Berachot — Blatt 16a
1Zelte und Bäche stehen deshalb nebeneinander, wie es heißt: wie Bäche sich hinstrecken, wie Gärten am Fluß, wie Zelte auf geschlagen &c., um dir zu sagen: wie die Bäche den Menschen aus Unreinheit in Reinheit bringen, so bringen auch die Zelte den Menschen aus der Wagschale der Schuld in die Wagschale des Verdienstes.
2WER RÜCKWÄRTS LIEST, GENÜGT SEINER PFLICHT NICHT.
3R. Ami und R. Asi errichteten für R. Elea͑zar einen Hochzeitsbaldachin, und er sprach zu ihnen: Mittlerweile will ich ins Lehrhaus gehen, um etwas zu hören; dann komme ich zurück und sage es euch. Da ging er hin und traf einen Schüler vor R. Joḥanan rezitieren:
4Wer beim Šema͑lesen sich verirrt und nicht weiß, an welcher Stelle er sich verirrt hat, beginne wieder, falls es in der Mitte des Absatzes geschehen, mit dem Anfang des Absatzes, falls zwischen zwei Absätzen, mit dem ersteren Absätze, und wenn zwischen den beiden [Sätzen] vom Schreiben, mit dem ersten.
5R. Joḥanan rief ihm zu: Sie lehrten dies nur von dem Falle, wenn er [den Satz:] damit sich mehren euere Tage, noch nicht begonnen, hat er ihn aber begonnen, so wird er wohl gewohnheitsmäßig fortgesetzt haben.
6Als er zurück kam und es ihnen sagte, sprachen sie zu ihm: Wären wir gekommen, nur um diese Sache zu hören, so hätten wir genug.
7HANDWERKER DÜRFEN AUF DER SPITZE DES BAUMES UND AUF DER HÖHE DES GERÜSTES DAS ŠEMA͑ LESEN, NICHT ABER SO DAS GEBET VERRICHTEN.
8DER BRÄUTIGAM IST IN DER ERSTEN NACHT, UND FALLS ER DEN AKT NOCH NICHT VOLLZOGEN HAT, BIS ZUM ŠABBATHAUSGANGE, VOM ŠEMAA͑LESEN BEFREIT. ALS EINST R. GAMLIÉL, ALS ER EINE FRAU NAHM, IN DER ERSTEN NACHT DAS ŠEMA͑ LAS, SPRACHEN SEINE SCHÜLER ZU IHM: MEISTER, DU HAST UNS JA GELEHRT, EIN BRÄUTIGAM SEI VOM ŠEMA͑LESEN BEFREIT. ER ERWIDERTE IHNEN: ICH GEBE EUCH NICHT NACH, DAS HLMMLISCHE JOCH AUCH NUR EINE STUNDE VON MIR ABZULEGEN.
9GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Handwerker dürfen auf der Spitze des Baumes und auf der Höhe des Gerüstes das Šema͑ lesen, sowie auf der Spitze des Olivenbaumes und des Feigenbaumes beten; von allen anderen Bäumen müssen sie herabsteigen und beten. Der Hausherr hingegen muß in jedem Falle herabsteigen und beten, weil seine Gedanken zerstreut sind.
10R. Mari, Sohn der Tochter Šemuéls, wies Raba auf einen Widerspruch hin: Wir haben gelernt, Handwerker dürfen auf der Spitze des Baumes und auf der Höhe des Gerüstes das Šema͑ lesen, wonach die Intensität nicht erforderlich ist, und dem widersprechend wird gelehrt: Wer das Šema͑ liest, muß sein Herz darauf richten, denn hier heißt es: höre Jisraél und dort heißt es: merke auf und höre, Jisraél, wie dort mit Aufmerksamkeit, so auch hier mit Aufmerksamkeit.
11Dieser schwieg. Hierauf sprach er zu ihm: Hast du etwas hierüber gehört? Jener erwiderte: Folgendes sagte R. Šešeth, nur wenn sie die Arbeit unterbrechen und lesen. –
12Es wird ja aber gelehrt: Die Schule Hillels sagt, sie verrichten ihre Arbeit und lesen!? –
13Das ist kein Einwand; dies vom ersten und jenes vom zweiten Absätze.
14Die Rabbanan lehrten: Arbeiter, die für den Hausherrn Arbeit verrichten, lesen das Šema͑ samt den vorangehenden und folgenden Segenssprüchen, essen ihr Brot und lesen vor und nachher die Segenssprüche und beten das Achtzehngebet; sie dürfen aber nicht vor das Vorbetpult treten noch die Hände [zum Priestersegen] erheben.
15Es wird ja aber gelehrt, daß sie nur den Auszug des Achtzehngebetes beten!? R. Šešeth erwiderte: Das ist kein Einwand; das Eine nach R. Gamliél und das Andere nach R. Jehošua͑.
16Wieso spricht er, wenn nach R. Jehošua͑, von Arbeitern, dies gilt ja [nach ihm] auch von jedem Menschen!? –
17Vielmehr, beides nach R. Gamliél, dennoch ist dies kein Widerspruch; das Eine, wenn sie für Lohn, das Andere, wenn sie nur für das Essen arbeiten.
18So wird auch gelehrt: Arbeiter, die für den Hausherrn Arbeit verrichten, lesen das Šema͑, beten und essen ihr Brot, lesen aber vorher keinen Segensspruch und nachher nur zwei, und zwar, den ersten Segensspruch vorschriftsmäßig, während der zweite mit dem Segen über das Land begonnen wird, in den man [den Segen] ‘Erbauer Jerušalems’ einschalte.
19Diese Worte gelten nur, wenn sie für Lohn arbeiten; arbeiten sie aber nur für das Essen, oder speist der Hausherr mit ihnen, so lesen sie [alle] Segenssprüche vorschriftsmäßig.
20DER BRÄUTIGAM IST VOM ŠEMA͑LESEN BEFREIT. Die Rabbanan lehrten: Wenn du in deinem Hause sitzest, ausgenommen derjenige, der sich mit der Ausübung eines Gebotes befaßt; wenn du auf dem Wege gehst, ausgenommen der Bräutigam. Hieraus folgerten die Weisen: wer eine Jungfrau ehelicht, ist frei, wer eine Witwe, ist verpflichtet.
21Wieso ist dies erwiesen? R. Papa erwiderte: Aus [dem Worte] Weg; wie der Weg Freigestelltes ist, so auch [bei allem anderen], was freigestellt. –
22Es kann ja auch vorkommen, daß einer zur Ausübung eines Gebotes geht, dennoch sagt der Allbarmherzige, daß er das Šema͑ lese!? –
23Demnach müßte der Schriftvers lauten ‘beim Gehen’, wenn es aber heißt: wenn du gehst, [so bedeutet dies:] wenn du für dich gehst, bist du verpflichtet, wenn aber zur Ausübung eines Gebotes, bist du befreit. –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.