Bechorot — Blatt 24a
1wozu sagt er, die Halakha sei wie R. Jose b. Hamešullam? –
2Würde er nur gesagt haben, die Halakha sei im ganzen Abschnitte, nicht aber besonders von R. Jose b. Hamešullam, so könnte man glauben, er meine die des R. Jose b. Hamešullam, und spreche nur deshalb vom ganzen Abschnitte, weil R. Jose zweierlei lehrt, der Streit der Barajtha aber sei von Bedeutung;
3daher lehrt er, die Halakha sei wie R. Jose, um anzudeuten, daß er R. Šimo͑n b. Gamliél meine, und der Streit der Barajtha sei bedeutungslos. –
4Was ist dies für eine Barajtha? – Es wird gelehrt: Wenn jemand ein säugendes Vieh von einem Nichtjuden kauft, so ist das folgende [Junge] ein zweifelhaftes Erstgeborenes, weil es Mitleidhat, auch wenn es nicht geworfen hat. R. Šimo͑n b. Gamliél sagt, man lasse es beim bisherigen Zustande.
5Ebenso sagte R. Šimo͑n b. Gamliél: Wer nachts in seine Herde kommt und zehn oder fünfzehn Erstgebärende und Nichterstgebarende werfen sieht, und am folgenden Morgen die männlichen an den Nichterstgebärenden und die weiblichen an den Erstgebärenden hangen sieht, braucht nicht zu befürchten, das Junge der einen könnte zur andren gekommen sein.
6Sie fragten : Sind die Worte des R. Šimo͑n b. Gamliél, man lasse es beim bisherigen Zustande, zu verstehen, es habe nur dann Mitleid, wenn es geworfen hat, sodaß man, wenn es geworfen hat, Mitleid berücksichtige, oder aber, es habe Mitleid nur mit dem eignen [Jungen], nicht aber mit einem fremden? –
7In welcher Hinsicht ist dies von Bedeutung? – Ob dieserhalb zu geißeln ist wegen eines Tieres mit seinemJungen : wenn du sagst, es habe Mitleid nur mit dem eigenen [Jungen] und nicht mit einem fremden, ist dieserhalb zu geißeln, und wenn du sagst, es habe Mitleid auch mit einem fremden, ist dieserhalb nicht zu geißeln.
8Wie ist es nun? – Komm und höre: R. Šimo͑n b. Gamliél sagte: Wer ein Vieh von einem Nichtjuden gekauft hat, braucht nicht zu befürchten, es war vielleicht das Junge eines andren. – Es heißt ja nicht ‘ist’, sondern ‘war’. Er meint es wie folgt: man braucht nur dann zu befürchten, es könne das Junge eines andren sein, wenn es bereits ein Junges hatte. –
9Komm und höre: Wer in seine Herde kommt und die Erstgebärenden und die Nichterstgebärenden säugen sieht, braucht nicht zu befürchten, das Junge der einen könnte zur anderen und das Junge der anderen könnte zu dieser gekommen sein.
10Weshalb denn, man sollte doch befürchten, [das Vieh] hatte vielleicht Mitleid!? – Wenn es ein eignes hat, läßt es nicht seines und hat Mitleid mit einem fremden. –
11Komm und höre: Man lasse es beim bisherigen Zustande &c. Der Anfangsatz gleicht wohl dem Schlußsatze : wie es im Schlußsatze entschieden sein eignes ist, ebenso auch im Anfangsatze entschieden sein eignes. –
12Wieso denn, der eine so und der andere anders. – Was heißt demnach ‘ebenso’? – Dies bezieht sich auf die Befreiungvon der Erstgeburtspflicht.
13Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen R. Joḥanans: Wenn man ein Ferkel hinter einem Schafe herlaufen sieht, so ist es erstgeburtsfrei, und jenes zum Essenverboten.Bis er kommt und euch Gerechtigkeit lehrt.
14Erstgeburtsfrei, doch wohl nach R. Šimo͑n b. Gamliél, und zum Essen verboten, nach den Rabbanan!?
15Und wieso heißt es ferner nach den Rabbanan: bis er kommt und euch Gerechtigkeit lehrt, es sollte doch heißen: bis die Sache dir bekanntist!?
16Wolltest du erwidern, ihm sei es zweifelhaft, ob die Halakha wie R. Šimo͑n b. Gamliél oder wie die Rabbanansei, wieso ist es, wenn es ihm zweifelhaft ist, erstgeburtsfrei!? Und ist es ihm denn ferner zweifelhaft, Rabba b. Bar Ḥana sagte ja im Namen R. Joḥanans, überall, wo R. Šimo͑n b. Gamliél etwas in unsrer Mišna lehrt, sei die Halakha wie er, ausgenommen die Lehren vom Bürgen, von Çajdanund vom nachträglichen Beweise!? –
17Tatsächlich ist es ihm entschieden, daß die Halakha wie R. Šimo͑n b. Gamliél sei, jedoch ist es ihm zweifelhaft, ob R. Šimo͑n b. Gamliél der Ansicht ist. die Gebärende habe Mitleid, oder die Gebärende habe kein Mitleid. – Wieso lehrt er es demnach von einem Ferkel, sollte er es doch von einem Lamme lehren, und zwar hinsichtlich der Geißelung wegen eines Tieres mit seinem Jungen!? –
18Dies ist von einem Ferkel zu lehren nötig. Würde er es von einem Lamme gelehrt haben, so könnte man glauben, selbst wenn man annimmt, er sei der Ansicht, die Gebärende habe Mitleid, gelte dies nur von derselben Art, nicht aber von einer andren Art, daher lehrt er es von einem Ferkel, daß man nämlich auch bei einer fremden Art Mitleid annehme.
19Das ist es, was R. Joḥanan sagte.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.