Fünfftes Buch

1. Alles muß wider in Eins.
Alls kombt auß einem her / und muß in Eines ein:
Wo es nicht wil gezweyt / und in der vielheit seyn.

2. Wie die zahlen auß dem Eins / so die Geschöpffe auß GOtt.
Die zahlen alle gar sind auß dem Eins geflossen;
Und die Geschöpff zumahl auß GOTT dem Einß entsprossen.

3. GOtt ist in allen wie die Einheit inn Zahlen.
Gleich wie die Einheit ist in einer jeden Zahl;
So ist auch GOtt der Ein' inn Dingen überall.

4. Nichts kan ohn das Eins bestehn.
Wie all' und jede zahln ohns eines nicht bestehn;
So müssen die Geschöpff ohn GOtt das Eins vergehn.

5. Die Nulle gilt vornen an nichts.
Das Nichts die Creatur / wenn sichs Gott vorgesetzt /
Gilt nichts: steht's hinter Jhm / dann wird es erst geschätzt

6. Jm Eins ist alles Eins.
Jm Eins ist alles Eins: kehrt zwey zu ruck hinein /
So ist es wesentlich mit jhm ein einges Ein.

7. Alle Heiligen sind ein Heiliger.
Die Heilgen alle sind ein Heiliger allein:
Weil sie ein Hertz / Geist / Sinn / in einem Leibe seyn.

8. Die geheime Kronenzahl.
Zehn ist die Kronenzahl; sie wird aus eins und nichts:
Wenn GOtt und Creatur zusammen kommn / geschichts.

9. Es muß ein jeder Christus seyn.
Der wahre GOttes Sohn ist Christus nur allein:
Doch muß ein jeder Christ derselbe Christus seyn.

10. GOttes Pallast.
GOtt ist Jhm selbst sein Thron / der Himmel ist sein Saal /
Der Vorhoffs Paradeiß / der Erdkreiß ist der Stal.

11. Die Sünd' ist allein das übel.
Kein übel ist alß Sünd': und wären keine Sünden /
So wär' in ewigkeit kein übel auch zu finden.

12. Ein wachendes Auge siehet.
Das licht der Herrligkeit scheint mitten in der Nacht /
Wer kan es sehn? Ein Hertz das Augen hat und wacht.

13. Das jrrdische Gutt ist ein Mist.
Das jrrdsche Gutt ist Mist; die Armen sind der Akker:
Wer's außführt und zerstreut / geneusts zur Erndte wakker.

14. Der außgang geschieht umb den eingang.
Kein außgang der geschieht / als umb deß eingangs willen:
Mein Hertz entschüttet sich / daß es GOtt an sol füllen.

15. Verdamnüß ist im wesen.
Könt' ein Verdambter gleich im höchsten Himmel seyn:
So fehlet' er doch stäts die Höll / und ihre Peyn.

16. Durch dich entwird GOtt nichts.
Mensch wöhle was du wilt Verdamnüß oder Ruh:
Eß gehet GOtt durch dich nichts ab und auch nichts zu.

17. Das gröste Wunder.
Der Wunder hat es viel / kein grössers kan ich sehen /
Als daß das auferstehn deß Fleisches wird geschehen.

18. Die geistliche Jahrszeiten.
Der Winter ist die Sünd / die Busse Frülingszeit /
Der Sommer Gnadenstand / der Herbst vollkommenheit.

19. Auch von demselben.
Jm Winter ist man todt / im Früling steht man auf /
Jm Sommer und im Herbst verbringt man seinen lauf.

20. Der steiffe Felsenstein.
Ein tugendthaffter Mensch ist wie ein Felsenstein:
Es stürme wie es wil / er fället doch nicht ein.

21. Der Sünd' und Tugend eigenschafft.
Die Busse rüchet wol / die Sünden alle stincken:
Die Tugenden gehn recht / die Laster aber hincken.

22. Die Keuschheit bleibt verschlossen.
Die Keuschheit ist ein Schloß das niemand auf kan schliessen.
Was sie im innern ist / das mag kein fremder wissen.

23. Die zeit die ist nicht schnell.
Man sagt die Zeit ist schnell: wer hat sie sehen fliegen?
Sie bleibt ja unverruckt im Welt-begrieffe liegen!

24. GOtt sieht man nicht mit Augen.
Wann du denkst GOtt zu schaun / bild dir nichts sinnlichs ein:
Das schaun wird inner uns / nicht außerhalb uns seyn.

25. Was das beste an der Seeligkeit.
Was an der Seeligkeit mein Hertz fürs best' erkiest /
Jst daß sie wesentlich / und nicht von aussen ist.

26. GOtt wird wie wir.
GOtt gibt dir wie du nimbst / du selbst schenkst auß und ein /
Er wird dir wie du wilt / wie nach dem faß der Wein.

27. Die Wegescheide zur Ewigkeit.
Die Wegescheid' ist hier: Wo lenkstu dich nu hin?
Zur Lincken ist verlust / zur Rechten ist gewien.

28. Was GOtt den Tag durch thut.
Des Morgens geht GOtt auß / zu mittag schläffet er /
Deß Nachts ist er erwacht / reist Abends ohn beschwehr.

29. Man muß die Tieffe auf der Höhe betrachten.
Ein ungrund ist zwar Gott / doch wem er sich soll zeigen /
Der muß biß auf die Spitz der ewgen Berge steigen.

30. Der Teuffel der ist gut.
Der Teuffel ist so gutt dem wesen nach als du.
Waß gehet jhm dann ab? Gestorbner will' und ruh.

31. Die ichheit und verläugnung.
Der ichheit ist GOtt feind / verläugnung ist er hold:
Er schätzt sie beyde so / wie du den Koth unds Gold.

32. Der eigene Wille stürtzt alles.
Auch Christus / wär' in jhm ein kleiner eigner Wille /
Wie seelig er auch ist / Mensch glaube mir er fielle.

33. Wenn GOtt am liebsten bey uns ist.
GOtt dessen wollust ist bey dir O Mensch zu seyn /
Kehrt / wenn du nicht daheim / am liebsten bey dir ein.

34. GOtt liebt nichts als sich.
GOtt hat sich selbst so lieb / bleibt jhm so zugethan;
Daß er auch nimmermehr was anders lieben kan.

35. GOtt kan mehr viel als wenig.
Nichts ist das GOtt nicht kan. Hör Spötter auf zulachen.
Er kan zwar keinen GOtt / wol aber Götter machen.

36. Viel Götter / und nur einer. 1. Cor. 8. 5.
Ein einger GOtt / und viel / wie stimbt diß über ein?
Gar schöne: Weil sie all' in einem Einer seyn.

37. GOtt schaut auf den Grund.
GOtt schätzt nicht was du guts / nur wie du es gethan:
Er schaut die Früchte nicht / nur Kern und Wurtzel an.

38. GOtt bricht vonn Disteln Feigen.
GOtt list vonn Dornen Wein / vonn Disteln bricht er Feigen /
Wenn er dein sündigs Hertz zur Busse komt zu neigen.

39. Die Seeligen sind nie satt.
Die Seelgen dürffen sich daß sie nie satt sind freun!
Es muß ein süsser Durst / und lieber Hunger seyn!

40. Christus ist ein Felß.
Wer sich an Christum stöst / (er ist ein Felßenstein)
Zerschöllt: wer jhn ergreifft / kan ewig sicher seyn.

41. Je mehr erkandnüß je weniger verstandnüß.
Je mehr du GOtt erkennst / je mehr wirstu bekennen /
Daß du je weniger Jhn / was er ist / kanst nennen.

42. GOtt muß sich selber lieben.
GOtt ist das höchste Gutt / er muß jhm selbst gefallen /
Sich selber auf sich kehrn / sich lieben / ehrn / für allen.

43. Wie GOtt so sehr gerecht.
Schau GOtt ist so gerecht: Wär' etwas über jhn /
Er ehrt' es mehr als sich / und kniete für dem hin.

44. GOtt liebt sich nicht als sich.
GOtt liebt sich nicht als sich / nur als das Höchste gut /
Drumb schau / daß er auch selbst / was er befihlet / thut.

45. Die Laster scheinen nur.
Die Laster gehn bekleidt / die Tugend stehet Bloß /
Die ist warhafftiglich / jen' aber scheinen groß.

46. Du bist der erste Sünder.
Schweig Sünder / schreyhe nicht dir Ev' und Adam an:
Wärn sie nicht vorgefalln / du hättest's selbst gethan.

47. Der Geistliche Feuerzeug.
Mein Hertz ists Feuerzeug / der Zunder gutter Wille:
Schlägt GOtt ein Fünklein drein / so brennts und leuchts die völle.

