Sechstes Buch
1. Wie Gott in der Heiligen Seele.
Fragstu wie Gott das Wort in einer Seele wohne?
So wisse wie das Licht der Sonnen in der Welt /
Und wie ein Bräutgam sich in seiner Kammer hält:
Und wie ein König sitzt in seinem Reich und Throne:
Ein Lehrer in der Schul / ein Vatter bey dem Sohne:
Und wie ein theurer Schatz in einem Akkerfeld:
Und wie ein lieber Gast in einem schönen Zelt:
Und wie ein Kleinod ist in einer guldnen Krone.
Wie eine Lilie in einem Blumenthal /
Und wie ein Seitenspiel bey einem Abendmahl:
Und wie ein Zimmet-öl in einer Lamp' entzünden:
Und wie das Himmelbrodt in einem reinen Schrein:
Und wie ein Garten Brunn / und wie ein kahler Wein.
Sag ob er anderst wo so schöne wird gefunden?
2. An die Jungfrau Maria / die geheime Lilie.
Du Edle Lilie wer findet deines gleichen?
Solt' er auch alles Feld im Paradeiß durchstreichen.
Du gläntzest wie der Schnee / wann jhn zu schöner Zeit
Der Himmel mit dem Gold deß Phaethons bespreit:
Für dir muß Sonn und Mond und alle Stern' erbleichen.
Dein ansehn / deine Pracht ist schöner als das Kleid
Des Königs Salomons in seiner Herrligkeit /
Dir muß der klare Blitz der Seraphine weichen:
Dein Edeler Geruch erquikt die gantze Welt /
Und was sonst unsrem GOtt dem Herrn zu Fusse fällt.
Jn dir findt man allein die Schönheit der Jungfrauen /
Der Märterer bestand / und aller Heilgen Ziehr.
Drumb Edle Lilie komm und erquik mich hier /
Daß ich mög ewig dich und deinen Saamen schauen.
3. Die gefallne Seele.
Jch war ein Englisch Bild: nu bin ich gleich den Thieren.
Jch schwebt' im Paradeiß in Lauter Frölichkeit:
Nu sitz' ich auf der Erd' in lauter Angst und Leid.
Es konte mich kein Grimm der untren Welt berühren:
Nu schmeltz' ich fast für Hitz' / und muß für Frost erfrieren /
Und fühle tausend Weh. Jch war ein Herr der Zeit:
Nu meistert sie mich selbst. Jch war mir selbst mein Kleid:
Nu muß ich mich auß Noth mit frembden Federn ziehren.
GOtt sah mich freundlich an und hieß mich liebes Kind:
Nu schrökket mich sein zorn und stöst mich weg die sünd.
Jch bin mit stäter Furcht erfüllet und umbgeben:
Jch schau mein Ungelük mit eignen Augen an:
Der Teuffel und der Tod die stehn mir nach dem Leben.
Ach ach ich arme Seel! Was hab ich doch gethan!
4. Der Gerechtfertigte Sünder.
Jch war deß Teuffels Sclav / unnd gieng in seinen Banden:
Jch war mit Sünden-Wust verstellt und bluttig roth:
Jn Wollust weltzt' ich mich wie eine Sau im Koth:
Jch stank für Eitelkeit die häuffig war verhanden:
Jch war dem Abgrund nah / und fieng schon an zustranden.
Jch lebte wie ein Vieh / und fragte nicht nach GOtt /
Jch war ein Schatten Mensch / und noch lebendig Todt.
Nu bin ich widerumb in Christo auferstanden /
Und lebendig gemacht: die Ketten sind entzwey /
Der Teuffel ist verjagt / und ich bin loß und frey.
Jch suche GOtt allein mit eifrigem Gemütte /
Und gebe mich Jhm auf. Was Er mir jmmer thut /
Jn Zeit und Ewigkeit / das sprech' ich alles gut.
Ach daß Er mich doch nur für mehrerm fall behütte!
5. Der Außspruch über die Verdambten.
Geht ihr Verfluchten geht / jhr Teuffels Rottgesellen /
Jhr Raben die jhr mich nie habt getränkt / gespeist /
Bekleidt / besucht / getröst / noch eingen Dienst geleist:
Geht in das Ewge Feur und in den Schlund der Höllen.
Empfahet euren Lohn in jhren grimmen Wellen /
Blitz / Donner / Pestilentz und alls was böse heist.
Geht und bleibt ewiglich von meinem Reich verweist.
Jhr werdt nu Heuln und schreihn / und wie die Hunde bellen /
Jn Durst unnd Hunger stehn: Eur Wurm der stirbet nicht /
Das Feuer löscht nicht auß das euch ist zugericht.
Jhr müsset ewiglich in Peinen sein gerochen /
Wie jhr verdienet habt: Denn was jhr habt gethan /
Den Gliedern meines Leibs / nehm ich mich selber an.
Geht jhr Verfluchten geht / das Urtheil ist gesprochen.
6. Uberschrifft der Verdamnuß.
Hier ist ein' Ewge Nacht: man weiß von keinem lachen /
Ein Jammer Ach und Weh / ach ewig seyn verlohrn!
Wird immer fort geschriehn / und wärn wir nie gebohrn!
Beyneben hört man nichts als Donnern / Hageln / Krachen.
Man sieht den Basilischk mit Kröten / Schlangen / Drachen /
Und tausend ungeheur: Man ist für Kält' erfrohrn /
Und schmeltzt für grosser Glutt: man schilt sich Narrn und Thorn.
Und kombt doch nimmermehr auß diesem Teufels rachen.
Man stirbt / und stirbt doch nie / man ligt im ewgen Tod /
Man wüttet / tobt und zörnt / man flucht und lästert GOtt.
Man beist und Hadert sich / man lebt wie Hund' unnd Katzen:
Man muß sich ewiglich mit allen Teuffeln kratzen.
Man frisset Hüttenrauch / Pech / Schweffel / Teuffelsmist:
Ach Sünder thu doch Buss' / eh du darinnen bist!
7. Der verdambte Ubelthäter.
Ach weh! wo bin ich nu? bey lauter höllschen Mohren /
Bey teufflischem Gesind: in Leviathans Schlund:
Jn einem feurgen Pful / der ohne Maß und grund!
Ach weh! verfluchter Tag in dem ich bin gebohren!
Jch war zur Seeligkeit ersehen und erkohren;
Der Himmel stund mir frey; ich wuste kurtz und rund
Was GOttes wille war: und hilt doch nicht den Bund!
Nu muß ich ewig sein verstossen und verlohren!
O du verfluchter Leib zu was hastu mich bracht!
O du verfluchte Seel was hastu mir gemacht!
Ach tausend Ach und Weh! Was hilfft mich nu mein Prangen /
Mein Geitz und böse Lust! Ach hätt ich guts gethan!
Nu ist die Reu zu spät / Gott nimbt sie nicht mehr an:
Jch bleib in Ewigkeit mit höllscher Qual umbfangen.
8. Der Spruch über die Seeligen.
Kombt jhr gesegneten / embfahet eure Kronen
Die jhr erworben habt durch meinen Lauf und Tod:
Kombt und besitzt das Reich der Herrligkeit mit GOtt:
Jch wil euch ewiglich für eure Gutthat lohnen.
Jhr habet mich getröst / und bey euch lassen wohnen /
Jhr habet mich gespeist / getränkt / besucht in Noth.
