Die Untreu' ist zum Modebrauch geworden
1Die Untreu' ist zum Modebrauch geworden,
Und niemand weiß von Freundschaft und von Treu';
2Es nahen Würdige sich jetzt Nichtswerten,
Und strecken ihre Hand um Gaben aus.
3Wer in der Welt heut tugendhaft und weis' ist,
Ist keinen Augenblick von Gram und Sorgen frei.
4Im Überfluß hingegen lebt der Dumme,
Mit Ehren und mit Gold stets überhäuft,
5Und singt ein Dichter fließend wie das Wasser
Gefühlvoll, sprechend zum Gemüt, zum Sinn,
6So schenket ihm der Geiz doch keinen Heller,
Sang' er auch Sprüche Abusinas wert.
7Zu dem Verstand sprach die Vernunft noch gestern:
Geh' fort, gedulde dich und klage nicht;
8In der Zufriedenheit such' deinen Reichtum,
Und trinke Wein statt andrer Arznei.
9Hafis! du folge diesem guten Rate,
Denn fällt dein Fuß, so hebt dein Kopf sich auf.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.