Dir sei die Seele geweiht
1Dir sei die Seele geweiht,
Du bist der Seele Geliebter;
Dir sei der Kopf geweiht,
Oder er bleibe verwirrt!
2Leicht vermag ich fürwahr
Nicht aufzusteh'n von der Türe!
Schwere Dinge gesehen'n nicht
Auf so leichte Manier.
3Rohe haben nicht Kraft
Dem Schmetterling gleich zu verbrennen,
Zarten kommt es nicht zu,
Seelen aus Lieb' zu verstreu'n.
4Ohne dich auf Ruh zu gedenken
Ist eides Beginnen,
Unverschämt mit dir können
Verirrte nur sein.
5Was ich im Herzen verschloß,
Ward durch die Werber verraten,
Und verborgenes Wort
Bleibet mitnichten versteckt.
6Pflanze den Stamm von deinem Wuchs
In die Quelle des Auges,
Daß auf immer frisch
Tränengewässert er sei.
7Eines Tages gewahrt' ich
Mein Herz im Haare der Locken,
Sage, wie geht's, sprach ich,
Und wie befindest du dich?
8Mußt du nicht, antwortet das Herz,
Mein Schicksal beneiden,
Fürstenrang und Los ist nicht
Den Bettlern beschert.
9Dir geziemt's nicht, Hafis,
Mit uns das Gespräch zu beginnen,
Wache zu halten im Gau
Müsse genug sein für dich.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.