Berachot — Blatt 30a

1mit der Gesamtheit. — Wie sage man? — Möge es dein Wille sein, o Herr, unser Gott, daß du uns in Frieden führest &c. —

2Wann bete man es? R. Ja͑qob erwiderte im Namen R. Ḥisdas: Von der Stunde, da man seine Reise antritt. — Wie weit? R. Ja͑qob erwiderte im Namen R. Ḥisdas: Bis zu einer Parasange. — Wie bete man? R. Ḥisda sagt, stehend; R. Šešeth sagt, auch gehend.

3R. Ḥisda und R. Šešeth befanden sich auf der Reise, und R. Ḥisda blieb stehen und betete. Da fragte R. Šešeth seinen Diener: Was tut R. Ḥisda? Dieser erwiderte: Er steht und betet. Hierauf sprach jener: Laß mich ebenfalls stehen bleiben, und ich werde beten. Kannst du ein Guter sein, laß dich nicht einen Schlechten nennen.

4Was ist der Unterschied zwischen ‘Mache uns verständig’ und dem kurzen Gebet? — Zu ‘Mache uns verständig’ müssen die drei ersten und die drei letzten [Segenssprüche] gesprochen werden, und wenn man nach Hause kommt, braucht man nicht nochmal zu beten, beim kurzen Gebete aber braucht man die drei ersten und die drei letzten nicht zu sagen, und wenn man nach Hause kommt, muß man nochmal beten.

5Die Halakha ist: ‘Mache uns verständig’ [bete man] stehend, das kurze Gebet sowohl stehend als auch gehend.

6WER AUF EINEM ESEL REITET &C. Die Rabbanan lehrten: Wenn jemand auf einem Esel reitet und die Zeit des Gebetes heranreicht, so steige er ab und bete, falls er jemand hat, der ihm den Esel hält, wenn aber nicht, bleibe er auf seinem Platze sitzen und bete. Rabbi sagt, ob so oder so, bleibe er auf seinem Platze sitzen und bete, weil er seine Gedanken nicht beisammen hat.

7Raba, manche sagen, R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Die Halakha ist wie Rabbi.

8Die Rabbanan lehrten: Ein Blinder, oder jemand, der die Richtungen nicht genau zu bestimmen vermag, richte sein Herz auf seinen Vater im Himmel, denn es heißt: sie werden zum Herrn, ihrem Gott, beten.

9Steht er außerhalb des Landes, so richte er sein Herz auf das Jisraélland, denn es heißt: sie werden zu dir beten, durch ihr Land. Steht er im Jisraélland, so richte er sein Herz auf Jerušalem, denn es heißt: sie werden zu dir beten, durch diese Stadt, die du erwählt hast. Steht er in Jerušalem, so richte er sein Herz auf das Heiligtum, denn es heißt: sie werden zu diesem Hause beten. Steht er im Heiligtum, so richte er sein Herz auf das Allerheiligste, denn es heißt: sie werden zu diesem Orte beten. Steht er im Allerheiligsten, so richte er sein Herz auf die Gnadenkammer. Steht er hinter der Gnadenkammer, so denke er sich, er stehe vor der Gnadenkammer. Es ergibt sich also, daß, wer östlich steht, das Gesicht nach dem Westen wende, wer westlich, das Gesicht nach dem Osten wende, wer südlich, das Gesicht nach dem Norden wende, wer nördlich, das Gesicht nach dem Süden wende; so richtet ganz Jisraél sein Herz nach einem Punkt.

10R. Abin, manche sagen, R. Abina, sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: Wie der Davidsturm, ist dein Hals, als Waffenburg [talpijoth] gebaut; ein Hügel [tel], dem alles sich zuwendet [ponim].

11So oft der Vater Šemuéls und Levi sich zur Reise vorbereiteten, machten sie sich früh auf und beteten, und als die Zeit des Šema͑lesens heranreichte, lasen sie. —

12Nach wessen Ansicht? — Nach dem Tanna der folgenden Lehre: Wer sich früh aufmacht, um eine Reise anzutreten, dem hole man das Blashorn, und er blase, den Feststrauß, und er schüttele, oder die Esterrolle, und er lese, und sobald die Zeit des Šema͑lesens heranreicht, lese er. Wer sich früh aufmacht, um sich in einen Wagen oder in ein Schiff zu setzen, bete, und sobald die Zeit des Šema͑lesens heranreicht, lese er.

13R. Šimo͑n b. Elea͑zar sagt, ob so oder so, lese er [zuerst] das Šema͑ und bete [nachher], um an den Erlösungssegen das Gebet anzuschließen.

14Worin besteht ihr Streit? — Einer ist der Ansicht, das Beten stehend sei zu bevorzugen, und der andere ist der Ansicht, die Verbindung des Erlösungssegens mit dem Gebete sei zu bevorzugen.

15Meremar und Mar Zuṭra pflegten an einem Festšabbath zehn [Personen] zu sammeln und zu beten, dann zur Vorlesung zu gehen.

16R. Aši pflegte vor der Versammlung sitzend allein zu beten, und wenn er nach Hause kam, betete er nochmals stehend. Die Rabbanan sprachen zu ihm: Möge doch der Meister ebenso wie Meremar und Mar Zuṭra verfahren! Er erwiderte ihnen: Dies ist mir zu beschwerlich. — Der Meister kann ja aber ebenso wie der Vater Šemuéls und Levi verfahren! Er erwiderte ihnen: Wir haben nicht gesehen, daß die Rabbanan, die älter als wir, so verfahren hätten.

17R. ELEA͑ZAR B. A͑ZARJA SAGT, DAS ZÜSATZGEBET SEI NUR FÜR DIE STADTGEMEINDE ; DIE WEISEN SAGEN, FÜR DIE STADTGEMEINDE, AUCH WO KEINE STADTGEMEINDE. R. JEHUDA SAGT IN DESSEN NAMEN, WO SICH EINE STADTGEMEINDE BEFINDET, SEI DER EINZELNE VOM ZUSATZGEBETE BEFREIT.

18GEMARA. R. Jehuda sagt ja dasselbe, was der erste Tanna!? — Ein Unterschied besteht zwischen ihnen bezüglich eines einzelnen, wo keine Stadtgemeinde; der erste Tanna ist der Ansicht, er sei befreit, und R. Jehuda ist der Ansicht, er sei verpflichtet.

19R. Hona b. Ḥenana sagte im Namen des R. Ḥija b. Rabh: Die Halakha ist wie R. Jehuda, der im Namen des R. Elea͑zar b. A͑zarja lehrte. R. Ḥija b. Abin sprach zu ihm: Du hast recht, denn auch Šemuél sagte: Nie im Leben habe ich in Nehardea͑ das Zusatzgebet einzeln verrichtet,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.