Berachot — Blatt 19a

1Welchen Sinn hätte es, wenn man sagen wollte, sie wissen von nichts, daß er es ihnen sagt!? – Wozu brauchte er, wenn sie es wissen, es ihnen zu sagen!? – Damit sie Moše dankbar seien.

2R. Jiçḥaq sagte: Wenn man dem Toten Böses nachsagt, so ist es ebenso, als sagte man einem Steine nach. Manche erklären, weil sie es nicht wissen, und manche erklären, weil ihnen, obgleich sie es wissen, daran nichts liegt. –

3Dem ist ja aber nicht so, R. Papa erzählte einst etwas über Mar Šemuél, und eine Stange fiel vom Dach und spaltete ihm die Hirnschale!? –

4Anders ist es bei einem Gelehrten; der Heilige, gepriesen sei er, nimmt sich seiner Ehre an.

5R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Wer Schriftgelehrten hinter ihrer Bahre nachredet, verfällt dem Fegefeuer, denn es heißt: die auf krummen Wegen wandeln, wird der Herr mit den Übeltätern wegführen; Friede über Jisraél; auch wenn Friede über Jisraél, wird der Herr sie mit den Übeltätern wegführen.

6In der Schule R. Jišma͑éls wurde gelehrt: Hast du einen Schriftgelehrten nachts eine Sünde begehen sehen, denke über ihn tags nicht nach, er hat vielleicht Buße getan. – ‘Vielleicht’, wie kommst du darauf!? – Vielmehr, er hat sicher Buße getan. Dieses gilt jedoch nur von persönlichen Angelegenheiten, bei Geldangelegenheiten aber, erst wenn er dem Eigentümer zurückerstattet hat.

7Ferner sagte R. Jehošua͑ b. Levi: An vierundzwanzig Stellen [wird erwähnt], daß der Gerichtshof wegen Ehrverletzung eines Gelehrten den Bann verhänge; von diesen allen haben wir in unserer Mišna gelernt. R. Elea͑zar sprach zu ihm: Wo? Jener erwiderte: Finde es.

8Als er fortging und nachforschte, fand er drei: Wenn man das Händewaschen geringschätzig vernachlässigt, wenn man Schriftgelehrten hinter ihrer Bahre nachredet, und wenn man gegen oben hochmütig ist. –

9Welches Bewenden hat es mit der Nachrede hinter der Bahre eines Schriftgelehrten? – Wir haben gelernt: Er sagte: Man lasse weder die Proselytin, noch die freigelassene Sklavin [das Fluchwasser] trinken; die Weisen aber sagen, man lasse sie wohl trinken. Sie sprachen zu ihm: Einst geschah es ja, daß Šema͑ja und Ptollion die Karkemith, eine Sklavin in Jerušalem, [das Fluchwasser] trinken ließen!? Er erwiderte ihnen: Ähnliche haben trinken lassen. Da taten sie ihn in den Bann, und da er im Banne starb, ließ das Gericht seinen Sarg mit Steinen bewerfen. –

10Welches Bewenden hat es mit der geringschätzigen Vernachlässigung des Händewaschens? – Wir haben gelernt: R. Jehuda sprach: Behüte und bewahre, daß Äqabja b. Mahalalél in den Bann getan worden sei, denn unter allen Männern Jisraéls, hinter denen der Tempelhof geschlossen wurde, gab es keinen, der A͑qabja b. Mahalalél in Weisheit, Reinheit und Sündenscheu gliche; in den Bann getan haben sie vielmehr den Elea͑zar b. Ḥanokh, der [am Gesetze des] Händewaschens rüttelte. Als er starb, ließ das Gericht einen großen Stein auf seinen Sarg legen. Dies lehrt dich, daß, wenn jemand in den Bann getan wird und im Banne stirbt, das Gericht seinen Sarg mit Steinen bewerfe. –