48. Eins kans nicht ohn das andre.
Zwey müssen es vollziehn: ich kans nicht ohne GOtt /
Und GOtt nicht ohne mich: daß ich entgeh dem Tod.

49. Die schönste Weißheit.
Mensch steig nicht allzu hoch / bild dir nichts übrigs ein:
Die schönste Weißheit ist nicht gar zu weise seyn.

50. GOtt ist nicht tugendhafft.
GOtt ist nicht tugendhaft: Auß jhm kombt tugend her /
Wie auß der Sonn die Strahln / und Wasser auß dem Meer.

51. Nach GOtt ist alles gebildet.
GOtt ist von anbegin der Bildner aller dinge /
Und auch jhr Muster selbst. Drumb ist ja keins geringe.

52. Du must der Himmel seyn.
Jnn Himmel komst du nicht / (laß nur von dem getümmel)
Du seyst dann selbst zuvor ein lebendiger Himmel.

53. Die ewige Erwählung.
GOtt wählt dich wie du bist: Böß ist bey jhm verlohrn /
Gut ist von ewigkeit zum Leben außerkohrn.

54. Der Tugenden und Laster beschaffenheit.
Die Tugend liegt in ruh / die laster stehn im streit:
Sie haben Pein in sich / jen' aber Seeligkeit.

55. GOtt strafft nicht die Sünder.
GOtt strafft die Sünder nicht. Die Sünd' ist selbst jhr Hohn /
Jhr Angst / Pein / Marter / Tod: Wie Tugend selbst jhr Lohn.

56. GOtte thut deine Verdamnüß nicht weh.
Der Sonne thuts nicht weh / wenn du von jhr dich kehrst /
Also auch GOtte nicht / wenn du in Abgrund fährst.

57. Wann du wilt / wirstu seelig.
GOtt läst dich jede zeit gar gern inn Himmel ein:
Es stehet nur bey dir ob du wilt seelig seyn.

58. Wie du bist / so wirstu gewürket.
Die Sonn erweicht das Wachß / und machet hart den Koth.
So wirkt auch GOtt nach dir das Leben und den Tod.

59. Herren gunst wehret jmmer.
Daß Herrn gunst ewiglich / und nicht nur kurtz bestehe /
Beweiß ich mit der gunst des Herren in der Höhe.

60. Der Weg zum Himmel.
Wenn du mein Pilger wilt inn Himmel dich erhöhen /
So mustu nahe zu / grad übern Kreutzweg gehen.

61. Alles ist vollkommen.
Mensch nichts ist unvolkommn: der Kieß gleicht dem Rubin:
Der Frosch ist ja so schön alß Engel Seraphin.

62. Des Menschen gröster Schatz.
Der gröste Schatz nach GOtt ist gutter will' auf erden:
Jst alles gleich verlorn / Durch jhn kans wider werden.

63. Bey GOtt sind keine Jahre.
Für GOtt sind tausend Jahr wie ein vergangner Tag.
Darumb ist gar kein Jahr bey jhm / wers fassen mag.

64. Wir dienen uns / nicht GOtt.
Mensch / GOtt ist nichts gedient / mit fasten bethen wachen:
Du dienst mehr dir damit / weils dich kan heilig machen.

65. GOtt kan sich nicht verbergen.
GOtt kan sich nimmermehr verbergen wie du sprichst:
Es sey dann daß du auch für jhn ein Loch erdichst.

66. GOtt ist in unß selbst.
GOtt ist so nah bey dir mit seiner Gnad und Gütte /
Er schwebt dir wesentlich im Hertzen und Gemütte.

67. Wie weit der Weg inn Himmel.
Christ schätze dir die Reiß inn Himmel nicht so weit:
Der gantze Weg hinein ist keines Schrittes breit.

68. Der weise begehrt nicht inn Himmel.
Der Weise wann er stirbt / begehrt inn Himmel nicht:
Er ist zuvor darinn eh jhm das Hertze bricht.

69. Deß bösen und gutten Unterscheid.
Ein Jrrliecht ist der böß': ein gutter Mensch ein stern:
Er brennet von sich selbst / der leuchtet von dem Herrn.

70. Man darff nicht viel zur Seeligkeit.
Christ du bedarffst / nicht viel zur ewgen Seeligkeit:
Es hülfft ein eintzigs Kraut das heist Gelassenheit.

71. Die Buß' ist leicht zu thun.
Die Buß' ist bald gethan / daß dich GOtt loß muß sagen /
Du darffst nur an die Brust wie jener Sünder schlagen.

72. Gott ist allem gleich nahe.
GOtt ist dem Belzebub nah wie dem Seraphim:
Es kehrt nur Belzebub den Rükken gegen jhm.

73. GOtt kan sich nicht entziehn.
GOtt kan sich nicht entziehn / er würket für und für.
Fühlstu nicht seine Krafft / so gib die Schuld nur dir.

74. Jn der Hölle ist keine Ewigkeit.
Betracht' es eigendlich: bey GOtt ist Ewigkeit /
Beym Teuffel in der Höll da ist ein ewges leid.

75. Nichts besteht ohne genuß.
Nichts dauret ohn genuß. GOtt muß sich selbst geniessen:
Sein wesen würde sonst wie Graß verdorren müssen.

76. Wie die Gesellschafft / so der Geselle.
Zu wem du dich gesellst / deß wesen saufstu ein:
Bey Gotte wirstu Gott / beym Teuffel Teuffel seyn.

77. An den Sünder.
Du schreiest auf den Dieb / und schiltst jhn unverholen:
Schweig / du hast GOtt viel mehr alß er der Welt gestohlen.

78. Warumb wenig zur Thür deß Lebens eingehn.
Daß nach der Himmelthür so wenig Menschen greiffen!
Es wil jhm keiner dran den alten Balg abstreiffen.

79. Am Creutz am sichersten.
Man ligt am seeligsten in Leyden Creutz und Pein:
Wo aber sind die gern auf disem Bette seyn?

80. Die Armut ist am Reichsten.
Die Armuth ist ein Schatz dem keine Schätze gleichen.
Der ärmste Mensch im Geist hat mehr als alle Reichen.

81. Jm Reinen erscheinet GOtt.
Mensch dänkstu GOtt zuschaun / dort oder hier auf Erden:
So muß dein Hertz zu vor ein reiner Spiegel werden.

82. Am Creutz ist die lieb' am Liebsten.
Sag wo die Liebe wird am liebesten gefunden?
Am Creutz / wenn sie umb deß geliebten willn gebunden.

83. Freud' und Leid beysammen.
Ein Christ erfreuet sich in Leyden Creutz und Pein:
So kan ja freud' und Leyd gar wol beysammen seyn!

84. Eins wissen hat den Preyß.
Viel wissen blähet auf: dem geb ich lob und preyß /
Der den Gekreutzigten in seiner Seele weiß.

85. Wer nichts weiß / ist geruhig.
Hätt' Adam nie vom Baum der wissenschafften gessen /
Er wär' im Paradeiß in ewger Ruh gesessen.

86. Der Schöpffer im Geschöpffe.
Die Schöpffung ist ein Buch; Wer's weißlich lesen kan /
Dem wird darinn gar fein der Schöpffer kundt gethan.

87. Eins ist das beste Buch.
Viel Bücher viel beschwehr: Wer eines recht gelesen /
(Jch meine JEsum Christ) / ist ewiglich genesen.

88. Du must dich über setzen.
Der Leib muß sich inn Geist / der Geist inn Gott erheben /
Wo du in Jhm mein Mensch wilt ewig seelig leben.

89. Du must es hier erwerben.
Hier muß es seyn gethan: jch bilde mir nicht ein /
Daß der kein Reich erwirbt dort wird ein König seyn.

90. Nichts zeitlich ist in GOtt.
Ein Augenblik ist kurtz: Noch kan ich kühnlich sagen /
Daß GOtt so lange nicht gewest vor Zeit und Tagen.

91. Jn welchem Jahr die Welt erschaffen.
Da GOtt die Welt erschuf / waß schrieb man für ein Jahr?
Kein anders nicht alß das seins Urstands erstes war.

92. GOtt siht nichts zuvor.
Jn Gott ist kein vor oder darnach sehen: sondern Er siehet von Ewigkeit alles gegenwertig für jhm / wie es geschiehet / nicht wie es geschehen wirdt oder geschehen ist. GOtt sihet nichts zuvor: Drumb leugstu wenn du jhn
Mit der Vorsehung mißt nach deinem blöden Sinn.

93. GOtt kan nicht zörnen.
GOtt zörnet nie mit unß / wir dichtens jhm nur an:
Unmöglich ist es jhm daß er je zörnen kan.

94. GOtt ist nicht beweglich.
Wer saget daß sich GOtt vom Sünder abewendt /
Der giebet klar ann Tag daß er GOtt noch nicht kennt.Merk. Gott wendet sich nicht ab / sondern der Sünder wendt sich von Gott.