Bekleidet und bedekt nach meinem Liebsgeboth /
Nu solt jhr auch mit mir besitzen eure Thronen /
Und ewig triumphirn. Jhr sollet euch nu freun
Für eure Trew und Müh / und jmmer bey mir sein.
Denn was jhr habt gethan dem kleinsten auf der Erden /
Dasselb' ist mir geschehn / und sol in Ewigkeit /
Mit allem was jhr nur euch wüntscht / vergolten werden.
Kombt und geniest mich selbst und alle Seeligkeit.
9. Uberschrifft der Seeligkeit.
Hier ist es jmmer Tag / hier scheint die Ewge Sonne /
Hier weiß man nicht von Weh / von Kummer Angst und Leid.
Man lebt in gantzer Lust und gantzer Seeligkeit.
Man sicht unnd höret nichts als lauter Freud unnd Wonne.
Man trinkt sich satt und Voll beym süssen JEsus-Bronne.
Man sitzt in stoltzer Ruh / man dänkt an keine Zeit /
Man leget niemals ab das Kleid der Herrlichkeit.
Hier rauschet wie ein Strom was vor nur tropffweiß ronne.
Hier schaut man GOttes glantz und süsses Angesicht /
Hier wird man überformt mit seiner GOttheit Licht.
Hier senkt man sich in Jhn / und giebt ihm tausend küsse.
Man liebt und wird geliebt / man schmekt jhn wie er ist.
Man singt sein Lob und alls worzu man ist erkiest.
Ach JEsu hilff mir doch damit auch ichs geniesse!
10. Der Abgeleibte Seelige.
O GOtt wie wol ist mir! mein Leiden ist verschwunden /
Die Schmertzen sind dahin / die Trübsal hat ein End'
Und alles Hertzeleid ist von mir abgewendt:
Jch bin nu Kärkerloß und seeliglich entbunden:
Jch habe Freudenreich gesiegt und überwunden:
Kein Feind berührt mich mehr / und was man böse nennt:
Es wird mit keinem Weh mein frölich seyn getrent.
Jch habe wahre Ruh / und wahre Lust gefunden.
Der Himmel lacht mich an / die Engel nehmen mich
Sambt allen Heiligen mit Freuden unter sich.
Jch bin so voller Trosts daß ich fast überfliesse:
Jch habe was ich wil / und wil was ich geniesse:
Jch habe nu genug: man führt mich wie ich bin
Zu meinem Bräutigam und süssen JEsu hin.
11. Der Seelige weise.
Wie Seelig ist der Mensch / der alle seine zeit
Mit anders nichts verbringt / als mit der Ewigkeit!
Der jung und alt allein betrachtet und beschaut
Der Weißheit Schloß / das GOtt sein Vater hat gebaut.
Der sich auf seinen Stab / das ewge Wort / aufstützt /
Und nicht / wie mancher Thor / im frembden sande sitzt.
Der nicht nach Hauß und Hoff / nach Gold und Silber sieht /
Noch seines Lebens zeit zu zehlen sich bemüht.
Jhn wird das blinde Glük nicht hin und her vexirn /
Noch etwann eitler Durst zu frembden Wassern führn.
Er weiß von keinem Zwang / er liebt nicht krämerey /
Er trachtet nicht darnach / daß er gesehen sey!
Er ist der Welt ein kind / die allernächste stadt
Jst ihm so viel bekand als die der Tagus hat.
Er schaut nur übersich / so frey er immer kan /
Sein rechtes Vaterland / den lieben Himmel an.
Sein alter rechnet er nicht nach der Jahre zahl /
Jn GOtt vollkommen seyn / das heist er Alt zumahl.
Die Sonne leuchtet ihm in seinen Aker ein /
Und wenns gleich abend wird / so bleibt ihm doch ihr Schein.
Er siht des Lebens Baum im Geist begierlich an /
Und geht mit allem fleiß zu ihm die nächste bahn.
Er kümmert sich umb nichts; was neben ihm geschieht /
Jst ihm so frembt und klar / als was ein blinder sieht /
Doch ist er stark und frisch / er scheuet keinen Feind /
Wenn gleich Welt / Teuffel / Fleisch / und mehr beisammen seind.
Ein ander lauffe hin / zerstrew sich mit der Welt /
Diß ist das Leben und die bahn / so mir gefällt.
12. Der geheime Hirsch und sein Bronn.
Der Hirsch der laufft und sucht ein kühles Brünnelein
Damit sein Hertz erquikt und ruhig möge seyn.
Die Seele die GOtt liebt / die eilet zu dem Bronnen /
Auß dem die süsse Bach deß Lebens kombt geronnen.
Der Bronn ist JEsus Christ / der unß mit seinem quall
Jm wahren Glauben tränkt / und stärkt für Sünden fall.
Bleibstu bey diesem quall / und trinkst offt auß dem Bronnen /
So hastu meine Seel gantz Seeliglich gewonnen.
13. Die Sündige Seele.
Ein außgebrandte Stadt / ein Schloß / das gantz zerstöhrt /
Ein Reich / das durch und durch zerrütt ist und entböhrt;
Ein Königliches Weib / die nu zur Sclavin worden /
Jst eine Seel / die sich die Sünde läst ermorden.
14. Die heilige Seele.
Ein Neus Jerusalem / ein außgebautes Schloß /
Ein Reich / das jedem Feind zu stark ist und zu groß /
Ein Mägdlein / die versetzt in der göttinnen Orden /
Jst Jungfrau deine Seel / die GOtts gemahlin worden.
15. Der Sohn führe des Vaters Nahmen.
Sag was unß endlich GOtt für einen Nahmen giebt /
Die er in seinem Sohn für Söhn' aufnihmt und Liebt?
Fragstu und nenst ihn GOtt / so mustu ja bekennen /
Daß er unß anderst nicht alß Götter könne nennen.
16. Die geheime Auferstehung.
Durch Hoffart / Fleisches lust / und durch begiehr der Welt /
Hat Geist / Leib / Seel der Feind gestürtzet und gefällt /
Durch Demutt und Casteyn / und durch Allmosen geben /
Steht auf Geist / Leib und Seel zu einem neuen leben.
17. Eine Begierde löscht die andere auß.
Je mehr ein Mensch sich freut auf zeitlich Ehr und Gutt /
Je weniger hat er zu ewgen dingen mutt.
Jemehr hingegen er wartt auf die ewge dinge /
Jemehr und mehr wird ihm das Zeitliche geringe.
18. Die Ewigkeit wird für nichts geschätzt.
O Thorheit / umb die zeit wagt man sich biß inn Tod!
Und auf die Ewigkeit setzt man nur einen Spott!
19. Der gröste Narr.
Du schlägst umbs Zeitliche das Ewig' in den wind:
Richt' / ob die Welt auch wol einn grössern Narren findt?
20. Das zeitliche ist Rauch.
Alls zeitlich' ist ein Rauch. Lästu es in dein Hauß /
So beist es dir fürwahr des Geistes Augen auß.
21. Das ewige sol man suchen.
Die Ehre dieser Welt vergeht in kurtzer zeit:
Ach suche doch die Ehr der ewgen Seeligkeit!
22. Einen Dunst umbfassen ist thöricht.
Wie thöricht thut der Mann / der einen Dunst umbfasst!
Wie thöricht / der du Freud an eitler Ehre hast!
