Bava Mezia — Blatt 85a

1die Söhne Betheras, und Jonathan, der Sohn Šaúls. R. Šimo͑n b. Gamliél, wie wir bereits erzählt haben. Die Söhne Betheras, denn der Meister sagte: Sie setzten ihnan die Spitze und wählten ihn zum Fürsten. Jonathan, der Sohn Šaúls, denn er sagte zu David :du wirst König über Jisraél sein und ich werde der zweite nach dir sein. –

2Wieso dies, vielleicht [sagte es] Jonathan, der Sohn Šaúls, weil er sah, daß sich alle Welt David zuwandte, und die Söhne Betheras, weil sie sahen, daß Hillel bedeutender war als sie, R. Šimo͑n b. Gamliél aber war entschieden bescheiden.

3Rabbi sagte: Lieb sind die Züchtigungen; er nahm sie auf sich dreizehn Jahre, sechs durch Blasenstein und sieben durch Scharbock. Manche sagen, sieben durch Blasenstein und sechs durch Scharbock.

4Der Stallmeister Rabbis war reicher als der König Sapor; wenn er den Tieren Futter verabreichte, hörte man den Lärm drei Mil, und er achtete darauf, es ihnen dann zu verabreichen, wenn Rabbi auf den Abort ging; dennoch übertönte seine Stimmeihren Lärm, sodaß alle Seefahrer sie hören konnten.

5Trotzdem waren die Züchtigungen des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n bevorzugter, als die des Rabbi. Bei R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n kamen sie aus Liebeund gingen aus Liebe, dagegen kamen sie bei Rabbi durch ein Ereignis und gingen durch ein Ereignis. –

6Durch welches Ereignis kamen sie? – Einst führte man ein Kalb zum Schlachten; da versteckte es den Kopf in den Rockzipfel Rabbis und weinte. Er aber sprach zu ihm: Geh, dazu bist du ja erschaffen worden! Darauf sprachen sie: Weil er kein Mitleid hatte, mögen Züchtigungen über ihn kommen. –

7Durch welches Ereignis gingen sie? – Eines Tages fegte die Magd Rabbis das Haus, und fegte junge Wiesel, die da lagen, mit fort; da sprach er zu ihr: Laß sie, es heißt:sein Erbarmen erstreckt sich auf all seine Werke. Darauf sprachen sie: Weil er Mitleid hatte, wollen wir mit ihm Mitleid haben.

8Während der ganzen Schmerzensjähre R. Elea͑zars starb kein Mensch vorzeitig; und während der ganzen Schmerzensjahre Rabbis brauchte die Welt keinen Regen. Rabba b. R. Šila sagte nämlich: Ein Regentag ist ebenso unangenehm wie der Tag des Gerichtes. Ferner sagte Amemar: Wenn die Welt seiner nicht benötigte, so würden die Rabbanan um Erbarmen gefleht und ihn abgeschafft haben. Dennoch war, wenn man einen Rettig aus dem Beete zog, die Lücke voll Wasser.

9Einst kam Rabbi in die Heimatstadt des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n, und er fragte: Hat dieser Fromme einen Sohn hinterlassen? Man erwiderte ihm: Er hat einen Sohn hinterlassen, und jede Hure, die sich um zwei verdingt, dingt ihn um acht. Hierauf ließ er ihn holen, ordinierte ihn und übergab ihnR. Šimo͑n, dem Sohne des Isi b. Laqonja, dem Bruder seiner Mutter.

10Jeden Tag sagte er, er wolle nach seinem Heimatsdorfe zurück, dieser aber sprach zu ihm : Man machte dich zum Gelehrten, man hüllte dich in ein goldenes Gewand und man nennt dich Rabbi, du aber sagst, du willst in dein Heimatsdorf zurück! Da erwiderte er: Ich schwöre, daß ich damit aufhöre. Als er groß ward und in das Lehrhaus Rabbis kam und dieser seine Stimme hörte, sprach er : Dessen Stimme gleicht der des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n. Sie erwiderten ihm, es sei sein Sohn.

11Darauf las er über ihn :Die Frucht des Frommen ist ein Baum des Lebens und Seelen erwirbt ein Weiser. Die Frucht des Frommen ist ein Baum des Lebens, das ist R. Jose, Sohn des R. Elea͑zar b. R. Šimo͑n ; und Seelen erwirbt ein Weiser, das ist R. Šimo͑n, Sohn des Isi b. Laqonja.

