Berachot — Blatt 15b

1vielleicht von R. Jehuda, und nur von vornherein ist dies verboten, wenn aber bereits geschehen, so ist es gültig!? –

2Dies ist nicht einleuchtend, denn er lehrt ja vom Tauben gleichlautend, wie vom Blöden und vom Minderjährigen, wie es beim Blöden und Minderjährigen ungültig ist, auch wenn bereits geschehen, ebenso auch beim Tauben, wenn bereits geschehen. –

3Vielleicht aber bei diesem so und bei jenen anders!? –

4Du kannst sie überhaupt nicht R. Jehuda addizieren, denn da der Schlußsatz lehrt, nach R. Jehuda sei der Minderjährige zulässig, so ist ja der Anfangssatz nicht R. Jehuda zu addizieren. –

5Vielleicht ist die ganze [Lehre] von R. Jehuda, jedoch spricht sie von zweierlei Minderjährigen, und zwar ist sie lückenhaft und muß wie folgt lauten: Jeder ist zulässig, die Esterrolle vorzulesen, ausgenommen der Taube, der Blöde und der Minderjährige; dies gilt jedoch nur von einem Minderjährigen, der für die Einübung noch nicht reif ist, ein Minderjähriger aber, der für die Einübung reif ist, ist von vornherein zulässig – so R. Jehuda, denn nach R. Jehuda, ist der Minderjährige zulässig!? –

6Du addizierst sie also R. Jehuda, und zwar, wenn bereits geschehen, nicht aber von vornherein, wie ist es demnach mit folgender Lehre R. Jehudas, Sohnes des R. Šimo͑n b. Pazi: Ein Tauber, der sprechen und nicht hören kann, darf von vornherein die Hebe abheben.

7Wer [ist der Autor]? Weder R. Jehuda noch R. Jose: nach R. Jehuda gilt es ja nur dann, wenn bereits geschehen, nicht aber von vornherein, und nach R. Jose nicht, auch wenn bereits geschehen!? –

8Also nach R. Jehuda, und zwar auch von vornherein; – wie ist es nun mit folgender Lehre: Man lese den Tischsegen nicht im Herzen; hat man ihn bereits gelesen, so hat man seiner Pflicht genügt. Wer [ist der Autor]?

9Weder R. Jehuda noch R. Jose: nach R. Jehuda gilt es ja auch von vornherein, und nach R. Jose nicht auch, wenn bereits geschehen!? –

10Vielmehr tatsächlich nach R. Jehuda und zwar auch von vornherein, dennoch ist hier nichts einzuwenden; das Eine vertritt seine Ansicht, das Andere die seines Lehrers. Es wird nämlich gelehrt: R. Jehuda sagte im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja: Wer das Šema͑ liest, muß es seinem Ohre hörbar machen, denn es heißt: höre Jisraél. R. Meír sprach zu ihm: Es heißt: das ich dir heute befehle, sei in deinem Herzen, die Worte hängen also von der Intensität des Herzens ab.

11Jetzt, wo du darauf gekommen bist, kannst du auch sagen, R. Jehuda sei der Ansicht seines Lehrers, dennoch ist hier nichts einzuwenden, denn das Eine vertritt die Ansicht R. Jehudas und das Andere die des R. Meír.

12R. Ḥisda lehrte im Namen R. Šilas. Die Halakha ist wie R. Jehuda im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja und wie R. Jehuda selbst.

13Und beides ist nötig. Hätte er nur gelehrt, die Halakha sei wie R. Jehuda, so könnte man glauben, auch von vornherein, daher lehrt er auch, die Halakha sei wie R. Jehuda im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja;

14und hätte er nur gelehrt, die Halakha sei wie R. Jehuda im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja, so könnte man glauben, ‘muß’, es gäbe keine Gutmachung, daher lehrt er auch, die Halakha sei wie R. Jehuda.

15R. Joseph sagte: Der Streit [besteht nur] über das Šema͑lesen, bezüglich anderer Gebote aber stimmen alle überein, daß man seiner Pflicht nicht genüge, denn es heißt: merke auf und höre, Jisraél.

16Man wandte ein: Man lese den Tischsegen nicht im Herzen; hat man ihn bereits gelesen, so hat man seiner Pflicht genügt!? – Vielmehr, ist dies gelehrt worden, so wird es wie folgt lauten: R. Joseph sagte: Der Streit [besteht nur] über das Šema͑lesen, denn es heißt: höre Jisraél, bezüglich anderer Gebote aber stimmen alle überein, daß man seiner Pflicht genüge. –

17Es heißt ja aber: merke auf und höre, Jisraél!? –

18Dies bezieht sich auf Worte der Tora.

19WER GELESEN UND DIE BUCHSTABEN NICHT GENAU AUSGESPROCHEN HAT.

20R. Ṭabi sagte im Namen R. Jošijas: Die Halakha ist wie die erleichternde Ansicht beider.

21Ferner sagte R. Ṭabi im Namen R. Jošijas: Es heißt: drei sind unersättlich: das Grab und der verschlossene Mutterschoß; welcher Zusammenhang besteht zwischen Grab und Mutterschoß? Um dir zu sagen: wie der Mutterschoß aufnimmt und zurückgibt, ebenso nimmt das Grab und gibt zurück.

22Nun ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn der Mutterschoß, der geheim aufnimmt, unter Lärmen zurückgibt, um wieviel mehr sollte nicht das Grab, das unter Lärmen aufnimmt, erst recht unter Lärmen zurückgeben. Hieraus eine Widerlegung derer, die behaupten, die Auferstehung der Toten sei in der Tora nicht [nachweisbar].

23R. Oša͑ja rezitierte vor Raba: Du sollst sie schreiben; alles ist zu schreiben, selbst die Befehlsausdrücke.

24Jener sprach zu ihm: Dies hast du wohl von R. Jehuda, welcher sagt, man schreibe bei einer Ehebruchverdächtigten nur die Flüche und nicht die Befehlsausdrücke. Nur da, weil es ausdrücklich heißt: er soll diese Flüche schreiben, hier aber heißt es: du sollst sie schreiben, auch die Befehlsausdrücke.

25Aber der Grund R. Jehudas ist ja nicht, weil es er soll schreiben heißt, sein Grund ist vielmehr, weil es Flüche heißt: nur die Flüche, nicht aber die Befehlsausdrücke. –

26Dies ist nötig. Man könnte glauben, es sei durch [das Wort] schreiben von dort zu folgern, wie dort nur die Flüche, nicht aber die Befehlsausdrücke, ebenso auch hier nicht die Befehlsausdrücke, daher schrieb der Allbarmherzige: du sollst sie schreiben, auch die Befehlsausdrücke.

27R. O͑badja rezitierte vor Raba: Ihr sollt sie lehren, die Lehre sei ganz; man mache eine Pause zwischen Worten, die sich einander anschließen.

28Raba ergänzte ihm: Zum Beispiel: a͑l-lebabkha, a͑l-lebabkhem, bekhol-lebabkha, bekhol-lebabkhem, e͑seb-besadkha, vaábadtem-mehera, hakanaph-pethil, ethkhem-meéreç.

29R. Ḥama b. R. Ḥanina sagte: Wer das Šema͑ liest und dessen Buchstaben genau ausspricht, dem kühlt man das Fegefeuer, denn es heißt: wenn der Allmächtige Könige zerstreut, da schneite es auf Çalmon; man lese nicht bephares [zerstreut], sondern bephareš [Sondern], und man lese nicht beçalmon, sondern beçalmaveth [Totenreich].

30Ferner sagte R. Ḥama b. Ḥanina:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.