23. Sich nicht erkennen macht eitles rennen.
Wie daß der Mensch so toll nach eitlen Ehren rennt?
Es kommet / weil er nicht sein' Ehr in GOtt erkennt.
24. Was man in sich hat / sucht man nicht draussen.
Wer in sich Ehre hat / der sucht sie nicht von aussen.
Suchstu sie in der Welt / so hastu sie noch draussen.
25. Der Weise sucht keinen äusern Ehren Stand.
Der Weise strebet nicht nach äusrem Ehren stand:
Es ist ihm Ehr genug / daß er GOtt nah verwandt.
26. Der Weise ist voller Ehrn.
Der Weiß' ist voller Ehrn. Wie da? er ist erkist /
Daß er der wahren Ehr (GOtts) ewger Tempel ist.
27. Der Sünder hat keine Ehre.
Der Sünder ist des Thiers und aller Teuffel stall:
Drumb fählts ihm doch ann Ehren / hätt' er sie überall.
28. Ein reicher Sünder ein vergoldter Koth.
Mensch kein vergoldter Koth ist reich geehrt und schön:
Die Sünder auch / die gleich in lautrem Golde stehn.
29. Der Sünder wird zu Koth.
Der Heilge steiget auf / und wird ein GOtt in GOtt:
Der Sünder fällt herab und wird zu Mist und Koth.
30. Wer hochgeehrt wil seyn / muß GOtt werden.
Nichts ist geehrt wie GOtt im Himmel und auf Erden:
Streb / daß du wirst was er / wo du geehrt wilt werden.
31. Der Mensch muß das seinige thun.
Mein richte dich doch auf. Wie sol dich GOtt erheben /
Weil du mit gantzer macht bleibst an der Erde kleben.
32. Ein Wurm beschämet unß.
O spott! ein seiden Wurm der wirkt / biß er kan fliegen:
Und du bleibst / wie du bist / nur auf der Erde liegen!
33. Man muß sich verwandeln.
Mensch alls verwandelt sich. Wie kanst denn du allein
Ohn' einge besserung das alte Fleisch Klotz seyn?
34. Wer das ewige Licht sieht.
Das Licht der ewigkeit / das leucht auch in der Nacht.
Wer sihts? der jenge Geist / ders heiliglich betrachte
35. Die zuekehr machet schaun.
Wiltu die Sonn und Mond am hellen Himmel sehn /
So mustu ihnn fürwahr ja nicht den Rüken drehn.
36. Das offne Auge sieht.
Ein offnes Auge sieht / thustu deins zue O Kind /
So bistu GOtt zu schawn muttwillig Maulwurffs blind.
37. Nichts leuchtet ohne die Sonne.
Rauh ist der Mond gestalt ohn seiner Sonne licht:
Rauh ohne deine Sonn dein seelen Angesicht.
38. So viel zukehr / so viel erleuchtung.
So viel der Monde sich zu seiner Sonne kehrt /
Zu deiner du; so viel werdt ihr eurs Lichts gewehrt.
39. Der geistliche Mond mit seiner Sonne.
Jch wil der Monde seyn / sey JESU du die Sonne /
So wird mein angesicht voll ewger Freud und Wonne.
40. Die Sonne muß erleuchten.
Die Sonne muß ihr Licht alln / die es woln gewehrn:
Der Teuffel würd' erleucht / wolt' er zu GOtt sich kehrn.
41. Wer die Sonne nicht merckt / der ist nicht.
Die Sonn erwärmet alls / ja auch den kältsten stein:
Fühlstu die wirkung nicht / so mustu nicht mehr seyn.
42. Wer nicht bewegt wird / gehört nicht zum gantzen.
Die Sonn erreget alls / macht alle sterne Tantzen /
Wirstu nicht auch bewegt / so g'hörstu nicht zum gantzen.
43. Wer vergeht / der ist nicht.
Der Sünder ist nicht mehr. Wie? seh ich ihn doch stehn!
Hättstu das rechte Licht / du sähest ihn vergehn.
44. Was verdirbt / wird zu nichts.
Was fort und fort verdirbt / das kan nicht stehn noch seyn /
Es eilt zum untergang und wird dem nichts gemein.
45. Eigensinnigkeit reist von GOtt ab.
Was nicht am Leibe bleibt / wird nicht vom Haubt geküst:
Merks eigensinniger / daß du nicht Christi bist.
46. Das abgesunderte hat nichts mit dem gantzen gemein.
Ein abgefallnes Laub / ein saures tröpfflein Wein /
Was hat es mit dem Baum / was mit dem Most gemein?
47. Es ist noch zeit zum Heil.
Kehr umb verirrtes Schaf / zeuch safft verdorrter Ast!
Du kanst wol kommn und ziehn / weil du den trieb noch hast.
48. Das beyspiel reitzet an.
Dein feld Herr geht vor an / er streit für dich mein Christ:
Jsts möglich daß du noch ein fauler Esel bist?
49. Das verächtlichste Aß.
Wer sich den Teuffel läst erschlagen und ermorden /
Der ist ein todter Hund des schnödsten schinders worden.
50. Der schändliche Gefangene.
Pfuy dich / daß dich ein Weib die nichtigkeit der Welt
Mit ihrem spinneweb so lang gefangen hält!
51. Die schnödste Dirne.
Mensch lästu dich dein Fleisch beherschn und nehmen ein /
So muß wol deine Seel die schnödste Dirne seyn.
52. Der schändliche Fall.
Halt auß Welt / Teuffel / Fleisch / du bist ja Christ ein Held:
Wie schändlich ists / wenn man für diesen Buben fällt.
53. Die siegreiche Waffen.
Der Teuffel durchs Gebeth / das Fleisch kan durch Casteyn /
Die Welt / wenn man sie läst / gar leicht bezwungen seyn.
54. Der sieg folgt erst hernach.
Christ niemand hat den sieg und dessen Trost embfunden /
Der nicht zuvor im streit den Feind hat überwunden.
55. Kein Kron ohn Kampff.
Ein Kampffplatz ist die Welt. Das Kräntzlein und die Kron
Trägt keiner / der nicht Kämpfft / mit Ruhm und Ehrn darvon.
56. Der erste Kriegt den Preiß.
Lauff nach dem Ehren preiß / du must der erste seyn /
Du trägest nichts davon / kriegstu ihn nicht allein.
57. Eins ist die Ehre.
Der Feld-Herr triumphirt / er hat die ehr allein:
Erhältst auch du die schlacht / so wird sie deine seyn.
58. Kurtzer streit / ewiger Triumph.
Wie kurtz ist doch der Streit! wie glüklich ist der Held /
Der ewig triumphirt den Teuffel / Fleisch / und Welt!
59. Man muß nach Ehren streben.
Die Ehr ist doch nicht nichts. Die nie nach Ehren streben /
Die kommen nie zur ruh / auch nicht im andren Leben.
60. Wo Ehr und Schande ist.
Der Himmel ist voll ruhm / voll Ehr und Herrligkeit;
Die Hölle voller spott / schmach und mühseeligkeit.
61. Nicht streiten wollen ist spöttlich.
Ein spott wird der Soldat des Feinds / für dem er zagt /
Ein spott des ewgen Feinds der Christ / der ihn nicht jagt.
62. Das beste ist zuerwählen.
Auf auf Soldat zum streit! dir wird ja lieber seyn
Die Ruhe nach dem sieg / als nach der ruh die Pein?