11Welches Bewenden hat es mit dem Hochmut gegen oben? – Wir haben gelernt: Šimo͑n b. Šataḥ ließ Ḥoni dem Kreiszeichner sagen: Eigentlich solltest du in den Bann getan werden, und wärest du nicht Ḥoni, würde ich auch über dich den Bann verhängt haben; was aber soll ich machen, wo du gegen Gott ungezogen bist, und er dir doch deinen Willen tut, wie ein Kind gegen seinen Vater ungezogen ist, und er ihm dennoch seinen Willen tut. Über dich spricht die Schrift: freuen – mögen sich dein Vater und deine Mutter, frohlocken deine Gebärerin. –

12Mehr etwa nicht, es gibt ja noch folgende Lehre R. Josephs!? Theodos aus Rom führte in der Gemeinde Roms ein, an den Pesaḥabenden ausgerüstete Ziegenböcke zu essen. Da ließ man ihm sagen: Wärest du nicht Theodos, so würden wir über dich den Bann verhängt haben, weil du Jisraél außerhalb [Jerušalems] Geheiligtes zu essen veranlaßtest. –

13Wir sprechen von in unserer Mišna [genannten Fällen], dies hingegen ist eine Barajtha. –

14Gibt es denn in der Mišna keine mehr, es gibt ja noch folgende Lehre: Hat man ihn in Ringe geschnitten und zwischen die Ringe Sand getan, so ist er nach R. Elie͑zer nicht verunreinigungsfähig und nach den Weisen verunreinigungsfähig; das ist ein Schlangenofen. –

15Weshalb [heißt er] Schlangenofen? R. Jehuda erwiderte im Namen Šemuéls: Weil man ihn gleich einer Schlange mit Halakhoth umringt hat. Schließlich erklärten sie ihn als verunreinigungsfähig.

16Hierzu wird gelehrt: An jenem Tage brachte man alles Reingesprochene, was R. Elie͑zer reingesprochen hatte, und verbrannte es vor ihm im Feuer, und endlich tat man ihn in den Bann. –

17Vom Banne jedoch steht in der Mišna nichts. – Wo findet man die vierundzwanzig Stellen? – R. Jehošua͑ b. Levi vergleicht einen Fall mit dem anderen, R. Elea͑zar vergleicht nicht einen Fall mit dem anderen.

18VON DEN TRÄGERN DER BAHRE, IHREN ABLÖSERN. Die Rabbanan lehrten: Man führe den Toten nicht kurz vor dem Šema͑lesen hinaus, hat man aber damit angefangen, so unterbreche man nicht. – Dem ist ja aber nicht so, den R. Joseph hat man ja kurz vor dem Šema͑lesen hinausgeführt!? – Anders ist es bei einem bedeutenden Manne.

19DIE VOR DER BAHRE UND DIE HINTER DER BAHRE. Die Rabbanan lehrten: Die sich mit der Trauer befassen, ziehen sich, solange der Tote vor ihnen liegt, einzeln zurück und lesen, er aber sitze und schweige. Sie stehen auf und beten, er aber stehe auf und erkenne die Strafe an. Er spreche: Herr des Weltalls, viel habe ich vor dir gesündigt, und du hast es mir nicht um ein Tausendstel heimgezahlt; möge es doch dein Wille sein, o Herr, unser Gott, daß du unsere Risse und die Risse deines ganzen Volkes, des Hauses Jisraél, erbarmungsvoll verzäunest!

20Abajje sagte: Man spreche nicht so, denn R. Šimo͑n b. Laqiš sagte, auch wurde es im Namen R. Joses gelehrt: Nimmer öffne der Mensch seinen Mund vor dem Satan.

21R. Joseph sprach: Hierauf deutet folgender Schriftvers: fast wären wir wie Sedom; und der Prophet erwiderte ihnen: höret das Wort des Herrn, Fürsten Sedoms.

22SOBALD SIE DEN TOTEN BESTATTET HABEN UND ZURÜCKGEKEHRT &C. Nur wenn sie es anfangen und ganz beenden können, nicht aber, wenn nur einen Absatz oder einen Vers; ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Wenn sie den Toten bestattet haben und zurückgekehrt sind, wenn sie anfangen und beenden können, auch nur einen Absatz oder einen Vers!? –

23So meint er es auch: wenn sie anfangen und beenden können, nämlich auch nur einen Absatz oder einen Vers, bevor sie noch in die Reihe kommen, müssen sie anfangen, wenn aber nicht, so fangen sie nicht an.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.