Berachot — Blatt 21b

1oder vorher und nachher mit der Gemeinde, wenn aber vorher einzeln und nachher mit der Gemeinde, sei es ebenso, als hätte er nicht gebetet, so lehrt er uns. Und würde er nur die zweite gelehrt haben, [so könnte man glauben,] weil er noch nicht begonnen hat, nicht aber da, wo er bereits begonnen hat. Daher sind [beide] nötig.

2R. Hona sagte: Wenn jemand in das Bethaus kommt und die Gemeinde beten findet, so soll er, falls er anfangen und beenden kann, bevor der Vorbeter zu ‘Wir danken’ herankommt, beten, falls nicht, bete er nicht. R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Falls er anfangen und beenden kann, bevor der Vorbeter zum Huldigungssegen herankommt, bete er, falls nicht, bete er nicht. –

3Worin besteht ihr Streit? – Einer ist der Ansicht, der Einzelne sage das ‘Heilig’ und einer ist der Ansicht, der Einzelne sage nicht das ‘Heilig’.

4So sagte auch R. Ada b. Ahaba: Woher, daß der Einzelne nicht das ‘Heilig’ sage? – Es heißt: auf daß ich in der Mitte der Kinder Jisraél geheiligt werde; jeder Heiligungsakt erfordert nicht weniger als zehn [Personen],

5Wieso ist dies hieraus erwiesen? – Rabbanaj, Bruder des R. Ḥija b. Abba, lehrte, dies gehe aus [dem Worte] Mitte hervor; hier heißt es: auf daß ich in der Mitte der Kinder Jisraél geheiligt werde; und dort heißt es: scheidet aus aus der Mitte dieser Gemeinde; wie es dort zehn [waren], so auch hier zehn.

6Alle stimmen jedoch überein, man unterbreche [das Gebet] nicht.

7Hierzu fragten sie: Darf man zu ‘Gepriesen sei sein großer Name’ unterbrechen? Als R. Dimi kam, sagte er: R. Jehuda und R. Šimo͑n, die Schüler R. Joḥanans, sagen, man unterbreche sonst nicht, nur zu ‘Gepriesen sei sein großer Name’, wozu man unterbreche, auch wenn man sich mit der Sphärenkunde befaßt. Die Halakha ist aber nicht wie er.

8R. JEHUDA SAGT, ER SPRECHE SIE VORHER. Hieraus wäre zu entnehmen, daß R. Jehuda der Ansicht ist, der Samenergußbehaftete dürfe sich mit Worten der Tora befassen, dagegen sagte ja aber R. Jehošua͑ b. Levi: Woher, daß der Samenergußbehaftete sich nicht mit Worten der Tora befassen darf? Es heißt: du sollst sie deinen Söhnen und den Söhnen deiner Söhne mitteilen, und darauf folgt: den Tag, den du gestanden &c., wie da Samenergußbehaftete ausgeschlossen waren, so sind auch hierbei Samenergußbehaftete ausgeschlossen!?

9Wollest du erwidern, R. Jehuda verwende das Nebeneinanderstehen [der Schriftverse] nicht zur Forschung, so sagte ja R. Joseph, daß auch derjenige, der in der ganzen Tora das Nebeneinanderstehen zur Forschung nicht verwendet, es im Deuteronomium verwende; denn auch R. Jehuda verwendet in der ganzen Tora das Nebeneinanderstehen nicht zur Forschung, im Deuteronomium aber verwendet er es wohl. –

10Woher, daß er es in der ganzen Tora zur Forschung nicht verwendet? – Es wird gelehrt: Ben A͑zaj sagte: Es heißt: eine Zauberin sollst du nicht leben lassen, und es heißt [daneben]: wer ein Vieh beschläft, soll des Todes sterben; dies steht neben jenem, um zu lehren: wie derjenige, der ein Vieh beschläft, durch Steinigung, so auch die Zauberin durch Steinigung.

11R. Jehuda sprach zu ihm: Sollten wir nur deshalb, weil sie nebeneinanderstehen, diese zur Steinigung hinausführen!? Vielmehr, auch Totenbeschwörer und Wahrsager gehören zu den Zauberern, und sie wurden deshalb hervorgehoben, um diese mit jenen zu vergleichen und dir zu sagen: wie der Totenbeschwörer und Wahrsager durch Steinigung, so auch die Zauberin durch Steinigung. –

12Woher, daß er es im Deuteronomium zur Forschung verwendet? – Es wird gelehrt: R. Elie͑zer sagt: Man darf die Genotzüchtigte seines Vaters und die Verführte seines Vaters, sowie die Genotzüchtigte seines Sohnes und die Verführte seines Sohnes heiraten.

13R. Jehuda verbietet die Genotzüchtigte seines Vaters und die Verführte seines Vaters. Hierzu sagte R. Gidel im Namen Rabhs: Folgendes ist der Grund R. Jehudas: es heißt: ein Mann soll nicht die Frau seines Vaters nehmen und die Decke seines Vaters nicht aufdecken: die Decke, die sein Vater gesehen, soll er nicht aufdecken.

14Woher aber, daß hier von einer Genotzüchtigten seines Vaters gesprochen wird? – Weil es vorangehend heißt: es gebe der Mann, der sie beschlafen hat &c. –

15Ich will dir sagen, tatsächlich verwendet er es im Deuteronomium zur Forschung, aus dem Nebeneinanderstehen jener Schriftverse aber folgert er eine andere Lehre des R. Jehošua͑ b. Levi. R. Jehošua͑ b. Levi sagte nämlich: Wer seinen Sohn in der Tora unterrichtet, dem rechnet die Schrift es an, als hätte er sie vom Berge Ḥoreb empfangen, denn es heißt: du sollst sie deinen Söhnen und den Söhnen deiner Söhne mitteilen, und darauf: den Tag, den du vor dem Herrn, deinem Gott, am Ḥoreb gestanden hast. –

16Wir haben gelernt: Der Flußbehaftete, der Samenerguß hatte, die Menstruierende, die Samen ausgestoßen, und die bei der Begattung [Monats]blutung gemerkt, benötigen des Reinigungsbades; R. Jehuda befreit sie davon.

17R. Jehuda befreit also nur den Flußbehafteten, der Samenerguß hatte, der für die Reinigung ungeeignet ist, wohl aber ist der verpflichtet, der nur samenergußbehaftet ist!?

18Wolltest du erwidern, R. Jehuda befreie auch den, der nur samenergußbehaftet ist, und sie streiten nur deshalb über einen Flußbehafteten, der Samenerguß hatte, um dir die entgegengesetzte Ansicht der Rabbanan hervorzuheben, wie wäre dann der Schlußsatz zu erklären: die bei der Begattung Blut gemerkt, bedarf eines Reinigungsbades.

19Nach wessen Ansicht lehrt er dies: wenn nach den Rabbanan, so ist es ja selbstverständlich, wenn sie sogar den Flußbehafteten, der Samenerguß hatte, verpflichten, der für die Reinigung ungeeignet ist, um wieviel mehr, die bei der Begattung Blut gemerkt, die für die Reinigung geeignet ist!? Doch wohl nach R. Jehuda, und nur diese.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.