21. Die zehn Reisenden.

1Hareth Ben Hemmam erzählt:

2Ich kam nach Melita mit leichter Seele – und schwer geladnem Kamele; – dann nach niedergelegtem Reisestabe – war ich nur bedacht auf meines Gelds Ausgabe, – hörte nicht auf, dem Wilde der Freude nachzujagen – und den Bronnen der Lust nachzufragen, – und es ging mir niemals aus – Augenweide noch Ohrenschmaus, – noch Ergötzung und Vergnügung – und anmutige Zeitbetrügung. – Als mir nun dort weiter blieb – zu längerem Aufenthalt kein Trieb, – verwandt' ich, was noch nicht war verlaufen – von des Goldes Haufen, – dazu, um Reisegerät zu kaufen. – Und als ich wohlgeschmückt, – von keinem Kummer gedrückt, – war zur Reise ins Feld gerückt, – sah ich einen Trupp von neun Mann, – dessen Aussehn den Blick zog an – und dessen Ansehn das Herz gewann, – die hatten Wein geladen in Schläuchen – und ließen eben ihre Tier' auskeuchen, – gelagert an einem grasigen Bühl, – um zu erwarten das Abendkühl. – Da stieß ich zu ihnen, nicht aus Lust zu zechen, – sondern aus Lust zu sprechen, – nicht gelockt von den Düften ihres Weins, – sondern von den Lüsten ihres Vereins. – Als ich nun eingetreten in den neuen Orden – und der neune zehnter geworden, – fand ich, daß sie nicht waren einer Mutter Kind, – noch eines Hauses Gesind, – sondern zusammengeweht von des Zufalls Wind; – nur daß die Bildung und die Bekanntschaft – zwischen ihnen geschlungen ein Band der Verwandtschaft, – daß sie leuchteten als ein Bild der Eintracht, – wie der Gürtel Orions bei der Nacht. – Als ich nun im stillen den Stern gepriesen, – der mir zu ihnen den Weg gewiesen, – mischte ich meine Unterhaltung in ihre – und mein Tier unter ihre Tiere. – Da ergingen wir uns in des Gespräches Windungen – und durchliefen des Witzes Erfindungen, – bis wir anlangten bei den versteckten Wortverbindungen, – wie wenn einer Heuschrecken im Sinn hat und dich fragt: – wie wird Gräser-Furcht mit einem Wort gesagt? – oder: wie sagst du mit einem Wort gehäbe Röhren? – wenn er Dichterinnen von dir will hören. – Da ließen wir die Pfeile spielen – und sorgten nicht, wohin sie fielen, – vor oder hinter den Zielen; – reihend auf gut Glück an einen Faden – Sonn' und Plejaden, – erntend Datteln und Dörner, – sammelnd Spreu und Körner, – zum besten gebend Spelzen und Spelt, – falsche Münzen und gutes Geld: – die Gabel langte in den Kessel um die Wette – und spießte bald das Magere, bald das Fette. – Da hatte sich unvermerkt unserem Kreis – angeschlossen ein Greis, – dem ausgegangen schien die Behaarung – und eingegangen dafür Erfahrung; – er war wie ein Mann, der hört und sieht, – was um ihn geschieht. – Als er nun merkte, daß uns der Speichel versiegte im Mund – und der Brunnengräber kam auf den Felsengrund, – wandt' er sich spöttisch und ließ uns sein Hinterhaupt schaun, – indem er ausrief: Traun! – nicht alles ist Honig, was braun. – Doch die Gesellschaft sich erhob – und hing an ihm, wie die Eidechs am Baum Thundob; – rufend: Was du zerrissest, das flicke, – oder zur Buße dich schicke. – Du sollst nicht von dieser Stätte, – du bietest denn von deinem Geräte – Bess'res, als das unsre von dir verschmähte. – Als er so sich sah den Weg verrannt – und sich in den Beschwörungskreis gebannt, – sprach er: Lasset das Getöse – und höret, wie ich mich löse. – Da wandt' er sich zum Hauptmann der Gesellschaft und sprach:
1.Du, in der Rennbahn des Geistes tummelnd
Mit Sporn des Scharfsinns des Witzes Gaul,
Nimm dich zusammen in einem Worte
Zusammen fasse mir: Löwen-Maul.Dann lachte er auf den zweiten und sprach:2.Du, dessen feiner Hand die Lösung
Macht nicht des feinsten Knotens bang,
Wie hilfst du dir, wenn du sollst sagen
Mit einem Worte: Gleich dem Klang?Dann blickte er den dritten an und rief:3.Du, auf dessen Gartenbeeten
Wuchert ew'gen Lenzes Grünheit,
Kannst du mit dem Wort mir dienen,
Das in sich hält: Adler-Kühnheit?Dann winkte er dem vierten zu und sagte:4.Du, dessen Glücksgebäude
Gott schirme den Verfall!
Welch Wort ist, das gebietrisch
Stets ruft: Herbei Metall?Dann nickte er gegen den fünften und begann:5.Du! wenn deine schöne Sklavin
Dich bedroht mit einem Grimmchen;
Weißt du wohl mit einem Worte
Ihr zu sagen: Halt ein, Immchen?Dann trat er den sechsten an und sprach:6.O du, auf dessen Wangen
Der Freude Wiederschein ist;
Kannst du ein Wort mir sagen,
Eines, das zweimal rein ist?Dann deutete er auf den siebenten und rief:7.Du, dem das Kleid der Bildung
Den Nacken schön umfloß,
Kannst du mit einem Worte
Mir sagen: Nackt und bloß?Dann lächelte er den achten an und sprach:8.Du, des Geist in Fülle
Blühnder Gärten wohnt,
Sag mit einem Worte:
Klinge, Frühlingsmond!Dann betrachtete er den neunten und rief:9.Du, dessen Mut nicht schaudert
Vorm Dröhnen der Bedränger;
Wie kann mit einem Worte
Man sagen: Klare Sänger?Der Erzähler spricht: Als an mich nun die Reihe kam,
klopfte er mich auf die Schulter und sprach:10.O, der du schätzest nach Würden, was
Man Schönes schreibet und Schönes spricht:
Wie kann man einfach mit einem Worte:
Feld-Narren sagen und anders nicht?Dann rief er: Ich bin noch nicht auf des Fasses Grunde, –
ich muß noch einmal tränken in die Runde. – Worauf
er von vornen anfing – und fragend den ersten anging:11.Kluger. wenn du irgend Träger
Ohne Trage sähest, sage,
Welch ein Wort du brauchen würdest
Statt der beiden: Ohne Trage?Worauf er heranbrach – und den zweiten anstach:12.Edler. wenn dein Vatersbruder
Ging im schlechten Wetter aus,
Könntest du mit einem Worte
Ihm nicht sagen: Ei! nach Haus!Worauf er sich wandte – und auf den dritten spannte:13.Reicher! wer in deinem Hause
Ist's, der lange dir zuvor war?
Nenn ihn mir mit einem Namen,
Welcher sagt: bejahrt und Vorfahr!Worauf er seitwärts schielte – und auf den vierten zielte:14.Weidereicher. dessen Thäler
Stehn von Bergen fest umhagt;
Sage, was in Bergesklüften
Nennt sich: Muhme wohlbetagt?Worauf er blinzte – und es auf den fünften münzte:15.Frommer. schmachtet das Land nach Regen,
Wie viel wert ist ein Tropfen dort!
Betend sage zum Himmel: Feuchte
Schicke! sag es mit einem Wort.Worauf er sich anließ – und den sechsten anblies:16.O Schöner! mögest du mit Glück,
Bestehen alle Fehden!
Nenn einer Schönen Namen, der
Bedeutet: wählte jeden!Worauf er sich rührte – und den siebenten in Versuchung führte:17.Freigebiger! dem teuer
Nicht seine Herden sind;
O sag mit einem Worte:
Schafräuber, komm geschwind!Worauf er sich bückte – und den achten mit dem Gruß beglückte:18.Will denn der Lust des Lebens
Sich mischen Gram ach immer?
Komm, laß mit einem Worte
Uns sagen: Gram ach nimmer!Worauf er vor dem neunten haltend, – ausrief, die Hände faltend:19.O ihr, vor und hinter denen
Liegen Länder unbezirket;
Eh' ihr auseinander scheidet,
Sag ein Wort euch: Freunde, wirket!Worauf er mich begrüßte – und den Abschied versüßte:20.Hast du mit der Sonne
Blicken dich geletzt,
Sag mit einem Seufzer:
Niederwärts zuletzt!