95. Was GOtt den Seeligen und Verdambten ist.
GOtt ist den Seeligen ein ewger freuden Gast /
Und den Verdammeten ein' ewge überlast.

96. Das Höllische brennt nur.
Die Hölle schadt mir nichts / wär' ich gleich stäts in jhr;
Daß dich jhr Feuer brennt / das lieget nur an dir.

97. Der weise klagt nur Sünde.
Der Weise wann er sol von Pein und Unglük sagen
Wird dir sonst über nichts als über Sünde klagen.

98. GOtt kan dem Willn nicht steuren.
Nichts stärkers ist als GOtt: doch kan er nicht verwehren /Durch seine vorhin der Seelen eingeschaffene gewalt. Er kan aber wol verhindern daß der Wille das Werk nicht verbringe / welches er wil.
Daß ich nicht was ich wil sol wollen und begehren.

99. Was GOtt gern jsset.
GOtt jsst die Hertzen gern: Wiltu jhn stattlich speisen /
So richt' ihm deines zu: Er wird es ewig preisen.

100. Wie GOtt das Hertz wil zubereitet haben.
Wie Kocht man Gott das Hertz? Es muß gestossen seyn /
Geprest / und stark verguldt: Sonst geht es jhm nicht ein.

101. GOtt wil ein gantzes Hertze.
Christ mit dem halben theil wirstu Gott nicht begaben:
Er wil das Hertze gantz und nicht die helffte haben.

102. Warumb niemand vonn Engeln besessen wird.
Wie daß kein heilges Hertz vorm Engeln wird besessen?
Sie thuns nicht weil es GOtt für sich hat abgemessen.

103. GOtt ist nicht's erstemahl am Creutz gestorben.
GOtt ist nicht's erste mahl am Creutz getödtet worden:
Denn schau er ließ sich ja in Abel schon ermorden.

104. Christus ist gewesen / eh' er war.
Daß Christus lang zuvor / eh daß er war gewesen /
Jst klar: Weil man jhn aß und tranck / daß man genesen.

105. Den Himmel kan man stehlen.
Wer heimblich guttes würckt / sein Geld außtheilt verholen /
Der hat das Himmelreich gar meisterlich gestohlen.

106. Das Leben muß dir selbst eingeschrieben seyn.
Mensch wird dein Hertze nicht das Buch deß Lebens seyn:
So wirstu nimmermehr zu Gott gelassen ein.

107. Christus gestern / heut / und Morgen.
Messias der ist heut / ist gestern / und ist Morgen /
Und biß in ewigkeit / entdekket und verborgen.

108. Der glaub' allein ist ein holes Faß.
Der glaub' / ohn lieb' / allein / (wie ich mich wol besinne)
Jst wie ein holes Faß: Eß klingt und hat nichts drinne.

109. Wer Gott hat / hat alles mit jhm.
Bey GOtt ist alls und jeds: Wer neben Jhm trägt ein /
Der muß ein rechter Narr / und tummer Geitzhalß seyn.

110. Dem Schöpffer lauffen alle Geschöpffe nach.
Wenn du den Schöpffer hast / so laufft dir alles nach /
Mensch / Engel / Sonn und Mond / Lufft / Feuer / Erd / und Bach.

111. Ausser GOtt leben ist Todt seyn.
Mensch glaube diß gewiß: Wo du nicht lebst in GOtt /
Lebstu gleich tausend Jahr / du bist so lange todt.

112. Nicht alles gutte ist gut.
Nicht alles gut' ist gut: Mensch überred dich nicht:
Waß nicht im Lieböl brent das ist ein falsches Licht.

113. Gewien ist verlust.
Der Reiche dieser Welt was hat er vor gewin?
Daß er muß mit verlust von seinem Reichthumb ziehn.

114. Nach Ehre streben ist thöricht.
Wie thöricht sind wir doch daß wir nach Ehre streben!
GOtt wil sie ja nur dem / der sie verschmähet / geben.

115. Erfahrung ist besser als wissenschafft.
Jß doch / waß redstu viel von krafft der Wurtzel Jesse:
Mir schmäkket nichts so gut als was ich selber esse.

116. Du must der erste im Himmel seyn.
Christ lauffe was du kanst / wiltu inn Himmel ein:
Es heist nicht stille stehn / du must der erste seyn.

117. Der Demütige wird nicht gericht.
Wer stäts in demut lebt / wird nie von GOtt Gericht:
Warumb? er richtet auch niemand und sündigt nicht.

118. GOtt ist nicht mehr barmhertzig als Gerecht.
Gott der wird nicht für Gott vom weisen Mann erkiest:
Wo er barmhertziger mehr als gerechter ist.

119. Die würckung deß heiligen Sacraments.
Das Brodt der Herr in uns wirkt wie der weisen stein:
Es machet uns zu Gold / wo wir geschmoltzen seyn.

120. Der mensch ist zwey Menschen.
Zwey Menschen sind in mir: Der eine wil was GOtt /
Der andre was die Welt der Teuffel und der Tod.

121. Nichts ist herrlicher als die Seele.
Solt' auch was herrlichers alß meine Seele seyn /
Weil GOtt die herrligkeit sich selbst verwandelt drein?

122. Es sind nicht Heiligen.
Es können / wie du sprichst / nicht viel der Heilgen seyn.
Warumb? denn JEsus ist der Heilge ja allein.

123. Gleichnuß der H. Dreyeinigkeit.
GOtt Vatter ist der Brunn / der Quall der ist der Sohn /
Der heilge Geist der ist der strom so fleust davon.

124. Von GOtt wird mehr gelogen als war geredt.
Was du von GOtt verjahst / dasselb ist mehr erlogen /
Als wahr: weil du Jhn nur nach dem geschöpff erwogen.

125. Zeit ist edler alß Ewigkeit.
Die Zeit ist edeler alß tausend Ewigkeiten:
Jch kan mich hier dem Herrn / dort aber nicht bereiten.

126. Der Jchheit Tod stärckt in dir Gott.
So viel mein Jch in mir verschmachtet und abnimbt /
So viel deß Herren Jch darfür zu kräfften kömmbt.

127. Die Seel ist aber Zeit.
Die Seel ein ewger Geist ist über alle Zeit:
Sie lebt auch in der Welt schon in der Ewigkeit.

128. Der Seelen wird es nie Nacht.
Mich wundert daß du darffst den tag so sehr verlangen!
Die Sonn ist meiner Seel noch niemals untergangen.

129. Das jnnere bedarf Nicht deß äuseren.
Wer seine Sinnen hat ins innere gebracht /
Der hört was man nicht redt / und siehet in der Nacht.

130. Der geistliche Magnet und Stahl.
GOtt der ist ein Magnet / mein Hertz das ist der Stahl:
Eß kehrt sich stäts nach jhm / wenn ers berührt einmahl.

131. Der Mensch ist etwas grosses.
Der Mensch muß doch was seyn! GOtt niembt sein wesen an:
Umb aller Engel willn hätt' er solchs nicht gethan.

132. Der gelassene leidet keinen schaden.
Wer nichts mit eigenthum besitzet in der Welt /
Der leidet nicht verlust wann jhm gleich's Hauß einfällt.

133. Der Weise grämt sich nie.
Der Weise wird sich nie in Pein und Unglük grämen:
Er bitt GOtt nicht einmahl / daß ers von jhm soll nehmen.Er bettet nur Herr dein Wille geschehe.

134. Ein König und ein knecht ist GOtt gerecht.
Mensch allererst bistu für GOtt geschikt und recht.
Wenn du zugleiche bist ein König und ein Knecht.

135. Vorbereitung macht weniger empfindligkeit.
Wie daß den Weisen nie betrübet Weh und Leid?
Er hat sich lang zuvor auf solchen Gast bereit.

136. Dem Weisen gilt alles gleiche.
Alls gilt dem Weisen gleich; er sitzt in ruh und stille:
Geht es nach seinem nicht / so gehts nach GOttes wille.

137. GOtt höret auch die Stummen.
Mensch wo du GOtt umb gnad nicht kanst mit worten ehren /
So steh nur stum für jhm / er wird dich schon erhören.

138. Wen GOtt nicht ewig verdammen kan.
Den Sünder / welcher sich nicht ewig wendt von GOtt /
Kan GOtt auch nicht verdammn zur ewgen Pein und Tod.

139. Das Alleradelichste.
Bin ich nicht adelich! die Engel dienen mir /
Der Schöpffer buhlt umb mich / und wart für meiner Thür.

