19. Sure: Maria

1Gedächtnis der Erbarmung deines Herrn
An seinem Knecht Zakaria.

2Anrief er seinen Herrn mit heimlichem Rufe,

3Sprach: O mein Herr, schwach ist geworden mein Gebein,
Und angeglommen ist mein Haupt von Greisheit.

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5Doch beim Gebet zu dir, Herr, war ich nie unglücklich.

6Nun aber fürcht' ich die Beerber nach mir, denn
Mein Weib ist unfruchtbar, drum gib
Von dir mir einen Stellvertreter,

7Der sei mein Erb' und Erb' im Hause Jakobs;
Und mach ihn, Herr, dir angenehm! –

8O Zakaria, wir verkünden
Dir einen Knaben Namens Jahja;

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10Des Namensgleichen wir zuvor nie schufen.

11Er sprach: Mein Herr, wie soll mir werden
Ein Knabe, da unfruchtbar ist mein Weib, und schon
Gelangt' ich zu des Alters Ohnmacht?

12Er sprach: So hat dein Herr gesprochen:
Das ist für mich ein Leichtes;
Ich habe ja dich auch zuvor
Geschaffen, da du Nichts warst.

13Er sprach: Mein Herr, gib mir ein Zeichen!
Er sprach: Mein Zeichen sei, daß du die Menschen
Nicht redest an drei ganzer Nächte.

14Da gieng er vor sein Volk her aus dem Heiligthum,
Und deutet' ihnen: Preiset früh und Abends! –

15O Jahja, nimm das Buch mit Kraft! –
Und Weisheit gaben wir ihm jung,

16Mildherzigkeit von uns und Reine;
Und er war gottesfürchtig

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18Und liebreich gegen seine Eltern,
Und war kein trotziger Gewaltmann.

19Fried' über ihm Tags da er ward,
Tags da er stirbt, und Tags da er
Wird auferweckt zum Leben!

20Denk' auch im Buch Marias, da
Sie weggieng von den Ihrigen
An einen Ort in Osten,

21Und hielt vor ihnen sich verborgen;
Da sendeten zu ihr wir unsern Geist, und er
Erschien ihr als vollkommner Mann.

22Sie sprach: Ich flüchte mich vor dir zum Allerbarmer,
Wenn du bist gottesfürchtig.

23Er sprach: Ich bin ein Bote deines Herrn nur,
Daß ich dir schenke einen reinen Knaben.

24Sie sprach: Wie soll mir werden
Ein Knabe? da mich hat berührt
Kein Mann, und ich bin keine Sünderin.

25Er sprach: So hat dein Herr gesprochen:
Das ist für mich ein Leichtes,
Und daß wir machen ihn zum Zeichen
Den' Menschen, zur Barmherzigkeit,
Schon ist es fest beschlossen.

26Und sie empfieng ihn, und sie gieng
Mit ihm zu fernem Orte.

27Da kamen ihr die Wehn am Schaft der Palme;
Sie rief: O wär' ich eh' gestorben,
Vergangen und vergessen.

28Da riefs ihr zu von unten her:
Betrüb' dich nicht! Gemacht hat unter dir dein Herr ein Bächlein.

29Auch rüttle gegen dich den Schaft der Palme!
So läßt sie auf dich fallen reife Dattel.

30Iß, trink und mach dein Auge frisch!
Doch wenn du siehest nun der Menschen einen,

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32So sag: Gelobt hab' ich dem Allerbarmer
Ein Fasten, darum red' ich heut' mit keinem. –

33Sie kam mit ihm zu ihrem Volk, ihn tragend.
Sie sprachen: O Maria,
Du fandest Wundermähre.

34O Schwester Aarons, war dein Vater doch kein Wicht,
Und deine Mutter keine Sünderin.

35Sie deutete auf ihn. Sie sprachen: Sollen wir
Mit diesem reden, der ein Kind ist in den Windeln?

36Da sprach er: Ich bin Gottes Knecht,
Der mir das Buch gab und mich machte zum Profeten.

37Und machte mich zu einem
Gesegneten, wo ich mag seyn,
Und wies mich zu Gebet an und Almosen, weil ich lebe,

38Und zu Liebreichheit an der [Mutter],
Und machte mich zu keinem unglückseligen Gewaltmann.

Anmerkung Rückerts: Vers 33 Rückert: den Eltern; nach dem arab. Text korrigiert (H.B.)

39Fried' über mir Tags da ich ward,
Tags da ich sterb' und Tags da ich werd' auferweckt zum Leben!

40Derselb' ist Jesus, Sohn Marias, nach dem Wort
Der Wahrheit, über den sie zweifeln.