63. Deß Sünders Seele ist die Närrischte.
Du läst die ewge Lust und kiesest ewge Pein /
Kan auch was närrischers als deine Seele seyn?
64. Der gröste Narr.
Christ wenn du einen sihst so stark zur Höllen rennen /
Den magstu ohn bedacht den grösten Narren nennen.
65. Die zwey wunderliche Thoren.
Ach jammer / jener rennt / daß er in Abgrund kömt;
Und dieser regt sich kaum / daß er GOtts burg einnihmt!
66. Das zeitliche macht ungeschikt.
Ach mein / wie magstu doch die Welt so in dich sauffen?
Du wirst ja ungeschikt den Ehrn Krantz zuerlauffen!
67. Das weltliche Gutt beschwehrt.
Wirff das gebündle weg. Wer streiten sol und kriegen /
Dem muß kein sak voll Geld auf seinen Achseln liegen.
68. Der selbst Tadel.
Du lachst den Krieger auß / der sich mit raub beschwehrt:
Fürwahr mein Euclio du bist des lachens wehrt.
69. Kein ungeschikter Mensch kombt inn Himmel.
Geh Fast' und zehr dich auß / die Himmels-Thür ist klein /
Wirstu nicht wol geschikt / du kömmest nicht hinein.
70. Stille stehn ist zurüke gehn.
Je Bruder geh doch fort / was bleibstu stille stehn?
Stehn auf dem wege GOtts heist man zurüke gehn.
71. Das gutte und üble zurüke gehn.
Wie wol geht der zurük / der von dem Feind weg fährt;
Wie übel / welcher Gott den rüken endlich kehrt!
72. Die Faulheit überkomt nicht den Himmel.
Ach Fauler reg dich doch! wie bleibstu immer liegen?
Fürwahr der Himmel wird dir nicht ins Maul einfliegen.
73. Man hat nichts umbsonst.
Mensch umb die Hölle muß der Sünder so viel leyden:
Wie sol dann GOtt umb nichts dir geben seine Freuden?
74. Gewalt nihmt den Himmel ein.
Gewalt geht über Recht. Wer nur gewalt kan üben /
Von dem wird auch die Thür des Himmels aufgetrieben.
75. Allein die überwindung beruhigt.
Freund streiten ist nicht gnug / du must auch überwinden /
Wo du wilt ewge Ruh und ewgen Frieden finden.
76. Die Welt erwählt das ärgste.
Gott reicht die kron der Ehrn / der Teuffel spott und Hohn.
Und dennoch greifft die Welt nicht nach der ehren Kron!
77. Der Sünder wil seinen Tod.
Ach Sünder ists dann wahr? du wilst dich eh verliehren /
Als ewiglich mit GOtt ein GOtt seyn und regieren?
78. Was verlohren seyn ist.
Was ist verlohren seyn? frag das verlohrne Lamm /
Frag die verlohrne Braut vom ewgen Bräutigam.
79. Die ewige verlohrenheit.
Das Schaf ist gäntzlich hin / das nie wird wieder funden;
Die Seel die GOtt nicht find / bleibt ewiglich verschwunden.
80. GOtt sucht nicht was ewig verlohrn.
Findt GOtt nicht was er sucht? er sucht in ewigkeit /
Nicht / was sich hat von ihm verlohren in der zeit.
81. GOtt find die Verdammten nicht.
GOtt kan schon ewiglich nicht die Verdammten finden;
Weil sie stäts durch ihrn willn für ihm inn Pful verschwinden.
82. Der Wille macht Verloren seyn.
Der Will macht dich verlohrn / der Will macht dich gefunden /
Der Will der macht dich frey / gefässelt und gebunden.
83. An den Geld suchenden.
O Narr was renstu so nach reichthum in der Welt /
Und weist doch / daß man wird dardurch inn Pful gefält?
84. Das gröste Reichthum und gewien.
Das gröste Reichthum ist nach keinem Reichthum streben /
Der grösseste Gewin / sich dessen gantz begeben.
85. Man thut nicht was man Lobt.
Man lobt den gutten Mann der ihm genügen läst;
Und frisset doch umb sich gleich wie der Krebs und Pest.
86. Wer alles verlanget / hat noch nichts.
Wer nichts verlangt hat alls. Wer alles thut verlangen /
Der hat in wahrheit noch nicht einen stiel empfangen.
87. Wer der Sonne und GOtte gleicht.
Wer alln sein gutt mittheilt / alln nutzt und alle Liebt /
Jst wie der Sonnen Licht / und GOtt der alln sich giebt.
88. Allmosen geben macht reich.
Der Arme / giebstu ihm / macht dich dem Reichen gleich:
Wie da? er trägt dir alls voran ins Himmelreich.
89. An den Kargen.
Pfuy dich du karger Filtz / GOtt hat dir alls gegeben;
Noch wenn Er zu dir komt / giebstu ihm kaum zuleben.
90. Der Reiche siehet GOtt nicht gern.
Der Arme Christ ist GOtt: doch sieht des reichen Hauß
Gemeiniglich nicht gern den GOtt gehn ein und auß.
91. Anderst geglaubt / anderst gethan.
Man glaubt es seelger seyn zu geben als zu nehmen;
Und doch wil man gar schlecht zum geben sich bequämen.
92. Thue was du dir gethan wilt.
Mensch weil du gerne siehst daß man dir Gaben giebt:
So mache doch auch dich im geben wol geübt.
93. Weise und Narrische sammlung.
Der Geitz-Halß ist ein Narr / er sammlet was vergeht:
Der Mild' ein weiser Mann / er suchet was besteht.
94. Mildigkeit ist frey / Geitz gebunden.
Ein Milder breitt sich auß / ein Geitz-Halß krippt sich ein:
Der fäht schon an bestrikt / und jener frey zu seyn.
95. Wo der Schatz / da das Hertze.
Der Weise hat sein Hertz bey GOtt und in dem Himmel:
Der Geitzige beym Geld und in dem Weltgetümmel.
96. Der Weltsuchende zieht am Narren seil
Wo du auch kluge siehst sich umb die Welt bemühn /
So sage daß auch sie am Narren seile ziehn.
97. Das ewge hat schlächten verdrang.
Man sieht fast alle Welt mit Juden spissen lauffen;
Und doch umbs Himmelreich so wenig Leute kauffen!
98. Giefft wird für Zuker gelegt.
GOtt streuet zuker auff / der Teuffel gifft und galle:
Den Zuker läst man stehn und lekt die Gifft zum falle!
99. Des Weisen und Geitzigen gelt kammer.
Der Weiß ist klüglich reich; er hat das Gelt im kasten /
Der Geitzhalß im gemüth / drumb lästs ihn niemahls rasten.
100. Der Weise kombt den Dieben vor.
Der Weise wartet nicht / biß ihm was wird genommen:
Er nihmt ihm alles selbst / den Dieben vorzukommen.
101. Begierde benommen alles benommen.
Mensch nihm dir nur die Lieb und die begiehr der dinge /
So seind die dinge selbst benommen und geringe.
102. Das Auge und Hertze leiden nichts.
Das Hertz ist wie das Aug' / ein eintzigs gränelein /
Wo du's im Hertzen hast / verursacht dir schon Pein.
103. Beschwehrt komt niemand fort.
Der Schiffer wirfft im sturm die schwersten Wahren auß:
Meinstu mit Gold beschwehrt zu kommn ins Himmels Hauß?
