Bechorot — Blatt 8b

1Es heißt nicht: vor allem Geliere und vor allem Vieh, sondern: vor allem Vieh und vor allem Geliere, verflucht sei sie nämlich vor dem Vieh, das mehr verflucht ist als das Getier. –

2Vielleicht aber: wie das Vieh dreimal mehr verflucht ist als das Getier, nämlich die Ziege als die Katze, ebenso ist sie dreimal mehr verflucht als das Vieh, das sind also fünfzehn Monate!? –

3Wenn du willst, sage ich, es heißt: vor allem Vieh, und wenn du willst, sage ich: verflucht, man belege sie mit [dem größten] Fluche.

4Der Kaiser fragte R. Jehošua͑ b. Ḥananja: Wieviel beträgt bei der Schlange die Zeit von der Schwängerung bis zur Geburt? Dieser erwiderte : Sieben Jahre. – Aber die Greise des Athenäums ließen ja eine begatten, und sie gebar nach drei!? – Jene war bereits seit vier Jahren schwanger. – Sie ließ sich ja aber begatten!? – Sie ließ sich trotzdem begatten, wie auch der Mensch. –

5Jene sind ja aber weise!? – Wir sind weiser als sie. – Wenn ihr weiser seid, so geh und besiege sie, und bringe sie zu mir. Da sprach er zu ihm: Wieviel sind ihrer? – Sechzig Mann.

6Hierauf sprach er zu ihm: Baue mir ein Schiff, das sechzig Kammern hat, und sechzig Sessel in jeder Kammer. Da baute er ihm ein solches. Als er dort angekommen war, ging er zu einem Schlächter hinein, und als er einen Mann ein Vieh abhäuten sah, sprach er zu ihm: Ist dein Kopf zu verkaufen? Dieser erwiderte: Jawohl. Jener fragte: Um wieviel? Dieser erwiderte: Um einen halben Zuz. Da gab er ihn ihm.

7Hieraufsprach er zu ihm: Ich sprach mit dir vom Kopfe des Viehs. Jener erwiderte: Willst du, daß ich von dir lasse, so gehe vor mir und zeige mir die Tür des Athenäums. Dieser sprach: Ich fürchte mich, denn wer sie zeigt, den töten sie. Jener erwiderte: Trage ein Bündel Rohr, und wenn du da herankommst, setze es ab, als wolltest du ausruhen.

8Als er hinkam, fand er Wächter von innen und Wächter von außen. Sahen sie die Fußspuren eines Eintretenden, töteten sie die Außenwächter, und wenn eines Hinausgehenden, so töteten sie die Innenwächter.

9Da drehte er seine Sandalen um, und sie töteten die Innenwächter, und hierauf drehte er sie abermals um und sie töteten sie alle.

10Als er nun die Jungen oben und die Greise unten fand, dachte er: begrüße ich diese, so töten mich jene, denn die einen sagen, sie seien bedeutender, [und die anderen sagen,] sie seien älter und jene jünger. Da spracher: Friede mit euch!

11Sie sprachen zu ihm: Was willst du? Er erwiderte: Ich bin der Weise der Juden und möchte von euch Weisheit lernen. – Wenn dem so ist, so wollen wir dich manches fragen. Er erwiderte: Es sei; besiegt ihr mich, so tut mit mir alles, was ihr wollt, und besiege ich euch, so speiset mit mir auf meinem Schiffe.

12Da sprachen sie zu ihm: Soll, wer eine Frau verlangt, und man sie ihm nicht gibt, zu einer andren gehen, die höher steht als jene? Da nahm er einen Pflock und stieß ihn unten, und er drang nicht hinein, alsdann stieß er ihn oben, und er drang hinein. Hierauf sprach er : Auch dieser kann seine Bestimmte finden. –

13Soll, wer Geld verliehen hat und vollstrecken mußte, wiederum verleihen? Er erwiderte: Wer in den Wald geht, und das erste Bündel fällt und es nicht heben kann, fällt weiter, legt es zu jenem, bis er jemand findet, der ihm hilft.

14Hierauf sprachen sie zu ihm : Erzähle uns eine Hyperbel. Da sprach er zu ihnen: Einst warf ein Maulesel ein Junges, dem [am Hals] ein Zettel hing, worauf geschrieben stand, daß er von seinem Vater tausend Zuz zu fordern habe. Sie entgegneten ihm : Kann denn ein Maulesel werfen? Er erwiderte ihnen: Dies ist eben eine Hyperbel. –

15Womit salze man Salz, wenn es übelriechend wird? Er erwiderte ihnen : Mit der Nachgeburt eines Maulesels. – Hat denn ein Maulesel eine Nachgeburt!? – Kann denn Salz übelriechend werden!? –

16Baue uns ein Haus in der Luft. Da sprach er den Gottesnamen, blieb zwischen Himmel und Erde schweben und sprach zu ihnen: Reicht mir Ziegelsteine und Mörtel. – Wo ist die Mitte der Welt? Da erhob er seinen Finger und sprach : Hier. Sie sprachen zu ihm : Wer beweist dies? – Holet Stricke und messet nach. –

17Wir haben eine Grube auf dem Felde, bringe sie uns nach der Stadt. Da sprach er zu ihnen. Dreht mir Stricke aus Kleie, so will ich sie holen. – Wir haben eine zerbrochene Mühle, nähe sie uns zusammen.

18Er erwiderte: Dreht mir daraus Fäden, so will ich sie zusammennähen. – Womit mähe man ein Beet Messer? –

19Mit einem Eselshorn. – Hat denn ein Esel Hörner!? – Gibt es denn ein Beet von Messern!? Hierauf brachten sie ihm zwei Eier und sprachen zu ihm: Welches ist von einer schwarzen Henne und welches von einer weißen Henne? Da brachte er ihnen zwei Käse, und sprach zu ihnen: Welcher ist von einer schwarzen Ziege und welcher von einer weißen Ziege? –

20Wenn ein Kükenstirbt, wo geht die Seele hinaus? – Wo sie hineinkam, da kommt sie heraus. – Zeige uns eine Sache, die den [durch sie angerichteten] Schaden nicht wert ist. Da holte er eine Matte und breitete sie aus, und da sie durch die Tür nicht hineinging, sprach er zu ihnen : Holet eine Axt und reißet [die Wand] nieder. Diese ist eine Sache, die den [durch sie angerichteten] Schaden nicht wert ist.

21Hierauf lud er sie einzeln ein, und jeder dachte, als er sechzig Sessel sah, auch all seine Gefährten kommen her. Alsdann sprach er zum Kapitän: Löse das Schiff. Als sie abreisten, nahm er Erde von ihrer Erde mit, und als sie zu den Schluchtenkamen, nahm er aus den Schluchten ein Gefäß mit Wasser.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.