12Als er starb und man ihn zur Gruft seines Vaters brachte, war diese von einer Schlange umschlungen. Da sprachen sie zu ihr: Schlange, Schlange, öffne deinen Mund, damit der Sohn zu seinem Vater hineinkomme. Diese aber öffnete ihn nicht, und das Volk glaubte, der eine sei bedeutender als der andere;

13da ertönte eine Hallstimme und sprach: Nicht weil der eine bedeutender ist als der andere, sondern weil der eine die Leiden der Höhle mitgemachtund der andere die Leiden der Höhle nicht mitgemacht hat.

14Einst kam Rabbi in die Heimatstadt R. Tryphons, er fragte: Hat dieser Fromme einen Sohn hinterlassen? Dieser pflegte nämlich seine Söhne niederzuschlagen? Man erwiderte ihm: Einen Sohn nicht, aber einen Tochterssohn hat er hinterlassen, und jede Hure, die sich um zwei verdingt, dingt ihn um acht.

15Da ließ er ihn holen und sprach zu ihm : Wenn du Buße tust, so gebe ich dir meine Tochter. Da tat er Buße. Manche sagen, er heiratete sie und ließ sich von ihr scheiden, und manche sagen, er heiratete sie überhaupt nicht, damit man nicht sage, er habe nur ihretwegen Buße getan. –

16Wozu tat er dies alles!? – R. Jehuda sagte im Namen Rabhs, manche sagen, R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans, und manche sagen, R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans : Wer den Sohn seines Nächsten die Tora lehrt, dem ist es beschieden, im himmlischen Kollegium zu sitzen, denn es heißt :wenn du zurückkehren machst, so werde ich dich zurückbringen, und du wirst vor mir stehen.

17Und wenn jemand den Sohn eines Menschen aus dem gemeinen Volke die Tora lehrt, so hebt der Heilige, gepriesen sei er, wenn er ein Verhängnis beschlossen hat, es seinetwegen auf, denn es heißt:und wenn du Köstliches hervorbringst aus Gemeinem, so sollst du wie mein Mund sein.

18R. Parnakh sagte im Namen R. Joḥanans: Wenn jemand Gelehrter ist und sein Sohn Gelehrter ist und der Sohn seines Sohnes Gelehrter ist, so weicht die Tora nicht mehr von seinen Nachkommen, denn es heißt :und dieses mein Bund mit ihnen &c. es soll nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deiner Kinder und der Kinder deiner Kinder, sprach der Herr, von jetzt ab bis in alle Ewigkeit. –

19Was heißt: sprach der Herr? – Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: ich bürge dir dafür. – Was heißt: von jetzt ab bis in alle Ewigkeit? R. Jirmeja erklärte: Von da ab und weiter kehrt die Tora immer wieder in ihrer Herberge ein.

20R. Joseph verbrachte vierzig Tage im Fastenund man las ihmvor :es soll aus deinem Munde nicht weichen. Hierauf verbrachte er wiederum vierzig Tage im Fasten, und man las ihm vor: es soll nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deiner Kinder. Hierauf verbrachte er wiederum hundert Tage im Fasten, und man las ihm vor: es soll nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deiner Kinder und aus dem Munde der Kinder deiner Kinder. Alsdann sprach er: Nun brauche ich nichts weiter, denn die Tora kehrt immer wieder in ihrer Herberge ein.

21Als R. Zera nach dem Jisraéllande hinaufging, verbrachte er hundert Tage im Fasten, daß er den babylonischen Talmud vergesse, damit dieser ihn nicht verwirre. Hierauf verbrachte er wiederum hundert Tage im Fasten, daß R. Elea͑zar nicht bei seinen Lebzeiten sterbe, und die Gemeindeangelegenheiten nicht ihm zur Last fallen. Und hierauf verbrachte er abermals hundert Tage im Fasten, daß das Feuer der Hölle keine Gewalt über ihn habe.

22Alle dreißig Tage untersuchte er sich diesbezüglich; er heizte einen Ofen, stieg in diesen hinein und setzte sich hin, das Feuer aber hatte keine Gewalt über ihn. Eines Tages richteten die Rabbanan ihre Augen auf ihn, und er verbrannte sich die Schenkel. Da nannte man ihn: der Kleine mit den verbrannten Schenkeln.

23R. Jehuda sagte im Namen Rabhs : Es heißt :wer ist der weise Mann, der dies begreife, und wer, zu dem der Mund des Herrn geredet, daß er es verkünde: weshalb ist das Land zugrunde gegangen?

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.