Bava Mezia — Blatt 84b

1Dennoch hatte sich R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n mit seinem Gewissen nicht abgefunden, und nahm daher Züchtigungen auf sich. Abends legte man ihm sechzig Polsterdecken unter und morgens schöpfte man unter ihm sechzig Wannen Blut und Eiter.

2Am Morgen bereitete ihm seine Frau sechzig verschiedene Speisen; diese aß er und genas. Seine Frau ließ ihn auch nicht ins Lehrhaus gehen, damit die Rabbananihn nicht bedrängen.

3Abends pflegte er zu ihnenzu sagen: Brüder und Freunde, kommt heran, morgens aber pflegte er zu ihnen zu sagen: geht fort, wegen der Störung des Torastudiums. Eines Tages hörte dies seine Frau, da sprach sie zu ihm: Du selber bringst sie über dich und hast bereits das Vermögen meines väterlichen Hauses durchgebracht. Da widersetzte sie sich ihm und ging zu ihren Eltern.

4Hierauf kamen Seefahrerund sandten ihm sechzig Sklaven, die sechzig Geldbeutel trugen; diese bereiteten ihm sechzig verschiedene Speisen, die er aß.

5Eines Tages sprach [seine Frau] zu ihrer Tochter: Geh, erkundige dich, was dein Vater jetzt macht. Als sie zu ihm kam, sprach er zu ihr: Geh und sage deiner Mutter: unser [Vermögen] ist größer als ihres. Da las er über sich :sie gleicht den Schiffen eines Kaufmanns, von fernher bringt sie ihre Nahrung herbei. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, ging er ins Lehrhaus,

6wo man ihm sechzig Arten Blutbrachte, und er erklärte sie als rein. Die Rabbanan aber räsonnierten über ihn und sprachen: Ist es denn möglich, daß unter diesen sich keine befindet, über die ein Zweifelobwaltet!? Da sprach er zu ihnen: Habe ich recht, so mögen alle [Kinder]Knaben sein, wenn aber nicht, so sei ein Mädchen darunter. Alle waren sie aber Knaben, und man benamste sie nach ihm Elea͑zar.

7Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Wie hat doch diese Ruchlosedie Fortpflanzung in Jisraél beeinträchtigt!

8Als er im Sterben lag, sprach er zu seiner Frau: Ich weiß, daß die Rabbanan mir zürnen und sich mit mir nicht nach Gebühr befassen werden; lasse mich in meinem Söller liegen und fürchte dich nicht vor mir. R. Šemuél b. Naḥmani sagte: Mir erzählte die Mutter R. Jonathans, die Frau des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n habe ihr folgendes erzählt. Nicht weniger als achtzehn und nicht mehr als zweiundzwanzig Jahre ließ ich ihn in seinem Söller liegen.

9Wenn ich zu ihm hinaufging, untersuchte ich sein Haar, denn wenn ich eines herauszog, kam Blut hervor. Eines Tages sah ich einen Wurm aus seinem Ohre hervorkommen, und ich wurde beunruhigt. Darauf erschien er mir im Traume und sprach zu mir: Es ist nichts; ich hatte eines Tages die Beschimpfung eines Gelehrten mit angehört und es nicht gebührend zurückgewiesen.

10Wenn zwei zu Gericht kamen, standen sie an der Tür; der eine trug sein Anliegen vor und der andere trug sein Anliegen vor. Darauf ging eine Stimme aus dem Söller aus und sprach: du N. hast unrecht und du N. hast recht. Eines Tages zankte seine Frau mit einer Nachbarin, und diese sprach zu ihr: Möge es dir so ergehen, wie deinem Manne, der nicht zu Grabe gekommen ist! Hierauf sprachen die Rabbanan: Soweit ist es sicher nicht schicklich.

11Manche erzählen, R. Šimo͑n b. Joḥaj erschien ihnen im Traume und sprach zu ihnen : Eine Taube habe ich unter euch, und ihr wollt sie mir nicht bringen! Darauf gingen die Rabbanan hin, um sich mit ihm zu befassen ; die Bewohner von A͑khbarja ließen esaber nicht zu, denn während der ganzen Zeit, während welcher R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n auf seinem Söller schlummerte, kam kein wildes Tier in ihre Stadt.

12Eines Tages, es war am Vorabend des Versöhnungstages, waren diese sehr beschäftigt; da teilten die Rabbanan es den Einwohnern von Biri mit, und diese legten ihn auf eine Bahre und brachten ihn zur Gruft seines Vaters, die aber von einer Schlange umschlungen war. Da sprachen sie zu ihr: Schlange, Schlange, öffne deinen Mund, damit der Sohn zu seinem Vater hineinkomme. Da öffnete sie ihn.

13Hierauf sandte Rabbi und ließ um seine Frau werben ; da ließ sie ihm erwidern: Wie sollte ein Gefäß, das zu Heiligem benutzt worden ist, für Profanes benutzt werden!? Dortpflegen sie zu sagen: An der Stelle, wo der Hausherr seine Waffen aufhängt, hängt der gemeineHirt seinen Wasserkrug auf. Hierauf ließ er ihr sagen: Zugegeben, daß er in der Tora bedeutender war als ich, aber war er etwa auch an guten Werken bedeutender als ich!? Da ließ sie ihm erwidern: In der Tora war er also bedeutender als du, was ich allerdings nicht weiß, von den [guten] Werken aber weiß ich es, denn er nahm Züchtigungen auf sich. –

14Welches Bewenden hat es mit seiner Größe in der Tora? – Wenn R. Šimo͑n b. Gamliél und R. Jehošua͑ b. Qorḥa auf Bänkensaßen, saßen R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n und Rabbivor ihnen auf der Erde und replizierten und duplizierten.

15Darauf sprachen sie: Wir trinken ihr Wasser, und sie sitzen auf der Erde! Hierauf stellte man auch ihnen Bänke auf und setzte sie auf diese.

16Da sprach R. Šimo͑n b. Gamliél : Eine Taube habeich unter euch, und ihr wollt, daß ich sie verliere! Da setzten sie Rabbi hinunter. Darauf sprach R. Jehošua͑ b. Qorḥa zu ihnen: Wer einen Vater hat, soll leben, und wer keinen Vater hat, soll sterben!? Alsdann setzten sie auch R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n hinunter. Da wurde er betrübt und sprach: Ihr stellt ihn mir gleich!

17Bis zu jenem Tage pflegte, wenn Rabbi etwas vorbrachte, R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n ihn zu unterstützen, von dann ab aber pflegte, wenn Rabbi sagte: ich habe etwas einzuwenden, R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n zu entgegnen : dies und jenes hast du einzuwenden, das aber ist zu erwidern; du überschüttest uns mit Haufen von gehaltlosen Einwendungen.

18Als Rabbi dadurch betreten wurde und sich bei seinem Vater beklagte, sprach dieser zu ihm: Mein Sohn, gräme dich nicht; er ist ein Löwe, ein Sohn eines Löwen, du aber bist ein Löwe, ein Sohn eines Fuchses.

19Das ist es, was Rabbi gesagt hat: Drei Bescheidene sind es, und zwar: mein Vater,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.