Anmerkung Rückerts: Vers 35–41 Eine Glosse, in anderm Reime, die aber gleichwol ursprünglich seyn mag. Doch ist gegen die Echtheit in Anschlag zu bringen 1.) daß in dieser Partie Gott nur Gott, Allah, heißt, nicht der Allerbarmer, wie fast durchgehends im Übrigen dieser Sure; aber eben dieses kann auch im Wesen der Glosse und ihrem weniger poetischen Tone liegen. 2.) daß der eigentliche Inhalt dieser Glosse, die Bestreitung der Gottheit Jesus, am Ende der Sure von V. 91 an wiederkehrt.

41Nicht kommt es Gott zu, anzunehmen einen Sohn;
Preis ihm! wenn er beschließt ein Ding,
Sagt er zu ihm nur: Sei! so ist es.

42Gott ist mein Herr und euer Herr, ihn betet an!
Das ist der Weg der grade.

43Die Sekten aber wurden uneins unter sich;
Weh aber denen die da leugnen,
Weh vor der Anwartschaft des großen Tages!

44Wie werden sie hören und sehn am Tag,
An dem sie zu uns kommen!
Allein die Sünder heute sind in offenbarer Irre.

45Verwarne sie vorm Tage des Verlustes, wo
Der Handel ist entschieden!
Sie aber sind des achtlos, und sie glauben nicht.

46Da erben wir die Erd' und was darauf ist,
Und zu uns sind sie heimgebracht.

47Gedenk' im Buch auch Abrahams;
Denn er war ein wahrhaftiger und Profete.

48Wie er zu seinem Vater sprach:
Mein Vater, warum dienest du
Dem, was nicht höret und nicht sieht,
Und dir nicht nützet etwas?

49Mein Vater, ja, mir kam von Wissen,
Was dir nicht kam, so folge mir,
Ich führe dich den rechten Pfad.

50Mein Vater, diene nicht dem Satan!
Denn Satan war dem Allerbarmer ungehorsam.

51Mein Vater, ja ich fürchte daß dich treffe Pein
Vom Allerbarmer, und du werdest
Dem Satan ein Genosse.

52Er sprach: entstrebst du meinen Göttern,
O Abraham? wenn du nicht abstehst,
Werd' ich dich steinigen; du sollst mich meiden eine Zeitfrist.

53Da sprach er: Friede sei mit dir!
Ich will für dich um Gnade
Anflehen meinen Herrn, denn er ist hold mir.

54Und will von euch mich scheiden
Und dem was ihr ruft außer Gott an;
Ich aber rufe meinen Herrn an,
Beim Anruf meines Herren werd' ich wol nicht seyn unselig.

55Und als er nun sich schied von ihnen
Und was sie beteten außer Gott an,
Da gaben wir ihm Isaak und den Jakob,
Und machten beide zu Profeten.

56Und gaben ihnen unsere Barmherzigkeit,
Und schufen ihnen hohe Wahrheitszunge.

57Gedenk im Buch auch Mosis! denn er war getreu,
War ein Gesandter und Profet.

58Wir riefen von des Berges rechter Seiten ihn,
Und näherten ihn uns zur Unterredung.

59Und gaben ihm aus unserer Barmherzigkeit
Auch seinen Bruder Aaron als Profeten.

60Gedenk im Buch auch Ismaels!
Der wahrhaft war im Worte,
Und war Gesandter und Profet.

61Und hielt die Seinen zu Gebet und Almos' an,
Und war bei seinem Herrn beliebt.

62Gedenk im Buch des Idris auch!
Er war wahrhaftig und Profet,

63Und wir erhöhten ihn zu hohem Orte.

64Die sind es, über welche Gott
Gegnadet hat, Profeten
Vom Abstamm Adams und von denen,
Die wir mit Noah führten,
Und von dem Abstamm Abrahams und Ismaels,
Die wir geleitet und erwählt;
Wann ihnen wurden vorgetragen
Des Allerbarmers Zeichen, sanken
Sie hin fußfällig, weinend.

65Nach ihnen aber blieb ein Nachblieb,
Die da wegwarfen das Gebet,
Und folgten ihren Lüsten,
Einst werden sie den Schaden finden.

66Nur wer da sich bekehrt' und glaubt' und Gutes that,
Dieselben werden eingehn in den Garten,
Und nicht gekränkt in etwas,

67Die Gärten Edens, die verheißen
Der Allerbarmer seinen Dienern im Geheim,
Erfüllt wird sein Verheißen.

68Sie hören drin nicht lose Rede, sondern Friede!
Und ihnen ist ihr Unterhalt darinnen früh und Abends.

