlich sprichst: Sein Wille sey geehrt.
233. GOttes Nachgeklinge.
Mein Lieb und alle Ding' ist GOttes nachgeklinge /
Wann Er mich höret schreyn / Mein GOtt und alle Dinge.
234. GOtt umb GOtt.
Herr liebstu meine Seel / so laß sie dich umbfassen:
Sie wird dich nimmermehr umb tausend GOtte lassen.
235. Alles mit GOtt.
Jch bethe GOtt mit GOtt auß Jhm / und in Jhm an:
Er ist mein Geist / mein Wort / mein Psalm / und was ich kan.
236. Der Geist vertrit uns.
GOtt liebt und lobt sich selbst / so viel er immer kan:
Er kniet und neiget sich / Er betht sich selber an.
237. Jm jnnern bethet man recht.
Mensch so du wissen wilt was redlich bethen heist:
So geh in dich hinein / und frage GOttes Geist.
238. Das Wesentliche Gebethe.
Wer lauters Hertzens lebt / und geht auff Christi Bahn /
Der bethet wesentlich GOtt in sich selber an.
239. GOtt lobt man in der stille.
Meinstu O armer Mensch / daß deines Munds geschrey
Der rechte Lobgesang der stillen GOttheit sey?
240. Das stillschweigende Gebeth.
GOtt ist so überalls daß man nichts sprechen kan:
Drumb bettestu Jhn auch mit schweigen besser an.
241. GOttes Leibgedinge.
Mein Leib (O Herligkeit!) ist GOttes Leib-gedinge /
Drumb schätzt er Jhn darinn zuwohnen nicht geringe.
242. Die Thür muß offen seyn.
Eröffene die Thür / so komt der heilge Geist /
Der Vater / und der Sohn / Dreyeinig eingereist.
243. Das Wohnhauß GOttes.
Christ / so du JEsum liebst und seine Sanfftmutt hast /
So findet GOtt in dir sein Wohnhauß / Ruh / und rast.
244. Die Liebe ist der weisen Stein.
Lieb' ist der weisen Stein: sie scheidet Gold auß koth /
Sie machet nichts zu jchts / und wandelt mich in GOtt.
245. Es muß vereinigt werden.
Jm fall die Liebe dich versetzen sol auß Peyn /
Muß deine Menschheit vor mit GOttes Eines seyn.
246. Die Tingierung.
Der heilge Geist der schmeltzt / der Vater der verzehrt /
Der Sohn ist die Tinctur, die Gold macht und verklärt.
247. Das alte ist hinweg.
So wenig du das Gold kanst schwartz und Eisen nennen:
So wenig wirstu dort den Mensch am Menschen kennen.
248. Die genaue Vereinigung.
Schau doch wie hoch Vereint die Goldheit mit dem Bley /
Und der Vergöttete mit Gottes wesen sey!
249. Die Goldheit und GOttheit.
Die Goldheit machet Gold / die Gottheit machet GOtt:
Wirstu nicht eins mit ihr / so bleibstu Bley und Koth.
250. Wie die Goldheit also die Gottheit.
Schau wie die Goldheit ist deß Golds fluß / schwer' und schein:
So wird die Gottheit auch im seelgen alles seyn.
251. Das liebste Kind GOttes.
Sag wie ich möge seyn deß Vaters liebstes Kind?
Wann Er sich selbst und alls / und Gottheit in dir findt.
252. Die Göttliche Kindtschafft.
Jst GOttes GOttheit mir nicht jnniglich gemein /
Wie kan ich dann sein Kind / und Er mein Vater seyn?
253. Der Kinder ists Himmelreich.
Christ so du kanst ein Kind von gantzem Hertzen werden /
So ist das Himmelreich schon deine hier auf Erden.
254. Die Kindheit und GOttheit.
Weil sich die GOttheit hat in Kindheit mir erzeigt /
Bin ich der Kindheit und der Gottheit gleich geneigt.
255. Kind und GOtt.
Kind oder GOtt gilt gleich: hastu mich Kind genennt /
So hastu GOtt in mir / und mich in GOtt bekennt.