140. Der Weise fehlt nie deß Ziehls.
Der Weise fehlet nie: er trifft allzeit das Ziehl;
Er hat ein augenmaß / das heisset wie GOtt wiel.

141. Der Welt thun ist ein Trauerspiel.
Freund gönn' es doch der Welt / jhr gehts zwar wie sie wil:
Doch ist jhr gantzes thun nichts als ein Trauerspiel!

142. Jm Himmel mag man thun was man wil.
Mensch zähme doch ein kleins auf erden deinen willen:
Jm Himmel wirstu jhn wie du wirst wolln erfüllen.

143. Der Unempfindliche ist mehr als Englisch.
Wer in dem Fleische lebt / und fühlt nicht dessen pein:
Der muß schon auf der Welt weit mehr als Englisch seyn.

144. Die Jchheit schadt mehr als tausend Teuffel.
Mensch hütte dich für dir. Wirstu mit dir beladen /
Du wirst dir selber mehr als tausend Teuffel schaden.

145. Christus verursacht nur haß und streit.
Meinstu daß Christus dir bringt Fried und Einigkeit?
Nein wahrlich: wo er ist entstehet haß und streit!

146. Die Welt ist von Ewigkeit.
Weil GOtt der ewige die Welt schuf ausser zeit:
So ists ja Sonnen-klar daß sie von ewigkeit.

147. Jn GOtt ist alles gleiche.
Jn GOtt ist alles eins. Der minst im Himmelreich
Jst Christo unsrem Herrn und seiner Mutter gleich.

148. Jn der Ewigkeit geschieht alles zugleiche.
Dort in der Ewigkeit geschihet alls zugleich:
Es ist kein vor noch nach / wie hier im Zeitenreich.

149. Alle Menschen müssen ein Mensch werden.
Der vielheit ist GOtt feind; Drumb zieht er uns so ein:
Daß alle Menschen solln in Christo einer seyn.

150. Jm Himmel ist alles gemein.
Jm Himmel lebt man wol; Niemand hat was allein.
Was einer hat / das ist den Seelgen alln gemein.

151. Ein jeder geneust des andren Seeligkeit.
MArien Seeligkeit / und jhres Sohns deß süssen /
Werd' ich so völliglich alß beyde selbst geniessen.

152. Was ein Heiliger hat / das ist der andern auch.
Was hier die Heiligen mit grosser müh erlangt /
Wird in der Seeligkeit mir alls umb sonst geschankt.

153. Ein jeder im Himmel freuet sich ob dem andern.
Der gröste Heilige wird sich so hoch erfreun
Ob mir; als sehr ob jhm ich werde frölich seyn.

154. Wer friede sucht muß vil übersehn.
Mensch wenn du so genau das deine wilt beschützen /
So wirstu nimmermehr im wahren friede sitzen.

155. Christus ist der erste und letzte Mensch.
Der erst' und letzte Mensch ist Christus selbst allein /
Weil all' auß jhm entstehn / in jhm beschlossen seyn.

156. Wer viel begehrt dem mangelt vil.
Wer gnugsam reich / hat alls. Wer viel begehrt und wil /
Der giebet zu verstehn daß jhm noch mangelt viel.

157. Der Reiche ist wahrhafftig arm.
Der Reiche wann er viel von seiner Armuth spricht /
So glaub es ihm nur gern: er leugt warhafftig nicht.

158. Die abgestorbenheit ist eine Wittib.
Die abgestorbenheit muß eine Wittib seyn;
Denn sie hat keinen Mann / und gehet stäts allein.

159. Das Leiden Christi ist noch nicht gar vollbracht.
Das Leiden Christi ist am Creutz nicht gar vollbracht:
Er leidet heute noch bey Tag und auch bey Nacht.

160. Der Mensch muß das Leiden Christi erfüllen.
Mensch du solst Paulus seyn / und in dir selbst erfüllen /
Was Christus nicht gethan / wo sich der zorn sol stillen.

161. Niemand liegt an der brust Christi als Johannes.
Kind bilde dir nicht ein / eh du Johannes bist /
Daß du ligst an der Brust deß Herren JEsu Christ.

162. Das Lob deß Sünders.
Das Lob das GOtt dem Herrn ein Ungerechter giebt /
Wird weniger von jhm als Hundsgebell geliebt.

163. GOtt hilfft dem grösten Sünder am liebsten.
Die Sünder liegen krank / jhr artzt ist JEsus Christ:
Am liebsten hilfft er dir wo du der gröste bist.

164. GOtt nimbt nur die Lämmer an.
GOtt wil daß alle solln zu seinem Sohne kommen:
Und dennoch werden nur die Lämmer angenommen.

165. Wer GOtt siehet.
GOtt ist ein ewger Blitz / wer kan jhn sehn und leben?
Wer sich in seinen Sohn sein Ebenbild begeben.

166. Wer böse bleibt / hat nichts an Christo.
Mensch bleibestu verbost / so ist dir nichts erworben:
GOtt ist nur für das Schaf nicht für den Bok gestorben.

167. Die Sünde bringt was Guttes.
Die Sünd bringt doch was gutts: Sie muß den Fromen dienen /
Daß sie viel edeler für GOtt dem Herren grünen.

168. Der Sünder thut nichts gut.
Mensch speise wen du wilt / zeuch tausend Armen an;
Wo du ein Sünder bist / du hast nicht wol gethan.

169. Wie man für die Majestät gehet.
Wer für der Majestät wil unerschrokken stehn /
Der muß gewaschen seyn / und tief gebukket gehn.

170. GOtt sind alle Werke gleich.
GOtt sind die Werke gleich / der Heilge wann er trinkt /
Gefället Jhm so wohl als wann er Beth und singt.

171. Die Tugenden hängen alle aneinander.
Die Tugenden sind so verknüpffet und verbunden /
Wer ein' alleine hat der hat sie alle funden.

172. Alle Tugenden sind eine Tugend.
Schau alle Tugenden ist ein' ohn unterscheid:
Wiltu den Nahmen hörn? sie heist Gerechtigkeit.

173. GOtt hat keine Gedanken.
Mensch GOtt gedänket nichts. Ja wärn in Jhm Gedanken
So könt' Er hin und her / welchs Jhm nicht zusteht / wanken.

174. Was der Heilige thut / thut GOtt in jhm.
Gott thut im Heilgen selbst alls was der Heilge thut:
GOtt geht / steht / liegt / schläfft / wacht / ißt / trinkt / hat gutten Muth.

175. Das Gewissen ist ein Wegweiser.
Mensch wenn du jrre gehst so frage dein Gewissen:
Du wirst ohn alln Verzug die Strass' erkennen müssen.

176 [fehlt]

177. Wer das Buch deß Lebens lieset.
Mensch wer dem HErren folgt in seinem Thun und lassen /
Der liest deß Lebens Buch / und kan die Meinung fassen.

178. Christus war was Er redte.
Was Christus auf der Welt geredt hat und gethan /
Das ist Er selbst gewest: wie ers auch zeiget an.

179. GOtt macht nichts Neues.
Gott macht kein neues Ding / obs uns zwar neue scheint:
Für Jhm ist ewiglich was man erst werden meint.

180. GOtt kombt nur in keusche Hertzen.
Den Bräutgam deiner Seel verlanget ein zu ziehen /
Blüh auf; er kommet nicht biß daß die Lilgen blühen.

181. Das allergeitzigste.
Wie Geitzig ist ein Hertz! wenn tausend Welten wären /
Es würde sie gesambt / und mehr darzu begehren.

182. Das Hertz muß auß dem Hertzen.
Schütt auß dein Hertz für GOtt: Er zeucht nicht bey dir ein /
Wenn er dein Hertze nicht sieht aussrem Hertzen seyn.

183. Deß Christen Natur.
Umb böses guttes thun / umb Schmach sich nicht entrüsten:
Vor undank dank ertheiln / ist die Natur der Kristen.

184. Ein Heiliger sicht sich im andern.
Ein jeder Heiliger wird sich in allen sehn:
Wann nicht all' einer wärn / so könt es nicht geschehn.

185. Der Weise weil er nichts hat verliehrt nichts.
Der weise Mann ist nie umb einen Heller kommen:
Er hat nie nichts gehabt / man hat ihm nichts genommen.

186. Die Eigenheit ist alles übels Ursache.
Mittheilen schaffet Ruh. Bloß auß der Eigenheit
Entstehet alles Weh / Verfolgung Krieg und Streit.

187. Der gröste Trost nach GOtt.
Der gröste Trost nach GOtt dünkt mich im Himmel seyn:
Daß man einander gleich ins Hertze siht hinein.

188. Es sind viel Seeligkeiten.
Es sind viel Wohnungen / und auch viel Seeligkeiten:
Ach thätestu dich doch zu einer recht bereiten!

