75. Sure: Der Erstand

1Schwör' ich beim Tage zum Erstande?

Anmerkung Rückerts: Vers 1 Schwör' ich lā wie 84,16; 90,1; 70,40 wo Gott beim Herrn der Auf- und Untergänge schwört.

2Bei der Seele, die besteht in Schande?

3Meint wol der Mensch, wir seyen sein
Gebein zu sammeln nicht im Stande?

4Ja doch! zu fügen auch der Finger Bande.

5Doch geht der Mensch dahin im Unverstande,

6Fragt wann der Tag sei zum Erstande.

7Wanns vorm Auge flirrt,

8Und der Mond wegschwirrt,

9Und Sonn' und Mond vereinigt wird;

10Alsdann wird sagen der Mensch: Wo ist ein Zufluchtsort?

11Und es ist kein Port.

12Bei deinem Herren ist alsdann der feste Hort;

13Und was der Mensch that und was ließ, man sagts ihm dort.

14Ja selber ist der Mensch sein Zeuge,

15Ob er auch leugne. –

16Beweg nicht deine Zunge, daß du mit ihm eilest voran!

17Wir tragen wohlgefaßt dir vor den Koran.

18Und wie wir ihn vortragen, folg dem Koran!

19Und die Erklärung dann vertraun wir deinem Ohr an. –

20Ihr aber liebt das Eilende,

21Vergeßt das Ewigbleibende.

22An jenem Tag Gesichter sind hellscheinende,

23Auf ihren Herren schauende;

24Gesichter sind an jenem Tage trauernde,

25Die denken über sie ergeh' das Schauernde.

26Ja wann die Seele kommt zum Schlunde,

27Und man fragt: wo ist Heilkunde?

28Und er nun merkt, es kommt die Stunde,

29Und Schenkel sich streckt an Schenkel unten;

30Zu deinem Herrn ist dann der schwere Gang gefunden.

31Doch glaubt' er nicht, noch that Gebet,

32Leugnete nur und hat sich gedreht,

33Und gieng nach Hause stolzgebläht.

34Oh weh dir weh

35Dir! weh dir! weh!

36Meint denn der Mensch, daß er frei ohne Hüter geh?

37War er ein Tröpflein nicht, gesäten Samens eh?

38Dann ward er zähes Blut, bis Gott ihn formt' und bildete,

39Und machte so Geschlecht und Eh.

40Sollt' Er nicht haben Macht, daß Todtes aufersteh?

Text: Friedrich Rückert († 1866), Koran-Übertragung, gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE. Hinweis: Auswahl, keine Vollübersetzung — der vollständige Text steht unter Der Koran.