104. Alles Weltliche muß weg.
Mensch würffestu nicht weg dein liebstes auf der Erden /
So kan dir nimmermehr des Himmels hafen werden.
105. Alles umb alles.
Die Seeligkeit ist alls. Wer alles wil erheben /
Der muß auch zuvoran hier alls umb alles geben.
106. Nichts gewinnt nichts.
Umb nichts gewind man nichts. Wo du nichts auf wilt setzen:
So wirstu dich fürwahr auch ewig nichts ergötzen.
107. Der thörichte verlust.
Mit hundert wil GOtt eins bezahln im ewgen Leben:
Wie thöricht seind wir doch / daß wir nicht alls hin geben!
108. Mit der Begierde hat man.
Freund schmeichle dir nicht viel: hastu noch die Begiehr /
So hastu noch die Welt und alle ding' in dir.
109. Der sein selbst Sclave.
Du wilt nicht Sclave seyn; und doch ists wahr mein Christ /
Daß deiner selbst begiehr du vielmahl Sclave bist.
110. Die schnödeste Sclaverey.
Die schnödste Sclaverey ist gerne Sclave seyn.
Wie bildstu Sünden- Sclav dir denn was ehrlichs ein?
111. Die geistliche Hunds Hütte.
Nichts schändlichs / nichts gerings steigt in ein groß gemütte:
Hat deins an Sünden lust / so ists ein Hundes Hütte.
112. Die schmälichste Dienstbarkeit.
Das schmählichst' ist die Sünd. Dänk Sünder was für schmach /
Der du als wie ein Hund ihr dienst / dir folget nach!
113. Der willige Betrogene.
Die Sünd ist voll Betrugs. Läst du dich sie regiern /
So lästu dich mit willn inn schlund der Höllen führn.
114. Der Stok-Knecht liebt den Stok.
Kein edler Geist ist gern gefangen und umbschränkt.
Du must ein Stok-Knecht seyn / wo dich dein Leib nicht kränkt.
115. Nachlässigkeit komt nicht zu GOtt.
Du sprichst / du wirst noch wohl GOTT sehen und sein Licht:
O Narr du siehst ihn nie / siehstu ihn heute nicht.
116. Nicht verlangen nicht embfangen.
Wer GOttes angesicht hier nicht sieht mit begier /
Der komt in ewigkeit darnach nicht bey ihm für.
117. Ohne Liebes pein ohne Liebe.
Verzug ursacht verdruß: fühlstu umb GOtt nicht Pein /
So glaub ich nicht dein Hertz in ihn entzünd zu seyn.
118. Die Liebe zeucht zum geliebten.
Die Lieb ist das gewicht: ists wahr daß wir GOtt Lieben /
So werden wir von ihr stets hin zu GOtt getrieben.
119. Das Göttliche und Ungöttliche gemütte.
Ein Göttliches gemütt steht stätts nach GOtt gericht:
Nichts Göttlichs ist an dir verlangt dich nach ihm nicht.
120. Nicht begehren ist nicht Lieben.
Du hast gern deinen Hund / der dir beliebt / bey dir:
Wie Liebestu denn GOtt mit lauter unbegier?
121. Nicht sterben wollen nicht Leben wollen.
Mensch stirbestu nicht gern / so wiltu nicht dein Leben:
Das Leben wird dir nicht als durch den Tod gegeben.
122. Die doppelte Thorheit.
Du renst in Tods gefahr schnöd' Ehre zuerwerben;
Umb ewge Herrligkeit hörstu nicht gern vom Sterben.
123. Der Narr erkiest das ärgste.
Ein Narr ist / der den Stok fürs Kaisers Burg erkiest;
Der lieber in der Welt als in dem Himmel ist.
124. Erküsung benennung.
Ein Knecht ist gern im Stall / ein schwein hirt gern umb Schweine:
Wärstu ein edler Herr du wärest gern wo's reine.
125. Was man ist das Liebt man.
Jeds Liebet was es ist / der Käfer seinen mist /
Den unflat liebestu weil du ein unflat bist.
126. Gesellschafft zeigt den Mann.
Die losung der gespan. Wers gern mit Narren hält /
Der ist kein kluger Mann: nicht groß / wer mit der Welt.
127. Der Liebe Todt und Pein.
GOtt ist mein einge Lieb: ihm nicht gemeine seyn
Jst meiner Seelen Todt / meins Hertzens einge Pein.
128. Wer zu GOTT wil / muß GOTT werden.
Werd GOtt wiltu zu GOtt: GOtt macht sich nicht gemein /
Wer nicht mit ihm wil GOtt und das was er ist seyn.
129. Wer wil wird GOtt gebohrn.
Von GOtt wird GOtt gebohrn: sol er dich den gebehrn /
So mustu ihm zuvor den Willn darzu gewehrn.
130. Nichts werden ist GOTT werden.
Nichts wird was zuvor ist: wirstu nicht vor zu nicht /
So wirstu nimmermehr gebohrn vom ewgen Licht.
131. Höchste Geburth / höchste Freude.
Die höchste Freud und Lust die GOtt mir kan gewehrn /
Jst daß er Ewig wird mich seinen Sohn gebehrn.
132. GOttes einige Seeligkeit.
Gebehrn ist Seelig seyn. GOtts einge Seeligkeit
Jst daß er seinen Sohn gebiehrt von Ewigkeit.
133. Wie man so Seelig als Gott wird.
GOtt ist das Seeligste. Wiltu so Seelig seyn /
So dring in die Geburth deß Sohnes GOttes ein.
134. Von Gott gebohren werden ist gäntzlich GOtt seyn.
GOtt zeuget nichts als GOTT: zeugt er dich seinen Sohn /
So wirstu GOtt in GOtt / Herr auf deß Herren Thron.
135. GOtt mit GOtt werden ist alles mit ihm seyn.
Wer GOtt mit GOtt gewird / ist mit ihm eine Freud /
Ein Ewge Majestät / ein Reich und Herrligkeit.
136. Ewge Ehre und Schande.
O Ehr O Seeligkeit / das Ewig seyn was GOtt!
Das was der Teuffel ist / O ewge Schand und Spott.
137. Der Narrische Unheilige.
Du wilt kein Heilger seyn / gleichwohl inn Himmel kommen.
O Narr / es werden nur die Heilgen eingenommen.
138. Der gröbste Baur.
Du schmückst dich wenn du solt nachs KayserHofe gehn /
Und dänckst O gröbster Baur / ohn Schmuck für GOtt zustehn!
139. Kein Höffling kein Himmling.
Mensch wirstu nicht gehöft unnd klebst am Kloß der Erden /
Wie sol der Himmel dir / der keinem Pflock wird / werden.
140. Wer nicht hasst hat nicht verlassen.
Du stäkst im falschen Wahn; kanstu die Welt nicht hassen /
Fürwahr du hast nicht sie / sie hat nur dich verlassen.
141. An den gezwungenen Creutzleidenden.
Mensch wer dem Creutz nicht kan entwerden und entgehn /
Der muß auch wiedern Willn daran gehaftet stehn.
142. An den Welt verlassenen.
Manch ding thut man auß Noth. Auch du verläst die Welt /
Weil dirs dein Hertze sagt / daß sie nichts von dir hält.