189. GOtt ist Ewig in seine Schönheit verliebt.
GOtt ist so überschön / daß Jhn auch selber gantz
Von Ewigkeit verzukt seins Angesichtes Glantz.

190. Die Seeligkeit in der Zeit.
Dem Heilgen geht nichts ab; er hat schon in der Zeit
An GOttes wollgefalln die gantze Seeligkeit.

191. Der Seeligen und Verdampten eigenschafft.
Der Seelgen Eigenschafft ist gantz nach GOtte leben:
Und der Verdampten art Jhm gäntzlich wiederstreben.

192. GOtt macht mit Hülffe der Creatur das beste.
Den ersten Adam den hat GOtt allein gemacht:
Den anderen hat er mit mir zu wege bracht.

193. GOtt liebet einen wie alle.
GOtt liebet mich so sehr als alles was auf Erden;
Wär' er nicht Mensch gebohrn / er würde mirs noch werden.

194. Aller Heiligen Werke sind nur ein Werk.
Was alle Heilgen thun / das kan ein Mensch allein:
Ja! schau sie thun sonst nichts als GOtt gelassen seyn.

195. GOtt wird im müssig seyn gefunden.
GOtt wird viel eher dem der gäntzlich müssig sitzt;
Als dem der nach Jhm laufft daß Leib und Seele schwitzt.

196. GOtt hat alle Nahmen / und keinen.
Man kan den höchsten GOtt mit allen Nahmen nennen:
Man kan jhm widerumb nicht einen zuerkennen.

197. GOtt ist nichts und alles.
GOtt der ist nichts und alls ohn alle deuteley:
Dann nenn was das Er ist? auch was das Er nicht sey?

198. Christus ist unser Muster.
Mensch wenn du dich wilt GOTT zum Tempel auferbauen /
Mustu das rechte Maß an Christo dir abschauen.

199. Der Liebe gegenwurf
Der Liebe gegen-wurff ists höchste Gutt allein:
Liebt sie was ausser dem / so müßt sie Närrisch seyn.

200. Was man liebt / in das verwandelt man sich.
auß S. Augustino.
Mensch was du liebst in das wirstu verwandelt werden /
GOtt wirstu liebstu GOtt / und Erde liebstu Erden.

201. Die wohlgeordnete Liebe.
Liebstu GOtt über dich / den Nächsten wie dein Leben /
Was sonst ist / unter dir: so liebstu recht und eben.

202. Die Vereinigung mit GOtt machet alles Edeler.
Krist alles was du thust / muß dir zu Gulde werden:
Wo dus Vereinigest mit Christi thun auf Erden.

203. Der Welt-Mensch ist Verblendt.
Mensch thu die Augen auf / der Himmel steht ja offen:
Du hast dich mit der Welt / wo dus nicht siehst besoffen.

204. GOtt ist güttiger als wir vermeinen.
GOtt ist so gut auf unß / daß ichs nicht sagen kan:
Begehrn wir Jhn gleich nicht / er bieth sich selber an.

205. Auf GOttes seiten ist kein Mangel.
GOtt wirkt ohn unterlaß: Er gösse tausend Freuden
Jn dich auf einmal ein / wo du Jhn köntest leyden.

206. GOtt kan sich keinem Demütigen entziehn.
GOtt könte sich auch gar den Teufeln nicht entziehn /
Wo sie nur umgekehrt für Jhn hin wolten knien.

207. Das gröste Werk.
Das allergröste Werk das du für GOtt kanst thun /
Jst ohn ein eintzigs Werk GOtt leiden und Gott ruhn.

208. Die Neue Creatur.
Mensch allererst bistu die neue Creatur /
Wenn Christi frömigkeit ist deines Geists Natur.

209. Das allerhöchste Leben.
Freund wo du's wissen wilt / das allerhöchste Leben /
Jst abgeschieden seyn / und GOtt stehn übergeben.

210. Die Neue und alte Liebe.
Die Liebe wenn sie neu / praust wie ein junger Wein:
Je mehr sie alt und Klar / je stiller wird sie seyn.

211. Die Seraphische Liebe.
Die Liebe welche man Seraphisch pflegt zunennen /
Kan man kaum äuserlich weil sie so still ist kennen.

212. Der liebe Mittelpunct und Umbkreiß.
Der liebe Mittelpunct ist GOtt und auch jhr Kreiß.
Jn Jhm ruht sie / liebt alls in ihme gleicherweiß.

213. Der Thron GOttes ist im Friede.
Jn wem die Majestät sol ruhen wie inn Thronen /
Muß zu Jerusalem auf Sions Berge wohnen.

214. GOtt ist in allem alles.
Jn Christo ist GOtt GOtt / inn Engeln Englisch Bild /
Jnn Menschen Mensch / und alls in allen was du wilt.

215. GOtt thut alles in allem.
GOtt thut in allen alls. Er liebt inn Seraphinen /
Jnn Thronen herrschst Er / beschaut inn Cherubinen.

216. GOtt ist ein Brunn.
Gott gleicht sich einem Brunn / Er fleust gantz mildiglich
Herauß in sein Geschöpff / und bleibet doch in sich.

217. Jn GOtt schaut man alles auf einmahl.
Freund wann man Gott beschaut / schaut man auf einmahl an /
Was man sonst ewig nicht ohn jhn durchschauen kan.

218. Gott kan nichts böses wolln.
GOtt kan nichts böses wolln: wolt' Er deß Sünders Tod /
Und unser Ungelük / Er wäre gar nicht Gott.

219. Der Mensch sol nicht ein Mensch bleiben.
Mensch bleib doch nicht ein Mensch: man muß aufs höchste kommen.
Bey Gotte werden nur die Götter angenommen.

220. Wie Gott gefunden wird.
Wer Gott recht finden wil / muß sich zuvor verliehrn /
Und biß in Ewigkeit nicht wieder sehn noch spürn.

221. Der Todte höret nicht.
Ein abgestorbner Mensch / ob man jhm übel spricht /
Bleibt unbewegt. Warumb? die Todten hören nicht.

222. Vor den Freuden muß man leyden.
Mensch wo du dich mit Gott im Himmel dänkst zu freun /
Mustu vor auf der Welt seins Tods gefährte seyn.

223. Wann der Mensch so gerecht wie Christus.
Wann du vollkommen Eins mit GOTT dem HErren bist /
So bistu so gerecht als unser Jesus Christ.

224. Dem Todten ist alles Tod.
Wenn du gestorben bist / so scheinet dir von Noth
Mein Mensch die gantze Welt unnd alls Geschöpffe Todt.

225. Die ungekreutzigten Kreutze.
Viel sind der Welt ein Kreutz / die Welt ist aber jhnen
Nicht dieses widerumb: weil sie die noch bedienen.

226. Die Natur der Heyligkeit.
Der Heyligkeit Natur ist lautre Lieb O Christ:
Je lauterer du liebst / je heyliger du bist.

227. Die Gleichheit.
Der Heilge nimbt es gleich: läst jhn GOtt liegen Krank /
Er saget Jhm so gern als vor Gesundheit dank.

228. Der Mensch stekt in einem Thier.
Kreuch doch herauß mein Mensch / du stekst in einem Thier /
Wo du darinnen bleibst / kombstu bey Gott nicht für.

229. Anmassung ist der Fall.
Mensch ist was guts in dir / so masse dichs nicht an.
So bald du dirs schreibst zu / so ist der Fall gethan.

230. Das böse ist deine.
Das gutte kommt auß Gott / drumb ists auch sein' allein:
Das bös' entsteht auß dir: das laß du deine seyn.

231. Wahre Liebe ist beständig.
Laß doch nicht ab von Gott / ob du solst elend seyn:
Wer ihn von Hertzen liebt / der liebt Jhn auch in Pein.

232. Das Schönste Ding.
Kein Ding ist hier noch dort / das schöner ist als ich:
Weil Gott die Schönheit selbst sich hat verliebt in mich.

233. Wenn der Mensch Gott ist.
Eh' als ich ich noch war / da war ich Gott in Gott:
Drumb kan ichs wieder seyn wenn ich nur mir bin Todt.

234. Alles kehrt wieder in seinen Ursprung.
Der Leib von Erde her wird widerumb zur Erden:
Sag weil die Seel von Gott / ob sie nicht Gott wird werden?

235. Die Ewigkeit ist unß angebohrn.
Die Ewigkeit ist unß so jnnig und gemein:
Wir wolln gleich oder nicht / wir müssen Ewig seyn.

236. Eins hält das andere
Mein Geist der trägt den Leib / der Leib der trägt jhn wieder:
Läst eins vom andern ab / so falln sie beyde nieder.