3Da brach die Gesellschaft aus – in Entzückungsbraus, – rufend: Sprich aus, sprich aus! – wer bist du? und wo bist du zu Haus? – Doch er stöhnte wie eine Söhneberaubte – und sprach mit gesenktem Haupte:
Jeder Gebirgsweg ist mein Weg,
Jedes Geheg' ist mein Revier;
Aber Serug ist, wo sich hin
Wendet mein Herz mit Schmerzbegier,
Meiner Erinnerung Jugendbraut,
Von ihr wehet der Wind zu mir.
Von den Abendfliegen durchtönt,
Ihrer geschmückten Gärten Zier;
Was einst dort ich an ihr geschaut,
Zeugt im Auge nun Thränen hier.
Nichts des Lieblichen war mir lieb,
Und nichts Süßes mir süß nach ihr.

4Der Erzähler spricht: Da sprach ich zu den Genossen: – das ist Abu Seid, von Serug entsprossen, – des Geistes ewig wechselnder Farbendunst, – der Schönheit immer wallende Feuersbrunst; – Rätselspiele sind das Geringste seiner Kunst. – Worauf ich anhob mit Brunst, ihnen sein Wert zu rühmen – und sein Verdienst in ihren Augen zu blümen. – Dann wandt' ich mich, siehe, da war er verschwunden, – und seine Spur ward nicht gefunden.

5Erklärung der Rätselworte.
Frage:
Wie sagt man mit einem Worte:Antwort:1.Löwen-MaulLeumund (Leu-Mund).2.Gleich dem KlangWiederhall (wie der Hall).3.Adler-KühnheitArmut (Aar-Mut).4.Herbei MetallKommerz (Komm Erz).5.Halt ein, ImmchenRubinchen (ruh, Bienchen).6.Zweimal reinPurpur (pur pur).7.Nackt, bloßBarbar (bar bar).8.Klinge, FrühlingsmondSchalmei (schall Mai).9.Klare SängerHellebarden (helle Barden).10.Feld-NarrenAutoren (Au-Thoren).11.Ohne Tragesonderbare (sonder Bahre).12.Ei, nach HausOheim (o heim).13.Bejahrt, VorfahrAltan (alt Ahn).14.Muhme wohlbetagtBasalt (Bas' alt).15.Feuchte schickeTausende (Tau sende).16.Wählte jedenKoralle (kor alle).17.Schafräuber, komm geschwindWolfeile (Wohlfeilheit).18.Gram ach nimmerHarmonie (Harm o nie).19.Freunde, wirketBrüderschaft (Brüder schafft).20.Niederwärts zuletztabendlich (ab endlich).

Text: „Die Makamen des Hariri", übertragen von Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.