Berachot — Blatt 21a

1Aber das Gebet ist ja etwas, womit die Gemeinde sich befaßt, dennoch haben wir gelernt, daß wenn jemand beim Gebete steht und sich erinnert, daß er samenergußbehaftet ist, er sein Gebet nicht abbreche, sondern kürze. Also nur, wenn er es bereits begonnen, wenn er es aber nicht begonnen hat, beginne er nicht!? –

2Anders ist das Gebet, da es die Anerkennung der himmlischen Herrschaft nicht enthält. – Auch im Tischsegen (nachher) ist ja die Anerkennung der himmlischen Herrschaft nicht enthalten, dennoch haben wir gelernt, daß man über die Mahlzeit den Segensspruch nachher lese, aber nicht vorher!? – Vielmehr, das Šema͑lesen und der Tischsegen sind [Gebote] der Tora, das Gebet aber ist rabbanitisch.

3R. Jehuda sagte: Wo ist der Segensspruch nach der Mahlzeit aus der Tora zu entnehmen? – es heißt: wenn du gegessen und dich gesättigt hast, sollst du preisen. –

4Wo ist der Segensspruch vor [dem Lesen] der Tora aus der Tora zu entnehmen? – es heißt: denn den Namen des Herrn will ich nennen, gebet Ehre unserem Gott.

5R. Joḥanan sagte: Wir können den Segensspruch nach dem Lesen der Tora vom Tischsegen, und den Segensspruch vor der Mahlzeit vom Segensspruche über die Tora folgern. Den Segensspruch nach [dem Lesen] der Tora vom Tischsegen durch [einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere: die Mahlzeit erfordert keinen [Segensspruch] vorher, dennoch erfordert sie einen nachher, wie sollte nicht die Tora, die vorher einen erfordert, einen nachher erfordern!? Den Segensspruch vor der Mahlzeit vom Segensspruche über die Tora durch [einen Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere: die Tora erfordert keinen Segensspruch nachher, dennoch erfordert sie einen vorher, wie sollte nicht die Mahlzeit, die nachher einen erfordert, einen vorher erfordern!? –

6Dies ist zu widerlegen: wohl die Mahlzeit, weil man einen Genuß hat; [und entgegengesetzt:] wohl die Tora, weil sie das ewige Leben [gewährt]!? Ferner haben wir gelernt, über die Mahlzeit spreche man den Segensspruch nachher, nicht aber vorher. Eine Widerlegung.

7R. Jehuda sagte: Wer im Zweifel ist, ob er das Šema͑ gelesen oder nicht gelesen hat, braucht es nicht wieder zu lesen. Wer im Zweifel ist, ob er ‘Wahr und feststehend’ gelesen oder nicht gelesen hat, muß es wieder lesen. – Aus welchem Grunde? – das Šema͑lesen ist rabbanitisch, ‘Wahr und feststehend’ aber ist [ein Gebot] der Tora.

8R. Joseph wandte ein: [Es heißt ja:] Bei deinem Schlafengehen und bei deinem Aufstehen!? Abajje erwiderte: Dies bezieht sich auf die Worte der Tora. –

9Wir haben gelernt: Der Samenergußbehaftete denke [das Šema͑] in seinem Herzen und spreche die Segenssprüche weder vorher noch nachher. Über die Mahlzeit spreche er den Segensspruch nachher, nicht aber vorher.

10Wenn du sagst, ‘Wahr und feststehend’ sei ein [Gebot] der Tora, so sollte er es nachher sprechen!? –

11Aus welchem Grunde sollte er es sprechen: wenn etwa, weil darin der Auszug aus Miçrajim enthalten ist, so hat er ja diesen schon im Šema͑lesen erwähnt!? –

12Sollte er dieses sprechen und jenes nicht!? – Das Šema͑lesen ist vorzuziehen, weil darin beides enthalten ist.

13R. Elea͑zar sagte: Wer im Zweifel ist, ob er das Šema͑ gelesen oder nicht gelesen hat, muß das Šema͑ wieder lesen. Wer im Zweifel ist, ob er gebetet oder nicht gebetet hat, braucht nicht wieder zu beten. R. Joḥanan sagt, daß doch der Mensch den ganzen Tag bete!

14Ferner sagte R. Jehuda im Namen Šemuéls: Wer beim Gebet steht und sich erinnert, daß er schon gebetet hat, breche ab, selbst in der Mitte eines Segensspruches. – Dem ist ja nicht so, R. Naḥman erzählte ja folgendes: Als wir in der Schule des Rabba b. Abuha waren, fragten wir ihn: Soll, wenn jemand von den Jüngern sich erinnert, daß er sich geirrt und [den Segensspruch] des Wochentages am Šabbath gesagt, ihn auch beenden? Er erwiderte uns: Er beende diesen Segensspruch. –

15Es ist ja nicht gleich. Da ist die Person verpflichtet, nur haben sie die Rabbanan wegen der Ehrung des Šabbaths nicht belästigt, hier aber hat er ja bereits gebetet.

16Ferner sagte R. Jehuda im Namen Šemuéls: Wenn jemand, nachdem er bereits gebetet hat, in das Bethaus kommt und die Gemeinde beten findet, so soll er, falls er was Neues hinzufügen kann, abermals beten, falls aber nicht, nicht abermals beten.

17Und [beide Lehren sind] nötig. Würde er nur die erste gelehrt haben, [so könnte man glauben,] nur wenn vorher und nachher einzeln,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.