Bava Batra — Blatt 60b

1Geh jetzt und komm morgen wieder. Nachts ließ er seinen fällen.

2Am folgenden Tage kam jener, und er sprach zu ihm: Geh, fälle ihn. Jener sprach: Der Meister hat ja ebenfalls einen solchen! Dieser erwiderte: Geh, sieh nach, ist meiner nicht gefällt worden, so fälle auch deinen nicht. –

3Welcher Ansicht war er vorher, und welcher Ansicht war er nachher? – Vorher dachte er, die Leute vom öffentlichen Gebiete seien damit einverstanden, weil sie unter dem Schatten sitzen können, als er aber sah, daß sie dies verwehren, ließ er ihn fällen. – Sollte er ihm doch erwidert haben: fälle du deinen, dann fälle ich meinen!? – Wegen einer Lehre des Reš Laqiš, denn dieser sagte:Sammelt euch und sammelt andere, zuerst schmücke dich selbst und nachher schmücke andere.

4WENN MAN DIES ABER WILL, SO RÜCKE MAN [DIE WAND] NACH EINWÄRTS UND LASSE SIE HERVORRAGEN. Sie fragten: Darf man, wenn man [seine Wand] eingerückt hat und solche nicht hervorragen ließ, später solche hervorragen lassen? R. Joḥanan sagt, wenn man eingerückt hat, dürfe man sie [später] hervorragen lassen, und Reš Laqiš sagt, auch wenn man eingerückt hat, dürfe man sie [später] nicht hervorragen lassen.

5R. Ja͑qob sprach zu R. Jirmeja b. Taḥlipha: Ich will es dir erklären: niemand streitet, ob er sie hervorragen lassen darf, sie streiten nur darüber, ob er die Wand zurück nach der [ersten] Stelle schieben darf, und zwar wurde es entgegengesetzt gelehrt: R. Joḥanan sagt, er dürfe es nicht, und Reš Laqiš sagt, er dürfe es wohl.

6R. Joḥanan sagt, er dürfe es nicht, wegen einer Lehre R. Jehudas, denn R. Jehuda sagte, einen Rain, den das Publikum in Besitz genommen hat, dürfe man nicht zerstören; Reš Laqiš sagt, er dürfe es wohl, denn dies gilt nur von dem Falle, wenn kein Platz zurückbleibt, während in diesem Falle Platz zurückbleibt.

7HAT MAN EINEN HOF GEKAUFT, IN DEM VORSPRÜNGE UND ALTANE SIND, SO BLEIBE ES DABEI. R. Hona sagte: Sind sie eingestürzt, so darf man sie wieder aufbauen.

8Man wandte ein: Man darf in der Jetztzeit [die Räume] weder kalken noch täfeln noch bemalen; hat man einen gekalkten, getäfelten oder bemalten Hof gekauft, so verbleibe es dabei; ist er eingestürzt, so darf man ihn nicht wieder aufbauen!? –

9Anders verhält es sich bei einem [religiösen] Verbote.

10Die Rabbanan lehrten: Man darf sein Haus nicht mit Kalk bestreichen; hat man Sand oder Stroh beigemischt, so ist es erlaubt. R. Jehuda sagte: Wenn man Sand beigemischt hat, so ist dies ein Sandkalk, und es ist verboten, wenn aber Stroh, so ist es erlaubt.

11Die Rabbanan lehrten: Als der Tempel zerstört wurde, mehrten sich die Enthaltsamen in Jisraél, die weder Fleisch aßen noch Wein tranken. Da gesellte sich R. Jehošua͑ zu ihnen und sprach: Kinder, weshalb esset ihr kein Fleisch und trinket keinen Wein? Sie erwiderten ihm: Wie sollten wir Fleisch essen, das auf dem Altar dargebracht wurde, was nun auf gehört hat; wie sollten wir Wein trinken, der auf den Altar gegossen wurde, was nun auf gehört hat!?

12Er erwiderte ihnen: Demnach sollten wir auch kein Brot essen, weil die Speisopfer aufgehört haben. – Man kann mit Früchten auskommen. – Wir sollten auch keine Früchte essen, weil die [Darbringung der] Erstlinge aufgehört hat. – Man kann mit anderen Früchten auskommen. – Wir sollten auch kein Wasser trinken, da die Wasserprozession aufgehört hat. Da schwiegen sie.

13Darauf sprach er zu ihnen: Kinder, kommt, ich will euch sagen; überhaupt nicht zu trauern ist nicht angängig, wo doch das Unglück verhängt worden ist; aber auch übermäßig trauern ist nicht angängig, denn man darf der Gemeinde nur dann eine erschwerende Bestimmung auferlegen, wenn die Mehrheit derselben sie ertragen kann, denn es heißt:mit dem Fluche seid ihr belegt, mich betrügt ihr, das ganze Volk.

14Vielmehr sagten die Weisen, man bestreiche sein Haus mit Kalk und lasse etwas zurück. – Wieviel? R. Joseph erwiderte: Eine Elle im Geviert. R. Ḥisda sagte: Gegenüber der Tür.

15Man genieße bei der Mahlzeit alles, was zu dieser gehört, und lasse etwas zurück. – Was ist dies? R. Papa erwiderte: Die Fischspeise.

16Eine Frau schmücke sich mit allen kosmetischen Mitteln und lasse etwas zurück. – Was ist dies? Rabh erwiderte: Die Stelle an den Schläfen. Denn es heißt:wenn ich deiner vergesse, Jerušalem, so versage meine Rechte. Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen &c.

17Was heißt: auf dem Haupte meiner Freude? R. Jiçḥaq erwiderte: Das ist die Herdasche auf dem Haupte des Bräutigams. R. Papa fragte Abajje: Auf welche Stelle lege man sie? – Da, wo die Tephillin angelegt werden, denn es heißt:daß er den Trauernden Çijions zulege, ihnen Schmuck statt Asche zu verleihen.

18Wer über Jerušalem trauert, dem ist es beschieden, an ihrer Freude teilzunehmen, denn es heißt: freut euch mit Jerušalem &c.

19Es wird gelehrt: R. Jišma͑él b. Eliša sagte: Eigentlich wäre es billig, daß wir über uns verhängen, seit dem Tage, an dem der Tempel zerstört wurde, kein Fleisch zu essen und keinen Wein zu trinken; aber man darf über die Gemeinde nur dann eine erschwerende Bestimmung verhängen, wenn die Mehrheit derselben sie ertragen kann.

20Und eigentlich sollten wir, seitdem die ruchlose Regierung sich über Jisraél ausgedehnt hat, über uns schwere Bestimmungen verhängt, uns von der Tora und [der Ausübung der] Religionsvorschriften zurückhält und uns auch die Beschneidung verbietet, über uns verhängen, keine Frauen zu nehmen und keine Kinder zu zeugen, und dann würde die Nachkommenschaft Abrahams von selber eingehen.

21Aber man lasse Jisraél gewähren; lieber mögen sie unvorsätzlich fehlen, als vorsätzlich freveln.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.