Avoda Sara — Blatt 10b

1Sollte er es ihm doch offen gesagt haben!? — Er dachte, wenn die Patrizier Roms es hören, bereiten sie mir Unannehmlichkeiten. — Sollte er es ihm leise gesagt haben!? — Es heißt: die Vögel unter dem Himmel entführen den Laut.

2Er hatte eine Tochter namens Gira, die einst etwas Sündhaftes beging, und er sandte ihm Rauke; hierauf sandte ihm jener Koriander. Alsdann sandte ihm dieser Lauch; hierauf sandte ihm jener Lattich.

3Jeden Tag übersandte er ihm zerriebenes Gold in Säcken, die mit Weizen überschichtet waren, und sprach zu [den Boten:] Bringt den Weizen zu Rabbi. Als er aber sagte, er brauche es nicht, er habe selber genug, erwiderte dieser: Mag es für deine Nachkommen bleiben, die es meinen Nachkommen geben werden; die Nachkommen der einen werden es für die Nachkommen der anderen ausgeben.

4Er hatte einen unterirdischen Gang errichtet, der von seiner Wohnung nach der Wohnung Rabbis führte, und jeden Tag nahm er zwei Diener mit, von denen er einen an der Tür Rabbis und den anderen an der Tür seines eigenen Hauses tötete; auch verabredete er mit ihm, daß, wenn er zu ihm komme, kein Mensch bei ihm anwesend sein dürfe.

5Eines Tages traf er bei ihm R. Ḥanina b. Ḥama. Da sprach er: Habe ich dir etwa nicht gesagt, daß, wenn ich zu dir komme, kein Mensch bei dir anwesend sein dürfe!? Dieser erwiderte: Dieser ist kein Menschensohn. Da sprach er zu ihm: Geh, sage dem Diener, der an der Tür schläft, daß er aufstehe und hereinkomme.

6Als R. Ḥanina b. Ḥama hinausging, und ihn tot fand, sprach er: Was mache ich nun: etwa umkehren und berichten, daß er tot sei, so darf man ja keine schlechte Botschaft bringen; lasse ich ihn und gehe fort, so wäre dies ja eine Geringschätzung des Königs. Da flehte er um Erbarmen, ließ ihn lebendig werden und schickte ihn hinein. Hierauf sprach er: Ich weiß wohl, daß der geringste unter euch Tote beleben kann, dennoch soll niemand bei dir sein, wenn ich zu dir komme.

7Jeden Tag pflegte er ihn zu bedienen; er reichte ihm Speise und Trank; wenn Rabbi sich zu Bett legen wollte, legte er sich vor das Bett hin und sprach zu ihm: Steige auf mich und lege dich ins Bett. Jener erwiderte: Es ist nicht schicklich, einen König so weit zu geringschätzen. Dieser entgegnete: Daß ich doch in der zukünftigen Welt dir als Unterlage dienen könnte!

8Hierauf fragte er ihn: Komme ich in die zukünftige Welt? Jener erwiderte: Jawohl. Dieser entgegnete: Es heißt ja aber: vom Hause E͑savs wird nichts übrig bleiben!? — Nur diejenigen, die nach den Taten E͑savs handeln.

9Ebenso wird auch gelehrt: Vom Hause E͑savs wird nichts übrig bleiben; man könnte glauben, überhaupt nichts, so heißt es: vom Hause E͑savs, nur diejenigen, die nach den Taten E͑savs handeln.

10Dieser entgegnete: Es heißt ja aber: da ist Edom, seine Könige und all seine Fürsten!? Jener erwiderte: Seine Könige, nicht aber all seine Könige, all seine Fürsten, nicht aber all seine Herrscher.

11Ebenso wird auch gelehrt: Seine Könige, nicht aber all seine Könige, all seine Fürsten, nicht aber all seine Herrscher. Seine Könige, nicht aber all seine Könige, ausgenommen Antoninus, Sohn des Severus; all seine Fürsten, nicht aber all seine Herrscher, ausgenommen Qeṭia͑, der Sohn Šaloms.

12Welches Bewenden hat es mit Qeṭia͑, dem Sohne Šaloms? — Einst sprach ein Kaiser, der die Juden sehr haßte, zu den Hochgestellten des Reiches: Soll derjenige, der ein Geschwür am Fuße hat, es ausschneiden und leben bleiben, oder es stehen lassen und Schmerzen haben? Diese erwiderten ihm: Er soll es ausschneiden und leben bleiben.

13Da erwiderte Qeṭia͑, der Sohn Šaloms: Erstens wirst du allen nicht beikommen. Es heißt nämlich: ich habe euch in die vier Windrichtungen des Himmels zerstreut. Was meint er damit, wollte man sagen, ich habe euch nach den vier Windrichtungen zerstreut, wieso heißt es demnach in, es sollte ja heißen: nach den vier Windrichtungen!? Vielmehr meint er es wie folgt: wie die Welt ohne Winde nicht bestehen kann, so kann sie auch ohne Jisraél nicht bestehen. Außerdem wird man [dein Reich] ein verstümmeltes Reich nennen.

14Dieser erwiderte: Recht hast du zwar, wer aber den König besiegt, den werfe man in die Gemoniaescalae. Als man ihn abführte, sprach eine Matrone: Wehe dem Schiffe, das ohne Tributschein geht. Da bückte er sich über die Spitze seiner Vorhaut und schnitt sie ab. Hierauf sprach er: Ich habe nun den Tribut entrichtet, jetzt kann ich hinüber. Als man ihn hinabstieß, sprach er: Mein ganzes Vermögen soll R. A͑qiba und seinen Genossen gehören. Da ging R. A͑qiba hinaus und trug vor: Es soll Ahron und seinen Söhnen gehören, die Hälfte Ahron und die Hälfte seinen Söhnen.

15Hierauf ertönte eine Hallstimme und sprach: Qeṭia͑, der Sohn Šaloms, ist für das Lehen der zukünftigen Welt vorgesehen. Darüber weinte Rabbi und sprach: Mancher erwirbt seine Welt in einer Stunde, mancher aber erwirbt sie erst in vielen Jahren.

16Antoninus bediente Rabbi; Adarkhan bediente Rabh. Als Antoninus starb, sprach Rabbi: Der Bund ist aufgelöst! Als Adarkhan starb, sprach Rabh:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.