237. Das Kreutze bringt Freud und Leid.
Das Kreutze bringet Pein / das Kreutze bringet Freud.
Pein einen Augenblik / und Freud in Ewigkeit.

238. Das mein und dein Verdammet.
Nichts anders stürtzet dich in Höllenschlund hinein /
Als das verhasste Wort (merks wol!) das mein unnd dein.

239. Gott hat kein Muster als sich selbst.
Fragstu warumb mich Gott nach seinem Bildnüß Machte?
Jch sag' es war niemands der jhm ein anders brachte.

240. Wann der Mensch gäntzlich wiederbracht ist.
Wenn ist der Mensch zu Gott vollkommlich wiederbracht?
Wenn er das Muster ist darnach jhn Gott gemacht.

241. Der Liebe ist alles Unterthan.
Die Lieb beherrschet alls; auch die Dreyeinigkeit /
Jst selbst jhr Unterthan gewest von Ewigkeit.

242. Die Lieb ists höchste Gutt.
Es ist vom höchsten Gutt viel redens und Geschrey:
Jch schwere daß diß Gutt allein die Liebe sey.

243. Die Natur Gottes.
Die Lieb' ist Gotts Natur / er kan nichts anders thun.
Drumb wo du Gott wilt seyn / Lieb auch in jedem nun.

244. Die Liebe macht auch Gott seelig.
Die Lieb beseeligt alls / auch Gott den Herrn darzu;
Hätt' er die Liebe nicht / er sässe nicht in Ruh.

245. GOtt hat keinen eignern Nahmen als Liebe.
Kein Nahm ist welcher Gott recht eigen wär' / allein
Die Liebe heist man Jhn: so werth ist sie und fein.

246. Gott wil was Er ist.
Gott ist die Liebe selbst / und thut auch nichts als lieben:
Drumb wil er auch daß wir die Liebe stäts solln üben.

247. Gott kan nichts hassen.
Mensch rede recht von Gott; Er hasst nicht seyn Geschöpffe:
(Unmöglich ist es jhm /) auch nicht die Teuffels Köpffe.

248. Dreyerley Schlaff.
Der Schlaff ist dreyerley; Der Sünder schläfft im Tod /
Der müd' in der Natur / und der verliebt' in Gott.

249. Die dreyerley Geburt.
Maria die gebiehrt den Sohn Gotts äusserlich /
Jch inner mir im Geist / Gott Vatter ewiglich.

250. Die geistliche und Ewge geburt sind eines.
Die geistliche Geburt / die sich in mir eräugt /
Jst eins mit der durch die den Sohn Gott Vatter zeugt.

251. Die Geburt Gottes wehret jmmer.
Gott zeuget seinen Sohn / und weil es ausser Zeit /
So wehret die Geburt auch biß in Ewigkeit.

252. Der Sohn GOttes wird in dir gebohren.
Mensch schikstu dich darzu / so zeugt Gott seinen Sohn /
All' Augenblik in dir / gleich wie in seinem Thron.

253. Jedes ist in seinem Ursprung am besten.
Das Wasser in dem Brunn / die Ros' auf ihrem stamm:
Am besten ist die Seel in Gott / im Feur die Flamm.

254. Die Seel ohne Gott.
Ein Hirtenloses Schaf / ein Cörper welcher Todt /
Ein Brunnen ohne qual / diß ist die Seel ohn Gott.

255. Auf wethun folgt wolthun.
Der Krieg gewinnt dir Frid / mit Streit erlangstu Freüd.
Verdamnuß deiner selbst bringt dir die Seeligkeit.

256. Zurükke sehn ist wieder Verlohren werden.
Wenn du auß Sodom gehst / und dem Gericht entfliehest /
So steht dein Heil darauf daß du nicht rukwerts siehest.

257. Das allersüsseste Leben.
Der Himmel auff der Welt / das allersüsste Leben /
Jst der beschauligkeit auß Liebe seyn ergeben.

258. Gott und die Seeligkeit ist ein Ding.
Die Seeligkeit ist Gott / und Gott die Seeligkeit:
Wär' eins das ander nicht / ich lebte stets in Leid.

259. Gott wird ich / weil ich vor Er war.
Gott wird was ich itz bin / nimmt meine Menschheit an.
Weil ich vor Er gewest / drumb hat er es gethan.

260. Wie GOtt / HErr / Vatter / und Bräutigam.
Den Knechten ist Gott Herr / dir Vatter wo du Kind /
Mir ist Er Bräutigam / wenn er mich Jungfrau findt.

261. GOtt ist in allen Dingen / und doch keinem Gemein.
Das wesen Gottes macht sich keinem Ding gemein:
Und muß nothwendig doch auch in den Teuffeln seyn.

262. Die tieffe der Demut.
Die Demut senket sich in solchen Abgrund ein /
Daß sie sich schnöder schätzt als alle Teuffel seyn.

263. Die Hölle muß man schmekken.
Krist / einmal muß man doch im Schlund der Höllen seyn:
Gehstu nicht lebendig / so mustu Tod hinein.

264. Wenn Jesus ins Hertze gebildet wird.
Mensch wenn dein Hertz für Gott wie Wachs ist weich und rein:
So drukt der Heilge Geist das Bildnüß JEsu drein.

265. Wer von der Liebe Gottes gebunden.
Die Seel die nichts als Gott gedänkt zu allen stunden /
Die ist von seiner Lieb bestrikket und gebunden.

266. Das rechte Leben der Seele.
Dann lebt die Seele recht / wenn Gott jhr Geist unnd Leben
Sie gantz erfüllet hat / und sie Jhm Raum gegeben.

267. Wie die schule so die Lehre.
Jnn Schulen dieser Welt wird Gott unß nur beschrieben:
Jns Heilgen Geistes Schul lernt man Jhn schaun und lieben.

268. Man sol ohne Verdruß wirken.
Die Sonne scheint unnd wirkt ohn alln Verdruß unnd Pein:
So sol auch deiner Seel / im fall jhr recht ist seyn.

269. Wer Gott für bey / schaut Gott.
Braut / suchestu zu schaun deß Bräutgams Angesicht /
Geh Gott und alls Fürbey / so fehlet dir es nicht.

270. Alles Heyl von Gott.
Auß Liebe wird Gott ich / ich auß Genaden Er:
So kommt ja all mein Heyl nur bloß von jhme her.

271. Wenn du nicht Mensch bist / ist es Gott.
Wenn du nicht Mensch mehr bist / und dich verläugnet hast /
So ist Gott selber Mensch / und träget deine Last.

272. Das Antlitz Gottes ist seeligmachend.
Das Antlitz Gottes zeucht an sich wie Eisenstein:
Nur einen Blik es schaun macht ewig seelig seyn.

273. Wo Christus nicht wirkt da ist er nicht.
Freund wo nicht Christus wirkt / da ist er auch noch nicht /
Ob gleich der Mensch von jhm viel singet oder spricht.

274. Der Seelige auff der Welt.
Wer sich in Kreutz und Pein von Hertzengrund erfreut /
Der ist noch hier ein Kind der ewgen Seeligkeit.

275. Leiden ist nutzlicher als Freude.
Mensch wüstestu wie gut und nutzlich's Leiden ist /
Du hattest's dir vorlängst für aller Lust erkiest.

276. Der Heilige thut nicht nach den Gebotten.
Der Heilge was er thut / thut nichts nach dem Gebot:
Er thut es lauterlich auß Liebe gegen Gott.

277. Der Gerechte hat kein Gesetz.
Für bös' ist das Gesetz: wär kein Gebot geschrieben /
Die Frommen würden doch Gott und den Nächsten lieben.

278. Der Geistliche Krebsgang.
Mensch senke dich herab / so steigestu hinauf.
Laß ab von deinem gehn / so fängt sich an dein Lauf.

279. Was im Orte der Welt vor der Welt gewest.
Eh Gott die Welt erschuf was war in diesem Ort?
Es war der Ort selb selbst / Gott und sein Ewges Wort.

280. Gott kan sich selbst nicht messen.
Gott ist so hoch und groß / wolt' Er sich selber messen /
Er würd / ob er gleich Gott / deß Maßstabs zahl vergessen.

281. Das wunderlichste / beste / und Schönste an Gott.
Das wunderlichst' an Gott ist die Vorsichtigkeit /
Langmüttigkeit das best' und's schönste grechtigkeit.

282. Gott ist wie die Sonne.
Gott ist der Sonne gleich: wer sich zu Jhme kehrt /
Der wird erleucht / und straks seins Angesichts gewehrt.

283. Warumb Gott ruh und Freude hat.
Weil Gott Dreyeinig ist / so hat Er ruh und Lust:
Ruh komt von Einheit her / Lust von der Dreyheit Brust.