69Das ist der Garten, den wir erben lassen
Von unsern Knechten welcher fromm ist.

70Wir aber steigen nur herab auf unsers Herrn Gebot,
Sein ist was vor und hinter uns
Und zwischen diesen beiden, und dein Herr ist nicht vergeßlich.

71Der Herr des Himmels und der Erden
Und was da zwischen beiden ist;
Ihm diene du und halt in seinem Dienst aus!
Kennst du wol seines Namens gleichen?

72Doch spricht der Mensch: Wie, wann ich starb,
Werd' ich hervorgebracht seyn lebend?

73Gedenkt der Mensch nicht, daß wir ihn erschufen
Vor diesem, da er Nichts war?

74Und ja bei deinem Herrn! versammeln wollen wir
Sie und die Satane, und dann sie bringen
Zum Rand der Höll' auf Knieen liegend.

75Dann nehmen wir heraus von jeder Sekte, wer
Am heftigsten dem Allerbarmer trotzte.

76Dann werden wir die kennen, die
Am würdigsten sind drin zu glühn.

77Und keiner ist von euch, der nicht hinunter fährt,
Fest ist für deinen Herrn der Rathschluß.

78Dann aber retten wir die Frommen,
Und lassen die Sünder drin auf Knieen liegend. –

79Doch wenn man ihnen vorträgt unsre Zeichen deutlich,
So sprechen die da leugnen,
Zu denen die da glauben: Welche
Der zwei Partein ist besser wol
Von Stand und herrlicher von Anhang?

80Allein, wieviel vertilgten wir vor ihnen schon
Volkstämme, herrlicher an Füll' und Ansehn!

81Sag also: Wer im Irren ist,
Mag ihm der Allerbarmer doch ein volles Maß zumessen!

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83Bis daß, wann sie nun schaun was ihnen ist gedroht,
Sei's hier die Strafe, sei es dort die Stunde,
Da werden sie erkennen, wer der schlechtere
An Stand, der schwächre war an Heer!

84Doch die Geleiteten mehrt Gott an Leitung.

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86Das Dauernde, das Gute doch ist besser
Bei deinem Herrn an Lohn, und besser an Erstattung.

87O siehst du den, der leugnet unsre Zeichen,
Und spricht: Bekommen werd' ich Gut und Kinder wol!

88Hat er geschauet ins Geheimnis, oder hat
Er wol das Wort darauf vom Allerbarmer?

89Nein! schreiben wollen wir das was er redet,
Und ihm zumessen von der Straf' ein volles Maß.

90Wir wollen ihn beerben, was er redet,
Und zu uns kommen soll er einzeln.

91Sie aber nahmen neben Gott an Götter,
Die ihnen seyen Helfer.

92Nein! leugnen werden diese den empfangnen Dienst,
Und werden ihnen Widersacher.

93O siehst du nicht, wir sendeten die Satane
Den Leugnern zu, mit Reizung sie zu reizen!

94Drum rufe du nicht über sie Beschleunigung!
Wir zählen ihnen ihre Zahl.

95Tags wir die Frommen werden schaaren
Zum Allerbarmer zugweis,

96Und treiben Sünder zur Gehenna truppweis.

97Nicht werden sie vermögen Fürsprach', außer wer
Vom Allerbarmer drauf das Wort hat.

98Doch sagen sie: Der Allerbarmer
Hat einen Sohn! o ungeheure Mähre,

99Davon die Himmel springen möchten
Und sich spalten die Erde,
Und die Berg' einstürzen trümmernd;

100Daß sie dem Allerbarmer geben einen Sohn!

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102Nicht kommt es zu dem Allerbarmer
Zu haben einen Sohn;

103Denn Niemand ist im Himmel und auf Erden,
Er komme denn dem Allerbarmer als ein Knecht;

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105Gerechnet hat er sie und sie gezählet nach der Zahl;

106Und jeder kommet ihm am Tag der Urständ' einzeln.

107Nun, die da glaubten und das Gute thaten,
Die läßt der Allerbarmer Lieb' empfangen.

108Wir aber machten leicht für deine Zung' ihn,
Daß du mit ihm Lust kündigest den Frommen
Und warnest alle Zänker.

Anmerkung Rückerts: Vers 97 ihn den Koran.

109Wieviel vertilgten wir vor ihnen Stämme schon!
Merkst du von ihrer einem etwas,
Oder hörst von ihnen einen Laut?

Text: Friedrich Rückert († 1866), Koran-Übertragung, gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE. Hinweis: Auswahl, keine Vollübersetzung — der vollständige Text steht unter Der Koran.