Kapitel 2
1Rabbi spricht: Welches ist die rechte Handlungsweise, die sich der Mensch auswählen soll? Diejenige, welche zur Ehre gereicht dem, der sie befolgt, und ihm Ehre bringt vor den Menschen. Sei ebenso achtsam auf ein geringes Gebot, wie auf ein wichtiges, denn du kennst nicht die Belohnung der Gebote. Berechne den Verlust durch Gebotsübung ihrem Lohne gegenüber und den Gewinn durch Übertretung ihrem Schaden gegenüber. Denke über drei Dinge nach und du wirst zu keiner Sünde kommen: Wisse, was über dir ist: Ein sehendes Auge, ein hörendes Ohr, und alle deine Taten werden in das Buch eingeschrieben.
2Rabban Gamliel, Sohn R. Jehuda’s des Fürsten, spricht: Schön ist das Torastudium ( verbunden) mit weltlicher Beschäftigung; denn die auf beides gewandte Mühe lässt die Sünde nicht aufkommen, und alles Torastudium ohne Erwerb wird am Ende zu nichte und zieht Sünde nach sich. Alle, die für die Gemeinde tätig sind, sollen sich für sie im Namen Gottes bemühen ; denn das Verdienst ihrer Väter steht ihnen bei, und ihre Frömmigkeit besteht für ewig. Euch aber werde ich reichen Lohn anrechnen, als hättet ihr es getan.
3Seid vorsichtig gegen die Machthaber, denn sie ziehen den Menschen nur aus Eigennutz zu sich heran; sie erscheinen wie Freunde zur Zeit, da man ihnen nutzt, stehen aber dem Menschen nicht bei in der Zeit seiner Not.
4Derselbe spricht ferner: Vollführe seinen Willen wie deinen Willen, auf dass er deinen Willen wie seinen Willen vollführe; hebe deinen Willen vor seinem Willen auf, damit er den Willen Anderer wegen deines Willens aufhebe. Hillel spricht: Sondere dich nicht von der Gemeinde ab; glaube nicht an dich selbst bis zu deinem Todestage; richte deinen Nächsten nicht, bis du in seine Lage gekommen; sprich nicht von einem Worte, es sei nicht möglich, dass man es höre, denn es wird am Ende (dennoch) gehört werden, und sprich nicht: „Wenn ich Muße haben werde, will ich lernen“, vielleicht wirst du nie Muße haben.
5Derselbe spricht: Ein Ungebildeter ist nicht Sündenscheu, ein Unwissender ist nicht fromm, der Verschämte wird nichts lernen, der Heftige kann nicht lehren, wer allzu viel Handel treibt, kann nicht weise werden, und wo es keine Männer gibt, bestrebe dich, ein Mann zu sein.
6Auch sah er einmal einen Schädel auf dem Wasser schwimmen; er sprach zu ihm: Dieweil du ertränkt hast, hat man dich ertränkt, und am Ende werden deine Ertränker auch ertrinken.
7Derselbe spricht ferner: Viel Fleisch, viel Gewürm; viel Güter, viel Sorge; viel Weiber, viel Zauberei; viel Mägde, viel Unzucht; viel Knechte, viel Raub; viel Tora, viel Leben; viel Gelehrten-Vereinigung, viel Weisheit; viel Beratung, viel Einsicht; viel Wohltätigkeit, viel Frieden. Wer einen guten Namen erworben, hat etwas für sich erworben; wer sich die Worte der Tora erworben, hat sich das ewige Leben erworben.
8Rabban Jochanan, Sohn Sakkai’s, empfing von Hillel und Schammai. Er sprach: Hast du viel Tora gelernt, so tue dir darauf nichts zu Gute, denn dazu bist du erschaffen worden. Fünf Schüler hatte Rabban Jochanan, Sohn Sakkai’s; es sind diese: R. Elieser, Sohn Hyrkanos’, R. Josua, Sohn Chananja’s, R. Jose, der Priester, R. Simon, Sohn Nethanel’s, und R. Eleasar, Sohn Arach’s. Er zählte ihre Vorzüge auf: Elieser, Sohn Hyrkanos’, ist eine ausgekalkte Zisterne, die keinen Tropfen verliert; Josua, Sohn Chananja’s — Heil der, die ihn geboren; Jose, der Priester, ist ein Frommer; Simon, Sohn Nethanel’s, ist sündenscheu; Eleasar, Sohn Arach’s, ist gleich einer stets wachsenden Quelle. Er sagte ferner: Wenn alle Weisen Israels in einer Wagschale wären und Elieser, Sohn Hyrkanos’, in der zweiten, würde er sie alle aufwiegen. Abba Saul sagt ein seinem Namen: Wenn alle Weisen Israels in einer Wagschale wären und Elieser, Sohn Hyrkanos’, noch mit ihnen, Eleasar, Sohn Arach’s, aber in der zweiten, würde dieser sie alle aufwiegen.