256. Die widergiltliche Kind- und Vatterschafft.
Jch bin GOtts Kind und Sohn / Er wider ist mein Kind:
Wie gehet es doch zu daß beide beides sind!
257. Die Dreyeinigkeit in der Natur.
Daß GOtt Dreyeinig ist / zeigt dir ein jedes Kraut /
Da Schwefel / Saltz / Mercur / in einem wird geschaut.
258. Das Tingiren.
Betrachte das Tingirn / so sihstu schön und frey /
Wie dein' Erlösung / und wie die Vergöttung sey.
259. Die GOttheit und Menschheit.
Die Ewge GOttheit ist der Menschheit so verpflicht!
Daß Jhr auch ohne sie Hertz / Muth und Sinn gebricht.
260. Heut ist der Tag des Heyls.
Braut auf der Bräutgam komt! Man geht nicht mit jhm ein /
Wo man deß Augenbliks nicht kan bereitet seyn.
261. Die Hochzeit deß Lammes.
Die Mahlzeit ist bereitt / das Lamm zeigt seine Wunden:
Weh dir / hastu noch nicht GOtt deinen Bräutgam funden.
262. Das Hochzeitliche Kleid.
Das Hochzeitkleid ist GOtt und seines Geistes liebe:
Zeuchs an / so weicht von dir was deinen Geist macht trübe.
263. GOtt forscht sich niemals auß.
Die Ewge GOttheit ist so reich an Rath und That /
Daß sie sich selbst noch nie gantz außgeforschet hat.
264. Die Creaturen sind GOttes Widerhall.
Nichts weset ohne Stimm: Gott höret überall /
Jn allen Creaturn / sein Lob und Widerhall.
265. Die Einigkeit.
Ach daß wir Menschen nicht wie die Waldvögelein /
Ein jeder seinen thon mit lust zusammen schreyn!
266. Dem Spötter tauget nichts.
Jch weiß die Nachtigal strafft nicht des GukGuks thon:
Du aber / sing ich nicht wie du / sprichst meinem Hohn.
267. Ein ding behagt nicht immer.
Freund / solln wir allesambt / nur jmmer Eines schreyn /
Was wird diß für ein Lied / und für Gesinge seyn?
268. Veränderung steht fein.
Je mehr man Unterscheid der Stimmen vor kan bringen:
Je wunderbahrlicher pflegt auch das Lied zuklingen.
269. Bey GOtt ist alles gleiche.
Gott giebet so genau auf das koaxen acht /
Als auf das direlirn / das ihm die Lerche macht.
270. Die Stimme GOttes.
Die Creaturen sind deß Ewgen Wortes Stimme:
Es singt und klingt sich selbst in Anmuth und im Grimme.
271. An GOtt ist nichts Creatürlichs.
Liebstu noch was an Gott / so sprichstu gleich dabey /
Daß Gott dir noch nicht Gott und alle dinge sey.
272. Der Mensch ist Gottes gleichnüß.
Was Gott in Ewigkeit begehrn und wünschen kan /
Das schauet Er in mir als seinem gleichnüß an.
273. Steig über die Heiligkeit.
Die Heiligkeit ist gutt: wer drüber kommen kan /
Der ist mit Gott und Mensch am allerbesten dran.
274. Der Zufall muß hinweg.
Der Zufall muß hinweg / und aller falscher schein:
Du must gantz wesentlich und Ungefärbet seyn.
275. Der Mensch bringt alles in GOtt.
Mensch alles liebet dich; umb dich ists sehr gedrange:
Es lauffet alls zu dir / daß es zu Gott gelange.
276. Eins des andern Anfang und Ende.
Gott ist mein letztes End: Wenn ich sein Anfang bin /
So weset er auß mir / und ich vergeh in Jhn.
277. Das Ende GOttes.
Daß Gott kein ende hat / gesteh ich dir nicht zu:
Denn schau / Er sucht ja mich / daß er in mir beruh.
278. GOttes ander-Er.
Jch bin Gotts ander-Er / in mir findt Er allein
Was Jhm in Ewigkeit wird gleich und ähnlich seyn.
279. Die Jchheit schaffet nichts.
Mit Jchheit suchestu bald die bald jene sachen:
Ach lissest du's doch Gott nach seinem willen machen!