143. An den Hoffärtigen.
Es heist sich einen Wurm auß Demutt GOttes Sohn /
Du Wurm mist dir wohl zu auß Hoffart seinen Thron.
144. Die selbst Schätzung ist verwerflich.
Der Himmel schätzt sich nicht / ob er gleich alls ernährt:
Schätzst du dich selber hoch / so bistu wohl nichts wehrt.
145. Die seltzame Tugend.
GOtt spricht / wer sich versenckt der wird erhaben werden:
Und doch ist dieses thun das seltzamst' auf der Erden!
146. Das Werck bewehrt den Meister.
Freund weil du sitzst und dänckst / bistu ein Mann voll Tugend:
Wenn du sie wircken solst / siehst du erst deine Jugend.
147. Traurigkeit bringt Freude.
Wer Heilge Traurigkeit hier hat zum Vesper Brodt /
Dem wart das Abendmahl / die ewge Freud in GOtt.
148. Wer hier satt wird / kan dort nicht essen.
Wie daß der Fraß nicht kommt zum ewgen Abendessen /
Er mag nicht weil er hier sich hat zu satt gefressen.
149. Den Trunckenpold kan GOtt nicht träncken.
GOtt wil den sättigen den hungert und den dürst /
Dir kan ers nimmer thun der du nie nüchtern wirst.
150. Nichts umbsonst.
Niemand hat was umbsonst / wie bildstu dir denn ein /
Daß auch das Himmelreich umbsonst wird deine seyn.
151. GOttes Kaufmanschafft.
GOtt treibet Kauffmanschafft / er bitht den Himmel feil.
Wie theuer giebt er ihn? umb einen Liebes-Pfeil.
152. GOtt ist unser Ziehl.
Was macht nicht GOtt auß sich! Er ist meins Hertzens Ziel /
Jch schüsse stets nach ihm / ich treff' ihn wenn ich wil.
153. Das überunmöglichste ist möglich.
Du kanst mit deinem Pfeil die Sonne nicht erreichen /
Jch kan mit meinem wol die ewge Sonn bestreichen.
154. GOtt thut selbst alles.
GOtt legt den Pfeil selbst auf / GOtt spannet selbst den Bogen.
GOtt drücket selber ab: drumb ists so wol gezogen.
155. Je näher beym Ziel / je gewisser.
Je näher bey dem Ziehl / je näher beym Gewien;
Meinstu das Hertze GOtts / so thrit nur nahe hin.
156. Des Sünders Gebeth ist umbsonst.
Der Sünder ziehlt nach Gott / und wendt sich von ihm weg /
Wie sols denn möglich seyn / daß er berühr den Zweg?
157. Wie man sich zu GOtt kehrt.
Mit Heiliger Begihr / und nicht mit blossem bethen;
Mit Heilgem Lebenslauff komt man zu GOtt gethreten.
158. Der Geistliche Schütze-Zeug.
Das Hertz ist unser Rohr / die Liebe Kraut und Loth /
Der Zunder gutter Will: Zieh loß so triffstu GOtt.
159. Das Hertze muß scharff geladen seyn.
Ey lad doch recht und scharff / was paffstu in die Lufft?
Was blind geladen ist das heisset nur gepufft.
160. Es muß auß dem Hertzen gehn.
Das Mundloch giebt nicht Feur / im Fall du je wilt schüssen /
Mustu die Kammer ja zuvor geladen wissen.
161. Das Hertze muß geräumt und rein seyn.
Christ ist das Rohr nicht rein / die Kammer nicht geraumt /
Und du drückst gleichwol loß / so halt' ich daß dir traumt.
162. Ein vergifftes Hertze treibt nicht in die Höhe.
Halt / du verletzest dich / das Gifft muß auß dem Rohr /
Sonst springts fürwahr entzwey und treibet nicht embpor.
163. Haß macht sich verhast.
Mensch wer mit Haß und Neid für Gott den Herrn wil threten /
Der wird ihm anders nichts als Haß und Neid erbethen.
164. Erlaß wie wir erlassen.
Was du dem nächsten wilt / das bithst du dir von Gott.
Wiltu nicht seyn gedeyn / so bithst du dir den Tod.
165. Gieb wie du begehrst.
Mensch du begehrst von GOtt das gantze Himmelreich:
Bitht man von dir ein Brodt / so wirstu Blaß und Bleich.
166. Wer das Himmelreich hat kan nicht Arm werden.
Das Reich Gotts ist in unß. Hastu schon hier auf Erden
Ein gantzes Reich in dir / was fürchstu arm zuwerden?
167. Wer wahrhafftig Reich.
Viel haben macht nicht Reich. Der ist ein reicher Mann /
Der alles was er hat ohn Leid verliehren kan.
168. Der Weise hat nichts im Kasten.
Ein weiser Mann hat nichts im Kasten oder Schreyn:
Was er verliehren kan / schätzt er nicht seine seyn.
169. Man muß seyn / was man nicht verlihren wil.
Der Weis' ist was er hat. Wiltu das Feinperlein
Des Himmels nicht verliehrn / so mustu's selber seyn.
170. Zweyerley seiner selbst verliehrung.
Jch kan mich selbst verliehen. Ja? böß ists wenn in tod /
Glückseelig Preiß ich dich / verliehrstu dich in GOtt.
171. Jm Meer werden alle tropffen Meer.
Das Tröpfflein wird das Meer / wenn es ins Meer gekommen:
Die Seele GOtt / wenn sie in GOtt ist aufgenommen.
172. Jm Meer kan man kein tröpfflein unterscheiden.
Wenn du das Tröpfflein wirst im grossen Meere nennen:
Denn wirstu meine Seel im grossen GOtt erkennen.
173. Jm Meer ist auch ein tröpfflein Meer.
Jm Meer ist alles Meer auchs kleinste Tröpffelein:
Sag welche Heilge Seel in GOtt nicht Gott wird sein.
174. Jm Meer seind viel eins.
Viel Körnlein seind ein Brodt / ein Meer viel tröpffelein;
So seind auch unser viel in GOtt ein einges ein.
175. Die Vereinigung mit Gott ist leicht.
Mensch du kanst dich mit Gott viel leichter eines sehn /
Als man ein aug' auffthut / wil nur / so ists geschehn.
176. Gott verlangen macht Ruh und Pein.
Die Seele die nichts sucht als eins mit GOtt zuseyn:
Die lebt in steter Ruh / und hat doch stäte Pein.
177. Des Narren und Weisen Gemeinschafft.
Ein Narr ist gern zerstreut / ein Weiser gern allein:
Er machet sich mit alln / der nur mit GOtt gemein.
178. Mehr seind Todt als Lebendig.
Alls lebt und reget sich; doch zweiffl' ich ob die Welt
Mehr der (GOtt) lebenden als Todten in sich hält.
179. Der Geitzigen und Weisen wirkung.
Der Geitzhalß muß darvon / läst anderen sein Geld;
Der Weise schickts für sich voran in jene Welt.
180. Eben von derselben.
Der Weise streuet auß für seine Freund in GOtt;
Der Geitzhalß sammlet ein fürn Teuffel und fürn Tod.
181. Der Narren und Weisen schätzung.
Der Narr hält sich vor Reich bey einem Sak voll Geld /
Der Weise schätzt sich arm auch bey der gantzen Welt.
182. Der Unglaube hägt den Geitz.
Wer giebt dem giebet GOtt mehr als der giebt und wil:
Was geitzt die Welt denn so? sie glaubet GOtt nit viel.