9Er sagte zu ihnen: Gehet hin und sehet, welches ist der gute Weg, an dem der Mensch festhalten soll? R. Elieser sagte: Ein gutes Auge. R. Josua sagte: Ein guter Genosse. R. Jose sagte: Ein guter Nachbar. R. Simon sagte: Die Folgen voraussehen. R. Eleasar sagte: Ein gutes Herz. Da sprach er zu ihnen: Mir leuchten R. Eleasar’s, des Sohnes Arach’s, Worte mehr ein, als eure Worte; denn in seinen Worten sind eure Worte mit enthalten. — Er sagte ferner zu ihnen: Gehet hin und sehet, welches ist der schlechte Weg, von dem der Mensch sich fernhalten muss? R. Elieser sagte: Ein böses Auge. R Josua sagte: Ein schlechter Genosse. R. Jose sagte: Ein schlechter Nachbar. R. Simon sagte: Borgen und nicht bezahlen. Wenn Einer von Menschen borgt, so ist es so, als borgte er von Gott, denn es heißt (Ps. 37,21): Es leiht der Bösewicht und bezahlt nicht, der Gerechte aber ist mildtätig und verschenkt. R. Eleasar sagte: Ein schlechtes Herz. Da sprach er zu ihnen: Mir leuchten R. Eleasar’s, des Sohnes Arach’s, Worte mehr ein, als eure Worte; denn in seinen Worten sind eure Worte mit enthalten.
10Sie sprachen drei Dinge aus: R. Elieser spricht : Es sei dir die Ehre deines Nächsten so lieb wie die deinige, sei nicht geneigt zu zürnen, und bekehre dich Einen Tag vor deinem Tode. Wärme dich an dem Feuer der Weisen; nimm dich aber vor ihrer Kohle in acht, dass du dich nicht verbrennst, denn ihr Biss ist eines Fuchses Biss, ihr Stich — Skorpiones Stich, ihr Zischen — der Schlange Zischen, und alle ihre Worte sind wie Feuerkohlen.
11R. Josua spricht: Das böse Auge, der böse Trieb und Menschenhass bringen den Menschen aus der Welt.
12R. Jose spricht: Es sei das Vermögen deines Nächsten dir so teuer wie das deinige; rüste dich, die Tora zu lernen, denn sie ist dir keine Erbschaft, und alle deine Handlungen seien im Namen Gottes.
13R. Simon spricht: Sei achtsam auf das Lesen des Schema’ und auf das Gebet, und wenn du betest, betrachte dein Gebet nicht als eine bestimmte Beschäftigung, sondern [es sei] (Inbrunst und) ein Flehen vor Gott; denn es heißt (Joel 2,13): Er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Liebe, und er bedenkt sich wegen des Bösen; und sei kein Bösewicht vor dir selbst.
14R. Eleasar spricht: Sei eifrig zu lernen (Tora und wisse), was du einem Epikuräer zu entgegnen hast; wisse, vor wem du dich mühest, und wer dein Arbeitsherr ist, der dir den Lohn deines Tuns bezahlen wird.
15R. Tarphon spricht: Der Tag ist kurz und die Arbeit groß; die Arbeiter sind faul, und der Lohn ist viel, und der Hausherr drängt.
16Er spricht ferner: Es liegt dir nicht ob, die Arbeit zu vollenden, du bist aber auch nicht soweit frei, dich ihrer zu entledigen. Hast du viel Tora gelernt, gibt man dir großen Lohn, und dein Arbeitsherr ist treu, dass er den Lohn deines Tuns dir zahlen wird; wisse aber, dass die Belohnung der Gerechten im zukünftigen Leben erfolgt.
Text: „Mischnajot mit deutscher Übersetzung und Erklärung" (Berlin 1887–1933, Traktat Avot übers. v. David Hoffmann † 1921), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.