Avoda Sara — Blatt 10a
1der um sechs Jahre zuviel datiert war. Da wollten die Jünger vor Raba entscheiden, der Schuldschein sei [absichtlich] nachdatiert, und man lege ihn zurück, bis diese Zeit heranreicht, ohne währenddessen Exekutionskraft zu haben. Da sprach R. Naḥman: Dieser wurde von einem pedantischen Schreiber geschrieben; er rechnete die sechs Jahre mit, die [die Griechen] nur in E͑lam herrschten, die wir nicht mitrechnen; er ist also richtig datiert.
2Es wird nämlich gelehrt: R. Jose sagte: Sechs Jahre herrschten sie in E͑lam und nachher dehnten sie ihre Herrschaft über die ganze Welt aus.
3R. Aḥa b. Ja͑qob wandte ein: Woher, daß wir nach der Ära der griechischen Herrschaft zählen, vielleicht zählen wir nach dem Auszuge aus Miçrajim, nur lassen wir das erste Jahrtausend fort und zählen nur die Jahre des zweiten Jahrtausends, somit ist dieser Schuldschein ein nachdatierter!? R. Naḥman erwiderte: In der Diaspora zählt man nur nach der Ära der griechischen Herrschaft.
4Jener glaubte anfangs, er wolle ihn nur abweisen, als er aber fortging, dachte er nach und fand folgende Lehre: In der Diaspora zählt man nur nach der Ära der griechischen Herrschaft.
5Rabina sagte: Dies ist auch aus einer Mišna zu entnehmen, denn wir haben gelernt, der erste Nisan sei Jahresanfang der Könige und der Feste, und auf unsere Frage, in welcher Hinsicht dies von Bedeutung sei, erwiderte R. Ḥisda, hinsichtlich [der Datierung von] Urkunden.
6Ferner haben wir gelernt, am ersten Tišri beginne das Kalenderjahr und das Erlaßjahr, und auf unsere Frage, in welcher Hinsicht dies von Bedeutung sei, erwiderte R. Ḥisda, hinsichtlich [der Datierung von] Urkunden, und auf unseren Hinweis auf einen Widerspruch hinsichtlich [der Datierung von] Urkunden wurde erklärt,
7das eine gelte von den jisraélitischen Königen und das andere gelte von Königen der weltlichen Völker; das Regierungsjahr der Könige der weltlichen Völker beginne mit Tišri, und das Regierungsjahr der jisraélitischen Könige beginne mit Nisan.
8Wir aber beginnen das Jahr mit Tišri, und wenn man sagen wollte, es sei nach der Ära des Auszuges aus Miçrajim zu zählen, so müßte man ja das Jahr mit Nisan beginnen; vielmehr ist hieraus zu schließen, daß wir nach der Ära der griechischen Herrschaft zählen. Schließe hieraus.
9DER GENESJATAG IHRER KÖNIGE &C. Was heißt Genesjatag? R. Jehuda erwiderte: Der Tag, an dem der König eingesetzt wurde. — Es wird ja aber gelehrt: der Genesjatag und der Tag, an dem der König eingesetzt wurde!? — Das ist kein Einwand; eines, an dem er selbst, und eines, an dem sein Sohn [eingesetzt wurde]. —
10Wird denn der Sohn eines Königs zum Könige eingesetzt, R. Joseph lehrte ja: Fürwahr, ich habe dich klein unter den Völkern gemacht, sie setzen nicht den Sohn eines Königes zum Könige ein; überaus verachtet bist du, sie haben keine eigene Schrift und keine eigene Sprache!? — Vielmehr, unter Genesjatag ist der Geburtstag zu verstehen. —
11Es wird ja aber gelehrt: der Genesjatag und der Geburtstag!? — Das ist kein Einwand; sein eigener Geburtstag und der seines Sohnes. —
12Es wird ja aber gelehrt: sein Genesjatag, der Genesjatag seines Sohnes, sein Geburtstag und der Geburtstag seines Sohnes!? — Vielmehr, tatsächlich ist unter Genesjatag der Tag zu verstehen, an dem der König eingesetzt wurde, dennoch besteht hier kein Widerspruch; eines, an dem er selbst, und eines, an dem sein Sohn [eingesetzt wurde],
13wenn du aber einwendest, sie setzen ja nicht den Sohn eines Königs zum Könige ein, [so ist zu erwidern,] bei [vorheriger] Umfrage komme dies vor. Auf diese Weise wurde Severus, Sohn des Antoninus, zum Regenten eingesetzt.
14Antoninus sprach zu Rabbi: Ich wünsche, daß mein Sohn Severus an meiner Stelle die Regierung erhalte, und daß Tiberias [freie] Kolonie werde; wenn ich von ihnen eines verlange, so tun sie es, wenn aber beides, so tun sie es nicht. Da ließ er einen Mann kommen und setzte ihn auf die Schultern eines anderen; alsdann gab er dem oberen eine Taube in die Hand und sprach zum unteren: sage dem oberen, daß er die Taube aus seiner Hand fliegen lasse. Da sagte er sich: Wahrscheinlich will er mir folgendes sagen: verlange von ihnen, daß dein Sohn Severus an deiner Stelle die Regierung erhalte, sodann sage dem Severus, daß er Tiberias zu einer [freien] Kolonie mache.
15Einst sprach er zu ihm: Die Patrizier Roms ärgern mich. Da führte er ihn in einen Garten und zog in seiner Gegenwart jeden Tag einen Rettig aus einem Beete. Da sagte er sich: Wahrscheinlich will er mir folgendes sagen: töte sie einzeln, überwirf dich aber nicht mit allen zusammen. —
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.