183. Der Weise sucht nichts.
Der weise suchet nichts / er hat den stillsten Orden:
Warumb? er ist in GOtt schon alles selber worden.
184. Alles verdirbt und was wir nit seind.
Christ werde was du suchst: wo du's nicht selber bist /
So komstu nie zur Ruh / unds wird dir alls zu Mist.
185. Das Reichthum muß inner uns seyn.
Jn dir muß's Reichthum seyn / was du nicht in dir hast /
Wärs auch die gantze Welt / ist dir nur eine Last.
186. GOtt ist das Reichthum.
GOtt ist das Reichthum gar / gnügt er dir in der Zeit /
So stehest du schon hier im Stand der Seeligkeit.
187. Der thumme Geitzhalß.
Hastu an GOtt nicht gnug / und suchst nicht ihn allein /
So mustu wol ein Thor und thummer Geitzhalß seyn.
188. Der thörichte suchende.
Suchstu was und vermeinst daß GOtt nicht alles sey /
So gehstu GOtt und alls in Ewigkeit fürbey.
189. Alles begehren ist nichts haben.
Mensch glaube diß gewiß / hastu nach allm Begihr /
So bistu bettel arm und hast noch nichts in dir.
190. Ausser GOtt ist alles nichts.
Mensch wem GOtt alles ist / dem ist sonst alles nichts:
Hastu nicht alls an GOtt / fürwahr im nichts gebrichts.
191. Welt verlassen wenig verlassen.
Die gantze Welt ist nichts: Du hast nicht viel veracht /
Wenn du gleich hast die Welt auß deinem Sinn gebracht.
192. Sich verlassen ist etwas verlassen.
Du selber must auß dir. Wenn du dich selbst wirst hassen /
Dann schätz ich dich / daß du erst etwas hast verlassen.
193. Man muß getödtet seyn.
Alls muß geschlachtet seyn. Schlachstu dich nicht für GOtt /
So schlachtet dich zu letzt fürn Feind der ewge Tod.
194. Wirkung der Abtödtung und Lebens der selbstheit.
Durch tödtung deiner selbst wirstu Gotts Lamb darstellen /
Mit Leben bleibestu ein todter Hund der Höllen.
195. Viel Ixiones.
Ixion ist allein beschrihn auf allen Gassen:
Und sieh viel tausend seind die eine Wolk umbfassen!
196. An den Stöhrfriede.
Wenn du an einem Pflug wilt mit Ixion pflügen /
So wirstu auch mit ihm auf einem Rade liegen.
197. Wie die Arbeit / so der Lohn.
Freund wie die Arbeit ist / so ist auch drauf der Lohn:
Auf böse folgen Streich' / auf gutte Preiß und Kron.
198. Eingezogenheit verhüttet viel.
Braut ists daß du nicht gern läst frembde Buhler für;
So halt die Fenster zue und steh nicht in der Thür.
199. Behuttsambkeit ist Noth.
Behuttsamkeit ist Noth. Viel wärn nicht umbgekommen /
Wenn sie der Sinnen Thür in bessre Hutt genommen.
200. Vermässenheit ist schädlich.
Vermiß dich Jungfrau nicht / wer in Gefahr sich giebt /
Der wird gemeiniglich gefähret und betrübt.
201. Sicherheit macht verliehrn.
Steh wache / fast' und beth; in einer Sicherheit /
Hat mancher gar verlohrn das Schloß der Ewigkeit.
202. Drey dinge seind zuflihn.
Kind scheue / meide / fleuch den Wein / das Weib / die Nacht:
Sie haben manchen Mann umb Leib und Seele bracht.
203. Ein finsteres Hertze sieht nicht.
Gieb achtung auf das Feur. Wo nicht die Lampen brennen /
Wer wil den Bräutigam wenn er wird kommn erkennen.
204. Das Geistliche Losungs Wort.
Das Losungs Wort ist Lieb: hastu's nicht eingenommen /
So darffstu nimmermehr ans Himmels Gräntzen kommen.
205. Die verlohrne Schildwacht.
Die Schildwach ist verlohrn / die sich in Schlaff versenkt:
Die Seel ist gäntzlich hin / die nie ann Feind gedänkt.
206. Man muß den Feind nicht auf den Leib lassen.
Freund wach und schau dich umb / der Teuffel geht stets runten /
Kommt er dir auf den Leib / so liegestu schon unten.
207. Der Teuffel wird leicht überwunden.
Christ biß nur nicht verzagt: mit wachen fasten bethen
Kanstu das gantze Heer der Teuffel unterthreten.
208. Die kluge und thörichte Schönheit.
Die kluge Jungfrau hat ihrn Schmuck in sich allein:
Die Thörin denkt sich schön in schönen Kleidern seyn.
209. Das äuserliche macht nicht wehrter.
Mensch alls was ausser dir / das gibt dir keinen wehrt.
Das Kleid macht keinen Mann / der Sattel macht kein Pferd.
210. Was man innwendig ist sucht man nicht auswendig.
Mann / wer in Tugenden von innen Reich und schön /
Der wird von aussen nicht nach Schmuck und Reichthum stehn.
211. Die Welt ist verblendt.
Wie daß die Welt so sehr nach eitlen Dingen rennt?
Verwunder dich nicht Freund / sie rast und ist verblend.
212. Anderst thun als glauben ist närrisch.
Christ bistu nicht ein Narr? du glaubst die Ewigkeit /
Und hängst mit Leib und Seel verblendet an der Zeit!
213. Dem kleinen ist alles kleine groß.
Kind wachs und werde groß: so lange du noch klein /
So lange dünckt dich alls was klein ist groß zuseyn.
214. Nichts ist groß als GOtt.
Nichts ist mir groß als GOtt. Ein Göttliches Gemütte
Schätzt auch den Himmel selbst für eine kleine Hütte.
215. Man muß sich von oben herab ansehn.
Du dünckst dich viel zu seyn: ach wärstu über dir /
Und schautest dich dann an / du sähst ein schlächtes Thier.
216. Jn der nähe sieht mans recht.
Mein nah dich doch zu GOtt / alls ist von ferne klein /
Thritstu hinzue / er wird bald groß genug dir seyn.
217. Das Ameiß Gemütte.
Die Erde scheint dir breit / ein klümplein groß mein Christ /
Ein Maulwurfs Hauff ein Berg / weil du ein Ameiß bist.
218. Nichts ist groß auf der Erde.
Zum Himmel ist die Erd' ein eintzigs Stäubelein:
O Narr wie kan in ihr dann etwas grosses seyn?
219. Nichts beschaut nichts geschätzt.
Wie daß die Welt nichts schätzt die schönen Himmels Auen?
man schätzt nichts unbeschaut / es mangelt am beschauen.
220. Auß dem beschaun entsteht die Liebe.
Die Liebe folgt aufs schaun. Schau an die ewge dinge /
So liebstu sie als bald und hälst sonst alls geringe.
221. Die Welt sol man nicht anschaun.
Wend ab dein Angesicht / die Welt nur angeblikt /
Hat manches edles Blut verzaubert und berükt.
222. Die Welt muß beschaut seyn.
Kehr hin dein Angesicht / und schau die eitle Welt /
Wer sie nicht recht betracht / der wird fürwahr gefällt.