280. Der wahre weisen Stein.
Dein stein Chymist ist nichts: der Ekstein den ich mein /
Jst meine Gold Tinctur, und aller weisen Stein.
281. GOttes Gebotte sind nicht schwer.
Mensch lebestu in Gott / und stirbest deinem willen /
So ist dir nichts so leicht / als sein Gebott erfüllen.
282. Jn GOtt der beste Stand.
Was hilfft michs daß den Herrn die Morgensterne Loben /
So ich nicht über sie in Jhn bin aufgehoben.
283. GOtt ist über Heilig.
Schreyt hin Jhr Seraphin / das was man von euch list:
Jch weiß daß Gott mein Gott noch mehr als Heilig ist.
284. Uber alle erkändtnüß sol man kommen.
Was Cherubin erkennt / das mag mir nicht genügen /
Jch wil noch über Jhn / wo nichts erkandt wird / fliegen.
285. Das erkennende muß das erkannte werden.
Jn GOtt wird nichts erkandt: Er ist ein Einig Ein.
Was man in Jhm erkennt / das muß man selber seyn.
286. Jmmer weiter.
Maria ist hochwehrt: doch kan ich höher kommen /
Als sie und alle Schaar der Heiligen geklommen.Christus ist unser höchstes Ziehl.
287. Die Schönheit.
Die Schönheit ist ein Licht: je mehr dir Licht gebrist /
Je greulicher du auch an Leib und Seele bist.
288. Die gelassene Schönheit.
Jhr Menschen lernet doch vonn Wisenblümelein /
Wie jhr könt Gott gefalln / und gleichwol schöne seyn.Denn sie nehmen sich jhrer schönheit nicht an.
289. Ohne warumb.
Die Ros' ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet /
Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet.
290. Laß GOtt sorgen.
Wer schmückt die Lilien? Wer speiset die Narcissen?
Was bist dann du mein Christ auf dich so sehr beflissen?
291. Der Gerechte.
Daß der gerechte Mensch wächst wie ein Palmenbaum
Verwundet ich mich nicht; nur daß er noch findt raum!
292. Der Seeligen Lohn.
Was ist der Seelgen Lohn? Was wird mir nach dem Streit?
Es ist die Lilie der lautern Göttligkeit.
293. Wenn man Vergöttet ist.
Mensch / wann dich weder Lieb berührt / noch Leid verletzt /
So bistu recht in GOtt / und GOtt in dich versetzt
294. GOtt ist ohne Willen.
Wir bethen es gescheh mein Herr und Gott dein wille:
Versteh einen zufälligen willen: denn was GOtt will das wil Er wesentlich. Und sih / Er hat nicht will': Er ist ein Ewge stille.
295. Es mus in dir vor seyn.
Mensch wird das Paradiß in dir nicht erstlich seyn /
So glaube mir gewiß / du kommest nimmer drein.
296. Die Nächsten GOttes gespielen.
Gott' ist nicht alles nah: die Jungfraw und das Kind /
Die zwey die sinds allein die Gottsgespielen sind.
297. Nicht Nakt und doch unbekleidt.
Nakt darf ich nicht für Gott; und muß doch unbekleidt
Jns Himmelreich eingehn / weil es nichts fremdes leidt.
298. Das Himmelreich ist innwendig in uns.
Christ mein wo lauffstu hin? der Himmel ist in dir.
Was suchstu jhn dann erst bey eines andern Thür?
299. Mit schweigen höret man.
Das Wort schallt mehr in dir / als in deß andern Munde:
So du jhm schweigen kanst / so hörstu es zur Stunde.
300. Trink auß deinem eignen Bronnen.
Wie thöricht thut der Mann der auß der Pfütze trinkt /
Und die Fonteine läst / die Jhm im Hauß entspringt.
301. Die Kinder GOttes.
Weil Gotteskinder nicht das eigne Lauffen lieben /
So werden sie von jhm und seinem Geist getrieben.
302. Stehn ist zurükke gehn.
Wer in den Wegen GOtts gedächte still zustehn /
Der werde hintersich und ins Verderben gehn.
Text: Angelus Silesius, „Cherubinischer Wandersmann" (1657/1675), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.