284. Gott komt eh du jhn begehrest.
Wenn dich nach Gott verlangt / und wüntschst sein Kind zu seyn /
Jst Er schon vor in dir / und giebt dir solches ein.

285. Die Geistliche Turteldaube.
Jch bin die Turteldaub / die Welt ist meine Wüste /
Gott mein Gemahl ist weg: drumb sitz ich ohn geniste.

286. Die Einfalt muß witzig seyn.
Die Einfalt schätz' ich hoch der Gott hat Witz beschert.
Die aber den nicht hat / ist nicht deß Nahmens wehrt.

287. Der Einfalt Eigenschafft.
Der Einfalt eigenschafft ist nichts von Schalkheit wissen /
Aufs gutte Bloß allein in Demutt seyn beflissen.

288. Der Weltlichen unnd Göttlichen Liebe Natur.
Die Welt-Lieb hat die Art daß sie sich abwerts neigt:
Der Göttlichen Natur ist daß sie aufwerts steigt.

289. Die Tugend ohne Liebe gilt nichts.
Die Tugend nakt und bloß kan nicht für Gott bestehn:
Sie muß mit Liebe seyn geschmükt / Dann ist sie schön.

290. Die Liebe ist Feuer und Wasser.
Die Lieb ist Flutt und Glutt: kan sie dein Hertz empfinden /
So löscht sie Gottes Zorn / unnd brennt hinweg die Sünden.

291. Die Würdigkeit komt von Liebe.
Ach lauf doch nicht nach witz und Weißheit über Meer:
Der Seelen Würdigkeit kombt bloß von Liebe her.

292. Die Schönheit komt von Liebe.
Die Schönheit komt von Lieb'; auch Gottes Angesicht
Hat seine Lieblichkeit von jhr: sonst gläntzt' es nicht.

293. Der Liebe belohnen
Die Liebe hat Gott selbst zum wesentlichen Lohn /
Er bleibet ewiglich jhr Ruhm und Ehren Kron.

294. Weißheit ohne Liebe ist nichts.
Mensch wo du weise bist / und liebst nicht Gott darbey:
So sag ich daß ein Narr dir vorzuziehen sey.

295. Je liebender je Seeliger.
Das Maß der Seeligkeit mist dir die Liebe ein:
Je Völler du von Lieb / je Seelger wirstu seyn.

296. Die Liebe Gottes in unß / ist der Heilige Geist.
Die Liebe welche sich zu Gott in dir beweist /
Jst Gottes ewge Krafft / sein Feur und Heilger Geist.

297. Man kan Gott nicht lieben ohne Gott.
Mensch liebete sich Gott nicht selbst durch dich in dir /
Du köntest nimmermehr Jhn lieben nach gebühr.

298. Die Liebe hat keine Furcht.
Die Liebe fürcht sich nicht / sie kan auch nicht verderben:
Es müste Gott zuvor sambt seiner Gottheit sterben.

299. Wie die Person so das Verdienst.
Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß umb Gott /
Als alle Mittlinge mit Arbeit biß inn Tod.

300. Wer Gott recht liebet.
Mensch niemand liebt Gott recht als der sich selbst Veracht.
Schau ob du es auch so mit deiner Lieb gemacht.

301. Was das freundlichste nach Gott.
Das freundlichste nach Gott ist die verliebte Seele:
Drumb hat er seine Lust zu seyn in jhrer Höle.

302. Das Schnelleste.
Die Lieb ist's schnellste Ding: Sie kan für sich allein
Jn einem Augenblik im höchsten Himmel seyn.

303. Kennzeichen der falschen Liebe.
Wiltu die falsche Lieb von wahrer unterscheiden /
So schau sie sucht sich selbst / und fället ab inn Leiden.

304. Das Kreutz probirt die liebe.
Jm Feuer wird das Gold obs reine sey probirt /
Und deine Lieb im Kreutz / wie lauter sie / gespürt.

305. Die Liebe Gottes ist wesentlich.
Die Liebe gegen Gott steht nicht in süssigkeit /
Süss ist ein zufall nur: sie steht in Wesenheit.

306. Ein unverwundtes Hertz ist ungesund.
Ein Hertze welches nicht von GOttes Lieb ist Wund:
Jst / ob es zwar nicht scheint / gantz Krank und ungesund.

307. Die Liebe ist GOtt gemeiner als Weißheit.
Die Liebe geht zu GOtt unangesagt hinein:
Verstand und hoher Witz / muß lang' im Vorhof seyn.

308. Wie GOtt so allgemein.
Wie allgemein ist GOtt! Er hat der Bauer Magd
Die Kunst wie man jhn Küst / so wol als dir gesagt.

309. Das erfreulichste der Seelen.
Diß ist's erfreulichste / wie meiner Seel fällt ein /
Daß sie wird jmmer Braut mit ewger Hochzeit seyn.

310. Was der Kuß GOttes ist.
Der Kuß deß Bräutgams GOtts / ist die Empfindlichkeit
Seins gnädgen Angesichts / und seiner süssigkeit.

311. Die Seele kan nichts ohne GOtt.
So schön die Laute sich auß eignen Kräfften schlägt /
So schön klingt auch die Seel die nicht der HERR bewegt.

312. Der guldene Begrief.
Der guldene Begrief durch den man alles kan /
Jst Liebe: Liebe nur / so hastu's kurtz gethan.

313. Das Edleste Gemütte.
Kein Edleres Gemütt ist auf der gantzen Welt /
Als welchs mit GOtt vereint / für einen Wurm sich hält.

314. Barmhertzigkeit schleust den Himmel auf.
Kind mache dich gemein mit der Barmhertzigkeit:
Sie ist die Pförtnerinn im Schloß der Seeligkeit.

315. Verkleinerung erhebt.
Verkleinere dich selbst / so wirstu groß mein Christ /
Je schnöder du dich schätzst / je würdiger du bist.

316. Der Evangelische Hirte.
Der Hirt' ist GOttes Sohn / die GOttheit ist die Wüste /
Jch bin das Schaf das Er für andren sucht' und küste.

317. Die Früchte der Tugenden.
Die Demut die erhebt / die Armuth machet Reich /
Die Keuschheit Engelisch / die Liebe GOtte gleich.

318. Wie man inn Himmel sieht.
Man darf kein Ferngesicht inn Himmel einzusehen /
Kehr dich nur von der Welt / und schau: so wirds geschehen.

319. Die gröste Seeligkeit.
Die gröste Seeligkeit die ich mir kan ersinnen
Jst / daß man GOtt wie süss' Er ist wird schmekken können.

320. Der nächste Weg zu GOtt.
Der nächste Weg zu GOtt ist durch der Liebe Thür:
Der Weg der wissenschafft bringt dich gar langsam für.

321. Worinn die Ruhe deß Gemüttes bestehe.
Die Ruhe deß Gemütts besteht in dem allein /
Daß es Vollkömmlich ist mit GOtt ein einges Ein.

322. Die Seeligkeit ist in dem höchsten Gutt.
Kein Mensch kan seelig seyn / als in dem höchsten Gutt:
Wie daß mans dann verläst / und's kleine suchen thut?

323. Warumb GOtt ewigen Lohn giebt.
GOtt muß die Heiligen mit ewgem Lohn belohnen:
Weil sie jhm / wo Er wolt' / auch ewig würden frohnen.

324. Die Krönende Tugend.
Die Tugend die dich Krönt mit ewger Seeligkeit /
(Ach halte sie doch fest!) ist die beharrligkeit.

325. Wenn die Himmelfahrt verhanden.
Wenn GOtt in dir gebohrn / gestorben / und erstanden:
So freue dich daß bald die Himmelfahrt verhanden.

326. Unterschiedliche Gelegenheit der Seele.
Deß Sünders Seele ligt / deß Büssers richt sich auf /
Und deß Gerechten steht geschikt zum Tugend lauf.

327. Warumb GOtt deß Regiments nicht müde wird.
GOtts und seins Geistesreich ist Liebe / Freude / Fride:
Drumb wird Er deß Regierns in Ewigkeit nicht müde.

328. GOtt betrübt die Sünde nicht.
GOtt thut die Sünde weh in dir als seinem Sohn:
Jn seiner GOttheit selbst / da fühlt Er nichts davon.

329. Die gantze Dreyfaltigkeit hilfft zur Seeligkeit.
Die Allmacht zeucht mich auf / die Weißheit weist mich an /
Die Gütte hilffet mir / daß ich inn Himmel kan.

330. Wenn man GOtt reden hört.
Wenn du an GOtt gedenkst / so hörstu Jhn in dir:
Schwiegstu / und wärest still' / Er redte für und für.