223. Die Welt muß belacht und beweint werden.
Fürwahr wer diese Welt recht nihmt in Augenschein /
Muß bald Democritus / bald Heraclitus seyn.
224. Die Kinder weinen umb die token.
Du lachest daß das Kind umb seine Token weint /
Umb die du dich betrübst / sag obs nicht Token seind?
225. Den Weisen nihmt man nichts als Token.
Der Weise lacht darzu wenn man ihn alls genommen.
Warumb? er ist umb nichts als nur umb Token kommen.
226. Rechte Schätzung bringt kein Leid.
Christ wer die Dinge weiß nach ihrem Wehrt zuschätzen
Wird umb kein Zeitliches sich in Betrübnuß setzen.
227. Der Weisen Kränkung.
Der Weiß' ist stäts in Freud / er wird von nichts betrübt.
Diß einge kränkt ihn nur daß GOtt nicht wird geliebt.
228. GOttes Schmiede Feuer.
Der Eifer ist ein Feur / brent er umbs Nächsten Heil /
So schmiedet GOtt darbey / der Liebe Donnerkeil.
229. Der Weise hat alles gemein.
Der Weise was er hat / hat alls mit alln gemein /
Wie da? er schätzet alls / sich selbst auch nicht für sein.
230. Des Weisen und Narren Werk.
Des Weisen gantzes Werk / ist daß er werde GOtt:
Der Narr bemühet sich biß er wird Erd und Koth.
231. Deß Weisen Adel.
Des Weisen Adel ist sein Göttliches Gemütte /
Sein tugendhafter Lauff / sein Christliches Geblütte.
232. Des Weisen ahnen.
Des Weisen ahnen seind Gott Vater / Sohn und Geist:
Von denen schreibt er sich / wenn er sein Ankunfft preist.
233. Die geheime Adeliche Geburth.
Auß GOtt bin ich gebohrn / erzeugt in seinem Sohn /
Geheiliget im Geist / diß ist mein adels Kron!
234. Würkung der H. Dreifaltigkeit.
Der Sohn erlöset unß / der Geist der macht unß leben /
Deß Vaters Allmacht wird uns die Vergöttung geben.
235. Noch von dieser.
Jn Christo sterben wir / stehn auf im Heilgen Geist /
Jm Vater werden wir für Kinder Gotts gepreist.
236. Nichts höhers ist als GOttes Sohn seyn.
GOtts Sohn ist GOtt mit Gott / regiert auf einem Thron /
Nichts höhers ist als ich / wenn ich bin dieser Sohn.
237. Wie man Gottes Tochter / Mutter und Braut wird.
GOtts Tochter / Mutter / Braut kan jede Seele werden /
Die Gott zum Vater / Sohn und Bräutgam nihmt auff Erden.
238. Der Kuß der Gottheit.
GOtt küst sich in sich selbst / sein Kuß der ist sein Geist /
Der Sohn ist den er küst / der Vater ders geleist.
239. Seufftzer zu GOtt.
Gott ist ein starcker Strom / der hinnihmt Geist und Sinn /
Ach daß ich noch nicht gar von ihm verschwemmet bin.
240. Allein der Weise ist Reich.
Allein der Weiß ist Reich? die Tugenden in GOtt /
Die er stat goldes hat / nihmt ihm auch nicht der Tod.
241. Der Weise stirbt nicht.
Der Weise stirbt nicht mehr? er ist zuvor schon Tod:
Todt aller Eitelkeit / Todt allem was nicht GOtt.
242. Der Weise ist nie allein.
Der Weiß ist nie allein / geht er gleich ohne dich:
So hat er doch den Herrn der dinge (GOtt) mit sich.
243. Der Weise ist alleine Gott gemein.
Groß ist deß Weisen mutt / er machet sich allein /
Dem Herrn der Herrligkeit so viel er kan gemein.
244. Man muß sich erkühnen.
Erkühn dich junger Christ: wer sich nicht wil erheben /
Der bleibt wol wie ein Wurm am Erde klosse kleben.
245. Die Liebe macht kühn.
Die Liebe macht uns kühn / wer Gott den Herrn wil küssen /
Der fället ihm nur bloß mit seiner Lieb zu füssen.
246. Die Liebe durchdringt das innerste.
Die Lieb durchdringet alls; ins innerste Gemach /
Welchs Gott für alln verschleust / geht ihm die liebe nach.
247. Die Beschauligkeit ist Seeligkeit.
Glükseelig ist wer steht auf der beschauer Bahn /
Er sähet schon allhier das Seelge Leben an.
248. GOtt nicht sehn ist nichts sehn.
Du reisest vielerlei zu sehn und außzuspähn:
Hastu nicht GOtt erblikt / so hastu nichts gesehn.
249. Die seeligste Wissenschafft.
Glükseelig ist der Mensch der nichts als JEsum weiß /
Unseelig wer sonst allm und diesem nicht giebt Preiß.
250. Was glükseelig seyn ist.
Glükseelig seyn ist nicht viel Ehr und Gutt genissen /
Es ist viel Tugenden in seiner Seele wissen.
251. An den Sonderling.
Die Meinungen seind Sand / ein Narr der bauet drein /
Du baust auf Meinungen / wie kanstu weise sein?
252. Die Heiligen seind keinem klugen tod.
Du sprichst die Heiligen seind Tod zu unsrer Noth:
Der weise Mann der spricht den Narren seind sie Tod.
253. Allein der Catholische Christ ist weise.
Miß dir nicht Weißheit zue / wie klug du dir auch bist:
Niemand ist Weiß in Gott als ein Catholischer Christ.
254. Der Weise nihmt nichts als von Gott.
Der Weiß ist hoch gesinnt / wird ihm was zuegesand /
So nihmt ers niemahls an als nur von Gottes Hand.
255. Der Weise sündigt nicht.
Der Weise sündigt nicht / die richtige Vernunfft /
Nach der er wirkt / hält ihn in der gerechten Zunfft.
256. Der Weise irret nie.
Der Weise geht nie irr / er hängt auf jeder Bahn /
Der Ewgen Wahrheit (GOtt) mit allen kräfften an.
257. Wer Weise ist.
Der ist der Weise Mann / der sich und GOtt wol kennt
Wem dieses Licht gebricht / ist unweiß' und verblend.
258. Wie man Weise Wird.
Mensch wiltu Weise seyn / wilt Gott und dich erkennen /
So mustu vor in dir die Welt begihr verbrennen.
259. Was deß Menschen Weißheit ist.
Deß Menschen Weißheit ist Gottseelig seyn auf Erden /
Gleichförmig GOttes Sohn an Sitten und Gebehrden.
260. Rein macht GOtt Gemein.
Nichts unreins komt zu Gott! bistu nicht fünkel rein
Von aller Creatur / so wirst ihm nie gemein.
261. Die Warheit macht Weise seyn.
Die Wahrheit giebt das seyn: wer sie nicht recht erkennt /
Der wird mit keinem recht ein Weiser Mann genennt.
262. Die Welt ist ein Sandkorn.
Wie daß denn bey der Welt GOtt nicht geschaut kan seyn?
Sie kränkt das Auge stets / sie ist ein Sandkörnlein.
263. Beschluß.
Freund es ist auch genug. Jm fall du mehr wilt lesen /
So geh und werde selbst die Schrifft und selbst das Wesen.
ENDE.
Text: Angelus Silesius, „Cherubinischer Wandersmann" (1657/1675), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.