331. Was GOtt nicht thut / gefällt jhm nicht.
GOtt muß der Anfang seyn / das Mittel und das Ende /
Wo Jhm gefallen solln die Werke deiner Hände.

332. Wo der Mensch hinkomt / wann er in GOtt vergeht.
Wenn ich in GOtt vergeh / so komm ich wider hin
Wo ich von Ewigkeit vor mir gewesen bin.

333. Deß Teuffels Schlacht Vieh.
Die Seele welche sich die Sünde läst ermorden /
Die ist (O grosser Spot!) deß Teuffels Schlacht Vieh worden.

334. GOtt schätzt die Werke nach dem wesen.
Mensch deß Gerechten Schlaf ist mehr bey Gott geacht /
Als was der Sünder Beht und singt die gantze Nacht.

335. Unterscheid der drey Lichter.
Das Licht der Herrligkeit lass' ich die Sonne seyn /
Die Gnade gleicht den Strahln / Natur dem Widerschein.

336. Mit einem Auge muß man zihlen.
Die Seele welche GOtt das Hertze treffen wil /
Seh nur mit einem Aug / dem rechten / auf das zihl.

337. Das Geschöpff ist deß Schöpffers Trost.
Jch sein Geschöpffe bin deß Sohnes GOttes Kron /
Die Ruhe seines Geists / und seiner Leiden lohn.

338. Die Ewigkeit ist je länger je undurchschaulicher.
Das Meer der Ewigkeit je mehr's der Geist beschifft
Je undurchschifflicher und weiter ers betrifft.

339. Die GOttheit gründet kein Geschöpffe.
Wie tief die Gottheit sey kan kein Geschöpff ergründen:
Jn ihren Abgrund muß auch Christi Seel verschwinden.

340. Auch GOtt muß sich verdienen.
Daß ich den höchsten GOtt zum Bräutgam angenommen /
Hat Er umb mich verdient / daß Er ist zu mir kommen.

341. Wo die Zeit am längsten.
Je weiter man von GOtt / je tieffer in der Zeit:
Drumb ist den Höllischen ein Tag ein' Ewigkeit.

342. Wo man die Göttliche Höffligkeit lernt.
Kind wer in GOttes Hof gedänket zubestehn /
Der muß zum Heilgen Geist hier in die Schule gehn.

343. Das geistliche Orgelwerk.
GOtt ist ein Organist / wir sind das Orgelwerk /
Sein Geist bläst jedem ein / und gibt zum thon die stärk.

344. Die Armut ist im Geist.
Die Armut steht im Geist: ich kan ein Kaiser werden /
Und doch so Arm seyn als ein Heiliger auf Erden.

345. Wer inn Wunden Christi wohnt.
Der Geist der voller Freud' in Leiden wird gefunden /
Und ruhe hat in Pein / der wohnt in Christi Wunden.

346. Den Kindern gebühret Milch.
Den Männern giebet GOtt zu trinken starken Wein:
Dieweil du noch ein Kind / flöst Er dir süsses ein.

347. Wer eine tieffe mit GOtt.
Der Geist / der nunmehr ist mit Gott ein Einges Ein /
Muß eben solcher Höh' / und solcher tieffe seyn.

348. Wie Gott zumessen.
Unmeßlich ist zwar GOtt: jedoch kanstu Jhn messen /
Wo du mein Hertze mißt: denn's ist von Jhm besessen.

349. Du must der Gnade Lufft machen.
Räum weg / und mache Lufft; das Fünklein ligt in dir:
Du flammest es leicht auf mit heilger Liebsbegiehr.

350. Du must dich selbst ermuntern.
Mein Christ du must dich selbst durch GOtt vom Schlaf erwekken:
Ermunterst du dich nicht / du bleibst im Traume stekken.

351. Jm jnnern sind alle Sinnen ein Sinn.
Die Sinnen sind im Geist all' ein Sinn und gebrauch.
Wer GOtt beschaut / der schmäkt / fühlt / reucht / und hört Jhn auch.

352. Was das süsseste und seeligste.
Nichts süssers ist als GOtt ein Menschen Kind zusehn:
Nichts Seelgers als in sich fühln die Geburt geschehn.

353. Das Antlitz Gottes macht trunken.
Das Antlitz Gotts macht voll. Sähstu einmal sein Licht:
Du würdest trunken seyn von diesem Angesicht.

354. Ungekreutzigt komt niemand inn Himmel.
Christ flieh doch nicht das Kreutz; du must gekreutzigt seyn:
Du komst sonst nimmermehr ins Himmelreich hinein.

355. Woher die Ungleichheit der Heiligen.
GOtt wirkt nach der Natur: diß macht den unterscheid /
Daß dieser Heilige sich kränkt / der andre freut.

356. Das Vollkomne vertreibt das Un-Vollkomne.
Wenn das Vollkommne kömt / fällt's Unvollkommne hin:
Das Menschliche vergeht / wenn ich vergöttet bin.

357. Wenn sich GOtt ins Hertz ergeust.
Mensch wenn dein Hertz ein Thal / muß GOtt sich drein ergiessen
Und zwar so mildiglich daß es muß überfliessen.

358. GOtt wird was Er wil.
GOtt ist ein Ewger Geist / der alls wird was Er wil /
Und bleibt doch wie Er ist Unformlich und ohn Ziehl.

359. Gleichnüß der H. Dreyfaltigkeit mit der Sonne.
GOTT Vatter ist der Leib / und GOtt der Sohn das Licht /
Die Strahln der heilge Geist / der beiden ist verpflicht.

360. Wenn man jhm den Tod deß HErren zueignet.
Freund / wenn ich selber mir absterbe hier und nu /
Dann eign' ich mir den Tod deß Herren erst recht zu.

361. Die Gnade Gottes fleust allzeit auß.
Die Gnade fleust von Gott wie Wärmde von dem Feur.
Nahstu dich nur zu Jhm / sie komt dir bald zu Steur.

362. Die höchste Seeligkeit.
Die höchste Seeligkeit die mir GOtt selbst kan geben /
Jst daß er mich wie sich wird machen und erheben.

363. Deß Weisen verrichtung.
Ein Narr ist viel bemüht: deß Weisen gantzes thun /
Das zehnmal Edeler / ist Lieben / schauen / ruhn.

364. Wer in dem Wirken ruht.
Der Weise welcher sich hat übersich gebracht /
Der ruhet wenn er laufft und wirkt wenn er betrachte

365. Der Larven Mensch.
Ein Mensch der wie das Vieh in alle Lust außbricht /
Jst nur ein Larven Mensch: er scheint und ists doch nicht.

366. Das Lauttenspiel GOttes.
Ein Hertze das zu Grund GOtt still ist wie er wil /
Wird gern von Jhm berührt: es ist sein Lautenspil.

367. Wer auf alle Fälle geschikt ist.
Wer Gott so leicht entbehrn / als leicht empfangen kan /
Der ist auff allen Fall ein rechter Helden Mann.

368. Bey welchem GOtt gerne ist.
Mensch wenn du Gottes Geist bist wie dir deine Hand /
Macht die Dreyfaltigkeit sich gern mit dir bekandt.

369. Die Seele ausser jhrem Ursprung.
Ein fünklein aussrem Feur / ein tropffen aussrem Meer:
Was bistu doch O Mensch ohn deinen wiederkehr?

370. Jn GOtt ist alles.
Was deine Seel begehrt / bekommt sie alls in GOtt:
Nimbt sie es ausser Jhm / so wird es jhr zum Tod.

371. Wen Gott nicht loß kan bitten.
Mensch stirbstu ohne GOtt: es kan nicht anders seyn /
Bäth' auch GOtt selbst für dich / du must in Pful hinein.

372. Die Braut sol wie der Bräutgamb seyn.
Jch muß verwundet seyn. Warumb? weil voller Wunden
Mein ewger Bräutigam der Heyland wird gefunden:
Was Nutzen bringt es dir? Es stehet gar nicht feyn:
Wenn Braut und Bräutigam einander ungleich seyn.

373. Das allerseeligste Hertze.
Ein reines Hertz schaut Gott / ein heilges schmäket Jhn:
Jn ein Verliebetes wil er zu Wohnen ziehn.
Wie seelig ist der Mensch der sich befleist und übt /
Daß jhm sein Hertze wird rein Heilig und verliebt!

374. Man überkömt mit meiden.
Freund meide was dir Lieb / fleuch was dein Sinn begehrt.
Du wirst sonst nimmermehr gesättigt und gewehrt.
Viel wären zum Genuß der ewgen Wollust kommen /
Wenn sie mit Zeittlicher sich hier nicht übernommen.

Text: Angelus Silesius, „Cherubinischer Wandersmann" (1657/1675), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.